Der Dirigent vom Klinikum
Auch in einem kleinen Klinikum ist der Empfang rund um die Uhr besetzt. Die Portiere im Landesklinikum Lilienfeld sind aber auch Haustechniker und Brandschutzexperten.
Gerd Stritzl ist im Landesklinikum Lilienfeld einer von fünf Kollegen, die Montag bis Sonntag rund um die Uhr erste Ansprechpartner für Patienten und deren Angehörige sind. „Wir sind ein eingespieltes Team“, betont Stritzl. Das auch Haustechnik und Brandalarm überwacht. Das auch in der Nacht durchgehend wach ist, weil da auch administrative Tätigkeiten erledigt werden. Und das damit ein äußerst vielfältiges Aufgabengebiet hat.
Dazu gehört etwa die Patientenadministration. Gerd Stritzl und seine Kollegen erfassen bei der Aufnahme die Daten der Patienten, und das kann durchaus in einer anderen Sprache als Deutsch sein. In Lilienfeld werden nämlich nicht selten Urlauber eingeliefert, die sich beim Schifahren oder Wandern verletzt haben. „Englisch ist bei uns Usus“, bestätigt der freundliche Mann hinterm Aufnahmecenter. Nicht nur das: „Ein Kollege kann sogar die Gebärdensprache.“
Gerd Stritzl vermittelt auch die Patienten, sondiert und weist sie zu den richtigen Stationen. Und er ist auch Herr über das Telefon, verbindet Telefongespräche („Da sollte man sich schon ausdrücken können“), er informiert Patienten und Angehörige und er gibt Besuchern kompetent und freundlich Auskunft.
„Dazu sollte man natürlich alle Kollegen ausnahmslos kennen“, grinst der freundliche bärtige Riese: „Als Jugendlicher war das recht interessant ...“ Der Endvierziger Gerd Stritzl hat so seine Frau kennengelernt, ist zweifacher Vater, aber das ist sein anderes Leben, sein Privatleben, das es neben dem Dienst im Landesklinikum auch gibt. In diesem Leben ist Gerd Stritzl Musiker, spielt Waldhorn und komponiert, schreibt für eine deutsche Musikzeitschrift und kommt daher manchmal nur wenige Stunden zum Schlafen.
Auch weil er seinen stressigen Job im Klinikum seit 27 Jahren mit Begeisterung ausfüllt: „Ich identifiziere mich mit dem Haus.“ Gerd Stritzl arbeitet gern mit Menschen zusammen, die Abwechslung macht ihm großen Spaß. „In einem Krankenhaus ist fix, dass nix fix ist.“
So kann es schon passieren, dass er ganz schnell für einen Kollegen einspringen muss, der erkrankt ist – und es nix wird mit dem freien Tag unter der Woche. Und er weiß, dass er selten zu Weihnachten zu Hause ist: „Meine Familie ist daran gewöhnt“, sagt Stritzl. Er hat auch am Leitbild mitgearbeitet und ist Mitglied des Patientenqualifikationsteams QSK.
Bis zu 64 Stunden in der Woche arbeitet Gerd Stritzl im Krankenhaus Lilienfeld, sitzt im Info-Center, darf diesen Platz nicht verlassen, wenn er alleine Dienst hat. Da kann’s dann schon sein, dass er von 12 bis 16 Uhr an seinem Mittagessen kaut, weil grad besonders viel los ist. „Da steht ein Schwerverletzter vor mir, das Telefon läutet bis zum Exzess, im Hintergrund kommt der Notarzt mit einem Patienten – da muss ich schnell reagieren, Prioritäten setzen, funktionieren“, erklärt der stressbelastbare Mann, der meistens gut drauf ist, empathisch empfindet mit den Menschen, die ihm im Klinikum begegnen – und der schon manch heikle Situation gut gemeistert hat.
Da war zum Beispiel dieser Rossknecht aus dem Traisental, „ein aggressiver Typ“, der wurde von zwei Pflegern gehalten, weil er keine Spritze kriegen wollte – „der hat die beiden am Türstock regelrecht abgestellt“. Es kommen auch immer wieder Betrunkene, erzählt Gerd Stritzl, aggressive Randalierer, mit denen hat der 2-Meter-Mann aber weniger Probleme: „Ich hab ein respekteinflößendes Äußeres, meine laute Stimme hilft mir.“
Und auch sein Humor und eine gesunde Lebenseinstellung, mit der er auch belastende Ereignisse verkraftet: „Einmal hat einer nach dem Ultraschall-Raum gefragt, geht in die Richtung, es macht plumps – und er ist tot.“
Und einmal ist ein suizidgefährdeter dunkelhäutiger Mann aus einer Abteilung verschwunden. Er wurde rasch und unversehrt gefunden. Sein dunkles Gesicht leuchtete aus dem Teich, in den er gestürzt war. „Es gibt so viele Ausnahmesituationen in einem Krankenhaus, skurrile, lustige, traurige, da sollte man ein Buch schreiben“, sagt Gerd Stritzl. Vielleicht kommt er ja einmal dazu, wie zu dem Tanzkurs, den er gern irgendwann besuchen möchte.
FOTO: felicitas matern





