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Das Leben rocken

Vom Zahnarztsohn zum Jungarzt – klingt nach einem geradlinigen Lebensweg. Vorprogrammiert quasi. Nur: Was hat das mit den Kultrockern ZZ Top und Schocker Marilyn Manson und mit so manchem Umweg zu tun? Ein Lebenslauf der etwas anderen Art.


FOTO: gerald lechner

Geboren als Zahnarztsohn, aufgewachsen in Wien, behütet und glücklich. Eigentlich scheint auf den ersten Blick alles vorgegeben – Matura, danach Medizinstudium und vielleicht Übernahme der Praxis. Und so ähnlich muss es ja auch gekommen sein, ist Dr.
Martin Hosserek doch mittlerweile Turnusarzt am Landesklinikum Melk. Schwungvoll, mit viel Kraft betritt er den Raum, und man spürt die Freude und Zufriedenheit mit seiner Tätigkeit. Konfrontiert mit diesem vermuteten Bilderbuchlebenslauf muss er laut lachen: „Nein, so war es nicht. Ich habe sehr viele Zwischenstopps und Umleitungen eingelegt, bis ich zum Mediziner wurde.“
Von zu Hause hatte er keinerlei Druck, diese Laufbahn einzuschlagen. Der Vater riet ihm zum Beruf des Diplompflegers. Er selbst war sich als Jugendlicher noch unsicher und folgte dem Rat seiner Mutter, mit dem Besuch der HAK neben der angestrebten Matura auch einen Beruf zu erlangen. Doch da gab es die erste Zäsur im bisher geraden Weg
Hossereks: „Mit der Kostenrechnung war ich nicht gerade befreundet!“

Hahn im Korb
Dem Schulabbruch folgte eine Ausbildung zum zahnärztlichen Helfer. Hier war er etwas Besonderes – nicht weil der Papa Zahnarzt war, sondern weil er der einzige Bursche unter 60 Mädchen war. Ein Umstand, der ihm noch heute ein verschmitztes Lächeln ins Gesicht zaubert. Nun hatte Hosserek eigentlich einen Beruf, wie er ihn sich vorstellte – direkt mit Menschen in Kontakt und im medizinischen Bereich. Doch nach einiger Zeit spürte er den Wunsch nach Veränderung, einer intensiveren Möglichkeit, Patienten zu helfen. Mittlerweile routiniert als einer der wenigen Männer unter vielen Frauen, absolvierte er die Ausbildung zum Diplompfleger. Ein Beruf, der ihm großen Spaß machte, der „einfach passte“ – wären da nicht die medizinischen Fächer in der Ausbildung gewesen, die ihn überaus interessiert hatten und die Lust auf mehr weckten.

Der Weg zum Traumberuf
Also wieder nur ein kleiner Zwischenstopp, bevor er die Studienberechtigungsprüfung in Angriff nahm, um dann im Jahr 2000 mit mittlerweile 24 Jahren das Medizinstudium zu beginnen.  „Falls man glaubt, mein Papa hätte mir das Studium finanziert, ist das ein Irrtum. Meine Eltern haben mich zwar immer unterstützt, aber ich habe nebenbei als Pfleger gearbeitet!“
Im August 2010 war es dann so weit – nach vielen Stopps schloss der Jungarzt sein Studium ab. „Jetzt bin ich angekommen, das ist mein Traumberuf. Aber dank meiner anderen Ausbildungen kenne ich die unterschiedlichsten Blickpunkte, das möchte ich nicht missen“, bereut er seine Umwege nicht.
Das ist Dr. Martin Hosserek – der Mediziner, doch es gibt noch einen zweiten Martin Hosserek, einen, der es wirklich rocken lässt: Seit mehr als 15 Jahren spielt er in Bands, derzeit bei Solrize, wo sein Bass erklingt. Heavy Rock nennt er die Musik und kann mittlerweile auf viele Auftritte verweisen. Zwei davon fallen in die Kategorie „davon träumt jeder Jungmusiker“ – Vorband bei den Kultrockern ZZ Top und bei Schocker Marilyn Manson. Wie man dazu kommt? „Einfach anschreiben. Wir haben Kontakt mit dem Management aufgenommen und ihnen den Link auf unsere My-space-Seite geschickt. Und sie haben uns tatsächlich zugesagt“, ist er heute noch überrascht.
Die Wiener Stadthalle war mit rund 7.300 Fans der Rockgiganten gefüllt, schon hinter der Bühne die Stimmung spürbar. Da gab es schon kleine Zweifel: „Hoffentlich buhen uns die nicht aus, denn schließlich sind sie ja nicht wegen uns da, sondern wegen dem Hauptact.“ Doch alle Sorgen waren unbegründet, mit gebührendem Respekt vor der gigantischen Bühne und der überwältigenden Soundtechnik, aber mit noch mehr Spaß und Power ließ es Hosserek mit seinen Solrize-Kollegen zwanzig Minuten lang so richtig rocken. „Eigentlich ist so ein Auftritt gemütlich, du stellst dich auf die Bühne und alles ist für dich bereits vom Tour-Team hergerichtet – fast wie im Operationssaal, wenn das OP-Team alles vorbereitet und dann der Arzt gleich mit der Operation beginnen kann“, grinst er. Hat er als Arzt noch viel vor, so steht er dem mit der Band in nichts nach: Die nächste CD ist bereits geplant und wird mitten in der Wüste Amerikas produziert.

Tätowierte Arme – im Klinikum?
Aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten kam er bei einer früheren Reise mit einem besonderen Souvenir zurück: einer Tätowierung, die ihn „ein Sackerl Chips und eine Kiste Bier“ gekostet hat. Probleme mit seinen tätowierten Armen habe er als Arzt nicht, sagt er, erinnert sich aber an ein Erlebnis aus der Pflegetätigkeit: „In einer Privatklinik wollte die Oberschwester, dass ich es wegen des Verwaltungsdirektors abdecke. Als ich mit ihm ein Gespräch führte, stellten wir fest, dass es für ihn überhaupt kein Problem war.“ Das ist wohl eines der Erfolgsrezepte Hossereks: Offen auf die Situation und die Menschen zugehen, und wenn es ein Problem gibt, dieses sofort ansprechen. Und das ist es, was er jungen Menschen rät: „Ob im Beruf oder im Privaten, traut euch, versucht, eure Träume zu leben!“

sonja lechner