Das große Vergessen
Demenz ist eine der ganz großen Herausforderungen unserer Zeit. Wir alle sind gefordert, uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen und im Umgang mit Betroffenen korrekt und respektvoll zu handeln, ohne auf uns selbst zu vergessen.
Prim. Univ.-Prof. DDr. Susanne Asenbaum-Nan, Leiterin der Neurologien an den Landeskliniken Amstetten und Mauer
35 Millionen Menschen leiden schon jetzt – jeder für sich – unter einer der vielfältigen Formen von Demenz, und die Zahlen steigen laufend. In
Niederösterreich sind heute fast 20.000 Personen betroffen, Schätzungen gehen von bis zu 50.000 Personen im Jahr 2050 aus.
Worum es geht, ist das ganz große Vergessen, der geistige Verfall, letztlich auch die Zerrüttung der Persönlichkeit, und wir alle haben immense Angst davor. Eine Angst, die alt ist und schon die alten Römer und Griechen kannten: Platon schrieb, dass das Alter „schwachsinnig“ machen kann, Plutarch sprach von einem „Durcheinander der Gedanken“ in diesem Lebensabschnitt und Aristoteles von einem „Greisenalter der Geisteskraft“.
Vergessen ist nicht gleich Vergessen
Was Wunder also, dass wir heute angesichts der laufenden Berichte über Alzheimer und Co nicht selten in Panik geraten, wenn einer unserer Angehörigen oder gar wir selbst immer mehr und mehr zu vergessen beginnen. Umso wichtiger ist es, mögliche Anzeichen für eine Demenz zwar ernst zu nehmen, aber gleichzeitig die Ruhe zu bewahren und sich an einen Facharzt für Neurologie oder Psychiatrie zu wenden. Denn: „Vergessen ist nicht gleich Vergessen“, betont die Leiterin der Neurologien an den Landeskliniken Amstetten und Mauer, Prim. Univ.-Prof. DDr. Susanne Asenbaum-Nan. „Wenn einem hin und wieder ein Name nicht einfällt, so ist das ein
Phänomen, das auch schon in jungen Jahren auftreten kann und das wahrscheinlich nicht bedenklich ist. Vergisst man aber beispielsweise öfter, was vor ein paar Stunden geschehen ist oder besprochen wurde, so ist das schon ein alarmierendes Zeichen. Bei entsprechenden Beschwerden sollte man jedenfalls eine umfassende neurologische Begutachtung und einen neuropsychologischen Test bei einem niedergelassenen Facharzt durchführen lassen.“
Viele Formen von Demenz
Um zu einer exakten Diagnose zu kommen, wird er oder sie zum Ausschluss anderer Ursachen auch eine umfassenden Blutuntersuchung und eine Computertomograhie des Gehirns veranlassen. Auf den Bildern kann man auch sehen, um welche Art von Demenz es sich handelt. Bei manchen der zahlreichen Formen gibt es tatsächlich dahinter stehende Ursachen, die man effizient behandeln kann. „Dies kann zum Beispiel bei einer Schilddrüsenunterfunktion oder bei chronischen Blutungen um das Gehirn nach Stürzen der Fall sein“, sagt Asenbaum-Nan.
Soweit eine gute Nachricht, doch die schlechte ist, dass die allermeisten Fälle von Demenz derzeit meist irreversibel sind. Das heißt, es handelt sich zum Großteil um sogenannte neurodegenerative Erkrankungen, bei denen Abbauprozesse in Gang sind, die stetig fortschreiten. Zwar gibt es eine Reihe von Medikamenten, die bei Alzheimer und Co eingesetzt werden und die die Symptome der Erkrankung für eine gewisse Zeit bessern oder zumindest auf einem bestimmten Niveau halten, doch sie können nicht ursächlich in den Krankheitsprozess eingreifen und daher auch nicht zur Heilung führen.
Typische Symptome
Zu den Symptomen einer Demenzerkrankung zählen unter anderem Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, Sprachstörungen, Persönlichkeitsveränderungen oder Antriebsverlust (siehe Kasten). Diese typischen Anzeichen einer Demenz können, müssen aber nicht alle zur gleichen Zeit auftreten. Diese Symptome können allerdings auch ein Hinweis auf seelische Erkrankungen oder andere Hirnerkrankungen sein. „Zudem sind die Symptome zum Teil auch davon abhängig, welche Ursachen die jeweilige Demenz hat: Eine Parkinsondemenz etwa zeigt sich nicht unbedingt mit demselben Bild wie eine Alzheimerdemenz“, erklärt Asenbaum-Nan.
Krank, nicht bösartig
„Das vielleicht Wichtigste ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass der demente Partner, Vater oder Freund tatsächlich krank ist. Mit diesem Bewusstsein wird es leichter, die Zurückweisungen, Beschimpfungen, Aggressionen, Depressionen, die betroffene Patienten sehr häufig zeigen und die sehr verletzend sein können, besser zu ertragen“, sagt die erfahrene Neurologin. Den Patienten helfen ein stabiles, immer gleich bleibendes Umfeld und geordnete Verhältnisse sowie ein gut strukturierter Tagesablauf.
Und den Angehörigen? Asenbaum-Nan: „Viele schlittern vor lauter Mitleid und Selbstaufgabe, für die sie nichts zurückbekommen, ins Burnout. Es gibt zahlreiche Hilfsangebote für Angehörige wie etwa Selbsthilfegruppen, und es ist keinesfalls verwerflich, Hilfe zu suchen und anzunehmen – das kann letztlich dem geliebten dementen Menschen nur helfen.“
Nicht wegschauen
Die Botschaft der engagierten Neurologin lautet: „Demenz kann jeden treffen. Man sollte also
nicht wegschauen, sich nicht für betroffene
Angehörige genieren oder Demenzpatienten gar ausgrenzen. Ein positiver Umgang mit diesem schwierigen Thema ist für uns alle unabdingbar.“
Landesklinikum Amstetten
Krankenhausstraße 21
3300 Amstetten
Tel.: 07472/9004-0
www.amstetten.lknoe.at
Landesklinikum Mauer
3362 Mauer
Tel.: 07475/9004-0,
www.mauer.lknoe.at
Was ist Demenz?
Unter dem Begriff Demenz versteht man den kontinuierlichen Abbau
der geistigen Leistungsfähigkeit, vor allem von Gedächtnisleistung und Denkvermögen. Die Medizin kennt mehrere Formen der Demenz, denen verschiedene krankhafte Prozesse zugrunde liegen können. Vergesslichkeit allein bedeutet noch nicht, dass eine Demenz vorliegt.
Typische Anzeichen einer Demenz
Es gibt typische Anzeichen einer Demenz. Diese können, müssen aber
nicht alle zur gleichen Zeit auftreten. Und: Keines dieser Symptome tritt ausschließlich im Rahmen einer Demenz auf. Sie können auch ein Hinweis auf seelische Erkrankungen oder andere Gehirnerkrankungen sein:
- Vergesslichkeit
- unpräzises Denken, Konzentrationsstörungen
- Schwierigkeiten beim Planen komplexer Abläufe
- Orientierungslosigkeit
- Sprachstörungen
- eingeschränktes Urteilsvermögen
- Persönlichkeitsveränderungen
- Antriebslosigkeit
Demenz vorbeugen?
Man weiß heute, dass bestimmte Erkrankungen, die sich behandeln lassen, wichtige Risikofaktoren für verschiedene Erkrankungen, besonders aber
auch für die Entwicklung einer Demenz sind.
Vermeidbare Risikofaktoren sind:
- Bluthochdruck
- Diabetes mellitus
- Atherosklerose (Gefäßverkalkung)
- Traumen
- Hypercholesterinämie (erhöhte Cholesterin- und Trigylzeridwerte)
- Adipositas (krankhaftes Übergewicht)
- mangelnde Bewegung





