„Das Alter soll einen Sinn machen“
Im Alter wie in einer Wohngemeinschaft zusammenleben – darüber denken heute immer mehr Menschen nach. Das Haus Hannes in Berndorf bietet das.

Im Haus Hannes ist immer gute Stimmung, besonders wenn Susanne Muhr da ist und mit den Heimbewohnern „Schabernack“ treibt. Auch der Chef persönlich, Hannes Neuwirth (kleines Foto unten), blödelt mit den Senioren um die Wette. Foto: Sandra Sagmeister-Pensch
„Und dann san’s uns zuwegwochsen“, sagt Hannes Neuwirth, der in Berndorf ein besonderes Haus führt, wo derzeit 14 Senioren heimisch sind. Im Gemeinschafts-Wohnzimmer sitzen beim Besuch von GESUND&LEBEN einige beisammen, schlürfen Kaffee aus ihren selbst bemalten Häferln, im Hintergrund dudelt Musik aus dem Radio. Es ist wahrlich ein besonderes Haus, privat geführt, die Bewohner werden rund um die Uhr zu hundert Prozent nach ihren Bedürfnissen betreut: „Wir sind kein Pflegeheim, wir bieten betreutes Wohnen an“, sagt Neuwirth, der das Haus Hannes – nach seinem Vater benannt – im Mai diesen Jahres neu gegründet hat. Denn sein Vater, Hannes Neuwirth senior, hatte das Haus 2001 eröffnet und war im Februar 2013 völlig unerwartet verstorben. Sein Sohn wollte es nie übernehmen, ist er doch seit vielen Jahren Betriebsrat im Landesklinikum Baden, wo er als Pfleger begonnen hat. „Ich habe meinem Vater immer gesagt, dass ich das nie weiterführen werde. Nie!“ Doch sein Vater war sich ganz sicher, dass sein Sohn gar nicht anders kann und seine Idee weitertragen wird.
Ein Raumschiff als Badewanne
Als Neuwirth junior nach dem Tod seines Vaters hörte, dass die Bewohner auf irgendwelche Heime aufgeteilt werden, wo gerade ein Platz frei ist, war klar: Das geht gar nicht! Die älteste Bewohnerin wäre heuer im August 100 Jahre geworden und war zehn Jahre im Haus Hannes, viele der Bewohner sind schon lange da, „der Papa hätte sich im Grab umgedreht, wenn wir nicht weitergemacht hätten.“
So begann für Hannes Neuwirth ein völlig neues Leben, „keine fünf Minuten habe ich letztendlich gebraucht, um mich dafür zu entscheiden.“ 100.000 Euro hat er in die Sanierung der Zimmer und Appartements investiert. Besonders stolz ist man auf die Badewanne mit aufklappbarer Türe, „die Bewohner sagen nur Raumschiff dazu“. Auch die Bäder in den Zimmern wurden alle barrierefrei, die Toiletten sind höher, damit man leichter aufstehen kann, neue Fernseher wurden gekauft, die zwei neuen Waschmaschinen und die beiden Wäschetrockner laufen fast 24 Stunden; die frische Wäsche wird von den Heimbewohnern gemeinsam zusammengelegt.
Alltag gemeinsam bewältigen
Überhaupt gibt es für die Bewohner viele Aufgaben zu erledigen, faul im Bett liegen geht nicht. Mit Herz und Seele, ohne viel nachzudenken, ist auch die Diplomkrankenschwester und Lebensgefährtin von Hannes Neuwirth, Susanne Muhr, mit eingestiegen. Unterstützt werden die beiden von Pflegehelferinnen, einer zweiten Diplomkrankenschwester und Heimhilfen. „Wir sind eine richtige Wohngemeinschaft, wie eine große Familie.“ Muhr pflegt die Bewohner nicht nur, sie spielt, bastelt und werkt mit ihnen, macht beispielsweise aus den Aloe-Vera-Pflanzen im Stiegenhaus Creme für die Leute. Eine Freude ist dann das große gegenseitige Einschmieren der Hände: „Berührungen und Streicheleinheiten sind das Wichtigste“, weiß Muhr, die mit unverkennbar bayrischem Akzent und ansteckendem Humor eine Wonne und ein Lichtblick für alle Bewohner ist. Da wird gebusselt und gekuschelt, geplaudert und geulkt – die Stimmung ist immer gut, besonders wenn die Jause gemeinsam gemacht und der Kuchen dafür gebacken wird. Dann waschen die Senioren das Obst, zupfen die Kerne aus den Zwetschken und schnippeln sie klein: „Alle müssen mithelfen, da sitzen wir z’sam, tratschen a bissl und so vergeht der Tag anders“ – nämlich sinnerfüllt, und keiner der Bewohner ist depressiv oder aggressiv. Jeder hat auch seine eigene Unterlage fürs Kaffeehäferl, natürlich selbst gebastelt, und es ist mit Porzellanstiften selbst bemalt.
Integrieren statt isolieren
Viele der Bewohner sind dement, durch den aktiven Tagesablauf freuen sie sich trotzdem ihres Lebens: „Zu sagen, die kriegen ja eh nix mehr mit, sei der falsche Ansatz, die Patienten kriegen alles mit!“, weiß Muhr. Auch eine Physiotherapeutin kommt ins Haus und dann wird geturnt, jeder macht immer nur, so viel er kann und möchte. „Das Wichtigste ist, dass man sich mit den Menschen beschäftigt, Integration statt Isolation.“ Das gehe in großen Pflegeheimen kaum, sagt Neuwirth. Die Bewohner am Leben teilhaben lassen, sie in den Arbeitsalltag integrieren, war schon das Motto von Papa Neuwirth, sie so zu behandeln, wie man selber gerne behandelt werden möchte.
Streitereien gebe es kaum unter den Bewohnern, höchstens mal ums Fernsehprogramm. Was jedoch gar nicht funktionierte, war das Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“ – „man glaubt nicht, wie da alle plötzlich streitert geworden sind“, erinnert sich Neuwirth. Und Muhr ergänzt scherzend: „Manchmal ist es ein bisschen wie im Kindergarten“, die Bewohner seien manchmal wie erwachsene Kinder, aber wenn man sie aktiv in den Alltag einbindet, „reißen sich viele einfach z’sam.“ So wie ein Herr mit 93 Jahren, der nach einem Oberschenkelhalsbruch völlig am Boden war und nicht mehr weiter wollte, außer die süße blonde Bayerin heiraten. Doch die angebetete Muhr erklärte ihm, dass sie ihn nur heiraten werde, wenn er mit dem Rollator zum Altar gehe. Das spornte ihn so an, dass er es wirklich schaffte, wieder auf die Beine zu kommen. Wenn man auf die Leute eingehe, sie dort abhole, wo sie gerade sind und begleite, könne man die Lebenssituation der Senioren und die Freude am Leben nachhaltig verbessern und steigern. So war ein Bewohner im Spital, die Ärzte gaben ihm noch eine Woche zu leben, er aß nichts mehr, redete nicht, konnte nicht schlucken, er war scheinbar am Ende seines Lebens angekommen. Dann kam er ins Haus Hannes und „ist innerhalb von 14 Tagen regelrecht aufgeblüht, jetzt bewegt er sich wieder und redet.“
Respekt vor dem Alter
Hannes Neuwirth würde für seine Schützlinge alles tun. Sein Antrieb seien weder Helfersyndrom noch Weltverbesserung, sondern „ein großer Respekt vor dem Alter, jeder sollte in Würde alt werden und nicht in einem Eck sitzen und warten, bis er stirbt.“ So wurden Betreuung und Pflege auf den neuesten Stand gebracht, Aktivierung heißt das Zauberwörtchen, man müsse den Leuten das Gefühl geben, dass sie gebraucht werden. Größer möchte Neuwirth aber ob seines Erfolges nicht werden, „ich will die Philosophie vom Papa weiterführen: klein, aber fein.“ Große Unterstützung bekommen Neuwirth und sein Team vom ortsansässigen praktischen Arzt, Dr. Helmut Niederecker, der unentgeltlich einmal in der Woche Visite macht und die Bewohner medizinisch betreut, „ohne ihn ginge das alles nicht“. Manchmal geht Susanne Muhr und Hannes Neuwirth schon die Energie aus, „aber wenn man dann sieht, wie sie alle lachen und sich wohl fühlen, dann ist klar, dass das, was man tut, Sinn macht.“
Haus Hannes
Im Haus Hannes in Berndorf gibt es insgesamt 15 Betreuungsplätze aufgeteilt in Ein- und Zweibettzimmer sowie Appartements, in denen beispielsweise Ehepaare wohnen können. Die Zimmer haben alle ein eigenes Badezimmer und können individuell eingerichtet werden. Betreut werden auch Personen, die beispielsweise nach einem Oberschenkelhalsbruch kurzfristig eine Betreuung brauchen; die sogenannte Überleitungspflege wird im Haus Hannes auch angeboten und übernommen.
Informationen: Tel.: 0664/8158367, www.haus-hannes.at




