< vorhergehender Beitrag

Darüber spricht man nicht?

Sexuell übertragbare Krankheiten sind auf dem Vormarsch. Das Tabu, das sie umgibt, ist groß, doch eine professionelle Diagnose ist Voraussetzung für die adäquate Behandlung – und: Kondome schützen in jedem Fall.


Foto: fotolia

Beim Thema sexuell übertragbare Krankheiten denkt man heute in erster Linie an HIV/AIDS, doch Experten betonen, dass auch in unseren Breiten längst „verschwunden“ geglaubte Geschlechtskrankheiten wie Tripper und Syphilis wieder auf dem Vormarsch sind. „Tatsächlich ging die Zahl der von den klassischen und meldepflichtigen Geschlechtskrankheiten Tripper und Syphilis Betroffenen viele Jahre lang stark zurück. In den letzten Jahren aber wurden in Österreich, etwa was die Syphilis betrifft, bereits rund 600 Erkrankungsfälle jährlich gemeldet“, sagt die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Dr. Doris Linsberger aus Krems.
Der neue Aufschwung bei diesen sexuell übertragbaren Krankheiten erklärt sich einerseits durch den zunehmenden Sextourismus. Damit sind nicht nur die Reisen nach Thailand etc. gemeint, sondern auch die Billig-Sex-Angebote in manchen Nachbarstaaten Österreichs. Und: Das Thema Safe Sex verschwindet langsam, aber sicher aus den Medien, und das wiederum hat mit den guten Therapiemöglichkeiten von HIV/AIDS zu tun. Da die Krankheit heute als behandelbar gilt, ist es auch zu einem Rückgang der Verwendung von Kondomen gekommen, und das Risiko, sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit anzustecken, steigt.
Kondome schützen tatsächlich vor einer Ansteckung, betont Linsberger. Sie plädiert daher bei sexuell aktiven Menschen vehement für deren Gebrauch, denn sexuell übertragbare Krankheiten betreffen Frauen und Männer aus allen sozialen Schichten und zu mehr als der Hälfte die 20- bis 30-Jährigen.

Achtung: oft unauffällig!

Ein Problem dabei ist auch, dass viele dieser Erkrankungen – besonders bei Frauen – anfänglich keine Beschwerden verursachen. Also ist auch das Risiko groß, den Sexualpartner anzustecken, ohne von der eigenen Erkrankung zu wissen. „Wenn man Auffälligkeiten wie etwa Ausfluss, Ausschläge oder eiternde Pusteln im Genitalbereich bemerkt,  sollte man umgehend einen Arzt aufsuchen“, erklärt Linsberger. Frauen wenden sich am besten an eine Gynäkologin, Männer an einen Urologen oder einen Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. „Nur der Arzt kann die exakte Diagnose stellen. Die gute Nachricht: Außer HIV/AIDS sind so gut wie alle sexuell übertragbaren Krankheiten gut heilbar.“ In den meisten Fällen werden spezifische Antibiotika gegeben, die – wenn sie ausreichend lange genommen werden – eine gute Wirkung entfalten. Tripper und Syphilis können so behandelt werden, auch die weit verbreitete Chlamydien-Infektion spricht auf Antibiotika gut an. Die rechtzeitige Behandlung von Chlamydien ist auch deshalb so wichtig, weil es sonst zu Komplikationen wie einer Verklebung der Eileiter oder Verwachsungen im Bauchinnenraum kommen kann, und dies birgt für Frauen das Risiko, unfruchtbar zu werden. Ähnliches gilt auch für Tripper. Die Syphilis ist für Schwangere besonders gefährlich, denn der Krankheitserreger kann über den Mutterkuchen auch das Baby infizieren.

Pilz- oder bakterielle Infektion?

Auch Pilzinfektionen sind sexuell übertragbar, aber gar nicht so häufig wie landläufig angenommen. „Pilzinfektionen können gut und zielgerichtet mit entsprechenden Pilzsalben und Scheidenspülungen behandelt werden. Aber es ist bei weitem nicht alles ein Pilz, was gerade für Frauen oft zur nicht gelingenden Selbsttherapie führt“, sagt Linsberger. Sie beobachtet vielfach, dass Betroffene den Gang zum Arzt zunächst scheuen und selbst herumexperimentieren. „Typisch für eine Pilzinfektion ist ein topfenartiger, weißgräulicher bröckeliger Ausfluss, eventuell verbunden mit einer Rötung und starkem Juckreiz im Genitalbereich. Im Gegensatz dazu ist der Ausfluss bei bakteriellen Infektionen eher weiß bis gelblich, dünnflüssig und übelriechend, und er geht oft mit einem nässenden, brennenden Gefühl einher. Diese Infektionen müssen mit Antibiotika und eventuell Scheidenspülungen behandelt werden“, erklärt die Fachärztin, die auch auf einfache Vorbeugemaßnahmen mit Milchsäurebakterien gegen Pilzinfektionen verweist. „Das vaginale Milieu muss einen pH-Wert zwischen 3,8 und 4,5 haben und ‚sauer‘ sein. Zu viel Intimhygiene, vor allem mit den falschen basischen Waschpräparaten können dieses sensible Gleichgewicht stören, und das wiederum macht anfälliger für Infektionen – auch solche, die nicht auf sexuellem Weg übertragen werden.“ Sehr wohl häufig sexuell übertragen werden hingegen Infektionen mit dem Humanen Papilloma Virus (HPV). Als Folgen treten meist harmlose Hauterscheinungen auf, doch es gibt verschiedene Virus-Untergruppen, von denen heute einige als Krebsauslöser gelten. Sie werden mit verschiedenen Krebsarten in Zusammenhang gebracht, wobei die häufigste von HPV verursachte Tumorerkrankung der Gebärmutterhalskrebs ist. Inzwischen stehen aber Impfstoffe zur Verfügung, die davor schützen können. Ein Wort noch zu AIDS, das zu den gefährlichsten sexuell übertragbaren Krankheiten zählt und durch das Humane Immunschwäche (HI) Virus ausgelöst wird. Die Diagnose wird anhand der HIV-Antikörper im Blut gestellt. Der Nachweis gelingt sechs bis acht Wochen nach dem Kontakt, und es ist sehr wichtig, den Test so schnell wie möglich nach einem Infektionsverdacht durchführen und nach drei Monaten wiederholen zu lassen. Therapeutisch gibt es mittlerweile zahlreiche Substanzen, die das Virus in seiner Ausbreitung hemmen, letztlich existiert aber bis dato keine Heilungsmöglichkeit. Trotzdem können Betroffene mit einer konsequenten Medikamententherapie jahrzehntelang bei guter Lebensqualität überleben. Linsberger betont zudem, dass es in vielen Fällen sexuell übertragener Krankheiten wichtig ist, auch den Sexualpartner mitzubehandeln, damit es nicht zu einem Ping-Pong-Effekt kommt. Zum Schluss legt sie allen eines nochmals ans Herz: „Die sicherste Methode, sich zu schützen, ist die Verwendung eines Kondoms!“

Die häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten   

Geschlechtskrankheiten im eigentlichen Sinn

  • Syphilis (Lues): Der Erregernachweis erfolgt unter dem Mikroskop oder mittels Antikörpertest im Blut. Die Therapie besteht aus der Gabe von Antibiotika über drei Wochen hinweg. Der Partner sollte mitbehandelt werden. Die Krankheit ist meldepflichtig.
  • Tripper (Gonorrhoe): Der Erregernachweis erfolgt anhand eines Abstrichs. Die Therapie besteht aus der Gabe von Antibiotika. Die Krankheit ist meldepflichtig.

Virale Infektionen

  • AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome): Die Diagnose wird anhand der HIV-Antikörper im Blut gestellt. Therapeutisch gibt es zahlreiche Substanzen, die das Virus in seiner Ausbreitung hemmen, letztlich existiert aber bis dato keine Heilungsmöglichkeit. Das Kondom ist zur Vorbeugung ein absolutes Muss.
  • Hepatitis B/C (Leberentzündung durch Viren): Die Erkrankungen können leicht in eine chronische Form übergehen. Zur Behandlung stehen Interferone zur Verfügung. Prophylaktisch kann man bei Hepatitis B impfen. Das Kondom ist auch in diesem Fall zu empfehlen.
  • Genitalherpes (Herpes genitalis): Hinweise auf das Virus sind im Abstrich erkennbar. Therapeutisch wird ein Medikament gegeben, das die Virusvermehrung hemmt – ein sogenanntes Virustatikum.
  • Feigwarzen (Condylome): Hinweise auf die Erkrankung geben Krankheitsverlauf, gynäkologische Untersuchung, aber auch der Krebsabstrich. Therapeutisch stehen die operative Abtragung und Verätzung bzw. Immuntherapien zur Verfügung.

Bakterielle Infektionen

  • Chlamydien: Der Erregernachweis ist schwierig und aufwändig. Die Therapie besteht in der Gabe von Antibiotika über zehn Tage. Die Mitbehandlung des Partners ist manchmal indiziert.
  • Bakterielle Vaginose: Unter dem Mikroskop sind sogenannte Schlüsselzellen erkennbar. Die Therapie besteht entweder aus Antibiotika in Tablettenform oder Scheidenzäpfchen. Eine Partnerbehandlung erhöht die Erfolgsrate.

Pilzinfektionen

  • Candida albicans: Die Therapie besteht aus Salben und Scheidenzäpfchen, manchmal auch Tabletten.

Protozoen-Infektionen

  • Trichomonaden: Die Therapie besteht aus einer einmaligen Antibiotika-Gabe. Nach Möglichkeit wird der Partner mitbehandelt.

Parasitäre Erkrankungen

  • Filzläuse: Der Lausbefall wird mit speziellen Shampoos therapiert.
  • Krätze: Der Nachweis der Milben gelingt unter dem Mikroskop. Die Behandlung erfolgt mit speziellen Shampoos.