Countdown zur Gratis-Spange
Eine festsitzende Zahnregulierung kostet bis zu 8.000 Euro – ein teures Unterfangen. Ab 1. Juli bekommen Kinder mit schweren Fehlstellungen eine Gratis-Spange. Doch wer benötigt sie und welche Methoden gibt es?
Nicht jeder hat es, aber jeder will es: ein verführerisches Lächeln. Eine natürlich-symmetrische Zahnstellung ist so selten wie ein Lottogewinn. Daher
raten Zahnärzte dem Großteil ihrer Patienten im Teenie-Alter zu einer festsitzenden Zahnregulierung, um nicht nur ein optisch schönes Ergebnis zu erzielen, sondern langfristig auch Kiefergelenksproblemen vorzubeugen. Die Nachricht „Ihr Kind braucht eine Spange!“ trifft viele Eltern und vor allem deren Portemonnaie hart, denn im Schnitt kostet die Behandlung zwischen 5.000 und 8.000 Euro. Ab 1. Juli werden nun Kinder mit schweren Fehlstellungen gratis behandelt.
Gratis mit Beigeschmack
„Gratis ist relativ. Nur Kinder, die ihre Behandlung bis zum 18. Geburtstag starten und eine behandlungsnotwendige Fehlstellung haben, werden bei einem Kassen-Kieferorthopäden gratis behandelt“, erklärt Dr. Gabriele Watzer-Herberth. Sie unterrichtet an der Fachhochschule Wiener Neustadt das Fach „Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ und führt in Baden mit ihrem Gatten Armin eine private Zahn- und Kieferorthopädie-Praxis. Bislang gab es in Österreich keine Kassenverträge für kieferorthopädische Praxis-Leistungen. Eltern mussten also die Spangen selbst bezahlen (egal ob Privat- oder Kassenarzt) und konnten sich pro Behandlungsjahr 300 bis 800 Euro von den Kassen zurückholen. Peanuts, denn eine Behandlung dauert zwischen ein und drei Jahren und kostet jährlich zwischen 1.500 und 2.800 Euro. Bis Juli werden nun 180 Kassenverträge an Kieferorthopäden vergeben, bei denen Kinder mit einer Fehlstellung der Kategorie IOTN 4 und 5 eine Gratis-Spange erhalten. (Beim Privatarzt erhalten diese einen Zuschuss von insgesamt bis zu 3.500 Euro.)
Was bedeutet IOTN 4 und 5?
IOTN steht für „Index of Orthodontic Treatment Need“ und ist ein in fünf Kategorien unterteilter Wert, der die Behandlungsnotwendigkeit angibt. „IOTN 4 und 5 werden als behandlungsnotwendig angesehen. Bei IOTN 3 liegt eine grenzwertige Behandlungsnotwendigkeit vor, IOTN 2 und 1 muss man theoretisch nicht behandeln“, erklärt Experte Dr. Armin Watzer-Herberth. Ein IOTN 2 oder 3 kann nach außen hin aber manchmal schlimmer wirken als ein IOTN 4. Das optische Kriterium ist kein Maßstab. „Die Regeln macht der Staat, der für die Gratis-Spangen pro Jahr 80 Millionen Euro investieren will. Und damit kann man eben nicht alle Zahnspangen bezahlen“, ergänzt der Mediziner.
Jeder Zahnarzt sollte im Regelfall wissen, ob ein Kind eine Spange braucht und gegebenenfalls an einen Spezialisten verweisen. Eltern, die auf Nummer sicher gehen wollen, sollten das Gebiss ihres Kindes das erste Mal mit vier, das zweite Mal mit acht und nochmals mit zwölf Jahren von einem Profi begutachten lassen.
Ab wann und bis wann?
Selten bekommen Kinder mit Milchgebiss eine Zahnspange (normalerweise eine abnehmbare) – das ist beispielsweise bei einem schweren Kreuzbiss der Fall. Für gewöhnlich warten Kieferorthopäden, bis fast alle zweiten Zähne durchgebrochen sind. „Bei uns wird in einem Erstgespräch festgestellt, ob der Patient eine Zahnspange benötigt und wenn ja, welche. Nach einer zweiten Untersuchung erstellen wir einen Heilkostenplan. Sollte der Patient eine Spange machen lassen, werden die Kosten, die bis dahin entstanden sind, gutgeschrieben. Bei einem der künftigen Kassen-Kieferorthopäden ist das etwas anders: Dort wird bei einer 50 Euro teuren Erstuntersuchung der IOTN-Wert bindend festgelegt. Dem Patienten werden die Kosten nur bei Diagnose eines IOTN 3, 4 oder 5 rückerstattet“, sagt Fachfrau Watzer-Herberth.
Das richtige Modell
Bei einem der angehenden Kassen-Kieferorthopäden erhält man das Kassen-Zahnspangen-Modell. Dieses besteht zu 100 Prozent aus Metall. Manche Kids stört das. „Aus medizinischer Sicht schätze ich diese Spangenart sehr, weil sie einfach zu pflegen ist und ich sie als Zahnärztin präzise einstellen kann“, erklärt die Medizinerin. Statt metallenen Brackets gibt es auch durchsichtige und welche mit stylish-bunten Ringerl drum herum. Außerdem gibt es unsichtbare Zahnschienen, die als „Kontaktlinsen der Zähne“ bezeichnet werden. Doch diese Varianten kosten nicht nur extra, sondern werden gar nicht vom Kassen-Kieferorthopäden angeboten. Zudem haben die unsichtbaren Schienen Nachteile, wie Armin Watzer-Herberth warnt: „Erstens kann man nur bedingt Zahnfehlstellungen beheben. Außerdem müssen die Patienten extrem genau auf ihre Zahn- und Mundhygiene achten. Für Kinder, bei denen die Zähne noch im Durchbruch sind und die auch schon mal auf die Hygieneprozedur vergessen, ist das keine Alternative.“
Generell muss jeder Spangenträger auf die Sauberkeit in seiner Mundhöhle achten. Meist erhält man ein Säckchen, in dem sich alle Utensilien finden, mit denen man die Zähne trotz Spange reinigen kann. Das muss man konsequent nach jeder Mahlzeit tun. Außerdem sollten Zahnspangenträger drei- bis viermal pro Jahr eine professionelle Mundhygiene durchführen lassen.
Ob man die Kassenspange oder die Behandlung beim Privatarzt wählt, wird in Zukunft die Höhe des IOTN bestimmen und ob man sich mit dem guten, aber silbernen Kassen-Modell zufriedengibt. „In Österreich wird gut ausgebildeten Kieferorthopäden leider die Anerkennung eines Zusatztitels verwehrt. Jeder Zahnarzt darf also eine Spange machen“, erklärt Armin Watzer-Herberth. Er und seine Gattin haben Spezialausbildungen und zahlreiche Weiterbildungen gemacht und bringen jahrelange Erfahrung mit. Auf der Homepage des VÖK (Verband österreichischer Kieferorthopäden) findet man eine Liste von kieferorthopädisch tätigen Zahnärzten inklusive ihrer Qualifikationen. Wer die angehenden Kassen-Kieferorthopäden (österreichweit 180) sein werden, steht noch in den Sternen. Derzeit befindet man sich in der Bewerbungsphase. Im Zuge dieser werden die Anwärter streng auf ihre fachlichen Kompetenzen getestet.
Informationen:
Verband österreichischer Kieferorthopäden, Tel.: 01/9149090,
www.voek.info





