Bewegt bis ins hohe Alter
Nur wer sich regelmäßig bewegt, bewahrt sich auch in fortgeschrittenem Alter Gesundheit, Wohlbefinden und Selbstständigkeit. Das Programm „Sanftes Bewegen 60+“ in St. Pölten beispielsweise bietet dafür altersgerechtes Training.
Kerstin Lampel, Leiterin des Lehrgangs Physiotherapie an der Fachhochschule St. Pölten
Josef Speiser kennt das Alter und seine Tücken. „Je älter man wird, umso mehr schläft alles ein“, sagt der 75-Jährige und hebt zur Veranschaulichung die rechte Hand. Seine Finger haben mit den Jahren einiges an Beweglichkeit eingebüßt, erklärt er. Aber seit er regelmäßig turnt, ist das viel besser geworden. „Wenn ich herumsitze, dann sticht’s einmal dort, einmal da. Wenn ich was mache, tut mir nichts weh.“ Speiser ist eine der rund vierzig Personen, die unter dem Motto „Sanftes Bewegen 60+“ im Turnsaal der
Dr.-Theodor-Körner-Hauptschule in St. Pölten etwas für ihre körperliche Fitness tun. Jeden Donnerstagnachmittag trainieren ältere Menschen 90 Minuten lang Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht und Koordination. Begonnen wird mit flottem Gehen, wer will, kann laufen. Ingolf Wöll, der selbst 75 Jahre ist und lange als Sportlehrer Erfahrung gesammelt hat, leitet die Turnenden an und motiviert. „Jeder macht es so, wie’s ihm gut tut“, sagt Wöll immer wieder übers Mikrofon und fordert auf, beim Gehen imaginäre Äpfel aufzuheben. Für die nächste Übung bleiben alle stehen, strecken die Arme nach vorne und beugen die Knie. Die Stimmung ist konzentriert. Wer es schafft, macht zehn Kniebeugen. „Nicht zu ehrgeizig sein! Nicht in eine Schmerzzone hineinarbeiten!“ Da die Turnenden ganz unterschiedlich trainiert sind und die Altersbandbreite sehr groß ist – zwischen 60 und 90 Jahren –, betont Wöll, dass jeder gut auf sich achten muss. Und weil manche sehr ehrgeizig sind, wiederholt er fast wie ein Mantra, wie wichtig es ist, gut in den eigenen Körper hinein zu horchen.
Nix machen kann man nicht
Auf Wölls Geheiß finden sich jeweils zwei gleichgroße Personen und stehen einander gegenüber. Die Bewegung, die der eine vorzeigt, macht der andere nach: Im Gleichklang heben die Paare ihre Arme, kreisen die Schultern oder wiegen die Köpfe. Nur Salto vorwärts und rückwärts sind verboten, verlautbart Wöll durchs Mikrofon und erntet Gelächter. Wilhelm Sakrowsky ist mit knapp 90 Jahren der älteste Teilnehmer. „Nix machen kann man nicht“, ist er überzeugt und kommt Woche für Woche. Und auch wenn mittlerweile alles langsamer geht und beschwerlicher ist, ist Sakrowsky mit Eifer dabei, wenn sich die Turnenden zu beschwingter Musik bewegen. Samba gibt den Rhythmus vor, und die Senioren machen mit Fingern und Armen Koordinationsübungen. So wie Sakrowsky spüren auch alle anderen, dass sich die regelmäßige Bewegung im Alltag auswirkt. „Wenn ich mir meine ehemaligen Schulkollegen anschaue, dann sehe ich, dass das Auswirkungen hat“, lacht Sepp Ratzinger, 69 Jahre. Und Irene Pulker, 82, weiß, dass die Wehwehchen, die das Alter mit sich bringt, nicht so spürbar sind, wenn sie regelmäßig turnt. „Ich merke sofort, dass ich einroste, wenn ich nichts tue‘“, sagt sie.
„Im Vordergrund steht das Erhalten beziehungsweise das Wiedererlangen der Beweglichkeit. Die angebotenen Übungen sind auf Dehnfähigkeit und Kräftigung der Muskulatur angelegt“, erklärt Ingolf Wöll. Für Wöll ist ein wichtiges Ziel, so beweglich zu bleiben, dass man sich auch im fortgeschrittenen Alter problemlos die Schuhe binden und schmerzfrei frisieren kann. Zusätzlich werden das Gleichgewichtsgefühl und die Koordination geübt. Letzteres sei ein großes Thema bei älteren Menschen, meint Kerstin Lampel. Lampel leitet den Studiengang Physiotherapie an der Fachhochschule St. Pölten, die zusammen mit der Stadtgemeinde St. Pölten und St. Pöltner Vereinen dieses Angebot für ältere Menschen geschaffen hat. Durch Koordinationsübungen werden das Sturzrisiko minimiert und die kognitiven Fähigkeiten trainiert.
Mehr Leistungsfähigkeit und Selbstwertgefühl
Die Auswirkungen von Bewegung im Alter sind zahlreich, bestätigt Lampel. Fest steht: Wer sich seine Gesundheit erhalten oder verbessern möchte, kommt darum nicht herum. Positiv beeinflusst werden beispielsweise Blutdruck, Cholesterinspiegel, Darmtätigkeit und das Immunsystem. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus kann reduziert werden. Ebenso minimiert sich das Osteoporose-Risiko. Außerdem verbessert sich das soziale Wohlbefinden, wenn man sich im Turnverein mit anderen trifft. „Die Leistungsfähigkeit allgemein bleibt erhöht und das Selbstwertgefühl steigt dadurch. Bei der wöchentlichen Turneinheit in der Dr.-Theodor-Körner-Hauptschule spielen deshalb neben körperlicher Fitness und Wohlbefinden Gemeinschaft und Begegnung eine wichtige Rolle. Die Stimmung vor, während und nach der Turneinheit ist locker und freundschaftlich. „Sehr viele sind alleinstehend“, sagt Ingolf Wöll. Deswegen sind die dreißig Minuten vor Beginn der Turneinheit ein wesentlicher Teil des Treffens. In kleinen und größeren Grüppchen stehen die Leute zusammen und unterhalten sich. „‚Red ma miteinand‘ haben wir das getauft“, erklärt Wöll.
Fußwege und Stiegenhaus nützen
Die wöchentliche Turneinheit ist ein wichtiger Beitrag, doch auch an den anderen Tagen braucht der Körper Bewegung. Empfehlenswert sind etwa zweieinhalb Stunden Bewegung auf die ganze Woche verteilt, sagt Physiotherapeutin Lampel. „Fünf mal dreißig Minuten in der Woche wäre
ein guter Richtwert.“ Am besten sind Tätigkeiten von mindestens mittlerer Intensität. Das heißt: „Man kann sich bei dieser Bewegung, bei diesem Sport noch unterhalten. Singen würde aber nicht mehr gehen.“ So wird das Herz-Kreislauf-System aktiviert. Als Sportarten eignen sich Spazierengehen, Nordic Walken, Wandern, Tanzen oder Radfahren.
Ingolf Wöll teilt dieses Anliegen: „Wir sagen den Leuten, sie müssen täglich etwas tun.“ Er zeigt den Leuten Übungen, die sie auch zu Hause ohne Anleitung machen können. Der Anteil der bewegungsfreudigen über 60-Jährigen ist mit 17 Prozent nicht gerade hoch. Fauler als ihre jüngeren Mitmenschen sind sie damit jedoch nicht. „Es hat jeder sein Fahrzeug, es gibt Aufzüge“, so Lampel. Das Bewegungsverhalten hat sich generell stark verändert, und das nicht zum Positiven.
Weil viele Leute aus Zeitmangel vor dem klassischen Sportbetreiben oft zurückschrecken, empfiehlt Lampel, die Bewegung in den Alltag einzubauen: „Wenn es möglich ist, Fußwege und Stiegenhaus nützen. Die Mobilität zu Fuß trainiert die Koordination und Muskelkraft und mindert dadurch wieder die Gefahr von Stürzen.“ Oder beim Bügeln auf einem Bein stehen, damit das Gleichgewicht trainiert wird.
Auszahlen wird sich das allemal, weil körperliche Gesundheit die eigene Selbständigkeit länger erhalten kann. Josef Speiser muss von der Sinnhaftigkeit sportlicher Betätigung nicht mehr überzeugt werden. Die wiedergewonnene Beweglichkeit seiner Finger ist nur eine der positiven Auswirkungen des Turnens. „Man darf nicht nur jammern, dass einem alles weh tut. Wenn man ein bisschen was macht, wird alles leichter. Und deswegen komm ich.“





