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Auszeit vom Alltag mit Langzeitwirkung

Drei Wochen dauert eine Kur im Durchschnitt – Zeit genug, um sich dem gesundheitlichen Problem konsequent zu widmen und für einen gestärkten, schmerzfreien Körper vorzusorgen.


Warum ein Kuraufenthalt, man kann doch auch von zu Hause aus zur Therapie fahren und dann wieder heim? Gerade für Frauen, die neben Beruf auch Familie und Haushalt versorgen, ist der erste Gedanke an einen mehrwöchigen Aufenthalt in einem fernen Kurort mit vielen Fragen verbunden, die eigentlich sehr wenig mit der Kur selbst zu tun haben. Groß ist da die Versuchung, die Therapien ambulant zu absolvieren, so schnell mal zwischendurch. Oder aber es ist der Job, die Firma, wo doch alles nur funktioniert, wenn man da ist – drei Wochen berufliche Pause, wie soll das gehen? Da fährt man doch lieber schnell nach der Arbeit zur Therapie und sonst geht alles seinen gewohnten Weg. Doch gerade das „so nebenbei etwas für die Gesundheit tun“ ist es vielfach, was den Erfolg schmälert. „Der Effekt einer Kuranwendung ist wesentlich höher, wenn sie regelmäßig und ohne Zeitdruck vor und nach der Therapie durchgeführt wird! Sonst kommt der Patient oft schon gestresst zur Therapie und stützt sich danach wieder in die Arbeit“, erklärt Dr. Monika
Winter-Steinhofer vom Kurzentrum Ludwigstorff in Bad Deutsch-Altenburg. Die Therapie wird zum lästigen Muss, das sich irgendwo seinen Platz im Tagesplan erkämpfen muss.
Auch beschränkt sich ein Kuraufenthalt nicht nur auf die Anwendung der unterschiedlichsten Kurmittel. Im Teamwork behandeln die unterschiedlichen Therapeuten und der Kurarzt das aktuelle Krankheitsbild. Sie versuchen, das ideale Umfeld und die richtige Einstellung für den Alltag zu Hause zu schaffen, um eine Verschlechterung oder Rückkehr der Beschwerden zu vermeiden. Denn was nützen die verlorenen Kilos und die aufgebauten Muskeln, wenn man nach dem Kuraufenthalt nicht weiter am gesunden Lebensstil arbeitet?

Im Durchschnitt drei Wochen

Drei Wochen dauert eine Kur durchschnittlich. Meist an einem Nachmittag erfolgt die Anreise. Dieser Tag gilt dem „Ankommen“ in der Kur, dem ersten Zur-Ruhe-Kommen. Am zweiten Tag stehen die Untersuchungen durch den Kurarzt auf dem Programm. Die Krankengeschichte wird aufgenommen, die Befunde gesichtet und die bisherigen Medikamente notiert. Eine internistische Grunduntersuchung wird speziell auf die Symptomatik abgestimmt, mit Bewegungsstatus oder Lungenfunktionstest ergänzt. So kann der Arzt einschätzen, wie stark der Patient durch die Kur gefordert werden kann und welche Heilmittel am besten zu ihm passen. Nun erstellt er einen Behandlungsplan.
Durchschnittlich erhält ein Patient vier Therapien pro Tag. Je nach Therapieart werden sie optimal über den Tag verteilt und mit Ruhezeiten kombiniert. Meist ist es ein Mix aus aktiven Maßnahmen wie Heilgymnastik und passiven Maßnahmen wie Massagen oder Wärmebehandlungen. Gleichzeitig starten die begleitenden Maßnahmen, um die Ursachen für die Beschwerden zu finden und zu vermeiden. Übergewicht, Bewegungsmangel oder ungesunde Ernährung – als ersten Schritt gilt es, sie als Grundproblem zu erkennen, um dann gezielt an neuen Strategien zu arbeiten.
Während der Kur kann der Patient bei einer Zwischenuntersuchung oder nach Bedarf, wenn etwa eine Therapie nicht so gut vertragen wird wie erwartet, mit dem Arzt in Kontakt treten. Die Abschlussuntersuchung am Ende der Kur dient dem Feststellen des Kurerfolges, bietet dem Arzt auch die Möglichkeit, letzte Tipps mit auf den Weg zu gegeben und alles Wichtige für die Zeit danach zu besprechen. Eines muss aber bereits im Lauf der vergangenen Wochen gewachsen sein: die Motivation, die neue Lebenseinstellung mit nach Hause zu nehmen!

Hauterkrankungen brauchen Zeit

Bei Hautproblemen dauern Kuraufenthalte oft vier Wochen: Meist äußerlich sichtbar, sind sie für die Betroffenen auch eine schwere psychische Belas-tung. Oft werden Menschen mit Psoriasis oder Neurodermitis schief angesehen, die unbegründete Angst vor Ansteckung ist noch immer tief verankert. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten die Beschwerden zu lindern, von Schwefelbädern über den Aufenthalt in der Salzgrotte bis hin zu Tee-wickeln. „Die Haut braucht Zeit, um auf die Therapien zu reagieren, und die Patienten viel Geduld!“, weiß Winter-Steinhofer. Gleichzeitig mit dem Abklingen der Hautreaktionen fühlen sich viele Patienten auch wieder wohler in ihrer Haut, was sich wiederum förderlich auf die Haut auswirkt – ein positiver Kreislauf setzt sich in Gang.

Selbstverständlich wie das Zähneputzen

Drei Wochen Heilanwendungen, Therapien und viele Informationen zu einem gesunden Lebensstil, Umstellungen in der Ernährung, Gewichtsreduktion, Bewegung und Gymnastikübungen: Während der Kur ist das alles fest in den Tagesplan eingeplant, aber dann zu Hause? „Die neuen Verhaltensmuster, ob Turnen oder gesunde Ernährung, müssen in den Alltag integriert sein, als fixer Bestandteil des Ablaufes, ideal und individuell eingeplant. Nur dann hat der neue Lebensstil eine langfristige Chance!“, betont Dr. Herbert Melchart vom Kurzentrum Bad Tatzmannsdorf. Und nennt das Beispiel Zähneputzen: Keiner denkt nach, wann und wo er seine Zähne putzt, es hat einfach seinen fixen Zeitpunkt und Ort. So sollte es auch bei den neuen Verhaltensmustern sein. Wer immer erst überlegen muss, wann er seine Gymnastikübungen macht und wo er die Matte dafür hinlegt, der wird es bald als zu mühsam empfinden und nach einiger Zeit damit aufhören.
Bereits während der Kur finden die Therapeuten gemeinsam mit den Patienten den individuell besten Zeitpunkt. Ob morgens nach dem Aufstehen, in der Mittagspause oder abends vor dem Schlafengehen – es muss zum Tagesplan passen und sollte nach einiger Zeit genauso dazugehören wie das Zähneputzen.
Dasselbe gilt für die tägliche Bewegung, das Walken oder Spazierengehen – ob als Morgenrunde vor der Arbeit zum Munterwerden und Krafttanken oder abends als Chance, den Tag noch einmal zu betrachten und abzuschalten. Wichtig ist, sich nicht von schlechtem Wetter oder sonstigen „Gründen“ abhalten zu lassen. Der innere Schweinehund lauert, gerade in der Anfangszeit, wenn nach der Auszeit während der Kur das normale Leben mit Zeitdruck und vielen Aufgaben und Mühen auf den Patienten hereinbricht.
Bei der Umstellung der Essgewohnheiten ist es wichtig, gleich im Anschluss an die Kur mit der gesunden Ernährung weiterzumachen und Nahrungsmittel und Kochen an das neu Gelernte anzupassen. Das reduzierte Gewicht kann nur gehalten werden, wenn man zu Hause weiter daran arbeitet. Während des gesamten Kuraufenthaltes steht das Verinnerlichen der Umstellung in Gruppen oder Einzelgesprächen im Mittelpunkt des Rahmenprogrames, damit zum Zeitpunkt des Abschlusses der Kur bereits möglichst viel vom neuen Lebensstil schon gelebte Normalität ist und man mit einem realistischen Ziel im Gepäck in den Alltag startet. Wichtig ist dabei, möglichst viel Freude aus dem veränderten Verhalten zu gewinnen, eine positive Einstellung zu finden. Nur dann hat das Neue auch eine Chance, zum Normalen zu werden.
Für die zu Hause gebliebenen Familienmitglieder ist es wichtig, informiert zu werden, zu verstehen und zu unterstützen. Die frisch geweckte Bewegungslust macht doch zu zweit oder mit der ganzen Familie gleich noch mehr Spaß, und auch der neue Geschmack auf den Tellern sollte statt mit Skepsis mit Neugierde gekostet werden. So kann aus der Kur eines Familienmitglieds eine positive Veränderung für die ganze Familie wachsen!

Foto: Fotolia

Gesundheit pur – Kur, Genesung, Rehabilitation

9.000 Kur-, Genesungs- und Rehabilitationsanträge landen pro Jahr bei der NÖ Gebietskrankenkasse. Eine Kur soll – meist chronische – Krankheiten wie Rheuma, Diabetes, Asthma oder Wirbelsäulen-Beschwerden heilen bzw. lindern. Genesung wird nach schweren Operationen,
Chemo- und Strahlentherapien gewährt. Rehabilitation gibt es im Anschluss an eine Krankenbehandlung – mit dem Zweck, dass die Patienten wieder ein eigenständiges Leben führen können (z. B. nach einer Hüftgelenksoperation). Ein Kur- bzw. Genesungsaufenthalt dauert drei Wochen, ein Rehabilitationsaufenthalt grundsätzlich drei bis vier
Wochen, diese finden in Sonderkrankenanstalten statt.
Jeder, der sozialversichert ist, kann einen Antrag auf Kur, Genesung oder Rehabilitation stellen; ein Rechtsanspruch besteht aber nicht.
Die NÖ Gebietskrankenkasse ist bei Genesungsaufenthalten für alle Versicherten, bei Kur und Rehabilitation nur für Angehörige, freiwillig Versicherte und Kriegshinterbliebene zuständig; für Erwerbstätige und Pensionisten ist hier die Pensionsversicherungsanstalt – bzw. bei Arbeitsunfällen die Unfallversicherungsanstalt – der richtige Ansprechpartner.

Kontakt: Tel.: 050303, www.pensionsversicherung.at

Auf www.noegkk.at gibt es alle Informationen auf einen Klick. Telefonische Auskünfte gibt es unter 050899-6100.

Erfolg durch Regelmäßigkeit der Behandlung

Bereits seit 1986 leitete Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl das Ludwig-Boltzmann-Institut zur Erforschung physiologischer Rhythmen im Kurzentrum Bad Tatzmannsdorf. Seither forscht er  auf dem Gebiet der Langzeitwirkung von Kurbehandlungen und konnte diesen Effekt mit kontinuierlichen Studien objektiv wissenschaftlich bestätigen. „Die regelmäßige Anwendung der Heilmittel über einen bestimmten Zeitraum von mindestens drei Wochen zeigt einen anhaltenden Kureffekt von mehreren Monaten bis hin zu einem Jahr!“, entkräftet Marktl die Befürchtungen vieler Patienten, dass der Kureffekt den Aufenthalt nicht wirklich lange überdauert. Der Mechanismus dahinter ist leicht erklärbar: Die wiederholten Anwendungen bewirken eine Umstellung im Organismus, vergleichbar mit der Anpassung des Körpers bei einem längeren Aufenthalt im Hochgebirge. Auch der Aufbau von Muskulatur und Ausdauer beim Training beruht auf einem ähnlichen Prozess. Das Kurmittel setzt einen Reiz auf den Organismus, auf den dieser „antwortet“ – das ist der positive Kureffekt. Ein Beispiel für die Vielfalt einer Anwendung sind die Heilwässer. Sie haben durch ihre unterschiedliche Zusammensetzung auch verschiedene Wirkungen. Enthält ein Heilwasser etwa Kohlensäure, so wirkt diese erweiternd auf die Blutgefäße. Das senkt den Blutdruck. Diese positive Auswirkung lässt sich auch Monate nach der Kur noch nachweisen. Radon wird über die Haut beim Baden aufgenommen und soll die körpereigenen Reparaturmechanismen anregen. Schwefelhältiges Wasser ist sehr reizstark, hilft bei Schmerzen und hat eine starke Wirkung bei Gelenkserkrankungen. „Wichtig ist, dass ein kompetenter Arzt das richtige Kurmittel auswählt. Ohne ärztliche Verordnung, quer durch das große Angebot möglichst viel an einem Tag zu versuchen – davon ist wirklich abzuraten. Es kann mehr schaden als nützen“, warnt Marktl.