Auswärts essen – Genuss zelebrieren
Viel zu oft essen wir aus Gewohnheit, im Stehen, gedankenverloren – eben ganz nebenbei, ohne dass wir es wirklich registrieren. Dabei bleibt der kulinarische Genuss oft auf der Strecke – die kleine, ganz bewusste Gaumenfreude, die sinnbildlich für ein kleines Stückchen Lebensfreude steht.
Ein riesiger Berg von Akten, der dringend bearbeitet werden muss, ein überquellender virtueller Posteingang und eine bevorstehende Konferenz, auf die man sich – wie könnte es anders sein – dringend vorbereiten sollte. Justament in diesem zeitlich gänzlich ungünstigen Moment meldet der Magen an das Großhirn: „Bitte um sofortigen Nahrungsnachschub!“
Und weil des Bauches Wunsch schließlich Befehl ist, schlingt man zwischen Tür und Angel schnell einen Schokohappen hinunter. Ein Genusserlebnis? Weit gefehlt! Hauptsache, das Hungergefühl ist ausradiert. „Stress ist das Gegenteil von Genuss. Genießen bedarf einer fokussierten Aufmerksamkeit“, weiß Mag. Hanni Rützler, Ernährungswissenschafterin, Gesundheitspsychologin und Leiterin des Futurefoodstudios. Dabei wäre bewusster Genuss gerade in Stresszeiten wichtig.
„Wer nicht genießt, wird ungenießbar!“
Hand aufs Herz: Können Sie detailgenau aufzählen, was Sie am Tag zuvor gegessen haben? Vielleicht wird Ihnen das leckere Hühnerfilet mit Reis aus der Betriebskantine einfallen oder der Kornspitz, den Sie als gesundheitsbewusster Esser zum Frühstück verspeisten. Die Kekse aus der Schreibtischlade, die Ihnen über das Mittagstief hinweggeholfen haben; das kleine, von der Kollegin aufoktroyierte Stück Torte und das Gläschen Wein zu Feierabend fallen dann schon eher unter die Kategorie „verzehrt, aber bereits vergessen“.
Es gibt viele Faktoren, die unser Essverhalten beeinflussen, aber der wenigsten davon sind wir uns tatsächlich bewusst. Vieles passiert aus Tradition und Gewohnheit – das Stückchen Kuchen am späten Nachmittag zum Beispiel gehört halt einfach dazu. Rützler weiß aus ihrer Praxis: „Vorbilder haben einen maßgebenden Einfluss auf die Genussfähigkeit. Viele Menschen haben Genießen einfach nicht gelernt, weil sie es beispielsweise gewohnt waren, immer brav aufzuessen. Sie erlauben es sich gar nicht, zu genießen.“
Leere Akkus aufladen lernen
Vielfach ist es auch gar nicht der Hunger, der unsere Nahrungsaufnahme steuert. Viel eher ist es „Freund“ Gusto, der uns zur besonders schmackhaft aussehenden Praline greifen lässt. Und weil sich meist noch während des Kauens Schuldgefühle der Figur wegen breitmachen, kann von Genuss keine Rede sein.
Bei Stress verhält es sich ähnlich. „Wenn man im Stress ist, nimmt man deutlich weniger wahr“, weiß die Ernährungsexpertin. Viel zu selten nehmen wir uns die Zeit, um unsere Mahlzeit tatsächlich zu genießen. Dabei baut Genuss immer auch einen kleinen „Belastungspuffer“ auf. Durch bewusstes Genießen können leere Akkus aufgeladen werden. So nach dem Motto: Auch wenn an der Belastung an sich nichts zu ändern ist, kann man sich widerstandsfähig machen, indem man sich Gutes tut und sich ein bewusstes (kulinarisches) Genusserlebnis gönnt.
Sich verwöhnen lassen,
bedeutet genießen lernen
Männer scheinen sich in punkto Genießen tendenziell leichter zu tun als Frauen. Ihr Umgang mit dem Essen ist meist lustbetont und am eigenen Geschmack orientiert. Im Gegensatz dazu haben Frauen ein eher ambivalentes Verhältnis zum Essen. Die Motive für die Nahrungsauswahl orientieren sich häufiger am Gesundheitsbewusstsein und am Schlankheitsideal.
Und was bestellen Herr und Frau Österreicher, wenn sie sich auswärts verwöhnen lassen? Männer bevorzugen deftige Kost, scharfe Gewürze und dazu – jawohl, richtig geraten – ein zünftiges Bier. Frauen mögen es leichter. Sie wählen Gemüse-, Fisch- und Nudelgerichte und sind – sofern das schlechte Gewissen nicht dazwischenfunkt – auch vom Süßspeisensektor angetan.
Wobei ein wesentliches Stichwort gefallen ist: Das schlechte Gewissen, das auf unmittelbaren Kriegsfuss mit dem Genuss steht. Doch auch Genießen lässt sich lernen, denn „Genuss an sich ist nichts Exotisches, nichts Elitäres“, weiß Rützler aus ihrer langjährigen Erfahrung (weshalb sie auch Genuss-Seminare anbietet). Am besten gelingt Genießen in stilvollem Ambiente – zu zweit in einem guten Restaurant oder im Kreise lieber Freunde. Denn die Sinne sind beim Genuss ganz wesentlich.
Doch worauf kommt es beim Genießen konkret an? Hanni Rützler rät: „Entdecken Sie neue Ess-Erlebnisse und versuchen Sie herauszufinden, was Ihnen selbst gut tut. Überlegen Sie sich auch, wann für Sie der richtige Zeitpunkt dafür ist.“ Genuss braucht eben Zeit. Der Vorteil bei einem Restaurantbesuch ist, dass „Störquellen“, die vom Essen ablenken, wegfallen. Bestes Beispiel: der Fernseher. Auch wilde Schlemmergelage haben nichts mit Genuss zu tun, denn Quantität bedeutet nicht zwingend Qualität. Daher gilt: Erlauben Sie sich zwischendurch kleine Portionen Ihrer Lieblingsspeise und zelebrieren Sie das Genusserlebnis ganz bewusst – und ohne schlechtes Gewissen.





