Alles im grünen Bereich
Er bringt unseren Körper in Fahrt – und ist bei jedem dritten Österreicher zu hoch. Der Blutdruck ist ein Spiegelbild unserer Gesundheit. Mit bewusster Lebensführung kann man ihn optimal in Balance halten.
Prim. Doz. Dr. Harald Stingl, Leiter der Abteilung für Innere Medizin am Landes-
klinikum Melk
Landesklinikum Melk Krankenhausstraße 11 3390 Melk
Tel.: 02752/9004-0
www.melk.lknoe.at
Kennen Sie den Reifendruck an Ihrem Auto? Kennen Sie auch Ihren Blutdruck? Nicht ganz sicher? Dann sollten Sie ihn bewusst ins Visier nehmen, denn wie mit dem Druck in den Autoreifen ist auch der Blutdruck ein wichtiger Wert, um auf der sicheren, gesunden Seite zu sein. Ist der Druck in den Reifen zu hoch, fördert das den Verschleiß. Ähnlich ist es beim Blutdruck. Ein zu hoher Druck in den Blutgefäßen belastet diese und ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Arteriosklerose. Bluthochdruck kann auch den Herzmuskel schwächen, er verdickt und versteift sich und kann nicht genügend Blut in die Gefäße pumpen, daher nicht mehr ausreichend Sauerstoff in die Organe transportieren. Es kommt zu Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, bei Arteriosklerose im schlimmsten Fall zu Herzinfarkt oder Schlaganfall.
All das ist vermeidbar, wenn der Blutdruck im optimalen oder normalen Bereich liegt. „Der sogenannte optimale Blutdruck liegt bei einem Wert bis zu 120/80 mmHg, als noch normal wird ein Wert bis zu 130/85 mmHg bezeichnet“, erklärt Prim. Doz. Dr. Harald Stingl, Leiter der Abteilung für
Innere Medizin am Landesklinikum Melk. Ab einem Wert von 140/90 mmHg spricht man von Bluthochdruck (Hypertonie). Stingl: „Ab einem
gewissen Alter nimmt besonders der systolische, also der erste Wert zu. Das liegt daran, dass sich die Gefäße im Laufe der Zeit verändern.“
Ein Stimmungsbarometer
Der Blutdruck ist nicht jeden Tag gleich. Bei großen Aufregungen, körperlicher Belastung, Stress oder auch bei Sport erhöht er sich. Während er sich nach dem Sport wieder im Normalbereich einpendelt, sind Stress und emotionale Dauerbelastung jedoch Risikofaktoren dafür, dass der Bluthochdruck kontinuierlich hoch bleibt. Das hängt unter anderem mit der Produktion des Hormons Adrenalin zusammen, das in Stresssituationen aus der Nebenniere freigesetzt wird. Im weiteren Verlauf werden andere Hormonabläufe über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse gesteuert, ein Reglersystem, das sich die Natur für gefährliche Situationen ausgedacht hat. In einem komplizierten Zusammenspiel signalisiert das Gehirn
„Achtung, Gefahr!“, es erfolgt eine Kaskade von weiteren Hormonen, die freigesetzt werden. Dem Körper wird vermehrt Energie zur Verfügung
gestellt, um sich der herausfordernden Situation anzupassen. Die Natur hat es in der Evolution so vorgesehen, damit wir gegen feindliche Angriffe gewappnet sind.
Risikofaktoren ausschalten
Bedrohungen von wilden Tieren oder anderen Gefahren aus der Natur müssen wir nicht mehr trotzen. Die heutigen „Angreifer“ sind Lebensstilfaktoren wie Leistungsdruck, Hektik und Bewegungsmangel. Die gute Nachricht: Bluthochdruck ist ein vermeidbarer Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Um Hypertonie zu vermeiden, ist es also günstig, etwa Stress zu meiden. Ungesunde Lebensstilfaktoren wie Übergewicht, zu wenig Bewegung, zu viel Salz und Fett, Rauchen und Alkohol schädigen ebenfalls: Bewegungsmangel lässt den Kreislauf „einrosten“, zu viel Salz bindet Wasser im Gewebe, wodurch das Blutvolumen und damit auch der Druck in den Gefäßen steigt. Fett setzt sich in den Arterien ab, verklumpt und führt zu Arteriosklerose. Rauchen verengt die Gefäße, das Blut muss sich mit größerem Druck durch kleinere Gefäße bewegen. All diese Faktoren kann man selbst vermeiden.
Blutdruck „im Keller“
Während Bluthochdruck oft gesundheitliche Folgen hat, ist ein niederer Blutdruck meist eher harmlos. Experte Stingl weiß: „Häufig leiden junge Frauen an einem zu niedrigen Blutdruck, viele kennen das damit einhergehende Schwindelgefühl. Es kann zu einer orthostatischen Gefäßreaktion, also zu einem Kreislaufkollaps oder gar Bewusstlosigkeit kommen.“ Grundsätzlich sind Menschen mit zu niedrigem Blutdruck nicht krank und müssen nicht behandelt werden.
Anders verhält es sich jedoch beim Patienten, die medikamentös zu niedrig eingestellt sind: Für ältere, gefäßkranke Menschen oder Diabetiker ist ein zu niedriger Blutdruck gefährlich. In diesem Fall muss der Arzt die Medikation ändern.
Kombination von Medikamenten
Moderne Medikamente haben nicht nur eine blutdrucksenkende Wirkung, sondern sie schützen auch die Gefäße. Daher wird heute vom Arzt meist eine Kombination unterschiedlicher Wirkstoffe gegen Bluthochdruck verordnet. „Eine gute Therapie ist meist eine Kombination mehrerer Substanzen, die bestimmte Angriffspunkte haben. Daher ist jede Therapie individuell auf den Betroffenen zugeschnitten“, weiß der Experte.
Was Sie selbst tun können, ist, den Blutdruck im Auge zu behalten: Den Blutdruck messen kann man mit einem guten Blutdruckmessgerät bequem zuhause. „Messen sollte man immer im Ruhezustand“, rät Stingl, und die Bedingungen sollten immer möglichst gleich sein, um einen aussagekräftigen „Mittelwert“ nach aufeinanderfolgenden Messungen zu erhalten.
Ein Blick in die Zukunft
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Vitamin D und Bluthochdruck gibt: Im Tierversuch wirkt sich
Vitamin D günstig auf den Knochenstoffwechsel aus, ein Mangel aber kann zu Bluthochdruck führen. Derzeit laufen dazu verschiedene Studien.
Eine Therapieoption der Zukunft ist ein kleines elektronisches Teilchen, kleiner als eine Streichholzschachtel, doch hoch intelligent: Blutdruck-Schrittmacher heißt die Hightech-Innovation, die sich für Betroffene eignet, die auf keine Medikation ansprechen. Das elektronische Teil wird unter dem Schlüsselbein implantiert. Eine angeschlossene Elektrode wird mit der Halsschlagader verbunden, genauer mit den sogenannten Baro-Rezeptoren, die direkt mit dem Gehirn verbunden sind. Die Elektrode sendet Impulse an das Gehirn und signalisiert „Bluthochdruck“. Es setzt daraufhin Mechanismen in Gang, die den Blutdruck senken. Wegen der hohen Kosten wird das Gerät nur bei Patienten implantiert, die auf medikamentöse Therapie nicht ansprechen. Europaweit wird seine Wirkung derzeit an 300 Betroffenen getestet.
Für alle, die lieber sofort eine blutdruckgerechte Lebensweise einleiten möchten, empfiehlt sich das altbewährte Rezept: regelmäßig Bewegung, fett- und salzarme Kost, Verzicht auf Rauchen und Alkohol. Und schließlich garantiert auch eine
bikini- und badehosentaugliche Silhouette, dass der Blutdruck nicht wegen Übergewicht aus dem Optimalbereich rudert.
Systolisch – diastolisch
Der erste Wert des Blutdrucks wird als systolischer Wert bezeichnet. Er steht für die Muskelarbeit des Herzens bzw. wie oft sich der Herzmuskel anspannt. Der zweite (diastolische) Wert bezeichnet den Vorgang des Erschlaffens des Herzmuskels. Er gibt Aufschluss über den Spannungszustand der Gefäße.





