Ab auf die Matte
Egal welches Ziel man verfolgt – Ausdauer, Muskeltraining, Gewichtsreduktion oder Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten: Die Kampfsportarten Karate und Judo eignen sich sowohl für Kinder als auch für ältere Menschen.

Im Sportzentrum Niederösterreich in St. Pölten trainieren die Hobby-Karateka zwei Mal pro Woche. Foto: Philipp Monihart
Spätestens seit den Martial-Arts-Filmen der 70er-Jahre sind Karate, Judo, Kung-Fu, Kickboxen oder Taekwondo auch in Europa bekannt. Man verbindet die fernöstlichen Kampfsportarten meist mit Bruce Lee, Jackie Chan oder Jean-Claude Van Damme und stellt sich vor, wie Menschen durch die Luft gewirbelt werden, Kämpfer meterhoch springen und ein einziger Held gegen eine Vielzahl von Bösewichten gleichzeitig antritt, die er mühelos besiegt. Doch bei den Kampfkünsten geht es
um viel mehr als bloße Gewalt und spektakuläres
Herumgeturne.
Der Körper als Waffe
Der Erzählung nach entwickelte der südindische Mönch Daruma Taishi im sechsten Jahrhundert nach Christi Geburt das Shaolin-Kung-Fu in einem chinesischen Kloster, damit die dort lebenden Mönche die körperliche Fitness besaßen, ihre langen Meditationen durchzuhalten. Im 14. Jahrhundert kam die Lehre nach Okinawa, wo sie ab der Besetzung der Insel durch japanische Shimazu-Krieger an Bedeutung gewann. Der Bevölkerung war es verboten, Waffen zu tragen, sogar Küchenmesser wurden konfisziert und Dörfern teilweise nur ein Messer für alle Einwohner belassen, das an einem Seil am Dorfbrunnen oder einer anderen zentralen Stelle befestigt war. So wollten die Shimazu einen Aufstand verhindern. Das führte zu einem Boom des Kung-Fu, da man dabei nur seinen Körper als Waffe einsetzte. Es wurde gelehrt, Angriffen schnell auszuweichen und einen Menschen im richtigen Moment mit nur einem Schlag zu töten. Diese Veränderungen prägten das Okinawa-Kung-Fu zu einem neuen Stil, der heute als Karate bezeichnet wird. Karate bedeutet übersetzt „Leere Hand“.
Beide Seiten trainieren
Erhard Kellner ist pensionierter Turn- und Psychologielehrer und Vizepräsident des Österreichischen Karatebundes. Außerdem leitet er den UKC Zen-Tai-Ryu HAK St. Pölten, der sich mit allen Varianten des Karate beschäftigt. „Karate kann als die japanische Variante des chinesischen Tai Chi und des Qigong bezeichnet werden. Die Bewegungen in den Grundübungen sind sich sehr ähnlich, nur die Geschwindigkeit, mit der sie durchgeführt werden, ist eine andere. Das liegt daran, dass die Chinesen ein sehr hintergründiges Volk sind und die Japaner einfach härter“, erklärt er.
Selbst hat er den Sport in seiner Wehrdienstzeit im Jahre 1966 kennengelernt, nachdem Karate kurz zuvor nach Österreich gekommen war. Kellner war damals Turmspringer und suchte einen Ausgleichsport, um Wirbelsäulenschäden vorzubeugen, die im Hochleistungsbereich häufig auftreten. „Man springt immer mit demselben Fuß ab, es ist eine sehr einseitige Sportart. Darum war es wichtig, einen Ausgleich zu finden. Karate hat mir genau das geboten, denn egal was man lernt, man macht es auf beiden Seiten. Zuerst links, dann rechts.“ Das stellt selbst die jüngsten Schüler vor ein Problem, denn durch Alltagsbewegungen eignet man sich bereits eine gewisse körperliche Einseitigkeit ein, die man im Zuge des Karatetrainings erst überwinden muss.
Was erwartet mich?
Zu Beginn ist beim Karate-Training körperliche Fitness überhaupt noch nicht gefragt, denn in den ersten Stunden wird geübt, wie man seine Hand richtig zur Faust ballt oder wie man stabil steht. Dann folgen grundlegende Übungen in Form von Bewegungsabläufen, diese werden Kata genannt. Hier werden Faustschläge und Blöcke ausgeführt, außerdem werden grundlegende Selbstverteidigungsformen gelehrt. „Wer dann länger dabei bleibt, lernt echte Selbstverteidigung“, ergänzt Trainer Kellner. Der Sport an sich kann also von jedermann ausgeübt werden. Katas sind auch für Senioren möglich, weil man deren Intensität nach Belieben steuern kann. Im Wettkampfbereich ist bei der Kata der Rhythmus, die Schnelligkeit, der sichere Stand und die Härte der Schläge und Tritte wichtig.
Kraft & Ausdauer
Erst beim Kumite, also dem Zweikampf, sind auch im Hobbybereich Kraft und Ausdauer notwendig. Man versucht dabei, den anderen zu treffen, ohne ihm wirklich weh zu tun. Ein wichtiger Punkt beim Karate ist auch das meditative Element, das in unserer westlichen Welt vor und nach dem Training meist nur mehr angedeutet wird. „Karate hat aber sehr viel mit Zen-Meditation zu tun“, erzählt Kellner, Träger des achten Dan, „man starrt auf eine weiße Wand und versucht an nichts zu denken. Das ist sehr schwer. Aber man übt es, um die Fähigkeit zu entwickeln, sich voll und ganz auf seinen Gegner zu konzentrieren. Man darf keine seiner Bewegungen verpassen, das ist ja in jedem Sport wichtig. Auch die Schifahrer sagen oft nach einem Fehler, dass sie nicht bei sich, also unkonzentriert, waren.“ Er empfiehlt den Sport jedem, der lange gesund bleiben möchte, denn die Ausübung von Karate führt zur Kräftigung des Körpers, erhöht die Ausdauer und hat eine positive Wirkung auf Muskulatur, Immunsystem, Kreislauf und das Energiesystem. „Durch das richtige Karatetraining findet aber auch eine geistige Reifung statt“, meint Kellner, „man löst Probleme dann anders als mit der Faust.“
Karate auf Krankenschein
Dass Karate auch ein Heilmittel ist, sieht man an zwei Schülern Kellners. „Wir hatten einen Buben, der in der zweiten Klasse Hauptschule zu uns gekommen ist. Er hatte ein sehr starkes Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom und war deshalb Integrationsschüler. Eine Psychologin meinte dann, er solle Karate machen. Und tatsächlich hat es ihm so sehr geholfen, sich bei den Übungen zu konzentrieren, dass er danach sogar die Handelsschule abgeschlossen hat“, erinnert sich der Trainer.
Der zweite Fall war ein Mädchen im Volksschulalter, das mit schwerer Legasthenie zu Kellner kam. „Diese Schwäche haben wir komplett weggebracht“, berichtet er stolz. Legasthenie habe mit der Rechts-links-Koordination im Gehirn zu tun und man würde oft Über-Kreuz-Übungen aus der Kinesiologie verwenden, um Betroffene zu behandeln. „Da habe ich mir gedacht, solche Über-Kreuz-Übungen haben wir im Karate doch auch“, erzählt er. Und der Erfolg gibt ihm recht.
Kellners Ziel ist Karate auf Krankenschein nach deutschem Vorbild. Er sagt: „Krank wird man im Alter meistens deshalb, weil man sich nicht mehr bewegt. Wichtig ist, neben gesunder Ernährung auch vernünftige Bewegung und geistige Beschäftigung. Das bietet Karate und das kann vom kleinen Kind bis zum Neunzigjährigen jeder machen.“
Nachgeben & aufpassen
Judo bedeutet übersetzt „sanfter Weg“ und unterscheidet sich vom Karate dadurch, dass in den meisten Fällen weder mit Schlägen noch mit Tritten gearbeitet wird. Der Begründer des Sports war der Japaner Kano Jigoro, der 1882 eine Kampfsportschule in Tokio eröffnete. Er war ein Jiu-Jitsu-Experte und entwickelte eine sanfte Variante davon, in der das Nachgeben im Kampf eine große Rolle spielt. Dennoch beinhaltete seine Judo-Form auch noch Schlag- und Tritttechniken, mit denen man Gegner ernsthaft verletzten konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Judo immer mehr zum Wettkampfsport und verbreitete sich über die ganze Welt. Gefährliche Techniken wie Schläge und Tritte wurden entfernt. Adi Zeltner, staatlich geprüfter Trainer und Diplomsportlehrer für Judo aus Neunkirchen, erläutert: „Man hat aus den Kampftechniken des Jiu Jitsu alles Gewalttätige herausgenommen und sie so systematisiert, dass man jede Bewegung tausend Mal wiederholen und miteinander trainieren kann. Man passt beim Judo aufeinander auf und sichert sich gegenseitig bei Würfen, damit mein Gegner auch nach dem Training noch mein Freund ist.“
Wie im Karate ist Selbstverteidigung eine Variante des Judo. Hier geht es darum, den anderen schnell auszuschalten, um sich aus einer Notsituation zu befreien. Beim Wettkampfsport zählt die Physis. Hier versucht man, mit Kampfwitz und Technik den Gegner in möglichst kurzer Zeit zu besiegen. Bei der Kata werden, genauso wie im Karate, bestimmte Techniken in einer bestimmten Reihenfolge durchgeführt. Auch hier geht es um die Ästhetik und die Genauigkeit. Allerdings unterscheidet sich die Judo-Kata von der im Karate dadurch, dass man sie nur zu zweit machen kann. Typisch für diesen Sport ist, dass man sehr oft zu Boden geworfen wird. „Deshalb würde ich auch jedem empfehlen, irgendwann in seinem Leben einmal Judo zu machen“, meint Adi Zeltner, „denn man lernt, wie man richtig fällt und sich abrollt, damit man sich nicht verletzt. Trainiert man das von Kindheit an, hat man keine Fallangst mehr und wird sich seltener weh tun. Man macht dann bei einem Fahrradsturz eben gemeinsam mit dem Rad eine Rolle.“
Bis ins hohe Alter
Judo eignet sich auch für ältere Menschen, da man bei den Katas Kontrolle darüber hat, was der Partner macht und besonders langsam oder behutsam vorgehen kann. Allerdings handelt es sich dabei natürlich um Würfe, weshalb eine gewisse Grundfitness vorhanden sein sollte. „Wir haben eine große Hobbygruppe in unserem Dojo in Wimpassing, die zwei bis drei Mal in der Woche trainiert. Das Alter schwankt zwischen 25 und 50 Jahren. Prinzipiell ist Judo aber eine Life-Time-Sportart, man kann sie bis ins hohe Alter betreiben“, sagt Zeltner. Immerhin sei Judo eine der Fitnesssportarten, in der die wenigsten Sportschäden vorkämen. „Beim Wettkampfsport ist das aber natürlich ganz anders“, meint der ehemalige Weltmeister im Judo der Herren zwischen 34 und 37 Jahren, „dort kommt es immer wieder zu gebrochenen Zehen, Knie- und Schulterverletzungen und Ähnlichem.“
Für den Wettkampfbereich ist auch Kraft- und Ausdauertraining unerlässlich. Zeltners 21-jährige Tochter Tina weiß das nur zu gut. Die Judoka ist seit 2011 Berufssportlerin beim HLSZ Seebenstein des Österreichischen Bundesheers und war bereits Dritte bei der U20 Weltmeisterschaft, U20 Vizeeuropameisterin, Weltcupsiegerin im Jahre 2012 und kämpft derzeit um die Olympia-Qualifikation. „Ich trainiere 17 Einheiten in der Woche. Diese dauern zwischen einer und eineinhalb Stunden. Unter zehn Einheiten pro Woche hat man im Leistungssport kaum Chancen“, erklärt die Sportlerin. Der Vater ist vieles, sagt sie: „Papa, Trainer, Physiotherapeut, Masseur, Seelsorger, einfach alles. Wir sind ein Team. Ohne ihn könnte ich das nicht.“ Auch ihren Bruder Michael trainiert der Vater seit seinem zweiten Lebensjahr.
Kein reiner Männersport
Dennoch nützt es nichts, nur Krafttraining zu machen, es ist im Hobbybereich überhaupt nicht notwendig. Judo ist eine Sportart, die nur funktioniert, wenn Körper und Geist eins sind. Beim Training lernt man, Herr über seine Körperteile zu werden. Anfangs lernt man, wie man richtig fällt, sich richtig abrollt. Später werden die Würfe immer schwieriger. Da Kraft kaum eine Rolle spielt, können auch Frauen und Männer gemeinsam Katas trainieren. „Beim Judo ging es immer schon darum, dass körperlich Unterlegene die Stärkeren besiegen können“, erklärt Adi Zeltner. „Man nützt die Kraft des anderen aus. Stellen Sie sich vor, auf einer Stärkeskala von Eins bis Zehn habe ich die Drei. Mein Gegner hat Sieben. Wenn er mich wegschiebt und ich dagegenhalte, dann werde ich den Kürzeren ziehen. Wenn ich aber seine Sieben ausnutze, rückwärts ausweiche und ihn dann an mir vorbei ziehe, dann habe ich zehn Stärkepunkte in eine Richtung angewandt. Darum geht es im Judo.
Gurte Karate
Beim Karate gibt es acht Schülergrade (Kyu), die sich in unterschiedlichen Gürtelfarben ausdrücken, wobei der weiße Gurt keinen Schülergrad darstellt.
8. Kyu – gelb
7. Kyu – orange
6. Kyu – grün
5. Kyu – blau
4. Kyu – violett
1.–3. Kyu – braun
Die zehn Meistergrade (Dan) werden mit schwarzen Gurten ausgedrückt. Bis zum sechsten Dan kann man Prüfungen ablegen. Die Meistergrade danach werden ehrenhalber verliehen.
Gurte Judo
Das System der Gürtelfarben im Kampfsport geht auf Kano Jigoro zurück, der diese 1895 im Judo einführte. Dort gibt es, wie beim Karate, acht Schülergrade (Kyu). Auch hier ist der weiße Gurt kein Schülergrad.
8. Kyu – weiß-gelb
7. Kyu – gelb
6. Kyu – gelb-orange
5. Kyu – orange
4. Kyu – orange-grün
3. Kyu – grün
2. Kyu – blau
1. Kyu – braun
Die ersten fünf Meistergrade (Dan) werden mit schwarzen Gurten ausgedrückt. Der sechste bis achte Dan sind rot-weiß und der neunte und zehnte Dan sind rot.




