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Wundergerät oder Fitness-Schmäh?

Eine gute Viertelstunde Training, eine Einheit pro Woche, und trotzdem ausreichendes Krafttraining – das verspricht EMS, die elektrische Muskelstimulation. Und hält es. Aber: Ohne Schweiß, Einsatz und einen gesunden Lebensstil geht es trotzdem nicht!


Exaktes Ausführen der Übungen und voller Einsatz von Sportler und Trainer –in Kombination mit EMS reicht dann eine Viertelstunde als effizientes Krafttraining.

Wer wünscht es sich nicht – einen trainierten, gesunden Körper, strotzend vor Muskelkraft, und all das ohne Anstrengung? Die Realität ist anders: Kräftige Muskeln müssen erarbeitet werden. Und das dauert und kostet Zeit. Rund zweimal pro Woche Krafttraining sollte es schon sein, Zeitaufwand, wenn man es nicht zu Hause macht: mit Fahrzeit mindestens zwei Stunden. Der gute Wille wäre ja da, aber nach wenigen Wochen holen der innere Schweinehund und der stressige Alltag alle guten Vorsätze ein. EMS – Elektromyostimulation, zu deutsch elektrische Muskelreizung – arbeitet mit Ganzkörperspannungen unter Stromreiz und kann so die Trainingszeit auf rund eine Viertelstunde pro Woche verkürzen.
Der Einsatz von Strom hat in der Physikalischen Medizin eine lange Tradition und wird bei verschiedensten Symptomen verordnet. Heute erobert die elektrische Muskelstimulation auch den Sport: Bei EMS schlüpft der Sportler in einen mit Elektroden versehenen Anzug, der mit einem Standgerät verbunden ist. Für ein effizientes Ganzkörpertraining wechseln Anspannungsphasen und Pause ab. Während der Spannung können bis zu zehn Muskelgruppen mit elektrischen Impulsen angeregt werden. Die Stromreize erreichen mehr Muskelschichten, als der Sportler selbst aktiv anspannen kann. Der große Vorteil im Vergleich zum herkömmlichen Krafttraining mit Gewichten: Schonung von Gelenken und Strukturen wie Bändern oder Sehnen.

Mehr und stärkere Muskeln

Das Training dauert 15 bis 20 Minuten, die einzelnen Phasen um die sieben Sekunden. Im aktiven Teil spannt der Sportler alle Muskelgruppen an und absolviert verschiedene Übungen. Die Grundstellung ist eine leichte Hocke, mit etwas nach vorne gestreckten Armen, die Finger zur Faust geballt. Der Trainer kontrolliert jede Körperhaltung genau und korrigiert Fehler sofort.
Warum es so zu einem besseren Muskelaufbau kommt, erklärt der Sportwissenschaftler Mag. Claus Bader vom Sportinstitut Bader in Wiener Neustadt: „Der Muskel spürt, dass es da eine neue, regelmäßige Spannung gibt, und folgert, dass er darauf reagieren muss. Das tut er, indem er sich mit dickeren Muskelfasern verstärkt. Als ob aus einem Zwirnfaden erst ein Garn, dann ein Kletterseil und irgendwann das Stahlseil wird.“ Durch den zusätzlichen Stromimpuls bekommt der Muskel mehr Anreiz und bildet daher noch stärkere Fasern aus.

Rehabilitation bis Spitzensport

EMS-Training hilft nach verschiedensten Krankheiten, sobald der Arzt sportliche Betätigung erlaubt. Oft sind Kondition und Kraft nach der Krankheit stark geschrumpft und müssen langsam und schonend wieder aufgebaut werden. EMS hilft aber auch  Hobbysportlern, denen die Zeit fürs Krafttraining fehlt. Und unterstützt Spitzensportler. Ein höheres Lebensalter ist kein Problem, da die Übungen individuell gestaltet werden und der Trainer auf Vorschäden wie Knieprobleme oder Schulterschmerzen Rücksicht nehmen kann. Wie bei allen neuen Sportarten oder Trainingsmethoden sollte man bei Vorerkrankungen vorher mit seinem Arzt sprechen.
Alles in allem also doch ein Wundergerät? Trainer Bader schüttelt heftig den Kopf: „Wer glaubt, ich komme da einmal pro Woche eine Viertelstunde zum Üben und werde rank und fit, wird enttäuscht. Gesunde Ernährung und moderates Konditionstraining gehören dazu!“ Ausdauer- und Krafttraining bilden gemeinsam mit der gesunden Lebensweise die starke Dreiergruppe zum Gesundbleiben. EMS hilft, die Zeit und den Aufwand für das Krafttraining gering zu halten. Für das Mehr an Zeit, das nun übrig bleibt, hat der Sportwissenschaftler gleich einen guten Tipp: „Ausdauertraining an der frischen Luft – damit haben Sie dann gleich beide Bewegungsaspekte abgedeckt!“

Fotos: Gerald Lechner