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Wie sicher fühlen Sie sich?

Sicherheit und Geborgenheit sind zentrale Grundbedürfnisse des Menschen. Sie stehen oft in einem Spannungsverhältnis zum Freiheitswunsch, doch wenn sie ernsthaft in Gefahr sind, droht das System Mensch zu kollabieren.


FOTO: istockphoto

USA, 1957: Der bedeutende Primatenforscher Harry Frederick Harlow setzt junge Äffchen ohne ihre Mutter in einen Käfig, in dem sie die Wahl zwischen zwei Attrappen haben: einer aus Draht nachgebildeten, Milch spendenden „Ersatzmutter“ und einer gleich großen, mit flauschigem Stoff bespannten „Mutterpuppe“, die aber keine Milch spendet. Was tun die jungen Affen? Sie holen sich zwar bei der Milchspenderin Nahrung, kuscheln sich dann aber sofort an die mit weichem Stoff bespannte Puppe, die keine Nahrung zu bieten hat.
Was Harlow daraus schließt, ist, dass ein kuscheliges Fell, das wohl auch so etwas wie Geborgenheit vermittelt, für einen jungen Rhesusaffen letztlich erstrebenswerter ist als eine bloße Futterquelle.

Bunt gelebte Sicherheit  

Auch für den Menschen zählen Geborgenheit und Sicherheit zu den Top Four der Grundbedürfnisse, die da sind: Bindung, Zugehörigkeit, Versorgung mit Nahrung und eben Sicherheit. „Unter normalen Umständen müssen erst diese Bedürfnisse befriedigt sein, bevor eine Person sich an herausforderndere Dinge wie etwa ihr Beziehungs- und Bindungsverhalten oder ihre private oder berufliche Entwicklung wagen kann“, erklärt der niederösterreichische Psychologe Dr. Norman Schmid vom Berufsverband der Psychologen. „Sicherheit ist ein ganz zentrales Thema des Menschen, das allerdings von Individuum zu Individuum ganz unterschiedlich gelebt wird.“
Tatsächlich gibt es Menschen, die Sicherheit ganz intensiv brauchen, während andere wiederum auch mit mehr Risiko und Veränderung gut umgehen können, und dieser Unterschied ist zum einen genetisch determiniert, zum anderen aber auch stark von frühen Kindheitserfahrungen geprägt. „Kinder, die in einem Sicherheit vermittelnden Umfeld aufwachsen und ein Grundvertrauen in die ersten Bezugspersonen und in sich selbst entwickeln konnten, tun sich im späteren Leben leichter, mit den Unsicherheiten des Lebens umzugehen. Kinder hingegen, die in ihrer ersten Lebenszeit mit oft abwesenden, ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigenden primären Bezugspersonen konfrontiert waren, entwickeln später ein größeres Sicherheitsbedürfnis“, sagt
Norman Schmid.

Geborgene Babys

Was bedeuten Sicherheit und Geborgenheit für ein Kleinkind? Wir alle glauben das zu wissen, und natürlich: Es ist in erster Linie die Anwesenheit und Nähe der Eltern, die das Kind braucht und die es auch immer wieder überprüft. Weiß es, dass die Eltern da sind, kann es mitunter auch stundenlang zufrieden alleine vor sich hinspielen oder in Geborgenheit schlafen, doch wenn etwa die Eltern – in bester Absicht – ein Kind im Wohnzimmer in den Schlaf wiegen und es dann, wenn es eingeschlafen ist, in sein Bett in seinem eigenen Zimmer legen, so kann das mitunter fatale Folgen haben: Wacht das Kind nachts auf, überprüft es sofort, ob die Situation noch so ist wie beim Einschlafen: Damals war es im hellen Wohnzimmer, und Mama oder Papa waren da, jetzt ist es allein im dunklen Kinderzimmer. So kann eher Angst und Unsicherheit gelernt werden, als wenn der oder die Kleine gleich lernt, selbständig einzuschlafen.

Zwei Seelen

So sensibel reagieren wir Menschen, wenn uns scheinbar die Sicherheit genommen wird, und hochsensibel ist in dieser Hinsicht auch die Phase der Pubertät, in der – oberflächlich betrachtet – oft alle Sicherheit zum Teufel geschickt wird und nur mehr Freiheit und Risiko zählen. Doch ganz so ist es nicht, denn: „In dieser Zeit beginnt sich zwar die Beziehung zu den Eltern zu lösen, und es gibt eine Entwicklung weg von der beschützenden Familie hinaus in die Welt mit der Chance, jede Menge interessante und spannende Dinge zu erleben, und dem Risiko, dabei da und dort enttäuscht zu werden, aber das Sicherheitsbedürfnis bleibt vorhanden, es wird allerdings in der Pubertät ganz stark von der Gleichaltrigengruppe abgedeckt“, erklärt der Psychologe Schmid.
Zwei Seelen wohnen also in der Brust von jungen Jugendlichen, und was sie antreibt, ist oft die Gratwanderung zwischen dem, was die Neugier ihnen vorgibt, und dem, was das Herz als Sicherheit sucht, und wenn all die alten und neuen Lebensbereiche, in denen Jugendliche sich bewegen, sich nicht als stabil erweisen oder Probleme bereiten, passiert bei ihnen etwas Paradoxes: Die stark empfundene Unsicherheit führt viele dazu, alle Vorsicht in den Wind zu schlagen und ganz auf Risiko zu setzen. Drogen- und Alkoholmissbrauch und ein allgemein riskantes Freizeitverhalten sind oft die Folge. Manchmal kippt alles gänzlich ins Extrem, und das Leben selbst verliert den Wert: Auf einmal ist es auch egal, wenn etwas Lebensbedrohliches passiert.

Der Faktor Vorhersehbarkeit

Anders ist das bei Erwachsenen im mittleren Lebensalter. Sicherheiten, die für sie vor allem zählen, betreffen die Verankerung im Familienverband, die Sicherheit ihrer Wohnsituation und ihres Arbeitsplatzes. In der Zeit der jüngsten Wirtschaftskrise angesichts von Massenkündigungen, Kurzarbeit und anderen drastischen Sparmaßnahmen vieler Unternehmen wurde vielen Menschen klar, wie wichtig es in diesem Lebensabschnitt ist, dass die eigene Erwerbstätigkeit zumindest relativ gesichert ist. Bei der Sicherheit am Arbeitsplatz spielt auch der Faktor Vorhersehbarkeit eine große Rolle, und er betrifft nicht nur eine gute Prognose, was den Erhalt der Arbeit angeht, sondern auch eine gewisse Sicherheit in Bezug auf das Verhalten von Kollegen und Vorgesetzten. „Für die meisten Menschen ist es im Berufsleben sehr wichtig, dass sie einschätzen können, wie die anderen, mit denen sie zu tun haben, in bestimmten Situationen reagieren werden. Dabei ist es oft weniger schlimm, zum Beispiel einen cholerischen Chef zu haben als einen, dessen Launen ständig wechseln und dessen Verhalten und Reaktionen unvorhersehbar sind“, so Norman Schmid.

Gesundheit als Wert

Noch einmal wechseln die Prioritäten des zentralen menschlichen Themas Sicherheit im Alter. Denn jetzt geht es darum, den Sinn des Lebens wieder neu zu definieren, das Erwerbsleben liegt hinter einem, nun steigen die ideellen Werte wieder hoch im Kurs, man will nicht zum alten Eisen gehören, sondern von Familie und Enkelkindern gebraucht werden, sich dort geborgen fühlen, eigene Hobbys und Ideale verwirklichen. Sicherheit wird jetzt auch sehr stark in Blickrichtung Gesundheit definiert, unter anderem auch deshalb, weil viele im höheren Alter schon mit Krankheit und deren Auswirkungen auf das gesamte Leben konfrontiert waren.

Wenn die Sicherheit einbricht

Was passiert mit unserer Psyche, wenn ein wichtiger Teilbereich unseres Lebens, der für unser sicheres Lebensgefühl garantiert, plötzlich einbricht? „Das kommt ganz darauf an, wie man psychisch ‚aufgestellt‘ ist. Grundsätzlich brauchen wir verschiedene Verankerungen im Leben, um stabil sein und uns sicher fühlen zu können“, erklärt Psychologe Schmid und nennt als Messgröße die fünf Säulen der Work-Life-Balance, die Lebensbereiche Familie und Sozialkontakte, Arbeit, Hobbys, Gesundheit und Lebenssinn: „Man kann sich das vorstellen wie ein Haus mit einem Fundament und mehreren Säulen. Gibt es nun beispielsweise im Job einen Einbruch und man verliert den Arbeitsplatz, so kippt das Gebäude nicht, weil es auf den anderen vier Säulen noch ganz gut stehen kann. Ist aber der Job weg, und es gibt vielleicht auch noch Probleme in der Familie und mit der Gesundheit, und man zweifelt zudem am Lebenssinn, dann kann dieses Gebäude der Sicherheit zu wanken beginnen und einstürzen. Die Folge sind oft massive Lebensprobleme, psychische und psychosomatische Beschwerden.“
Der Experte empfiehlt daher, die fünf Säulen der Work-Life-Balance im Sinne von Prävention immer wieder auf ihre Haltbarkeit hin zu überprüfen und die vorhandenen Ressourcen zu fördern und zu nutzen. Dann kann, wenn das Leben gleich an mehreren Sicherheitsbereichen rüttelt, etwa eine gute Paar­beziehung, der Rückhalt in der Familie oder die (Wieder)Besinnung auf gute Freunde, mit denen man sich auch  über Probleme austauschen kann, Halt geben. Als sehr sinnvoll erachtet Norman Schmid auch, sich immer wieder bewusst zu machen, dass das Haus der Work-Life-Balance eben auf mehreren Säulen fußt und nicht gleich zum Einsturz kommt, wenn eine davon wackelt.  

Schicksal und Selbstkontrolle

Wer sich mit Einbrüchen in die persönliche Sicherheit leichter tut als andere, sind übrigens Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung. Diese psychologische Größe bezeichnet die Überzeugung, durch eigene Fähigkeiten etwas tun zu können, was zu einem gewünschten Ziel führt. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit einem starken Glauben an die eigene Kompetenz und Effizienz nicht nur eine größere Ausdauer bei Aufgaben, sondern auch eine niedrigere Anfälligkeit für Angststörungen und Depressionen haben und auch mehr Erfolge im Beruf aufweisen. „Ist dieses Gefühl, etwas selbst kontrollieren oder bewirken zu können, gut entwickelt, kommt der Mensch auch besser mit Schicksalsschlägen zurecht, er kann sich rascher neu orientieren und das Beste aus einer schwierigen Situation machen“, sagt Norman Schmid. Er weist aber auch darauf hin, dass eine große Sicherheitskrise mitunter eine große Chance sein kann.

Krise als Chance

So hat etwa die jüngste Wirtschaftskrise dazu geführt, dass viele Menschen sich zu mehr rationalem Denken anstelle einer unreflektierten „Lotto-Euphorie“ besonnen haben, vorsichtiger geworden sind mit allzu schnellen Entscheidungen, was Geld betrifft, und vielfach ist auch mehr Bewusstsein für Sicherheit im Privaten entstanden: Der Familienzusammenhalt, Freundschaften und soziale Kontakte nahmen ebenso an Stellenwert zu wie die Rückbesinnung auf die Frage, was wirklich wichtig ist im Leben. Doch auch eine individuelle schwere Sicherheitskrise kann positive Effekte nach sich ziehen, selbst dann, wenn beispielsweise ein echtes Burnout daraus entstanden ist. Norman Schmid: „Wenn man die erste schlimme Zeit überstanden hat und sich dazu durchringen kann, die Faktoren, die zum Zusammenbruch geführt haben, zu analysieren und zu überlegen, was es braucht, um wieder gesund zu werden, so kann diese Neuorientierung auch dazu bewegen, Verschiedenes im Leben neu aufzustellen und so sogar zu einer besseren Lebensqualität als zuvor zu finden. Tatsächlich finden die meisten Menschen nach einer solchen Phase des Zusammenbruchs zu einem besseren Wohlbefinden, und manche sagen im Nachhinein sogar, dass ihnen das ohne die Krise nicht gelungen wäre.“