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Wenn plötzlich alles anders ist

Die eigene Welt scheint still zu stehen, wenn ein Schicksalsschlag alles auf den Kopf stellt. Die Psychologen des Akutteams Niederösterreich helfen in der Anfangszeit dabei, mit dem Erlebten umzugehen.


foto: akutteam NÖ

Sie schlagen ein in das Leben wie ein Blitz und sorgen dafür, dass nichts mehr so ist wie zuvor: Verkehrsunfälle, Verbrechen oder Suizide sind nur einige Beispiele für Schicksalsschläge, die das Leben von Menschen von einem Augenblick zum anderen auf den Kopf stellen können. Man gerät aus der Spur und verliert oft jegliche Kontrolle – die ureigenen Bewältigungsstrategien, die im normalen Alltag dabei helfen, mit kleinen Herausforderungen fertig zu werden, lassen sich plötzlich nicht mehr aktivieren. Wenn der Draht zum eigenen Leben verloren scheint, gibt es in Niederösterreich eine Einrichtung, die im Notfall rasch zur Stelle ist: Das Akutteam Niederösterreich hilft Menschen dabei, sich nach dem ersten Schock wieder zu fangen und zu beruhigen.

Ereignis wirft aus der Bahn

Die Psychologin Mag. Isolde Wagesreiter arbeitet seit vier Jahren im Akutteam und weiß, worauf es im ersten Kontakt mit betroffenen Menschen ankommt: „Das Wichtigste ist zu schauen, was passiert ist und wer involviert ist. Ich verschaffe mir einen Überblick darüber, wer meine Hilfe am nötigsten braucht.“
Wenn sie die Unfallstelle oder die betroffenen Personen zu Hause besucht, hört sie immer wieder einen Satz, so oder so ähnlich formuliert: „Ich stehe neben den Schuhen.“ Das Ereignis wirft Menschen meist aus der Bahn und macht sie handlungsunfähig. Betroffene an die eigenen Ressourcen zu erinnern und sie zu stabilisieren stehe daher anfangs an erster Stelle, berichtet die erfahrene Psychologin. Doch nicht nur das: Gerade bei Menschen, die das Unglück hautnah miterlebt haben, geistert das Gesehene oft ununterbrochen im Kopf herum. „Wenn schlimme Schreckensbilder da sind, ist es wichtig, sich davon zu distanzieren und zu lernen, wie man mit den Bildern umgeht.“ Was in solchen Ausnahmesituationen hilft, ist von Mensch zu Mensch verschieden; eines aber ist in jedem Fall tröstlich: dass einfach jemand da ist.

Wahrheit für Kinder sehr wichtig

Mitten in unvorhersehbaren Ereignissen und Tragödien stehen oft auch Kinder, die nach dem plötzlichen Geschehen ganz besonders viel Schutz brauchen. Gemeinsam mit dem Kind sucht die Psychologin dann einen ruhigen Ort, wo sich das Kind sicher fühlt. Ideal ist es, wenn eine Bezugsperson bei dem Kind bleiben kann. Und oft reicht schon ein vertrautes Plüschtier oder ein Polster, der in solch einer Situation Sicherheit spendet. Wenn ein Kind dann Fragen zu dem Geschehenen stellt, ist es gut, wenn man von Anfang an bei der Wahrheit bleibt: „Kinder fragen nur so weit, wie sie es auch verarbeiten können. Es ist wichtig, dass man die Dinge beim Namen nennt“, sagt die Psychologin.

Sich verabschieden können

Gerade bei plötzlichen Todesfällen ist es – wenn möglich – besonders wichtig, dass sich die Betroffenen von den Verstorbenen verabschieden können. „Verabschiedungen werden meist als sehr hilfreich erlebt. Denn wenn es die Möglichkeit gibt, den verstorbenen Menschen noch einmal zu sehen und anzugreifen, hilft das sehr, das Geschehene leichter zu verstehen und zu begreifen.“
Nach einem ersten Einsatz am Unglücksort oder in den eigenen vier Wänden ist die Arbeit der Psychologin oft noch nicht getan. Insgesamt sechs Stunden kann die Hilfe des Akutteams in Anspruch genommen werden – Stunden, die oft auch Wochen nach dem Ereignis sehr hilfreich sein können. „Es ist sehr unterschiedlich, wie Betroffene einige Wochen danach mit dieser Erfahrung umgehen. Ich achte darauf, wie es den Menschen geht und was sie brauchen. Es ist auch wichtig zu schauen, ob sie das Erlebte schon annehmen und ob sie trauern können“, sagt Wagesreiter.
Für Menschen, die diese Hilfe in Anspruch nehmen, hat die Psychologin verschiedene erprobte Übungen im Repertoire, um sich an die Situation zu gewöhnen und den Schicksalsschlag in das Leben zu integrieren.

Tod und Trauer sind Tabuthemen

Die Trauerarbeit, die ein Mensch nach dem Ereignis leistet, steht oft im Kontrast zur Gesellschaft, die den Tod zusehends in einer Ecke verschwinden lässt. „Ich höre immer wieder von Betroffenen, dass sich andere Menschen abwenden und sich nicht trauen, sie anzusprechen. Der Tod ist ein Tabuthema und es ist viel Unsicherheit da – das ist für die trauernden Menschen oft sehr schwer“, erzählt Wagesreiter. Dabei ist vor allem wichtig, diese innere Wunde durch Trauerarbeit zu heilen, um wieder nach vorne zu blicken und sein Leben neu zu meistern.  
Die Trauer um den geliebten Menschen kommt aber oft nicht in den ersten Wochen oder Monaten, denn da herrscht meist noch ein regelrechtes Gefühlschaos: „Nach dem ersten Schock reagieren die Menschen manchmal auch mit Wut und Zorn. Viele Betroffene bekommen dann auch noch ein schlechtes Gewissen wegen ihren Gefühlen – doch auch dieses Gefühlsgemisch darf sein, denn es zeigt, dass der Körper und die Seele gut funktionieren.“  
Wenn einfach noch kein Platz für die Trauer im Leben ist, ist das auch eine Form von Trauer – das Geschehene war einfach so schmerzhaft und verletzend, dass die Seele noch etwas Zeit braucht, um sich dem Erlebten zu stellen und hinzugeben.

Nicht alle sind traumatisiert

Ob ein Mensch nach dem ersten Schock traumatisiert bleibt, ist ganz unterschiedlich, denn es kommt auch da wieder auf die eigenen Ressourcen an. „Manche Menschen, etwa ein Drittel, benötigen gar keine Hilfe. Ungefähr ein Drittel nimmt Unterstützung am Anfang in Anspruch und ein weiteres Drittel erholt sich durch eine darauffolgende Therapie.“ Die erfahrene Psychologin merkt vor allem bei späteren Besuchen bei den Betroffenen, ob das Erlebte gut angenommen werden konnte oder das Ereignis immer noch das komplette Leben auf den Kopf stellt. „Wenn Menschen nach wie vor nicht zur Ruhe kommen und nicht schlafen können, aber vor allem wenn sie zu jeder Zeit noch in dem Erlebnis drinnen sind, dann liegt eine Traumatisierung vor.“

Einsatzbereit rund um die Uhr

Unvorhergesehene Ereignisse treten zu unterschiedlichsten Zeiten auf – der Journaldienst des Akutteams, der meist durch den Notruf 144 alarmiert wird, ist 24 Stunden im Einsatz. Isolde Wagesreiter ist für den Bereich Niederösterreich Mitte im Raum St. Pölten und Lilienfeld unterwegs. Wenn sie Bereitschaft hat, steht ihr Auto vollgetankt in der Garage und ein gepackter
Rucksack wartet im Flur. Mit dabei hat sie neben Visitenkarten und einem Akutteam-Bären für Kinder auch Erstinfo-Zettel, die Angehörigen Tipps für die erste Zeit geben. Denn auch wenn sie mit den Menschen über hilfreiche Maßnahmen spricht, vergessen die unter Schock stehenden Personen meist einiges davon wieder. „In
solchen Situationen ist oft weniger mehr. Ich hinterlasse deshalb entsprechende Info-Zettel – und auch die Telefonnummer auf der Visitenkarte hilft den Menschen oft weiter, denn wir sind auch telefonisch erreichbar.“

Rituale helfen den Helfern

Isolde Wagesreiter wird in ihren Einsätzen mit Ereignissen und Schicksalsschlägen konfrontiert, die oft nicht schlimmer sein könnten. Umso wichtiger ist es, dass sie sich selbst schützt. Die Frau ist ausgebildete Notfallpsychologin – die Ausbildung selbst setzt sich unter anderem mit Maßnahmen auseinander, wie die Psychologen mit dem Gesehenen umgehen. Wichtig seien dabei Rituale, erzählt die Psychologin. Sie wäscht sich nach einem Einsatz immer die Hände, hört schöne Musik im Auto und kommt so wieder bei sich selbst an. „Rituale geben Sicherheit und Ordnung. Ich kann nur Sicherheit vermitteln, wenn ich mich selbst sicher fühle“, erklärt Wagesreiter. Im Hintergrund der Psychologen, die im Einsatz sind, arbeitet immer der Journaldienst, der aus Sozialarbeitern besteht. Wenn Kontaktadressen oder sonstige Informationen benötigt werden, sind die Kollegen im Hintergrund zur Stelle. Außerdem gibt es Intervisions- und Supervisionsangebote für die in den Teams arbeitenden Psychologen.
Das Gefühl, in ausweglosen Situationen helfen und unterstützen zu können, ermutigte Wagesreiter, diesen beruflichen Weg einzuschlagen. Am Ende der sechs Stunden, die sie bei Betroffenen verbringt, stellt sie oft die Frage, was am meisten geholfen hat. „Das ist ganz unterschiedlich. Aber vielen hilft es, dass ein Außenstehender da ist und Zeit hat.“ Und egal ob Menschen im ersten Schock über das Erlebte sprechen, wütend oder traurig oder einfach in sich gekehrt sind, eines ist für jeden tröstlich: Dass in jenem Moment, wo das Leben aus der Spur gerät und die Welt in sich zusammenfällt, jemand da ist, der einen auffängt.