< vorhergehender Beitrag

Wenn ein Unglück Glück bringt

Seine Behinderung sieht Andreas Onea als Geschenk Gottes. Seine positive Einstellung zum Leben ist bewundernswert, sein Lächeln einfach nur ansteckend. Im ehrgeizigen Schwimmer steckt aber auch ein ziemlich kritischer Geist, der sich nur ungern den Mund verbieten lässt.


Bei den Paralympics in London startete Andreas Onea über 200 Meter Lagen, 100 Meter Delfin und 100 Meter Brust. Seine Paradedisziplin – 200 Meter Brust – ist hingegen nicht olympisch. Nach der knapp verpassten Medaille ist Oneas Blick schon wieder auf das nächste Karriere-Highlight gerichtet: die WM in Kanada 2013. Fotos: OEPC/GEPA-Pictures

26 Hundertstel. Sie trennten Andreas Onea von seinem großen Traum – einer Medaille bei den Paralympics in London 2012. Die harte Arbeit, die vielen Trainingsstunden und Entbehrungen blieben unbelohnt. Dass der 20-jährige Deutsch-Wagramer neue persönliche Bestzeit und neuen österreichischen Rekord schwamm, war nur ein geringer Trost. Er war eben „nur“ Vierter bei einem Großereignis geworden, bei dem nur die ersten Drei zählen und nur sie im Rampenlicht stehen. „Ich bin voll zufrieden mit dem, was ich geleistet habe, aber mit dem Ergebnis habe ich noch nicht endgültig abgeschlossen“, hat Onea die Enttäuschung über den 100-Meter-Brust-Bewerb von London auch Wochen danach noch nicht richtig verdaut. Der Niederösterreicher kennt aber das passende Mittel gegen den Frust – und das heißt neue Ziele setzen. „Nach dem Anschlagen habe ich die Platzierung auf der Anzeigetafel gesehen – da war einen Moment lang nur Leere im Kopf, einfach Stille. Der nächste Gedanke war dann aber sofort: 2016 in Rio mache ich Gold – egal, wer sich mir in den Weg stellt.“

Schicksal als Chance

Aufgeben hat im Vokabular des Andreas Onea
nämlich keinen Platz. Heute nicht und auch vor 14 Jahren nicht, als das Schicksal den damals Sechsjährigen und seine Familie vor eine schwere
Prüfung stellte: Auf dem Heimweg aus dem Urlaub begann es zehn Kilometer nach der rumänisch-ungarischen Grenze plötzlich stark zu regnen. Öl auf der Fahrbahn, das ein Lkw verloren hatte, brachte den Wagen der Oneas ins Schleudern, die kaputten Straßen waren dann der Auslöser dafür, dass sich das vollbesetzte Auto zehnmal überschlug. „Mich hat es währenddessen aus dem Auto gefetzt. Der Gurt hat mir dabei den linken Arm abgerissen. Aber ohne Gurt wäre ich meterweit geflogen und heute nicht mehr hier“, schildert Andreas Onea die tragischen Momente. Seine beiden Brüder blieben bei dem Unfall unverletzt, seine Eltern trugen schwere Verletzungen davon, sein Großvater starb.
Eigentlich Grund genug, um den Unfall zu verdammen. Nicht so für Andreas Onea. „Ich glaube an den großen Sinn dahinter und bin Gott dankbar für den Unfall, weil ich weiß, jetzt kann ich diese Mission erfüllen und den Leuten erzählen, dass aus all dem Schlechten etwas Gutes herauskommen kann. Man muss nur daran glauben und etwas tun. Man muss sich sagen: Okay, das ist jetzt so, aber ich nehme mein Leben in die Hand und mache was daraus. Das versuche ich trotz meiner jungen Jahren weiter­zugeben“, erklärt der Deutsch-Wagramer. Die Zeit zurückdrehen würde er gar nicht wollen, Gedanken an ein Leben ohne Behinderung hat er nie verschwendet. „Warum etwas ändern wollen, wenn das Leben eh perfekt ist, so wie es jetzt ist. Einen Andreas Onea mit zwei Armen würde ich nicht nehmen, weil ich einfach weiß, dass ich durch den Unfall der Mensch bin, der ich heute bin. Und das will ich nicht ändern.“ Starke Worte für einen 20-Jährigen, die Ausdruck einer starken Persönlichkeit sind und beweisen, dass Andreas Onea sein Schicksal bravourös gemeistert hat.
Mit seiner Behinderung kam der sechsjährige Andreas von Beginn an gut zurecht. Seine Eltern suchten mit ihm gemeinsam nach Wegen, um sich etwa selbst die Schuhe zu binden oder sich alleine anzuziehen. „Nach einiger Zeit in der Therapie habe ich gesehen, dass ich alles selber machen kann und ganz normal bin“, erinnert er sich.
Normal wurde für den Nichtschwimmer, der vor dem Unfall immer Angst hatte unterzugehen, auch bald das Schwimmtraining, das er zur Stärkung der Muskulatur und Verbesserung der Koordination am Weißen Hof in Klosterneuburg in Angriff nahm. Aus einer Schwimmeinheit pro Woche wurden bald zwei und erste Wettkämpfe standen am Programm. Mit 12 wurde Onea dann zum ersten Mal Staatsmeister. Es folgten kleinere internationale Auftritte und 2008 dann die Paralympics in Peking. In diesem Jahr schwamm Onea auch erstmals Weltrekord. „Mit 16 einen Weltrekord zu schwimmen, das war schon ein Wahnsinnserlebnis, auch wenn er dann drei Wochen später wieder weg war. Aber ich konnte mir dadurch die Motivation für die nächsten Jahre holen.“

Schlecht bezahlter Fulltimejob

Motivation und Ehrgeiz braucht Andreas Onea auch heute, denn mittlerweile ist das Schwimmen zum Beruf geworden, das Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft ruht. Dafür bliebe momentan auch gar keine Zeit, denn der Tag des 20-Jährigen ist mit Trainingseinheiten mehr als ausgefüllt. Trainingsbeginn ist um 6 Uhr früh im Wiener Stadionbad, wo Onea zweieinhalb Stunden seine Längen zieht. Von 9 bis 12 Uhr geht es zum Krafttraining, danach hat der gebürtige Zwettler zwei Stunden Zeit zum Essen und Erholen. Am Nachmittag folgt die nächste Schwimmeinheit, ehe sich Onea auf den Weg nach Hause macht, wo er noch eineinhalb Stunden Grundlageneinheiten am Fahrradergometer leistet. Danach stehen noch Stabilisation, Gymnastik oder Mobilisation am Trainingsplan. Neun Stunden Training pro Tag, sechsmal in der Woche – der Trainingsalltag eines Leistungssportlers. Nur dass man als österreichischer Behindertensportler trotz Weltklasseleistungen – im Gegensatz zu anderen Ländern – nicht vom Sport leben kann.
„Es gibt brasilianische Schwimmer, die verdienen 25.000 Euro im Monat. In Österreich ist die Welt­klasseförderung weniger als die Mindestsicherung. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen“, nimmt sich Onea kein Blatt vor den Mund. Seit
diesem Jahr werden auch die Behindertensportler von der österreichischen Sporthilfe unterstützt. Das bringt Andreas Onea 440 Euro im Monat ein. Eigentlich wenig, aber viel im Vergleich zu seiner bisherigen Unterstützung: „Letztes Jahr hab ich 125 Euro Individualförderung vom österreichischen Behindertensportverband bekommen.“ Dass sich Andreas Onea aber trotzdem voll auf den Sport konzentrieren kann, verdankt er Initiativen wie Stars4Stars der Fußballprofis Christian Fuchs und Robert Almer. Die beiden unterstützen ausgewählte Behindertensportler vor allem finanziell. „Sie decken die Kosten, die sonst
keiner übernimmt wie Flüge, Hotel, Trainer oder Material“, ist Onea dankbar für das Engagement der beiden Deutschland-Legionäre.

Kampf gegen Windmühlen

Nicht nur die fehlende finanzielle Anerkennung liegt Andreas Onea im Magen, auch die fehlende Wertschätzung des Behindertensports an sich und die suboptimalen Trainingsbedingungen machen ihn traurig. „Wenn ich sage, ich bin genauso Vierter geworden wie Dinko Jukic, also erwarte ich mir die gleiche Wertschätzung, dann zeigen mir alle den Vogel und sagen, du warst ja nur bei den Paralympics. Da denke ich mir dann schon, Leute, was wollt ihr, warum geht das nicht in eure Köpfe, dass das genauso Hochleistungssport ist.“
Dabei hat Onea heuer bereits bei den Nichtbehinderten gewaltig aufgezeigt. Bei der Staatsmeisterschaft in Innsbruck gewann er trotz seiner physiologischen Benachteiligung das B-Finale über 200 Meter Brust. „Auf diese Leistung bin ich sehr stolz und ich habe mich sehr über die atemberaubende Atmosphäre gefreut, mit der mich das Publikum zu diesem großen Erfolg angespornt hat. Man hat durch die Reaktion gesehen, dass der Behindertensport auch publikumstauglich sein kann.“ Dafür, dass der Behindertensport in Österreich mehr an Attraktivität und Bekanntheit gewinnt, möchte Andreas Onea auch mit seiner neuen Aufgabe sorgen: Gemeinsam mit der niederösterreichischen Behinderten-Skisportlerin Claudia Lösch moderiert er seit 4. Oktober das Behindertensport-Magazin „Ohne Grenzen“, das 14-tägig auf ORF Sport+ ausgestrahlt wird.
Kein gutes Haar lässt Onea hingegen an den Trainingsbedingungen, die Schwimmerinnen und Schwimmern in Österreich und da vor allem in Wien zur Verfügung stehen. „Da muss man beinhart und ehrlich sagen, dass es eigentlich eine Katastrophe ist, was wir vorfinden“, spart der Youngster nicht mit Kritik. Fehlende oder zu wenige Bahnen sind sein tägliches Problem, genauso wie Zickzack-Schwimmen zwischen den Badegästen in den öffentlichen Bädern. Eine professionelle Vorbereitung sieht wohl anders aus. Aber auch dadurch lässt sich Andreas Onea seinen Humor nicht nehmen: „In einer Disziplin hätte ich ganz bestimmt Gold gemacht: Badegäste-Slalom.“ Der ist aber auch in Rio 2016 nicht olympisch.