Wenn das Hochwasser nachwirkt
Viele Menschen haben mitgeholfen, die Wassermassen und ihre Nachwirkungen zu beseitigen. Das hat den zahlreichen Betroffenen enorm geholfen. Doch manche Betroffene leiden auch psychisch noch länger – warum?
Mag. Eva Münker-Kramer, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Notfallpsychologin und Psychotherapeutin
Hundert Millionen Euro Schaden haben die Wassermassen Anfang Juni in Niederösterreich angerichtet – das sagte Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll am 11. Juni in einer ersten Bilanz. Das ist weniger als im Katastrophensommer 2002. Viele Schäden konnten die seit damals errichteten Schutzmaßnahmen verhindern, wie die mobilen Hochwasserschutzwände in der Wachau.
Trotzdem wurden weit über 4.000 Häuser beschädigt (Schäden durch das steigende Grundwasser nicht mitgerechnet). 1.500 Menschen mussten evakuiert werden. Soweit die nackten Zahlen. Aber es gibt auch den enormen Einsatz tausender Freiwilliger: Weit über 25.000 Feuerwehrleute waren im Einsatz, das Bundesheer stellte tagelang tausende Helfer bereit, Team Österreich, Rotes Kreuz und Arbeiter-Samariter-Bund, Zivilschutzverband und viele mehr beteiligten sich. Und die Medien zeigten Bilder dankbarer Betroffener, die durch die enorme Welle an Hilfe wieder Kraft und Hoffnung schöpfen konnten. Ein Land packt an, steht zusammen, lässt sich nicht unterkriegen.
Vertrauen ist beschädigt
Was machen solche Katastrophen mit uns Menschen? Mag. Eva Münker-Kramer hat damit viel Erfahrung gesammelt – sie leitete acht Jahre lang das Akutteam NÖ, jene hochprofessionelle Einsatzgruppe an speziell ausgebildeten Psychologen, die immer dann bereit steht, wenn schlimme Dinge passieren – Unfalltod eines Familienmitglieds, Selbstmord, Gewaltverbrechen etc.
Münker-Kramer ist Klinische- und Gesundheitspsychologin, Notfallpsychologin und Psychotherapeutin und hat schon 2002 Betroffene des Kamptal-Hochwassers betreut. Aus ihrer Erfahrung und Studien weiß sie, dass viele Menschen extreme Ereignisse recht gut wegstecken können, wenn sie sozial gut eingebunden sind und sich die schon vorhandenen persönlichen Belastungen im Alltag in Grenzen halten. „Dann können Gespräche mit Freunden und Angehörigen ausreichen, um die Belastung durch das Hochwasser abzuschütteln. Und das Erleben von Hilfe in dieser Extremsituation stärkt enorm: Man ist nicht allein, wird nicht allein gelassen – das hilft, die psychische Belastung gut zu überstehen.“ Denn ein Elementarerlebnis wie ein Hochwasser geht vielen Menschen sehr nah: Das als sicherer Ort empfundene Haus ist auf einmal nicht mehr sicher, man verliert ein ganz grundlegendes Stück Vertrauen – das zieht, wie ein Einbruch in die eigenen vier Wände, erst einmal den Boden unter den Füßen weg.
Traumatische Belastung kann bleiben
Manche Menschen brauchen allerdings mehr als die aktuelle Hilfe, um wieder Mut zu fassen, denn ein derartiges Elementarerlebnis kann auch ein Trauma auslösen. Das passiert, vereinfacht gesagt, wenn es eine Kluft gibt zwischen der als enorm bedrohlich empfundenen Situation und der Möglichkeit, sich selbst zu helfen. „Das nimmt einem die Basis“, weiß Münker-Kramer. „Das Gefühl, dass das eigene Leben bedroht ist, ist immer sehr elementar. Wenn man dieser Situation auch noch hilflos gegenübersteht, dann kann das ein tiefer Einschnitt im Leben sein und eine dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses auslösen.“
Woran erkennt man, ob ein Mensch besonders heftig getroffen ist? Zum Beispiel an Äußerungen wie „ich fühle mich aus der Bahn geworfen, der Boden unter den Füßen ist weggezogen“, „es wird nie wieder so sein wie vorher“, „es ist, als sei ein Teil von mir gestorben“, „es gibt keine Zukunft mehr“ usw.
Professionelle Hilfe
Professionelle Hilfe brauchen Menschen, wenn auch nach vier Wochen noch nicht einmal ein bisschen Licht am persönlichen Horizont aufscheint, wenn sie auch dann noch wie gelähmt sind oder sich nicht vorstellen können, je wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Und auch der Körper kann anzeigen, dass man Hilfe braucht, weiß Münker-Kramer: „2002 haben mir Menschen erzählt, dass sie tagelang nicht geduscht haben, weil sie das Geräusch von fließendem Wasser nicht aushalten konnten. Aber auch das verschwindet bei vielen Menschen in den ersten vier Wochen. Wenn es bleibt, sollte man sich Hilfe suchen.“
Kostenlose Untersuchung der Hausbrunnen
Wer im Hochwassergebiet lebt und seinen Hausbrunnen zur Trinkwasserversorgung nutzt, der sollte die Wasserqualität sicherheitshalber prüfen lassen. Denn eventuell muss der Brunnen gereinigt und desinfiziert werden.
Auf Initiative von Landesrat Dr. Stephan Pernkopf unterstützt die Energie- und Umweltagentur NÖ (ENU) Betroffene mit einer kostenlosen Hausbrunnenberatung: Begutachtung vor Ort und Untersuchung des Brunnenwassers. Die Anmeldung zur Hausbrunnenaktion erfolgt über die jeweilige Gemeinde.
Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass für die Trinkwasserversorgung nur der Hausbrunnen zur Verfügung steht und kein Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung gegeben ist.
Informationen: Wasser-Hotline der Energie- und Umweltagentur NÖ, 02742/74341, www.enu.at
Öl im Hochwasser
Wie schon 2002 schwammen auch heuer wieder zahlreiche Heizöltanks in Kellern und aus Gärten auf – ein enormes Umwelt- und Gesundheitsproblem, das auch viele Hausbesitzer noch eine Weile beschäftigen wird.
Denn das Öl stinkt nicht nur und bildet einen schädlichen Film auf dem Hochwasser, es schädigt zahlreiche Lebewesen und schadet auch dem Menschen. Christian Mokrizky, Chemiker bei der Energie- und Umweltorganisation NÖ (ENU), kennt das Problem noch vom Hochwasser 2002: „Das Öl zieht mit dem Wasser in die Wände, deshalb muss das Haus möglichst rasch trockengelegt werden. Was nicht sanierbar ist, wie Rigipsplatten, muss man herausreißen. Betonwände kann man, wenn sie richtig ausgetrocknet sind, mit einem Anstrich versehen.“ Und er rät, unbedingt Rat zu holen, zum Beispiel bei den Bezirksbauämtern.
Chemiker Mokrizky legt allen Betroffenen ans Herz, sich gut zu überlegen, ob sie beim Sanieren gleich auf nicht fossile Energieträger umsteigen, denn „das Öl gefährdet ganze Landstriche, wenn es austritt“.
Informationen: www.noe.gv.at, www.enu.at





