< vorhergehender Beitrag

Wandern am Wasser

Paddeln ist wohl die schönste Art, sich auf Seen und Flüssen fortzubewegen – und eine wunderbare Möglichkeit, die Natur aus einer unbekannten und neuen Perspektive kennenzulernen.


Foto: iStockPhoto

Lexikon: Kanu, Kajak & Kanadier  

  • Das Wort Kanu ist der Oberbegriff für alle Boote, mit denen man sich mit Paddel in Blickrichtung am Wasser bewegt. Die Fahrer eines Kanus bezeichnet man als Kanuten, Kajaker oder Paddler.
  • Kajak: Ursprünglich wurde das Kajak von den Inuit als schnelles, wendiges Boot für die Jagd entwickelt. Der Name kommt von dem grönländischen „Qajag“. In Europa löste das Faltkajak in den späten 1920er Jahren – auch in Österreich – einen regelrechten Boom aus, weil es das Fahren auf fließenden Gewässern ermöglichte. Bei einem Kajak treibt und steuert man das Boot mit einem Doppelpaddel, die Insassen sitzen in Fahrtrichtung. Moderne Kajaks sind meist aus Polyethylen, Karbon oder Holz gefertigt, Schlauchkajaks aus Kautschuk oder PVC. Neben dem Paddel und passendem Schuhwerk (mit dem man auch schwimmen kann) gehören auch eine Schwimmweste und eine sogenannte Spritzdecke zur Ausrüstung: Diese ist entweder aus Nylon oder Neopren und verhindert das Eindringen von Wasser in den Bootskörper.
  • Kanadier: Kanadier haben ihren Ursprung in Nordamerika. Ein Kanadier ist ein zumeist offenes Kanu, in dem die Kanuten traditionell kniend fahren. Als Equipment braucht man neben der Schwimmweste auch ein sogenanntes Stechpaddel, das nur ein Paddel hat. Es gibt Einer, Zweier, Vierer und Achter, bei denen üblicherweise jeweils die Hälfte der Sportler auf der rechten und der linken Seite paddelt. Klassische Kanadier sind nach oben offen mit viel Platz für Gepäck und Personen, für das Wildwasser gibt es aber auch geschlossene Formen. Neben der festen Bauweise – meist aus Kunststoff oder Aluminium – gibt es auch Falt- und Schlauchkanadier.

Ob Kajak-Fahren auf der Donau, Kanu-Slalom als Wettkampf oder Rafting am Wildwasser – im Kanu-Sport ist für jeden etwas dabei. Wasserratten, Outdoor- und Hobbysportler vereinen beim Kanu-Fahren Bewegung und Naturerlebnis. Auch Familien mit Kindern, weniger Trainierten oder Älteren bietet das Paddeln gute Möglichkeiten, sich dem Treiben des Wassers hinzugeben. Um den Rhythmus der Natur zu spüren, braucht man nur ein Boot, ein Paddel und eine Schwimmweste – und schon ist man mitten im Abenteuer.

Die Natur erpaddeln

Beim Kanu-Fahren sieht man die Natur aus einer völlig ungewohnten Perspektive – und entdeckt Dinge, die nur vom Wasser aus zu sehen sind. Aber auch die Bewegung kommt dabei nicht zu kurz: Es ist wie Wandern, nur auf dem Wasser. Man kann kurz vor der Haustür starten oder auch mitten in der Großstadt: auf der (Alten) Donau, auf dem Marchfeldkanal, der Thaya oder der Leitha und auf einem der vielen Seen in Österreich.
Den Ursprung hat das Kanu ca. 4.000 v. Chr., ein Ur-Kanu wurde am Euphrat gefunden. Doch auch in der heutigen Zeit begeistern sich immer mehr Menschen für diesen Wassersport. Vielleicht auch deshalb, weil es so viele unterschiedliche Disziplinen gibt (siehe Kasten Seite 50): Von Kanu-Trekking über Seekajak-Fahren bis Rafting ist für jeden Geschmack etwas dabei. Kanu bezeichnet dabei lediglich ein Boot, das mit Paddeln in Blickrichtung bewegt wird – im Gegensatz zum Rudern. Die beiden Untergruppen sind Kajaks und Kanadier: Erstere werden mit einem Doppelpaddel, zweitere mit einem sogenannten Stechpaddel (ein Paddel) gesteuert.

Gesunder Rhythmus

Neben dem Naturerlebnis tut man beim Paddeln auch einiges für die Gesundheit. Die erfolgreiche Tullner Kanutin Viktoria Wolffhardt erklärt die positiven Auswirkungen: „Beim Paddeln wird vor allem die Oberkörpermuskulatur sowie die Ausdauer trainiert. Außerdem schult man den Gleichgewichtssinn. Das Wichtigste ist ein starker Rumpf, da er die Verbindung zwischen dem Körper und dem Boot ist – von hier steuert man.“ Es ist eine Kombination aus Schnelligkeit und Ausdauer, aus Koordination und Gleichgewicht, die diesen Sport so vielseitig macht. Je nachdem, ob man im Wildwasser oder auf einem ruhigen See unterwegs ist, werden unterschiedliche Muskeln, Sinne und Körperteile beansprucht. „Jede Situation ist anders. Das Wasser verändert sich dauernd und da muss man stets flexibel sein“, so die 19-Jährige.

Junges Talent

Die Niederösterreicherin ist seit ihrem achten Lebensjahr mit ihrem Kanu auf dem Wasser unterwegs. Weil ihre Eltern ebenfalls Kanuten sind, hat sie schon sehr früh den Sport für sich entdeckt und kann in ihrer jungen Karriere im Kanu-Slalom schon auf einige Erfolge (siehe Kasten) zurückblicken: „Mein großes Ziel sind die Olympischen Spiele 2016. In Österreich ist Kanu-Fahren noch eine Randsportart, aber als Freizeitbeschäftigung wird es immer beliebter.“ Was ihr am Paddeln Spaß macht? „Es ist ein Sport in der freien Natur und im Sommer die perfekte Abkühlung. Und: Wenn es einem gelingt, dass man das Wildwasser so befahren kann, dass man kaum Energie verbraucht, ist das ein sehr lässiges Gefühl.“

Für jeden geeignet

Für Anfänger bieten Verleihstellen an Flüssen oder Seen spezielle Kurse an, bei denen man Grundlagen wie Material, Wasserkunde und Ausrüstung lernt. Und dann geht es auch schon aufs Wasser: „Die ersten Paddelschläge sollte man auf jeden Fall auf ruhigem Gewässer machen. Ich bin das erste Mal mit im Boot bei meiner Mutter in der Donau bei Tulln gesessen“, schmunzelt die Kanutin. Unabhängig vom Alter sollte man auf alle Fälle schwimmen können. Kinder sollten mindestens acht Jahre alt sein, um selbstständig im Kanu zu sitzen. Aber auch im höheren Alter kann man durchaus lospaddeln – eine gewisse Beweglichkeit im Rumpf und in der Hüfte sollte allerdings gegeben sein. Heikel ist beim Kanu-Wandern nicht so sehr das Wasser, sondern Überlastungserscheinungen der Muskeln und Gelenke. „Gefährlicher ist das Wildwasser. Hier sollte man unbedingt geübter sein. Um in das Gefühl des tosenden Wassers mal hineinzuschnuppern, bietet sich zum Beispiel eine geführte Rafting-Tour an. Das macht sehr viel Spaß“, weiß Wolffhardt. Man fühlt die Naturgewalt, das ist so faszinierend am Paddeln: Die Natur zu spüren und etwas mit eigener Muskelkraft zu schaffen, abseits des Büroalltags – in der Wasserwildnis.

Von Kanu-Wandern bis Rafting 

Es gibt unterschiedliche Disziplinen beim Kanufahren, mit denen man sich am Wasser bewegen kann. Viele eignen sich sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene.

  • Wettkampfdisziplinen: Der Klassiker ist der Kanu-Rennsport, der seit 1936 eine olympische Sportart ist. Er wird im Kajak oder Kanadier auf stehendem Gewässer in geraden Bahnen ausgetragen. Beim Wildwasser-Rennsport wird eine festgelegte Strecke auf Zeit durchgefahren. Es gibt Einer-Kajaks sowie Einer- und Zweier-Kanadier. Kanu-Slalom ist ebenfalls eine olympische Sportart, deren Ziel es ist, eine mit Toren festgelegte Strecke auf schnell fließendem Wasser in kürzester Zeit fehlerfrei zu befahren. Beim Kanu-Polo versuchen zwei Mannschaften einen Ball mit dem Paddel oder der Hand in das gegnerische Tor zu bringen. Weiters gibt es Rennen in Drachenbooten, die – meist mit Drachenkopf geschmückten Booten – auf geraden Bahnen ausgetragen werden. Die Bandbreite der Wettkampfdisziplinen ist sehr groß und reicht von Kanu-Marathon, Kanu-Freestyle oder Rafting hin zum Kanu-Segeln.
  • Freizeitsport: Beim Kanufahren gibt es aber noch weitere Disziplinen, die ohne ein etabliertes Wettkampfsystem ausgeübt werden – und die sich auch für den Hobbysport gut eignen. Sehr beliebt ist Kanu-Wandern: Hier werden hauptsächlich ruhige Gewässer wie Binnenseen oder Flüsse befahren, aber auch leichtes Wildwasserfahren zählt dazu. Wanderboote gibt es in verschiedenen Größen, die auch für mehrere Personen geeignet sind. Man kann über mehrere Tage oder Wochen unterwegs sein, viele campen zwischendurch. Das Seekajakfahren ist die häufigste Form des Kanu-Wanderns, die am Salzwasser, auf Seen oder entlang von Küsten betrieben wird. Hier sollte man über Gezeiten, Wetter und über Rettungstechniken Bescheid wissen sowie über spezielle Ausrüstung und körperliche Fitness verfügen. Das Playboating (früher: Kanurodeo) ist der spielerische Umgang mit dem Wildwasser und hat in den letzten Jahren als Sportart an Beliebtheit gewonnen. Allerdings ist diese Kanu-Akrobatik nicht für alle Wildwasserstrecken geeignet. Beim Rafting wird mit einem Schlauchboot ein Fluss befahren, es ist als Freizeitsport oder zum Gewöhnen ans Wildwasser sehr beliebt.

Steckbrief Viktoria Wolffhardt

  • geboren: 26. Juni 1994 in Tulln/Donau
  • Sportart: Kanu-Slalom
  • Disziplin: Einer-Kajak (K1) und Einer-Kanadier (C1)
  • Beruf: Sportsoldatin

Viktoria Wolffhardt hat ihre Leidenschaft für das Kanufahren schon in jungen Jahren entdeckt. Dazu beigetragen haben vor allem ihre Eltern, die beide in der internationalen Elite des Kanu-Sports um Medaillen gekämpft haben. 2010 und 2011 wurde sie mit dem Junioren-Europameistertitel belohnt. Höhepunkt ihrer jungen Karriere waren die Olympischen Jugendspiele 2010 in Singapur, bei denen sie die Bronzemedaille gewonnen hat. In den Jahren darauf folgten weitere Medaillen bei Junioren-Welt- und Europameisterschaften. Auch in der allgemeinen Klasse holte sie sich, gemeinsam mit Violetta Oblinger-Peters und Corinna Kuhnle, eine Silbermedaille im Teambewerb bei der Europameisterschaft. Außerdem wurde sie 2012 Staatsmeisterin. Nachdem sie im Juni 2012 ihre Matura am Gymnasium Tulln mit ausgezeichnetem Erfolg abgelegt hat, kam sie im Herbst 2012 als Sportsoldatin zum Bundesheer. 2012 wurde ihr der angesehenste Jugendsportpreis Österreichs verliehen. Weiters wurde sie zum zweiten Mal zu Niederösterreichs Nachwuchssportlerin des Jahres ausgezeichnet. 2013 war die bisher erfolgreichste Saison der jungen Tullnerin. Sie krönte sich zur U23- Vizeweltmeisterin und gewann außerdem die Bronzemedaille bei der Europameisterschaft der allgemeinen Klasse.