< vorhergehender Beitrag

Vielfältige Urologie

Die Urologie hat seit jeher mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Trotzdem ist der „Männerarzt“ vor allem in der Vorsorge nicht wegzudenken. GESUND&LEBEN-Redakteurin Susanne Lehrner hat einen Tag in der Urologie – und im OP – verbracht und viele spannende Einblicke in den Berufsalltag eines Urologen gewonnen.


Prim. Dr. Albrecht Walter und DGKS Waltraud Schmidt überbringen Andreas S. gute Nachrichten. FOTO: Felicitas Matern

Landesklinikum Mistelbach
Liechtensteinstraße 67 2130 Mistelbach
Tel.: 02572/9004-0
www.mistelbach.lknoe.at

Schon beim Namen Urologie verzieht so mancher – Mann – das Gesicht. Mit einer urologischen Untersuchung wird Unangenehmes assoziiert, viele haben davor auch Angst. Doch die Urologie hat viel mehr zu bieten als Prostatauntersuchung oder Inkontinenzbehandlung. Die Früherkennung von bösartigen Erkrankungen, die Behandlung von Querschnittsgelähmten nach Unfällen oder die Therapie von unerfülltem Kinderwunsch fällt ebenfalls in den Arbeitsbereich der Urologen. Viel zu lange schon hat die Urologie mit Vorurteilen zu kämpfen, viel zu wichtig ist sie jedoch für die Gesundheit von Mann und Frau. Grund genug, sie einmal vor den Vorhang zu holen.

Ein umfassender Beruf

Wie kann man sich den Beruf eines Urologen vorstellen? „Wir sind zuständig Niere, Harnleiter, Blase, Hoden und Penis. Die Urologie ist eigentlich ein chirurgisches und endoskopisches Fach, das heißt, wir operieren jeden Tag“, erklärt Prim. Priv.-Doz. Dr. Walter Albrecht, Leiter der Urologie im Landesklinikum Mistelbach. So auch heute Vormittag, wo bei einem Patienten eine sogenannte transurethrale Prostataresektion durchgeführt wird – eine endoskopische Operation durch die Harnröhre, bei der die vergrößerte Prostata verkleinert wird. „Diese Operation machen wir zwei- bis dreimal am Tag“, so Albrecht, und „dies ist überhaupt der häufigste Eingriff in der Urologie.“ Mittels Hoch-Volt-Chirurgie oder Laser wird das überschüssige Gewebe entnommen. Das sieht vergrößert am Bildschirm, über den der Arzt arbeitet, ziemlich brutal aus: „Ist es aber nicht, der Patient hat nach der Operation kaum Schmerzen.“ In diesem Operationssaal findet auch die minimal invasive „Schlüsselloch-Chirurgie“ mit dem Laser und große offene Operationen, wie z. B. der Ersatz der Harnblase durch Darm bei Patienten mit Blasenkrebs statt. Neben den Operationen gibt es aber auch auf der Station viel zu tun für den Urologen: „Wir behandeln gut- und bösartige Prostataerkrankungen, betreuen krebskranke Patienten, entfernen Nieren- oder Harnleitersteine, therapieren Harnentleerungsstörungen sowie erektile Dysfunktion. Auch die Kinderurologie fällt in unseren Arbeitsbereich. Es ist eine sehr umfassende und interessante Tätigkeit.“ Und auch der Tagesablauf auf der Station ist sehr abwechslungsreich.

Ein Tag auf der Urologie

Der Tag beginnt mit einer Morgenbesprechung: Röntgenbilder werden angeschaut und jeder Patient wird durchbesprochen. Anschließend gibt es einen gemeinsamen Kaffee: „Das ist für mich einer der wichtigsten Punkte“, schmunzelt Albrecht, denn „da merkt man, wer irgendein Problem hat, wer vielleicht krank wird, wer grad mit wem gut kann oder nicht. Solche Dinge kann man ‚off-records‘ besprechen, und dann verteilen wir uns auf unsere Arbeitsstätten.“ Die da wären: der OP, das urologische Röntgen, die allgemeine Ambulanz und die Spezialambulanzen für Inkontinenz und Neurourologie. Im OP wird sowohl offen als auch endoskopisch operiert, im Röntgen werden hauptsächlich Steine entfernt – etwa durch einen Ultraschallzertrümmerer. Eine Neurourologie wie in Mistelbach gibt es nur noch ein zweites Mal in Österreich, nämlich in Innsbruck, erklärt Albrecht: „Hier behandeln wir Blasenentleerungsstörungen, die entweder durch neurologische Erkrankungen, etwa Parkinson, durch schweren Diabetes, eine große Beckenoperation oder durch Unfälle bedingt sind.“ Es herrscht eine gute Stimmung auf der Station, die zu drei Viertel männlichen Patienten fühlen sich sichtbar wohl. „Ich werde schon morgen entlassen und danke dem ganzen Team und Primarius Albrecht für die tolle Betreuung“, freut sich Andreas S. Und auch im Nebenzimmer herrscht gute Stimmung: „Mir geht es schon viel besser. Vor allem dem Pflegepersonal muss man großes Lob aussprechen – sie leisten wunderbare Arbeit und machen uns Patienten den Aufenthalt im Krankenhaus so angenehm wie möglich“, meint Werner A.

Urologie ist Teamarbeit

Nicht nur die enge Zusammenarbeit mit der Pflege ist ein Muss auf der Station, besonders die Behandlung von Krebskranken ist nur interdisziplinär möglich: „40 Prozent unserer Patienten haben eine bösartige Erkrankung. Da arbeiten wir mit vielen Abteilungen auf der Diagnoseseite zusammen, etwa mit dem Röntgen, Pathologie oder der Radiologie, für die Chemotherapie arbeiten wir mit der Hämato-Onkologie zusammen. Betroffene Patienten schicken wir entweder ins Landesklinikum Wiener Neustadt, ins Landesklinikum Krems oder in Kaiser-Franz-Josef-Spital nach Wien“, berichtet Albrecht. Bei Patientinnen mit Harnverlust gibt es auch eine Zusammenarbeit mit der Gynäkologie. Kinder mit urologischen Erkrankungen werden von uns ebenfalls betreut.
Engen Kontakt gibt es unter Europas Urologen: „Wir sind ein kleines Fach und gelten unter den Ärzten mitunter als die ‚sozialsten‘“, meint Albrecht mit einem Augenzwinkern. „Man kennt sich untereinander, es besteht teilweise intensiver Kontakt zu europäischen Arbeitsgruppen – manchmal finden Exkursionen in andere Länder statt. Da lernt man andere Gesundheitssysteme kennen, vor allem aber auch neue Arbeitsweisen.“ Die österreichische Urologie ist übrigens eine der führenden in Europa. Beispielweise beim Hodenkrebs: Starb vor 30 Jahren noch jeder Erkrankte daran, sind es heute maximal fünf Prozent Sterberate über  alle Stadien hinweg. „Die Voraussetzungen für diesen Erfolg wurden teilweise in Österreich entwickelt. Auch die sogenannte risikoadaptierte Therapie wurde hier erfunden, die heute weltweit Standard ist“, erklärt Albrecht stolz.

Männerarzt positionieren

Der Beruf des Urologen, so vielfältig und spannend er auch ist, hat es bislang nicht leicht gehabt, in der Ärzteschaft und der Öffentlichkeit ein positives Bild von sich zu schaffen. Vorurteile und falsch verstandene Schamgefühle der Patienten hindern heute noch immer viele Männer daran, sich regelmäßig untersuchen zu lassen. „Es ist uns jahrelang nicht gelungen, den Urologen zu positionieren. Seitdem viele Männer den Urologen allerdings als ‚Männerarzt‘, als Andrologen, ansehen, hat sich das geändert“, erklärt Albrecht: „Die meisten werden nach wie vor von ihren Partnerinnen zum Urologen geschickt, aber Hauptsache, sie kommen. Vor allem die Prostatavorsorge hat in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt. Dafür ist sicher der Aufklärungsarbeit durch die Medien, prominente Betroffene und der Urologischen Gesellschaft zu danken. Besonders wichtig war dies für die Bestimmung des PSA – ein Tumormarker, der durch eine einfache Blutabnahme bestimmt werden kann.“
Und das lohnt sich: Man erkennt es etwa daran, dass immer mehr Krebs-Frühstadien erkannt werden, meint der Urologe: „Als ich angefangen habe, hat man noch riesengroße Tumore mit Metastasen gesehen. Das gibt es heute so gut wie nicht mehr. Gerade in der Früherkennung von Tumoren spielen die niedergelassenen Urologen eine sehr wichtige Rolle.“
Zur Prostatavorsorge sollte jeder Mann übrigens ab 45 Jahren einmal jährlich gehen, der eigenen Gesundheit – und den Urologen – zuliebe. Damit die Urologie bald kein Tabuthema mehr ist und genauso wie der Gang zum Frauenarzt etwas „Alljährliches“ wird.

Wie wird man Urologe?

Um Urologe zu werden, muss zunächst das Medizinstudium absolviert werden. Anschließend suchen sich die Absolventen einen Ausbildungsplatz, wo sie als Turnusarzt die Ausbildung zum Facharzt machen. Insgesamt müssen sie in dieser Zeit 48 Monate im Hauptfach Urologie, 15 Monate in der Chirurgie, sechs Monate in der Inneren Medizin und drei Monate in der Gynäkologie absolvieren. Am Ende muss die österreichische Facharztprüfung abgelegt werden, die der schriftliche Teil der europäischen Facharztprüfung ist.
Zur Komplettierung dieser Prüfung mit dem Erwerb des Zusatztitels FEBU („Fellow of the European Board of Urology“) ist eine zusätzliche mündliche Prüfung notwendig. Der Titel ist bei Bewerbungen gern gesehen.

Urologie

Die Urologie ist ein Teilgebiet der Medizin und beschäftigt sich mit den – männlichen wie weiblichen – harnbildenden und harnleitenden Organen: Niere, Harnleiter, Blase und Harnröhre. Außerdem behandeln Urologen die männlichen Geschlechtsorgane, also Penis, Hoden, Samenleiter sowie die Prostata. Es gibt einige interdisziplinäre Überschneidungen, etwa zur Gynäkologie, Neurologie, Hämato-Onkologie, Chirurgie oder Pathologie. Die Urologie ist ein chirurgisch-endoskopisches Fach, der häufigste operative Eingriff ist die endoskopische Resektion (Entfernung) der Prostatavergrößerung. Weiters werden Karzinome in Hoden, Prostata, Blase oder Niere sowie Inkontinenz (ungewollter Harnverlust) und Harnentleerungsstörungen bei Frauen und Männern behandelt und Nieren- oder Harnleitersteine entfernt. In der andrologischen Ambulanz werden unerfüllter Kinderwunsch, Störungen der Erektion, Orgasmusstörungen, Hormonstörungen sowie Sexualstörungen abgeklärt und therapiert. Die Kinderurologie umfasst die Behandlung von Vorhautverengungen und Hodenhochstand, außerdem besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Kinderabteilung in der Therapie von wiederholten Harnwegsinfektionen oder Bettnässen.

Zwei Fragen an den Urologen

Prim. Priv.-Doz. Dr. Walter Albrecht,
Leiter der Urologie am Landesklinikum Mistelbach

Warum sind Sie Urologe geworden?
Ich wollte immer schon in ein operatives Fach gehen, aber in der Zeit, in der ich angefangen habe, gab es zu viele Ärzte. Die Möglichkeit, entweder im Spital bleiben und operieren zu dürfen, oder als niedergelassener Arzt eine interessante Tätigkeit ausführen zu können, hat mich zur Urologie gebracht. In einem Sommer als Unterassistent bin ich dann zu einer komplexen urologischen Operation – Rekonstruktion einer Blase – gekommen und hab mir gedacht, das ist wahnsinnig toll, was die da treiben. Das war der Anstoß ins Fach.
Das Schönste am Beruf des Urologen ist das Vielfältige und der enge Kontakt zu den Patienten. Obwohl es ein „kleines“ Fach ist, sind die Tätigkeitsbereiche sehr breit gefächert. In der Urologie gibt es mehr als 50 verschiedene Operationen, die wir regelmäßig machen. Wir operieren und arbeiten auch konservativ. Sehr spannend sind auch internationale Kontakte und die wissenschaftliche Zusammenarbeit.

Was ist das Schwierigste am Beruf des Urologen?
Schwierig ist der persönliche Umgang mit vielen krebskranken Patienten, die wir in der Urologie haben. Kenntnisse aus der palliativen Pflege sowie im interdisziplinären Management sind daher sehr wichtig.