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Tieftraurig im Mai?

Die ganze Welt genießt den Frühling und das Leben – nur Sie nicht? Dahinter könnte eine Depression stecken. Holen Sie sich Hilfe!


FOTO: fotolia

Ausgerechnet jetzt, wo alle Welt gut gelaunt und fröhlich ist, die Bäume wieder grün sind, bunte Blumen sprießen und junges Verliebtsein dem Leben eine rosarote Brille schenkt, plagen sich gar nicht so wenige Menschen mit rabenschwarzen Gedanken und Gefühlen. „Und fühlen sich deshalb auch noch ganz besonders schlecht, weil man doch gerade jetzt eigentlich lebensfroh und glücklich sein sollte“, weiß Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Aigner, Leiter der Erwachsenen-Psychiatrie im Landesklinikum Tulln. Das lässt die Selbstmordrate steigen. Denn im November scheint es uns normal, dass sich das Leben zentnerschwer anfühlt ob der kürzeren Tage und des nebeligen Grau in Grau, aber jetzt im Mai?

Alkohol & Ängste

Wenn sich das Gefühl von Lebensüberdruss dann auch noch paart mit scheinbar hilfreichem, aber in Wahrheit selbstschädigendem Verhalten wie hohem Alkoholkonsum oder anderem Suchtverhalten und mit sozialem Rückzug, dann steckt häufig eine handfeste Depression dahinter, erklärt Martin Aigner. Aber auch wenn man sich stärker mit Ängsten plagt als sonst, ganz schnell gereizt oder grantig wird, oder auch aggressiv (eher bei Männern), und dazu noch energielos bis erschöpft ist, kann das auf eine Depression hindeuten. Und Aigner erklärt: „Hält dieser Zustand 14 Tage durchgängig an und man kann seine üblichen Aufgaben nicht erfüllen, sollte man sich unbedingt und rasch Hilfe holen.“

Depression kann jeder bekommen

Dem erfahrenen Psychiatrie-Facharzt ist es enorm wichtig, klarzumachen, dass Depressionen wirklich jeder irgendwann in seinem Leben bekommen kann und dass sie nichts sind, wofür man sich schämen muss. Man sollte rasch zum Hausarzt gehen, damit man möglichst schnell wieder aus dieser Phase herausfindet und sich die Depression erst gar nicht verfestigt und chronisch wird. Wer sich zum Beispiel ausgebrannt fühlt, muss noch nicht depressiv sein, aber das Gefühl des Erschöpft­seins kann eine Vorstufe sein. Wichtig ist, genau zu schauen: „Ist es ‚nur‘ eine Erschöpfung, aus der man mit Erholung und besserer Arbeitseinteilung wieder herausfindet, oder schon eine depressive Problematik? Ein außenstehender Experte kann das meist besser beurteilen als man selbst“, rät Aigner.

Schlechter Ratgeber

Eine Depression betrifft oft den ganzen Körper: „Man fühlt sich nicht gut, ist müde und erschöpft, verliert den Appetit oder leidet an Verstopfung oder Durchfall. Man hat Kopfweh und/oder Schlaf­störungen, nimmt stark ab oder auch plötzlich zu, man ist einfach aus dem Lot.“
Erschwerend kommt hinzu, was Fachleute bei einer Depression „negative kognitive Trias“ nennen, eine schwarze Brille, durch die die Wahrnehmung verzerrt ist: Man plagt sich mit einer negativen Sicht sowohl auf das eigene Selbst als auch auf die Umwelt und auf die Zukunft. „Das erklärt, warum eine Depression ein ganz, ganz schlechter Ratgeber ist“, wie Aigner betont: „Man schmeißt dann aus dieser inneren Not heraus den Job oder die Beziehung hin und zieht sich stark aus dem sozialen Leben zurück.“ Ein Teufelskreis, bedingt durch die verzerrte Wahrnehmung. Aber anders kann man in einer Depression sich selbst, die Welt und die Zukunft nicht mehr sehen. Man braucht also Hilfe.

Behandlung & Hilfe

Bei einer leichten Depression, weiß Aigner, genügt oft eine Psychotherapie, damit man wieder herausfindet. Bei mittleren und schweren Depressionen sind allerdings Medikamente wichtige Helfer, um wieder ein Gleichgewicht im Gehirnstoffwechsel herstellen zu können – eine Voraussetzung dafür, dass man überhaupt eine Therapie machen kann. „Medikamente helfen, dass man nicht mehr alles so verzerrt sieht“, erklärt Aigner. Sie dienen nicht dem Ruhigstellen (wie es zum Beispiel bei Angst­erkrankungen notwendig sein kann). Es ist wichtig, sie so lange zu nehmen, bis man wieder in einem stabilen Gleichgewicht ist, und sie nicht zu früh abzusetzen. Antidepressiva wirken auch bei einer leichten Depression, sind aber meist nicht unbedingt nötig, sagt Aigner. Sie können einem helfen, damit man selbst wieder sehen kann: „So schlecht ist mein Leben eigentlich gar nicht, und ich habe auch Ressourcen.“ Das Sichtbarmachen der Ressourcen ist ein wichtiger Punkt in der psychologischen oder psychotherapeutischen Behandlung, denn einfach wegzaubern lassen sich Depressionen auch mit Medikamenten nicht. Und man lernt in der Therapie Bewältigungsstrategien für den
Alltag, wie zum Beispiel Entspannungstechniken.

Eine echte Erkrankung

Ganz wichtig ist es dem erfahrenen Facharzt, dass Menschen rechtzeitig erkennen, dass es sich bei dem Schweren in ihrem Leben nicht nur um eine Verstimmung, sondern um eine richtige Erkrankung handelt: „Man sollte wirklich nicht zu lange warten, bis man sich Hilfe holt. Denn sonst wird die Depression chronisch, und es kommen meist ja auch noch Sekundärschäden dazu: Man kommt zum Beispiel nicht aus dem Bett, hat immer mehr Krankenstandstage im Berufsleben, das kann zu einem Teufelskreis werden. Denn irgendwann verliert man den Arbeitsplatz und Beziehungen gehen in die Brüche.“

Erste Hilfe beim Hausarzt

Aigner rät, als Erstes zum Hausarzt zu gehen, wenn man vermutet, man könnte depressiv sein: „Praktische Ärzte spielen eine wichtige Rolle in der
Diagnose und Behandlung, weil man nicht so schnell einen Termin beim Facharzt bekommt. Man sollte ja rasch zu einer Behandlung kommen und nicht drei Monate zuwarten müssen.“ Der Hausarzt untersucht das Blutbild und die körperlichen Symptome wie Verdauungsbeschwerden, Schlafstörungen und Erschöpfung. Vielleicht steckt ja auch eine Fehlfunktion der Schilddrüse hinter der veränderten Stimmungslage. Und er entscheidet, ob er selbst die Behandlung übernehmen kann oder ob er zu einem Facharzt überweist. Der große Vorteil: Der Hausarzt kennt seine Patienten meist schon länger und kann Veränderungen dadurch gut einschätzen. Bei einer leichten oder auch mittelschweren Depression kann er ein Antidepressivum verschreiben und/oder überweist zum Psychologen oder Psychiater.

Gefahr bei „Selbstbehandlung“

Aigner warnt davor, sich während einer depressiven Phase selbst mit Medikamenten oder anderen Mitteln helfen zu wollen: „Das ist ein wesentliches Thema: Alkohol, Nikotin, Schmerz- oder Beruhigungsmittel können zu Beginn den Eindruck vermitteln, dass sie helfen – das tun sie aber nicht, denn sie bergen die Gefahr des Missbrauchs und der Sucht.“ Wer zum Beispiel öfter als zehn Mal pro Monat etwas gegen Kopfschmerzen braucht, sollte hellhörig werden. Denn dahinter könnte sich eine Depression verstecken. Schmerzmittel können süchtig machen. Ähnlich ist es auch mit Beruhigungsmitteln.

Trauer oder Depression?

Und wie unterscheidet man Trauer von einer Depression? Nach einem großen Verlust kann Trauer ein Jahr dauern. Wer in der Trauer Unterstützung sucht und annimmt, bewegt sich auf sicherem Grund, sagt Aigner. Wer sich aber nur zurückzieht, sei schon nach drei Wochen in
Gefahr, eine Depression zu entwickeln.

Wie umgehen mit Depressiven?

Angehörige können dabei eine wichtige Rolle spielen: Sie können „von außen“ besser unterscheiden, ob es sich nur um eine unangenehme, aber noch ungefährliche Verstimmung handelt, oder schon um eine Depression. Und sie können helfen, einen gesundheitsfördernden Tagesrhythmus aufrechtzuerhalten. Sie können den Betroffenen auch dabei unterstützen, in kleinen Portionen Aktivitäten zu unternehmen, die ihm gut tun, sich dabei aber nicht zu überfordern, denn wenn es zu viel ist, kann das die Depression befördern, erklärt Aigner: „Wer eine Lungenentzündung hat, sollte ja auch keinen 100-Meter-Lauf machen, sondern sich gesundheitsfördernd verhalten.“ Was Betroffenen gar nicht hilft, sind Aufforderungen wie „Reiß dich zusammen!“, warnt Aigner. „Offen darüber sprechen, was geht und was nicht geht, ist gut. Es ist wichtig, die Depression als Krankheit zu sehen. Es ist wie mit einem gebrochenen Bein im Gips: Alles kann man damit nicht machen. Aber es geht auch wieder vorbei.“

Ambulante & stationäre Hilfe

Herbst, Winter und das Frühjahr sind die Risiko-Zeiten für Depressionen. Immer dann nämlich, und vor allem im Frühjahr, schnellt die Zahl der Selbstmorde in die Höhe, weiß Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Aigner, Leiter der Erwachsenen-Psychiatrie am Landesklinikum Tulln.
Patienten werden stationär aufgenommen, wenn sie an einer mittelschweren oder schweren Depression leiden, und dazu noch andere Erkrankungen haben – „wenn die Verzweiflung so groß und die Wahrnehmung so sehr verzerrt ist, dass eine ambulante Betreuung nicht mehr sinnvoll ist“: Denn Antidepressiva brauchen zwei bis drei Wochen, bis sie voll wirksam sind und damit dem Betroffenen erlauben, sinnvoll eine psychotherapeutische oder psychologische Behandlung zu nutzen. Die Medikamente sollte man dann etwa zwei Jahre lang nehmen, bis man in einem stabilen Gleichgewicht gelandet ist und sie sicher nicht mehr braucht. Wer früher aufhört, riskiert einen Rückfall. Keine Angst: Lebenslang muss man sie nicht nehmen. Durchschnittlich dauert ein stationärer Aufenthalt bei Depressionen zwölf Tage, anschließend wird in einer Rehabilitations-Einrichtung weiterbehandelt.
Aigner sieht, dass die Integration der Psychiatrie ins allgemeine Krankenhaus große Vorteile bringt – „die Hemmschwelle ist dadurch deutlich niedriger geworden, und das ist sehr gut so“. Was noch fehlt, ist der weitere Ausbau von Rehabilitations-Einrichtungen und eine enge Vernetzung, denn „wir haben bei weitem nicht immer die Möglichkeit, Patienten dort schnell unterzubringen, was aber besser für sie wäre, als dass sie länger bei uns bleiben.“ Wichtig sind auch ambulante Betreuungsmöglichkeiten, damit Betroffene nicht ihren Arbeitsplatz verlieren.

Vorbeugen & sich selbst helfen

Für sich selbst gut sorgen – das hilft, einer Depression so gut wie möglich vorzubeugen oder aus einer depressiven Verstimmung herauszufinden. Das bedeutet, sich auf allen Ebenen gut um sich selbst zu kümmern:

  • auf guten und ausreichenden Schlaf achten und möglichst immer zur gleichen Zeit aufstehen, egal, wann man eingeschlafen ist
  • regelmäßig und ausgewogen essen (nicht zu viele Kohlenhydrate gegen den Heißhunger!)
  • regelmäßige Bewegung im Freien (dreimal pro Woche 30 Minuten Minimum), auch damit der Körper genug Sonnenlicht für die Vitamin-D-Bildung bekommt 
  • soziale Kontakte pflegen

In diesen Rhythmus muss man etwas investieren. Gerade wenn man sich nicht so gut fühlt, ist es enorm wichtig, ihn aufrechtzuerhalten.