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Tennis einmal anders

Sie spielen mit Begeisterung Tennis und lieben es, an Ihrer Kondition zu arbeiten? Beim Cardio-Tennis können Sie beides zur selben Zeit tun. Geschwitzt wird in der Gruppe und bei lauter Musik.


Auf dem Tennisplatz herrscht Chaos. Zumindest auf den ersten Blick. Zehn Spieler tummeln sich auf einem Court und rennen scheinbar unkoordiniert durcheinander. Sie hüpfen über am Boden liegende Reifen und Koordinationsleitern, laufen Slalom um Stangen und Hütchen und schlagen dazwischen immer wieder einige Bälle. Die ganze Gruppe ist
ständig in Bewegung – unterbrochen nur von kurzen Pausen, in denen der Puls gemessen wird. Begleitet wird das geordnete Tohuwabohu von lautstarker, rhythmischer Musik. Disco am Tennisplatz quasi – ein unrealistisches Szenario? Nicht wirklich. Das rege Treiben nennt sich Cardio-Tennis und ist die Antwort des Tennissports auf den herrschenden Fitnessboom.
Tennis- oder Fitnesstraining?

„Cardio-Tennis ist ein Fitnesstraining am Tennisplatz, denn man bekommt während der gesamten Einheit keine schlagtechnischen Anweisungen und keine Informationen, ob der Schlag jetzt richtig war oder falsch. Es geht rein darum, dass man sich bewegt“, stellt Martin Florian klar. Der gebürtige Waidhofner betreibt mit Dieter Mocker eine Tennisschule in Wien, in der auch die österreichischen Cardio-Tennis-Trainer ausgebildet werden. Da die Tennis-Elemente immer vom Trainer gesteuert werden, spielt es keine Rolle, ob die Gruppe homogen ist oder die Teil­nehmer über unterschiedliches Können verfügen. Dementsprechend bunt zusammengewürfelt sind auch die Gruppen, weiß Martin Florian aus der Praxis: „Wir haben Teilnehmer, die regelmäßig Tennis spielen, aber auch immer wieder welche, die mit Tennis ganz wenig am Hut haben. Die haben Cardio-Tennis irgendwo gesehen und kommen, um es auszuprobieren. Manchen gefällt es so gut, dass sie zusätzlich auch noch Tennisunterricht nehmen.“ Da oft ein Großteil der Gruppe tennismäßig eher unerfahren ist, spielen Martin Florian und Dieter Mocker mittlerweile nicht mehr mit normalen Tennisbällen, sondern mit den sogenannten Methodikbällen. Sie sind weicher, springen daher weniger und kommen auch nicht so schnell übers Netz. „Wir sind draufgekommen, dass das Training für die Leute damit sogar intensiver ist und die Bälle viel leichter zu spielen sind. Außerdem ist es für die Gelenke schonender, wenn man den Ball nicht mit der richtigen Technik trifft“, erklärt Martin Florian. Angenehmer Nebeneffekt für den Trainer: Es tut nicht so weh, sollte er einmal von einer Filzkugel getroffen werden.

Mit dem eigenen Tempo

Anstellen in einer Reihe mit gelangweiltem Warten auf das nächste Zuspiel wie beim üblichen Gruppenunterricht gibt es beim Cardio-Tennis nicht. Hier sind alle immer beschäftigt und ständig in Bewegung. Trotzdem hat jeder Teilnehmer die Freiheit, sich sein eigenes Tempo zu suchen und selbst zu bestimmen, wie anstrengend das Workout sein soll. Das ist sogar erwünscht, denn beim Cardio-Tennis sollte man in einem fix vorgegebenen Pulsbereich bleiben, der zwischen 65 und 85 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegt. Kann ein Training wirklich funktionieren, wenn im Prinzip jeder machen darf, was er will und so schnell er will? „Ja, sehr gut sogar. Die Schwächeren machen eben nur eine Runde, wenn die Besseren zwei Runden durchlaufen“, sagt Tennislehrer Florian.
Skrupel, sich von anderen überholen zu lassen, sollte niemand haben – auch wenn das zu Beginn wegen der Gruppendynamik sehr schwierig ist, weil eben niemand gerne aus der Reihe tanzt. „Den Gruppenzwang, den kriegt man aus keinem raus“, schmunzelt Martin Florian. Die Tennistrainer wissen sich aber zu helfen, wenn sie sehen, dass jemand dringend eine Pause braucht: „Das können wir übers Zuspiel steuern. Ich muss den Ball ja nicht sofort spielen, sondern kann ein wenig warten oder den Ball einfach langsamer zuspielen.“

Training in der Gruppe

Trainieren in der Gruppe hat auch positive Seiten. Einerseits macht es sehr viel mehr Spaß, als sich alleine zu quälen, andererseits kann man sich auch ein wenig hinter den Mitspielern verstecken. „In der Gruppe fällt es nicht so auf, ob ich die Übungen besonders schnell oder besonders langsam mache, aber es hat trotzdem jeder den Ehrgeiz, ordentlich mitzumachen. Da gibt es kaum jemanden, der sagt, ich will nicht mehr.“ In der „Smashingsuns Tennis school Mocker“, die Cardio-Tennis seit 2009 anbietet, dauert eine Einheit 75 Minuten. Begonnen wird mit dem Aufwärmen, gefolgt vom Cardio-Workout mit Ausdauer- und Intervalleinheiten und der Cool-Down-Phase. Die Herzfrequenz wird also am Anfang langsam gesteigert und am Ende wieder in Richtung Ruhepuls geführt. Nach jedem Teilbereich wird sie gemessen, für jeden Teilnehmer notiert und am Ende eines Zehnerblocks grafisch ausgewertet.

Eine amerikanische Erfindung

Wie die meisten Trendsportarten kommt auch Cardio-Tennis aus Amerika. In Österreich ist es noch nicht sehr bekannt. Das wollen Dieter Mocker und Martin Florian ändern und Cardio-Tennis in den Tennisklubs etablieren. Begonnen haben sie damit in Niederösterreich, da Martin Florian Generalsekretär des NÖ Tennisverbandes ist. „Wir haben alle Vereinsvertreter im Land zu einer Fortbildung eingeladen, damit sie sich das einmal ansehen können“, berichtet Martin Florian. Derartige Einladungen wird es nun jedes Jahr geben.
Die meisten, die Cardio-Tennis ausprobiert haben, sind begeistert und bleiben dabei. Trotzdem wird es in Österreich noch bei weitem nicht flächendeckend angeboten. Was ist der Grund dafür? Die laute Musik? „Das Musikproblem haben wir auch, aber da arrangiert man sich schon. Zu irgendeiner Zeit, am ehesten am Vormittag, kann man es überall machen“, ist Martin Florian überzeugt, dass es an der Lärmkulisse nicht liegen kann. Woran aber dann? „Ich glaube, dass viele Tennislehrer lieber eine normale Tennisstunde geben, als was Neues auszuprobieren. Viele denken in der Richtung noch zu eng.“ Vermutlich auch die meisten Vereinsfunktionäre, denn die Möglichkeit, auf diese Weise neue Mitglieder gewinnen zu können, haben sie noch nicht entdeckt. Dabei würde etwas frischer Wind den wenigsten Vereinen schaden.

Fotos: Wolfgang Danzer

Cardio-Tennis – die Anbieter

Die „Smashingsuns Tennis school Mocker“ in Wien (Geschäftsführer Dieter Mocker und Martin Florian) ist in Sachen Cardio-Tennis Vorreiter in Österreich und bildet die Cardio-Tennis-Trainer des Landes aus.
www.smashingsuns.at

Regelmäßige Cardio-Tennis-Angebote in Niederösterreich:
Jennifer Schmidt in Gaming www.tenniscentergaming.at
Oliver Reichl in Breitenfurt www.tennispro.at

Alle haben eine gratis Schnupperstunde im Angebot.

Tennishochburg Niederösterreich

Jürgen Melzer und Andreas Haider-Maurer sind in der Weltrangliste momentan die besten Österreicher. Die beiden haben eine Gemeinsamkeit: Sie kommen aus Niederösterreich. Der 24-jährige Groß Gerungser Haider-Maurer steht noch am Beginn einer vielleicht großen Karriere und hat sich heuer bereits auf Platz 70 der ATP-Rangliste vorgearbeitet. Der 30-jährige Deutsch-Wagramer Melzer feierte in den letzten beiden Jahren die größten Erfolge seiner Karriere. Im April des heurigen Jahres war Melzer die Nummer acht der Welt. Österreichs Nummer 1 ist mittlerweile auch dreifacher Grand-Slam-Sieger im Doppel: u. a. gewann er den Doppel- und Mixed-Titel in Wimbledon. Melzer war aber nicht der erste blau-gelbe Vertreter in den Top Ten der Welt. Dieses Kunststück gelang der Mödlingerin Barbara Paulus bereits im Jahr 1996. In der erweiterten Weltspitze zu finden waren auch die Brunnerin Barbara Schwartz (1999: Nr. 40) und der Hollensteiner Werner Eschauer (2007: Nr. 52).
Auch um den NÖ Tennisnachwuchs braucht man sich keine Sorgen zu machen. Mit Dominic Thiem und Barbara Haas kommen die größten österreichischen Talente aus Niederösterreich. Haas, die in Amstetten in der Tennisacademy von Helmut Fellner trainiert, bekam bereits mit 14 Jahren einen Profi-Vertrag von Nike und ist eine von zwei Nachwuchsspielerinnen weltweit, die das Outfit der ehemaligen Nr. 1 Maria Sharapova tragen dürfen.