Stark drauf
Das menschliche Immunsystem ist hochkomplex und ebenso potent. Doch wie funktioniert es? Wer sind seine Feinde? Wie werden sie abgewehrt? Und wann muss es von außen unterstützt werden?
Wussten Sie, dass Ihre Haut, wenn sie unverletzt ist, eine Barriere darstellt, die so gut wie keinen Krankheitserreger durchlässt? War Ihnen bewusst, dass Ihre Tränenflüssigkeit auch Bestandteile enthält, die Bakterien abtöten können, sodass Ihr Auge möglichst keimfrei bleibt? Oder dass die meisten Bakterien die Passage durch den Magen wegen des sauren Magensaftes im Normalfall nicht überstehen? Und dass Ihre physiologische Darmflora, die in der Regel von „guten“ Bakterien besiedelt ist, dafür sorgt, dass Sie keine Darminfektion bekommen?
„All das sind Beispiele für die sogenannte unspezifische Abwehr unseres Körpers, die jedem Neugeborenen mitgegeben ist und die sich von Beginn unseres Lebens an gegen ein breites Spektrum von Fremdkörpern und Krankheitserregern richtet“, erklärt der Leiter des
Instituts für Hygiene und Mikrobiologie am Landesklinikum St. Pölten, Prim. Dr. Christoph Aspöck. Mit seinem dreißigköpfigen Team setzt er sich Tag für Tag damit auseinander, wie man die verbreiteten Infektionskrankheiten, unter denen weltweit Millionen Menschen leiden, am genauesten diagnostiziert, am besten therapiert und am erfolgreichsten verhütet (siehe Absatz unten).
Doch was sind eigentlich Infektionen, die unser Immunsystem herausfordern, und wann spricht man von einer Infektionskrankheit, die uns in der Regel zumindest vorübergehend „niederstreckt“?
„Unter Infektionen versteht man das Eindringen und Vermehren von Erregern, also Viren, Bakterien, Pilzen und Parasiten in den menschlichen Körper. Beim Auftreten von Symptomen in diesem Zusammenhang spricht man dann von Infektionskrankheit. Wichtig zu wissen ist auch, dass ein infizierter Mensch nicht notwendigerweise erkranken muss. Er kann Erreger auch in sich tragen, ohne Beschwerden zu haben, dadurch aber eine Infektionsquelle für andere darstellen oder erst zu einem späteren Zeitpunkt – etwa bei einer Abwehrschwäche – selbst daran erkranken“, erklärt Experte Aspöck. Für eine erfolgreiche Bekämpfung von Infektionen ist es daher wichtig, Diagnostik, Therapie und Verhütung gleichermaßen zu berücksichtigen und vor allem im Zusammenhang zu sehen.
Gezielte Abwehrkraft
Die unspezifische Immunabwehr des Körpers ist nicht das einzige Abwehrsystem, über das wir verfügen – es gibt auch eine spezifische Abwehr, die sich erst nach der Geburt voll entwickelt, und bei der der Körper auf ein bestimmtes Antigen (das er als fremd erkennt) mit einem spezifischen Antikörper reagiert. In diesem System bleiben etwa nach einer Infektion spezifische Antikörper und Gedächtniszellen erhalten, sodass bei erneutem Kontakt mit dem Erreger binnen kurzem eine angemessene Abwehrreaktion möglich ist. Auf diesem Prinzip beruhen auch Impfungen – dieses System ist unsere Immunität.
Aspöck zeigt an einem Beispiel den Stellenwert eines starken Immunsystems auf: „Wenn wir eine Kinderkrankheit, wie beispielsweise die durch Viren hervorgerufenen Feuchtblattern, überwunden haben, werden wir sie in der Regel ein ganzes Leben lang trotz häufigem Kontakt mit Erkrankten nicht mehr bekommen. Wenn aber im Alter die Immunität nachlässt, macht sich das Virus im Körper wieder bemerkbar – in Form der Gürtelrose.“
Akut- und Spezialeinsatz
Während also die unspezifische Abwehr sozusagen den „Akuteinsatz“ übernimmt und alles, was dem Körper fremd ist, angreift, können die Zellen der spezifischen Abwehr spezifische Strukturen der „Angreifer“ erkennen und gezielt Abwehrmechanismen bilden. Doch die beiden Systeme arbeiten nicht getrennt voneinander, sondern ergänzen sich und sind eng miteinander vernetzt. Zum Immunsystem gehören weiters auch die Organe Milz und Thymus, Gewebe wie das Knochenmark, Lymphknoten, Mandeln und das lymphatische Gewebe des Darms, und zudem sorgen weitere zahlreiche Mechanismen, die dieses hochkomplexe System unterstützen und es am Laufen halten, für die hocheffiziente Abwehr, die den Körper vor schädlichen Einflüssen von innen und außen schützt und für den Organismus überlebenswichtig ist.
Der Fall „Krankheit“
Solange diese Abwehr reibungslos funktioniert, bemerken wir natürlich nicht, wie vielschichtig eine ganze Reihe unterschiedlicher Zellen und verschiedener Stoffe zusammenarbeitet und sich gegen Krankheitserreger „verbündet“. Doch wir wissen auch, wie es sich anfühlt, wenn wir einmal krank geworden sind.
Was passiert dann im Körper? „Nachdem man sich infiziert hat, befindet sich ein Antigen im Körper. Das Immunsystem versucht das Antigen zu erkennen und die geeignete Waffe dagegen zu finden. Allerdings versucht auch der Erreger seinerseits sich zu vermehren. Ab einer gewissen Menge kommt es dann zu Symptomen“, erklärt Aspöck. Nun hängt es von der Inkubationszeit, also der Zeitspanne zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit, ab, welche Chance das Immunsystem hat: Ein durch Noroviren verursachter Brechdurchfall etwa hat eine kurze Inkubationszeit, oft nur wenige Stunden – da ist fast keine Abwehr möglich. Anders liegt der Fall zum
Beispiel bei der Tuberkulose, bei der erst nach vielen Tagen oder sogar Wochen Lungensymptome auftreten können. Doch in dieser Zeit versucht auch das Immunsystem, sich in Stellung zu bringen und das Seinige zu tun. Im weitaus größten Teil der Infektionen kommt es daher auch zu keiner Erkrankung.
Apropos Antibiotika
Das heißt natürlich nicht, dass man etwa einen Zeckenstich getrost ignorieren kann – genauso wenig wie man im Zusammenhang mit Infektionskrankheiten allein auf die Kraft des Immunsystems vertrauen und den Einsatz von Antibiotika kategorisch ablehnen sollte. „Mit vielen bakteriellen Infektionen würde der Körper grundsätzlich allein fertig werden, doch zum einen gehen zahlreiche dieser Erkrankungen mit quälenden Symptomen einher, zum anderen kann es sein, dass bei schon geschwächter Konstitution noch eine weitere Erkrankung hinzukommt, etwa eine Lungenentzündung bei einem grippalen Infekt. Außerdem können manche Infektionen, wie zum Beispiel die Borreliose (nach Zeckenstich) oder Scharlach, ohne Therapie Folgeschäden hinterlassen“, erklärt Aspöck. Er hält entschieden gegen die Meinung, dass Antibiotika die Immunität schädigen: „Antibiotika hemmen Bakterien in ihrem Wachstum oder zerstören sie. Allerdings können diese Medikamente nicht erkennen, ob ein Mikroorganismus zur eigenen Flora gehört oder nicht. Gelangen Antibiotika in den Darm, bekämpfen sie daher auch manche der dort vorkommenden nützlichen Bakterienarten. Setzt man das Medikament wieder ab, so erholt sich das System meist innerhalb relativ kurzer Zeit wieder. Manchmal kann aber auch eine schwere Darminfektion entstehen. Daher: Antibiotika sollten immer mit Bedacht und niemals wahllos eingesetzt werden.“
Antibiotika schnell absetzen?
Ein Wort noch zu einer Unsitte im Umgang mit Antibiotika, und zwar das eigenmächtige, zu rasche Absetzen. Es scheint ja auch oft zu verlockend, denn häufig entfaltet ein Antibiotikum seine Wirkung außerordentlich rasch, und nicht selten kommt es schon nach einem Tag zum rapiden Sinken des Fiebers und zum fast vollständigen Verschwinden der anderen Krankheitssymptome. Doch: „Eine Infektion mit Bakterien bedeutet nicht eine Infektion mit einem einzelnen, sondern mit einer gewaltigen Zahl von Bakterien, und deren einzelne Stämme sind in der Regel unterschiedlich empfindlich gegen ein bestimmtes Antibiotikum“, erläutert der Experte. „Zu Beginn einer Therapie werden also die empfindlicheren Bakterienstämme abgetötet, doch die weniger empfindlichen reagieren noch nicht. Setzt man also das Antibiotikum zu früh ab, so kann es sein, dass sich diese weniger empfindlichen Stämme vermehren, und es kann nach einer kurzfristigen Besserung zu einem neuerlichen Auftreten der Symptome kommen.“ Aspöck rät daher zu einem vernünftigen Umgang mit dieser Klasse von Medikamenten, denn schließlich und endlich unterstützen diese ja auch die Tätigkeit unseres Immunsystems, dieses schillernden Wächters unserer Gesundheit.
Fit für den Winter: So stärken Sie Ihr Immunsystem!
- Schlafen Sie gut: Im Schlaf tankt unser Körper und damit auch das Immunsystem neue Kräfte. Achten Sie daher auf ausreichend guten und erholsamen Schlaf. Wichtig: Vor Mitternacht zu Bett gehen!
- Trainieren Sie sich fit: Wer sich regelmäßig bewegt, unterstützt die Aktivität der Abwehrzellen. Drei bis vier Mal dreißig Minuten Sport pro Woche sind ideal. Am besten geeignet sind Ausdauersportarten, die Herz und Kreislauf in Schwung bringen.
- Essen Sie klug: Eine ausgewogene, fettarme und vitalstoffreiche Ernährung ist auch für ein intaktes Immunsystem wichtig. Achten Sie darauf, dem Körper ausreichend Vitamin C und Zink zuzuführen, denn diese Vitalstoffe unterstützen unsere Abwehr. Vitamin C findet sich zum Beispiel in Kohlgewächsen und Zitrusfrüchten, gute Zinklieferanten sind unter anderem Haferflocken und Sonnenblumenkerne. Aber auch Käsesorten wie etwa Emmentaler oder Edamer liefern viel Zink.
- Schwitzen Sie: Auch ein Saunagang pro Woche wird vielfach empfohlen, um die Abwehr zu stärken. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn Sie bereits erkältet sind; dann sollten Sie, um Ihren Kreislauf nicht zu sehr zu belasten, mit dem Saunieren zuwarten, bis Sie wieder gesund sind.
- Relaxen Sie: Stress, Anspannung und Aufregung können das Immunsystem schwächen und für Krankheiten anfällig machen. Zeit also für Ihr individuelles Entspannungsprogramm! Probieren Sie es doch einmal mit Progressiver Muskelentspannung, Autogenem Training oder Yoga, die beim Stressabbau helfen können.
- Verzichten Sie: Manche Genussmittel schaden der Abwehrkraft. Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum rauben dem Körper die Energie, die er zur Bekämpfung von Infektionen braucht.
Infektionen erfolgreich bekämpfen
Das Institut für Hygiene und Mikrobiologie am Landesklinikum St. Pölten
Weltweit sind viele hundert Millionen Menschen von Infektionen betroffen, in großen Teilen der Erde verursachen sie Krankheit und Tod in unvorstellbarem Ausmaß. In Mitteleuropa und damit auch Österreich ist die Situation eine andere, denn viele Infektionen kommen bei uns gar nicht oder vergleichsweise selten vor. Zudem stehen hierzulande ausgereifte diagnostische Werkzeuge, gute Präventionsmaßnahmen und bestmögliche Therapien zur Verfügung.
Damit das gewährleistet ist, arbeiten die Profis des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie am Landesklinikum St. Pölten unter der Leitung von Prim. Dr. Christoph Aspöck nach den modernsten Standards der Medizin. Das Institut verfügt über ein mikrobiologisches Laboratorium, in dem auf verschiedenste Weise Erreger aus Patientenproben nachgewiesen werden, um zum Beispiel die Ursache für eine Darm- oder Wundinfektion oder eine Blutvergiftung erkennen zu können. In weiteren Analysen wird getestet, wie empfindlich bestimmte Bakterien und Pilze auf in Frage kommende Medikamente sind. Das ist gerade wegen der ständigen Zunahme von resistenten Bakterien und daraus folgenden Einschränkungen in der Therapie immer wichtiger.
In der Infektionsserologie werden Antikörper im Blut gesucht, wodurch Infektionen wie etwa Lues, Masern, Borreliose oder HIV festgestellt werden. Mit dieser Methode werden übrigens auch Impferfolge gemessen, zudem laufen Untersuchungen für den Mutter-Kind-Pass mit dieser Technik. Weiters analysieren die Experten des Instituts Umgebungsproben und wenden verstärkt modernste Methoden der Molekularbiologie an, bei denen nicht die Erreger selbst oder gegen sie gerichtete Antikörper, sondern ihr genetisches Material analysiert wird. Außerdem gibt man Empfehlungen für die Auswahl und den richtigen Einsatz von Antibiotika und Antimyotika sowie für geeignete Maßnahmen zur Verhinderung von Krankenhausinfektionen. Dazu zählen etwa die Auswahl geeigneter Desinfektionsmittel, die räumliche Isolierung von Patienten, deren Infektionen übertragbar sind, oder die Erarbeitung von Hygiene-Standards für bestimmte Tätigkeiten.
Das Institut für Hygiene und Mikrobiologie ist die einzige derartige Abteilung in Niederösterreich und kooperiert in Fragen der Hygiene mit allen anderen Landeskliniken.
Landesklinikum St. Pölten
Propst-Führer-Straße 4 3100 St. Pölten
Tel.: 02742/9004-0
www.stpoelten.lknoe.at





