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Sprich mit ihr

Frauen und ihre Körperlichkeit sind für viele (Männer) ein gut gehütetes Geheimnis. Während Menschen mit dem Y-Chromosom keine Scheu davor haben, schon bei 37 Grad Körpertemperatur zum Bettlägerigen zu mutieren, sprechen Frauen nicht gerne über ihre körperlichen Befindlichkeiten. Die Medizin widmet sich daher heute stärker jenen Erkrankungen, die wir landläufig als „Tabu-Themen“ abtun.


Jung, frech, gesund

„Das erste Mal“ – wie es wohl sein mag? Junge Frauen wollen das heute früher wissen als noch vor 30 Jahren. Statistisch betrachtet liegt das Durchschnittsalter laut Europa-Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei 16,3 Jahren. Nicht immer bleibt dies ohne Folgen. Österreich liegt bei Teenagerschwangerschaften im europäischen Mittelfeld. Jugendliche sind im Allgemeinen gut informiert und wissen, dass der Klapperstorch auch beim romantischen „ersten Mal“ die Lebenspläne durchkreuzen kann.
Ein Informationsdefizit hingegen scheint es bei den sexuell übertragbaren Erkrankungen (STD) zu geben. Die erste Assoziation dazu ist wohl bei
vielen das Thema Aids. Allerdings schadet eine Reihe von scheinbar „harmlosen“ Erkrankungen der Gesundheit junger Frauen (und Männer). So etwa meldet das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, dass sich die Ansteckung mit Chlamydien in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat. Vor allem jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren sind davon betroffen. In Österreich haben sich die Syphilis-Fälle in den vergangenen 15 Jahren verdreifacht. 1993 wurden in Österreich 124 Fälle gemeldet, 2007 folgte mit 441 Fällen ein neuer Höhepunkt. Auch bei der Gonorrhoe nahmen die Fälle zwischen 1998 (379 Fälle) und 2002 (985 Fälle) rasant zu. In den letzten Jahren sind die Zahlen allerdings wieder leicht gesunken, trotzdem weit über dem Stand, den Österreich vor zehn Jahren hatte. Das Alarmierende daran: Just in jenen Ländern, in denen die Aufklärung sehr fortschrittlich ist, treten die häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen auf.

Sexuell übertragbare Erkrankungen am Vormarsch

Was viele junge Frauen (und Männer) als lästige Warzen oder Bläschen an den Geschlechtsorganen abtun, kann Symptom einer ernsten Erkrankung sein: Jeder fünfte erwachsene Mitteleuropäer ist immer wieder von Herpes genitalis betroffen, jeder zehnte hat im Laufe seines Lebens Genitalwarzen (Kondylome). Mindestens fünf Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Mitteleuropa sind mit Chlamydien infiziert. Dies wird spätestens mit dem Kinderwunsch zum Thema: „Der Spät-
folgen sind sich die meisten Jugendlichen gar nicht bewusst, und Kinderwunsch ist in diesem Alter kein Thema. In zehn oder fünfzehn Jahren, wenn sie sich ein Kind wünschen, ist es dann leider häufig zu spät“, so Univ.-Prof. Dr. Angelika Stary, Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für STD und dermatologische Mikrobiologie.
Die österreichische Gesellschaft für Familienplanung hat bereits 2008 eine Studie vorgestellt, die zeigt, dass 60 Prozent der Mädchen Angst vor einer sexuell übertragbaren Erkrankung haben. Humane Papilloma-Viren verursachen im „harmlosesten“ Fall unangenehme Feigwarzen, denn diese treten am häufigsten bei Menschen bis Mitte 20 auf. Sie setzen sich bei Frauen in der Scheide an und selbst nach einer erfolgreichen Behandlung ist das Risiko hoch, dass Feigwarzen erneut auftreten. Das Virus selbst ist schlau und schnell und findet über die menschlichen Schleimhäute einen Zugang zum Körper und kann sich dort vermehren und neben Genitalwarzen auch Krebsvorstufen am Gebärmutterhals verursachen.

Krebsvorsorge von Anfang an

Der PAP-Test ist daher eine relativ sichere Methode, um eine Krebsvorstufe zu erkennen. Derzeit lassen jedoch nur 60 Prozent der Frauen in Österreich jährlich einen PAP-Test durchführen. Der vom griechischen Arzt George Papanicolaou entwickelte und 1943 veröffentlichte Test sieht einen Abstrich vom Muttermund der Frau vor. Im Labor wird die Probe mikroskopisch beurteilt, so kann die Morphologie von Zellen beurteilt und Krebsvorstufen erkannt werden. Es können aber auch Rückschlüsse auf den Hormonstatus und die Zyklusphase gezogen werden. Darüber hinaus gibt der Test auch Hinweise auf Infektionen, wie Herpes, Chlamydien, Candida oder HPV-Infektionen.
Ein PAP-Test wird üblicherweise im Rahmen der jährlichen Routineuntersuchung beim Gynäkologen durchgeführt. Dabei entnimmt der Arzt mit einer Bürste oder einem Spatel Zellen von Muttermund und Gebärmutterhalskanal und beurteilt dieses betroffene Areal auch optisch. Die Zellen werden auf eine Glasplatte aufgetragen und fixiert, danach im Labor auf Veränderungen untersucht. Die Klassifizierung erfolgt in PAP I bis PAP V. PAP I und II sind normale bzw. unverdächtige Befunde. PAP III ist unklar, PAP IV-Testergebnisse erfordern eine histologische Abklärung, bei PAP V ist meist ein Verdacht auf eine bösartige Erkrankung gegeben. Der PAP-Test hat eine Sensitivität von 50 bis 70 Prozent, das heißt bei vielen Patientinnen können bestimmte Veränderungen nicht erkannt werden, da man aus oft nur wenigen Zellen eine Diagnose stellen muss.

Lebensplanung, Familie und Krebs-Vorsorge

Irgendwann im Leben fast jeder Frau regt sich der Wunsch nach Kindern. Etwa 14.000 Babys erblicken in Niederösterreich jährlich das Licht der Welt. Die erste soziale Aktion, die Mutter und Kind verbindet, ist vielfach das Stillen. Muttermilch ist praktisch, immer richtig temperiert und ständig mit dabei. Sie hat aber noch viele andere Vorzüge: Sie schützt das Baby vor Infektionen, kann Allergien vorbeugen und verringert das Risiko für plötzlichen Kindstod (SIDS). Die Zusammensetzung der Milch verändert sich, je nachdem, wie sich die Mutter ernährt. Dadurch kann sich auch eine gesunde Darmflora des Babys bilden, bei gestillten Babys kommt es nicht so häufig zu Darminfektionen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass gestillte Babys später seltener an Diabetes, Übergewicht, Herz–Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen und Krebsleiden erkranken. Aber auch für die Mutter ist Stillen eine gute Methode, um die Rückbildung der Gebärmutter nach der Geburt zu beschleunigen. Darüber hinaus haben Frauen, die lange gestillt haben, ein geringeres Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Eine Win-win-Situation für Mutter und Kind, denn gerade Brustkrebs ist die häufigste bösartige Krebserkrankung bei Frauen. Jährlich sind etwa 5.000 Frauen in Österreich von dieser Diagnose betroffen. Gegenwärtig muss also jede achte Frau in Österreich damit rechnen, an Brustkrebs zu erkranken.

Bessere Früherkennung bei Brustkrebs

Während dies vor 30 Jahren noch ein Todesurteil war, haben sich auch hier die Prognosen – dank medizinischer Fortschritte – drastisch verbessert. Die Sterblichkeitsrate liegt derzeit bei etwa 20 Prozent. Das wäre noch weiter zu verbessern, wenn Frauen ab 40, 45 Jahren tatsächlich eine regelmäßige Mammografie durchführen ließen. Derzeit gehen nur etwa 40 bis 50 Prozent der Frauen mit entsprechendem Risiko auch tatsächlich zu einer derartigen Untersuchung. Eine Früherkennung könnte bei fast drei Viertel aller Frauen Heilungschancen versprechen. Ab 2013 startet in Österreich das nationale Brustkrebs-Früherkennungs-Programm. Das Spezielle am heimischen Programm: Zusätzlich zum Mammografie-Screening ist anders als in anderen europäischen Ländern bei „dichter Brust“ eine Ultraschall-Untersuchung vorgesehen. Erkennt man das Karzinom in einem Frühstadium, ist auch die Chance auf Heilung deutlich besser.
Heilung in einem fortgeschrittenen Stadium können aber auch neue medizinische Methoden sichern. Prim. Univ.-Doz. Dr. Martin Imhof, Vorstand der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Landesklinikum Korneuburg: „Es gibt heute eine spezielle Form der Tumorbehandlung über das Immunsystem, die auch für Brustkrebs gedacht ist, aber momentan am Eierstock gestestet wird.“ Während früher eine Unterbrechung der Hormonproduktion (Entfernung der Eierstöcke) noch Standard war, stehen gegenwärtig auch medikamentöse Therapien zur Verfügung, die die Hormonproduktion blockieren. Durch Tabletteneinnahme oder monatliche Spritzen kann eine solche Blockade der weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron – sie regen das Tumorzellenwachstum an – erzielt werden, vorausgesetzt die Tumorzellen besitzen Hormonrezeptoren. Eine monatliche Spritze mit GnRH Analoga (Gonadotropin-Releasing-Hormon) kann auf hormonellem Weg die Hormonproduktion in den Eierstöcken hemmen. Bei GnRH Analoga handelt es sich um künstlich hergestellte Eiweißmoleküle. Sie verhindern die Bildung von Östrogenen, indem sie die Ausschüttung der Hormone LH (luteinisierendes Hormon) und FSH (Follikel stimulierendes Hormon) aus der Hirnanhangdrüse hemmen. Diese Hormone sind für das Heranreifen der Eizellen in den Eierstöcken verantwortlich. GnRH Analoga wirken nur für die Dauer der Therapie – vor allem bei jungen Frauen ist die Fruchtbarkeit nach Absetzen des Präparates wieder hergestellt.

Golden Agerinnen – die Sonnenseiten der Reife

Sie sprühen vor Lebenslust und Energie: Frauen Mitte 50. Die körperlichen Veränderungen sind zwar vorhanden, stürzen reife Ladys jedoch noch lange nicht in eine Sinnkrise. Ein Drittel der Frauen leidet unter Beschwerden wie Hitzewallungen, Schweißausbrüchen, Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen. Gegen Wechselbeschwerden gibt es mittlerweile eine Reihe von Strategien, die die hormonelle Umstellung erleichtern. Zwei Drittel leiden nicht an Wechselbeschwerden – eine wirklich gute Nachricht.
Ins Forschungsfeld der Medizin rückt jedoch ein komplexes Thema, das Frauen häufig große Probleme bereitet, über das peinlich berührt geschwiegen wird: Sexualität im Alter ist zwar für ältere Frauen genauso ein Bedürfnis wie für jüngere, doch dieses Thema wird nach wie vor tabuisiert. „Moderne Menschen haben nicht gelernt, das Alter zu lieben, sondern sie haben erfolgreich gelernt, bis ins höhere Alter jung zu bleiben“, bringt Dr. Doris Bach vom Institut für seelische Gesundheit „BrainCare“ das Problem auf den Punkt. Ein Tabu zu Unrecht, da sexuelle Bedürfnisse kein Privileg der Jugend sind.
Sex verändert sich, und wer mitten im Leben steht, weiß wohl, dass es in diesem Bereich unterschiedliche Spielarten gibt. Im selben Maße wie sich Hormonhaushalt und Körper verändern, verändert sich auch die Sexualität: Ältere Menschen brauchen mehr Zeit und mehr Geduld, um sich der Lust zu ergeben. Sie sind anfälliger für Störungen von außen; mangelnde Kommunikation oder ein falsches Wort zur falschen Zeit können aus der romantischsten Nacht ein Bruder-neben-Schwester-Arrangement herstellen.
Eine im „British Medical Journal“ veröffentlichte Studie hat überdies ergeben, dass ältere Männer noch wesentlich länger sexuell aktiv sind als reife Frauen. Demnach gaben 40 Prozent der Männer zwischen 75 und 95 Jahren an, noch sexuell aktiv zu sein. Bei Frauen lag der Anteil bei 17 Prozent. Eine Erklärung dafür mag wohl die höhere Lebenserwartung von Frauen sein, die vielfach nach dem Tod ihres Partners alleine bleiben. Für jene Frauen, die laut Umfrage sexuell aktiv sind, ist die Qualität der Körperlichkeit durchaus positiv.  

Frauenthema Blase

Ständig muss man zur Toilette, beim Wasserlassen geht nicht viel und es brennt höllisch: Harnwegsinfekt! Bei einer Blasenentzündung entzündet sich jenes Gewebe, das die ableitenden Harnwege auskleidet, erklärt Univ.-Doz. Dr. Karl Höbarth, Urologe im Landesklinikum Waidhofen/Ybbs: „Der Harnwegsinfekt ist immer eine Selbstinfektion, also eine Infektion mit eigenen Bakterien. Diese Bakterien werden meist vom Darmausgang – wo sie natürlicherweise vorkommen – in die an sich keimfreien Harnwege verschleppt. Dort breiten sie sich aus und es kommt zu einer Entzündung.“
Von der lästigen, aber meist harmlosen Blasenentzündung sind vor allem Frauen betroffen: Die weibliche Harnröhre mündet nahe am Anus, Bakterien aus dieser Region gelangen daher rascher in die Harnwege. Und die weibliche Harnröhre ist relativ kurz. Dies erleichtert den Keimen den Aufstieg in die Harnblase, wo sie sich sehr gut vermehren können. Deshalb sollten sich Frauen und Mädchen immer von der Scheide in Richtung After abtrocknen – und nie in Gegenrichtung. Bei der sogenannten „Honeymoon-Zystitis“ vermutet man, dass die mechanische Reizung der Schleimhäute im Genitalbereich Bakterien den Weg in den Harntrakt erleichtert.
Mit reichlicher Flüssigkeit kann man diesen Harnwegsinfekt „vertrinken“, indem man sozusagen den Harn verdünnt: Wasser, Früchte- und Kräutertee eignen sich gut dafür. Kohlensäurehältige Getränke und Nahrungsmittel, die sehr sauer oder scharf sind, sollte man meiden. Hilft Trinken nicht, so ist der Gang zum Arzt angesagt. Er wird den unkomplizierten Harnwegsinfekt kurzfristig mit Antibiotika behandeln. Studien zeigen, dass schon eine einmalige Dosis ausreichen kann, um die Krankheitserreger zuverlässig abzutöten. Bei Fieber, Schüttelfrost und Nierenschmerzen als Begleitsymptome eines Harnwegsinfekts ist unbedingt eine ärztliche Abklärung und Therapie nötig, denn dahinter verbirgt sich oft ein nicht mehr banaler „aufsteigender Harnwegsinfekt“. Aber auch komplizierte Harnwegsinfekte mit Beteiligung der Nieren führen bei fachgerechter Therapie nicht zu bleibenden Schäden.

FOTO: bildagentur waldhäusl

Feuer in der Blase

Die Interstitielle Cystitis zeichnet sich zu Beginn durch vermehrten Harndrang, häufige Toilettengänge und undefinierte Schmerzen im Uro-Genitaltrakt ab. Später nehmen die Schmerzen enorm zu und die schützende Schleimhautschicht im Innern der Blase bekommt Defekte. Unbehandelt sind die Schmerzen oft nur mit Medikamenten erträglich, die Blase schrumpft und im schlimmsten Fall muss sie entfernt werden.
Die Früherkennung ist von größter Wichtigkeit. Um den ganzen Symptomenkomplex besser zur Diagnose zu erfassen, wird die Krankheit seit 2007 als Painful Bladder Syndrom (PBS)/Interstitielle Cystitis (IC) bezeichnet.
Als wirksamste Therapie haben sich der Schutz und die Wiederherstellung der Blasenschleimhaut durch spezielle Medikamente erwiesen, sie werden möglichst noch im Anfangsstadium der Krankheit direkt an die betroffenen Schleimhäute gebracht. Sonst gibt es kaum zielführende Medikamente. Muss die Blase entfernt werden, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Rekonstruktion der Harnableitung, die sogar laparoskopisch durchgeführt werden können.
Patienten, die zur Gründung des Vereines ICA (Interstitielle Cystitis Austria) im Jahr 2000 schon einen längeren Leidensweg ohne Behandlung hinter sich hatten, leiden heute oft unter Begleiterkrankungen der IC, vor allem Autoimmunerkrankungen, und haben häufig Nierenfunktionsprobleme. Gänzlich heilbar ist IC noch nicht, aber die entsprechenden Therapien werden laufend verbessert. Selbsthilfegruppen bieten Hilfe an im Umgang mit der Krankheit und geben Tipps zur Verringerung der Schmerzen und zur Verbesserung der Lebensqualität.
Veranstaltungen für Betroffene mit Fachvorträgen von Experten gibt es jeweils am 3. Dienstag im ungeraden Monat (außer im Juli) um 18 Uhr im Landesklinikum St. Pölten, Vortragsraum 9. Stock; die nächsten am 15. Mai und am 18. September 2012.

Kontaktpersonen für NÖ: Barbara Will, Tel.: 02713/2919, familie.will(at)aon.at, Susanne Melchus, Tel.: 0676/9362765

Zentraler Kontakt + Auskunft: Tel.: 07246/8448, www.ica-austria.at

Buchtipp

Doris Bach, Franz Böhmer: Intimität, Sexualität, Tabuisierung im Alter.
336 Seiten,
ISBN: 978-3-205-78613-9, 35 Euro

Zu bestellen unter
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