Sicher reagieren im Notfall
Die Notärzte in Niederösterreich werden ab sofort noch besser ausgebildet, und auch für Ereignisse wie in Norwegen entstehen neue Notfall-Pläne. Zuständig dafür ist Dr. Martin Bayer in der NÖ Landeskliniken-Holding.
Für die Fußball-EM 2008 war er Ärztlicher Leiter für die Spiele in den Wiener Stadien, ein Jahr lang hatte er sich mit seinem Team auf das Mega-Ereignis vorbereitet. Nun plant, strukturiert und verbessert der erfahrene Organisator die Notarzt-Versorgung in Niederösterreich, damit im Ernstfall bestens ausgebildete und gerüstete Experten zu unserer Rettung zur Verfügung stehen. Nicht, dass die Versorgung bisher schlecht gewesen wäre. Doch es gilt, auf dem Stand des Wissens und auch international gesehen an der Spitze zu bleiben.
Regelmäßig im Notarztwagen
Dr. Martin Bayer, Anästhesist und Notarzt aus
Leidenschaft, arbeitet seit drei Monaten für die NÖ Landeskliniken-Holding. In der Abteilung für Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung ist er Bereichsleiter für den Kompetenzbereich Notarztwesen. Der Mann ist die Ruhe selbst. Immer? „Nein“, sagt er bescheiden, „auch mit noch so viel Erfahrung gibt es immer noch Situationen bei Einsätzen, in denen ich ins Schwitzen komme.“ Dabei gehört er zu den fundiertesten und erfahrensten Ausbildnern für Notärzte in Österreich, war jahrelang bei der Ärzteflugambulanz und kennt so ziemlich alles, was man in diesem Beruf erleben kann. Warum macht er dann noch immer regelmäßig Nacht- und Wochenenddienste beim Roten Kreuz in Gänserndorf und Retz, und das seit 1988? „Weil es nicht richtig wäre, meine Arbeit hier für die NÖ Landeskliniken-Holding nur vom grünen Tisch aus zu machen. Ich weiß durch die regelmäßige Arbeit im Notarztwagen sehr genau, was draußen los ist.
Dieses Wissen brauche ich hier jeden Tag.“
Qualitätssicherung Marke Bayer.
Wichtig ist ihm eine Ausbildung der NÖ Notärzte, die über die gesetzlichen Mindestvorschriften hinausgeht. Diese Mindestvorgaben sind vom Bund geregelt und sehen ein strenges Curriculum für angehende Notärzte vor. Warum dann die Latte noch höher legen? „Auch wenn du im OP schon hunderte Patienten intubiert hast – das heißt noch lange nicht, dass du es auch um 3 Uhr Früh unter einem Lastwagen kannst.“ Oder anders gesagt: Es schützt junge, noch wenig erfahrene Ärzte, wenn sie möglichst viel schon gesehen und geübt haben. Denn so können sie im Ernstfall effektiv und sicher handeln – und die Patienten bestmöglich retten und versorgen. Es ist wie bei allen Aufgaben, in denen man in unvorhersehbare Situationen kommen kann: Man muss die wichtigsten Abläufe sozusagen automatisch können und abspulen – dann kann man bestmögliche Ergebnisse erzielen.
Üben am Trainingssimulator
Innerhalb der Holding dürfen angehende Notärzte, so sie im eigenen Haus als Sekundararzt oder in der Facharztausbildung zu wenig Praxis in der Notfallversorgung erwerben können, in anderen Häusern und Abteilungen hospitieren. Zur Ausbildung gehört künftig eine Checkliste, damit abgesichert ist, dass alle wichtigen möglichen Szenarien geübt wurden – vom Schlaganfall bis zum Multitrauma. Die Rettung von Babys und Kleinkindern und andere besonders herausfordernde Situationen üben die Jungärzte zum Beispiel im Simulatortrainingszentrum im Landesklinikum Hochegg – und zwar im Team, damit im Einsatz jeder weiß, was er beitragen muss und wie das abläuft.
Auch mit der Feuerwehr sollen die jungen Spitzen-Retter schon in der Ausbildung zusammenarbeiten. „Sie müssen ja bei einer Bergung aus einem Unfallfahrzeug wissen, wie sie am besten die Verletzten versorgen können, die noch im Auto eingeklemmt sind, während die Feuerwehr diese Menschen herausholt.“
Und noch etwas gibt es für alle NÖ Notärzte verpflichtend ab Oktober: Zweimal pro Jahr werden sogenannte Refresher-Kurse angeboten. Alle jetzt schon tätigen Notärzte werden regelmäßig eingeladen, ihr Wissen auf den neuesten Stand zu bringen. Denn wie in allen Bereichen der Medizin verändert sich der Stand des Wissens laufend und schnell.
Notfallpläne für alle erdenklichen Krisen
Bayer befasst sich aber auch ausführlich mit verschiedenen Notfällen, wie sie uns das Fernsehen regelmäßig in die Wohnzimmer spült. Flugzeugabstürze bei Starts und Landungen mit zahlreichen schwer Brandverletzten, Massenereignisse wie die Panik bei der Love Parade vor einem Jahr in Duisburg, Lawinenunglücke oder Hochwässer, Terroranschläge wie in Madrid, London oder jüngst in Oslo – Bayer studiert sie genau: Wie würden wir handeln? Wo würden die Verletzten versorgt? In welchen Kliniken gibt es zum Beispiel Intensivbetten für Menschen mit schwersten Verbrennungen? Die würden übrigens über halb Europa verstreut versorgt, denn die Notfall-Netze sind schon lange grenzüberschreitend. An Notfallplänen für die verschiedensten medizinischen Versorgungsszenarien arbeitet Bayer laufend – natürlich gemeinsam mit den anderen Rettungsorganisationen, mit Feuerwehr und Polizei,
aber auch zum Beispiel mit dem Flughafen in Schwechat.
Retter aus Leidenschaft
Was hat den 52-Jährigen dazu gebracht, Arzt zu werden? Sein Vater war Internist – und hätte seinen Sohn auch gerne als Internisten gesehen. Vor allem prägend war aber der Religionslehrer in der Oberstufe des Gymnasiums, der statt über Ethik und Moral viel lieber handfest über Erste Hilfe geredet hat. So arbeitet Bayer bereits seit dem
17. Lebensjahr freiwillig beim Roten Kreuz und entschied sich nach Studium und Turnus für die Anästhesie, „weil sie am meisten mit Notfallmedizin zu tun hat“. Seine letzte Station vor der NÖ Landeskliniken-Holding waren die Barmherzigen Brüder in Wien.
Was motiviert den zweifachen Vater erwachsener Kinder und begeisterten Krimi-Leser dazu, sich immer noch den Notfalleinsätzen zu unterziehen, dem Stress, in unvorhersehbaren Situationen Entscheidungen zu treffen, die Leben oder Tod bedeuten können? „Weil ich es gern mache“, formuliert er nachdenklich. „Weil ich lieber sozusagen im Schützengraben bin als auf der Ehrentribüne“, wo er als langjähriger Rot-Kreuz-Funktionär schon längst mit zahlreichen Orden sitzen könnte. „Weil es nach fast 30 Jahren schon eine ziemlich große Zahl an Menschen gibt, die durch meine schnelle Hilfe eine bessere Lebensqualität haben – oder deren Leben ich retten konnte.“
Notarzt-Versorgung in NÖ
Wer als Notarzt arbeiten will, muss zumindest Medizin studiert und den Turnus absolviert haben – also das „ius practicandi“, das Recht, als Arzt zu arbeiten, besitzen.
In NÖ gibt es 32 Notarzt-Stützpunkte, von denen 28 rund um die Uhr und die restlichen 4 nur in der Nacht besetzt sind. 23 dieser Stützpunkte befinden sich in NÖ Landeskliniken, dort zum Großteil in den Abteilungen für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Die restlichen 5 und nachts 9 Stützpunkte betreiben das Rote Kreuz und der Samariterbund.
Rund 130 Mediziner arbeiten derzeit im Notarzt-Dienst. Sie bewältigten im Vorjahr fast 37.000 Notarzt-Einsätze, davon über 16.000 bei Nacht. Bei über 3.000 Notarzt-Einsätzen rückte der Rettungshubschrauber aus.





