Sensible Blase
Der Harnwegsinfekt ist ein „weibliches“ Gesundheitsproblem. Leider hat er auch die Tendenz, immer wiederzukehren. GESUND&LEBEN sagt Ihnen, was man von medizinischer Seite dagegen tun und wie man mit natürlichen Mitteln vorbeugen kann.
Ständiger Harndrang, oftmaliges Wasserlassen unter brennenden Schmerzen und Krämpfe im Unterbauch: Wieder einmal Harnwegsinfekt! Gerade Frauen sind besonders häufig davon betroffen, und das hat in erster Linie anatomische Gründe. „Die meisten Harnwegsinfektionen entstehen dadurch, dass Darmbakterien aus dem Enddarm in die Harnröhre gelangen“, erklärt OA Dr. Stefan Heidler von der Abteilung für Urologie im Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf die Ausgangslage. „Die weibliche Harnröhre mündet in gleicher Ebene wie die Scheide in den Schambereich, in relativer Nähe zum After, und die relativ kurze weibliche Harnröhre erleichtert den Keimen den Aufstieg in die Harnblase, wo sie sich gut vermehren können.“
Natürliche Schutzmechanismen
Doch man kann sich vor dieser Entzündung des Gewebes schützen. „Spülen Sie Ihre Blase gut durch! Trinken Sie circa zwei Liter Flüssigkeit am Tag. Es sollten etwa eineinhalb Liter Harn pro Tag ausgeschieden werden, denn so verhindern Sie, dass sich Keime in der Blase festsetzen und vermehren können“, sagt Heidler.
„Auch das feuchte, saure Schleimhautmilieu der Scheide fungiert als Barriere gegen die Bakterien.“
Vorsicht bei Intimhygiene!
Leider gibt es andererseits eine Reihe von Faktoren, die die Schutzfunktion der Scheide herabsetzen. Dazu zählt etwa übertriebene Intimhygiene, vor allem mit stark parfümierten Substanzen, welche die natürliche Bakterienflora im Genitalbereich zum Nachteil verändern. Aber auch falsch durchgeführte Hygiene kann für Infekte verantwortlich sein: Frauen sollten sich immer von der Scheide in Richtung After abtrocknen.
Pille, Sex & Co
Weiters hat auch der Hormonhaushalt Einfluss auf das Scheidenmilieu. „Vor allem der Östrogenspiegel hält im Urogenitalbereich die Schleimhaut elastisch und feucht und bildet somit einen Schutzfilm. Durch die hormonellen Veränderungen im Wechsel kann es aber zu einem Hormonmangel kommen, die Schleimhäute werden rissig und
trocken, auch der ph-Wert steigt. Bakterien haben es dadurch leichter, die Schleimhäute zu besiedeln“, so der Experte.
Mitunter kann auch bei Frauen, die mit zu niedrig dosierten, kombinierten Kontrazeptiva verhüten, die körpereigene Östrogenproduktion unterdrückt werden. „So kommt es manchmal nicht zu ausreichenden Östrogenkonzentrationen im Bereich der Scheide und der unteren Harnwege, und die regenerativen Prozesse
können nicht ausreichend aufrechterhalten werden“, erklärt der Urologe. Er weist auch darauf hin, dass sexuelle Aktivität ein weiterer bedeutender Faktor in der Entstehung von Harnwegsinfekten ist. Durch den innigen Kontakt und vor allem die Reibung im Intimbereich werden Darmbakterien dort verteilt und ihnen wird der Weg in den Harntrakt erleichtert.
Sommerspaß mit Folgen
Nicht direkt ursächlich, aber mitverantwortlich für die Entstehung eines Harnwegsinfekts kann auch unser sommerlich nachlässiges Verhalten in Sachen „Warmhalten“ sein. Klar: Wenn endlich die Sonne scheint, die Schanigärten und Heurigenlokale bis spät in den Abend hinein geöffnet sind, und Freibäder, Seen und Meere zum Baden einladen, mag frau leichte, oft nieren- und bauchfreie Sommerkleidung oder hat keine Lust, die nassen Badesachen gleich auszuziehen. „Durch nasse Kleidung kühlt man schneller aus, dadurch wird das Immunsystem geschwächt und Bakterien haben leichteres Spiel. Das könnte eine diesbezügliche höhere Anfälligkeit für den Harnwegsinfekt erklären“, so Heidler.
Was man wissen sollte
Im Übrigen kann bei einer ausgeprägten Blasenentzündung auch mehr oder weniger deutlich Blut im Harn sichtbar sein, doch diese Begleiterscheinung legt sich im Laufe einer adäquaten Behandlung. Was man hingegen nicht unterschätzen sollte, ist eine Komplikation der Blasenentzündung, die als „aufsteigender Infekt“ bezeichnet wird. Dabei wird das Nierenbecken in das Infektgeschehen miteinbezogen – man spricht dann von einer Nierenbeckenentzündung. Diese geht mit Flankenschmerzen und hohem Fieber einher, und die Experten raten in diesem Fall zu einer stationären Aufnahme in ein Krankenhaus.
Dreimal im Jahr & öfter
Noch etwas: Tritt ein Harnwegsinfekt dreimal oder öfter im Jahr auf, so sollte man dies genau urologisch abklären lassen. „Dabei sollte als
Erstes eine Harnkultur angelegt werden, um feststellen zu können, welcher Keim für die Erkrankung verantwortlich ist. Eventuell können auch Antibiotika-Resistenzen vorliegen“, erklärt Heidler. „Weiters muss man auf anatomische Fehlbildungen wie zum Beispiel eine zu enge Harnröhre, eine möglicherweise vorliegende Grunderkrankung wie Diabetes mellitus oder eine neurologische Erkrankung achten, welche die vollständige Blasenentleerung behindern können. Der dadurch entstehende Restharn begünstigt die Genese einer Entzündung.“
State-of-the-art-Behandlung
Behandelt wird der unkomplizierte Harnwegsinfekt laut europäischen Richtlinien heute mit einer mindestens dreitägigen Antibiotika-Gabe; in manchen Fällen – bei unkomplizierten Infekten junger Frauen – ist auch die einmalige Gabe eines bestimmten Antibiotikums möglich.
Weiters könnte bei diesen sogenannten rezidivierenden Infekten auch eine Immunstimulation mit einem Extrakt aus verschiedenen Stämmen von Darmbakterien durchgeführt werden. „Diese Behandlung führt laut Studienlage zu einer deutlichen Reduktion der Infekte“, weiß Heidler. Schlussendlich kann man, bei speziell durch den Urologen selektierten Patientinnen, eine vorbeugende niedrig dosierte Antibiotika-Gabe einleiten, um häufig wiederkehrenden Infekten entgegenzusteuern.
Omas wussten es schon immer
Apropos Vorbeugung: Heidler weiß über einen Esslöffel Apfelessig abends zu berichten: „Apfelessig soll antibakteriell und entzündungshemmend im Nieren-Blasen-Bereich wirken.“ Auch Cranberry oder Preiselbeere, als Saft oder Tablette eingenommen, zeigten in einigen
Studien einen guten Effekt, der aber insgesamt nicht bestätigt werden konnte. Diesen Früchten wird eine antibakterielle Wirkung zugeschrieben. Dies soll zum einen durch ihre Zitronensäurehältigkeit geschehen, was zur Ansäuerung des Harnes und somit zu einer Hemmung der Bakterienvermehrung führen soll. Zum anderen über Anthocyane, welche die Ausscheidung der Bakterien fördern. Der Experte weist weiters darauf hin, dass diese Powerstoffe auch in Kirsche, Heidelbeere, blaue Traube sowie Rotkraut enthalten sind. Heidler: „Ein Versuch, mit solchen ‚altbewährten‘ Mitteln gegen das lästige Frauenleiden anzugehen, ist wohl allemal unbedenklich, die Wirkung leider nicht unbedingt zuverlässig. Wichtig ist vor allem die reichliche Flüssigkeitsaufnahme!“
Harnwegsinfekt – was Sie selbst tun können
- Trinken Sie, trinken Sie, trinken Sie und gehen Sie oft zur Toilette: Wichtig ist, dass die Blase gut ausgespült wird, insbesondere auch dann, wenn Sie Antibiotika nehmen.
- Wasser als Getränk ist immer gut; manchmal werden auch spezielle Blasen- und Nierentees empfohlen, die Pflanzenextrakte wie Brennnessel, Birke, Schachtelhalm oder Wacholder enthalten und die Niere zur Harnproduktion anregen.
- Beerentraubenblätter können desinfizierend wirken und die Bakterien bekämpfen.
- Cranberry und Preiselbeere schaffen ein für Bakterien ungünstiges Milieu.
- Gönnen Sie sich Ruhe und lassen Sie sich entsprechend Zeit, den Harnwegsinfekt ausheilen zu lassen.
Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf
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