Schreien ohne Ende
Wenn Babys viele Stunden am Tag schreien, ist das eine große Belastung. In der Ambulanz für Schrei- und Schlafstörungen im Landesklinikum Mödling erhalten Eltern Beratung und Hilfe.
Edith Huebmer, Leiterin der Anlaufstelle für Eltern mit Schreibabys im Landesklinikum Mödling
Ambulanz für Schrei- und Schlafstörungen
Landesklinikum Mödling
Leitung: Edith Huebmer
Termin nach telefonischer Vereinbarung
Tel.: 02236/9004-12350
Landesklinikum Mödling
Sr. M. Restituta-Gasse 12
2340 Mödling
Tel.: 02236/9004-0
www.moedling.lknoe.at
Im Hintergrund ist es still, wenn Michaela D. am Telefon über die ersten neun Wochen im Leben ihres Sohnes Simon spricht. Dass ein Telefonat in Ruhe für die Niederösterreicherin keine Selbstverständlichkeit und nur deshalb möglich ist, weil ihre Mutter sich gerade um Simon kümmert, wird schnell deutlich, wenn sie erzählt: „Direkt nach der Geburt war Simon völlig fertig, aber ab dem zweiten Tag hat er von früh bis spät geschrien.“ Vier Tage später, nach abermaligem stundenlangen Schreien, weiß die junge Mutter: „Ich krieg mein Kind nicht ruhig.“ Für Michaela D. ist es unerklärlich, warum sich Simon nicht und nicht beruhigen lässt und kaum schläft. Von den sechzehn bis achtzehn Stunden, die Neugeborene normalerweise pro Tag schlafen, kann sie nur träumen. Wenn sie die – immer wieder durch Schreien unterbrochenen – Schlafphasen ihres Sohnes addiert, kommt sie vielleicht auf sechs Stunden, mehr nicht. Ihr eigener Schlafmangel zehrt an ihr, Zeit für die nötigsten Dinge bleibt kaum: „Ich schaffe es nicht, in Ruhe zu duschen, mir was zu essen zu machen oder irgendwohin zu gehen.“
Als sich Michaela D. hilfesuchend an den Kinderarzt wendet, tippt dieser auf die typischen Dreimonatskoliken, also Schreien, das auf Störungen im Magen-Darm-Trakt zurückzuführen ist und das sich in den meisten Fällen nach etwa zwölf Wochen wieder gibt. Wirklich weiterhelfen kann er ihr nicht. Auch im Freundeskreis gibt es niemanden, der exzessives Schreien bei Babys kennt. Michaela D. beginnt im Internet zu recherchieren und will wissen: „Gibt es noch jemanden, der so etwas durchmacht?“ Sie findet schließlich einen Artikel über Schreibabys und stößt auf die Ambulanz für Schrei- und Schlafstörungen in Mödling.
Überreizt & gestresst
Edith Huebmer leitet die Anlaufstelle für Eltern mit Schreibabys und empfängt geplagte Mütter und Väter in einem kleinen Raum mit Kuschelecke am Boden, Sitzgruppe und Schreibtisch im Eck. In den vergangenen zwanzig Jahren waren es nicht weniger als dreitausend Kinder, deren Eltern die individualpsychologische Analytikerin beraten hat. Für Akutfälle hat sie immer Termine frei, und wenn es sein muss, kürzt sie ihre Mittagspause, um Zeit zu haben. Denn Huebmer weiß, wie belastend es ist, wenn Babys stundenlang schreien. „Schreien ist ein Ausdruck dessen, dass etwas nicht passt. Es ist etwas ganz Normales“, erklärt sie. Hunger, Nähebedürfnis, zu kalt oder zu warm, oder müde: Babys melden sich lautstark und überlassen es den Eltern herauszufinden, wo der Schuh drückt.
Wenn sich das Baby aber schwer oder gar nicht beruhigen lässt, kann das mehrere Gründe haben: Zu früh geborene Kinder zum Beispiel drücken ihre Irritation über die Trennung von der Mutter durch Schreien aus. Häufig sind auch Dysregulationsstörungen für exzessives Schreien verantwortlich: Die betroffenen Babys nehmen sehr viel aus ihrer Umgebung auf, schaffen es aber nicht, die von außen kommenden Stimulationen zu regulieren und sich auszuklinken, wenn es ihnen genug ist. Seit ihrem Besuch bei Edith Huebmer in der Schreiambulanz weiß Michaela D., dass genau das auch das Problem von Simon ist. „Er überreizt sich die ganze Zeit selber und ist nur am Schauen. Ich denke mir: ‚Mach doch einfach die Augen zu!‘“ Allein das Wissen, dass das wahrscheinlich der Grund für Simons Schreianfälle ist und dass es auch andere Eltern mit demselben Problem gibt, hilft der Mutter, besser mit der Situation umzugehen.
Sicherheit vermitteln
Die betroffenen Mütter und auch Väter sind, wie Michaela D., verunsichert und fühlen sich inkompetent und hilflos. „Es ist völlig normal, wenn man dann denkt: Warum hab ich mir das angetan? Solche Gefühle dürfen sein. Die Mütter schämen sich oft und haben das Gefühl zu versagen“, sagt Huebmer. Sie warnt davor, deswegen in die Isolation zu gehen und rät dringend, sich Hilfe zu suchen, zum Beispiel in einer Schreiambulanz. Eine spürbare Verbesserung stellt sich bei den meisten Babys in vielen Fällen gleich nach dem ersten Besuch bei Edith Huebmer ein. Eines der Grundanliegen von Huebmer ist es, den Müttern Vertrauen in ihre Kompetenz und neue Sicherheit zu vermitteln: „Die Mütter haben gute Impulse und folgen ihnen oft nicht, weil sie etwas anderes gelesen haben.“
Wenn eine Mutter ihr Baby bei sich im Bett schlafen lassen will, soll sie es tun und keine Angst haben, ihr Kind zu verwöhnen. Richtig ist das, was für die Mutter mit Blick auf ihr Baby gut passt. Die Sicherheit, die Eltern ausstrahlen, wirkt sich auf das Baby aus. Also nicht dreißig verschiedene Schnuller ausprobieren und das Baby damit verwirren, sondern sich für einen entscheiden und den hundert Mal probieren: „Kinder brauchen immer das Gleiche und von der Mama das Gefühl: Der ist es!“
Weil Schreibabys von außen kommende Reize kaum regulieren können, müssen die Eltern diese Aufgabe übernehmen und ihr Kind vor Überstimulation schützen. Durch bestimmte Signale zeigt das Baby, ob es noch aufnahmebereit ist oder nicht: „Wenn die Kinder beginnen, die Stirn zu runzeln, wegschauen oder körperlich unruhig werden, dann merkt man, dass es genug ist.“
Am besten ist, das Baby gleich in den Kinderwagen oder ins Bett zu legen oder im Tragetuch – mit dem Blick zu Mama oder Papa – zu tragen. Dabei aber nicht mehr viel mit dem Baby sprechen, sonst ist es durch die Doppelbotschaft verwirrt: Einerseits wird es zum Schlafen hingelegt, andererseits nehmen die Mutter oder der Vater wieder Kontakt mit ihm auf. Auf neue Stimulationen unbedingt verzichten – gerade dann, wenn das Baby schon weint, weiß Huebmer: „Die Mütter wollen die Kinder dann ablenken, nehmen sie hoch, mit dem Blick nach vorne und sagen: ‚Schau, was es da alles gibt!‘“
Dadurch wird der Stresspegel des Babys allerdings noch mehr erhöht, und es hat keine Chance mehr sich zu beruhigen, runterzukommen und sich in die Passivität fallen zu lassen, die zum Einschlafen notwendig ist. Kippt das Baby ins hysterische Schreien, muss zunächst die Mutter darauf achten, dass es ihr selbst gut geht. „Ein schreiendes Baby löst Aggressionen aus“, sagt Edith Huebmer. Das Kind also kurz ins Bettchen legen, etwas essen oder trinken, sich fassen. „Das Kind dann eher fester zu sich nehmen und in einen dunklen Raum gehen.“ Die Haltung sollte man beibehalten, bis sich das Baby beruhigt, denn jeder Wechsel stimuliert neu. Bewährt hat es sich, herumzugehen und bei jedem dritten Schritt etwas einzuknicken.
Perspektive: aufgeweckte Kinder
Von üblichen Tricks wie den Föhn einschalten, um schreiende Babys ruhig zu bekommen, hält die Leiterin der Schreiambulanz wenig: „Es gibt Eltern, die föhnen acht Stunden lang. Die Kinder werden dann konditioniert.“ Elektrische Wippen empfiehlt sie auch nicht, weil diese ebenfalls Stimulation bieten. Zwei Ratschläge hat Huebmer für die Eltern von Schreibabys noch parat: „Gut sind Rituale, weil sie der Mutter und den Kindern Sicherheit bieten.“
Der morgendliche Gang zum Wickeltisch und die Momente des Plauderns dort zum Beispiel oder der täglich gleiche Ablauf am Abend tun den Kleinen und den Großen gut. Außerdem rät
Huebmer zu einem „Übergangsobjekt“: Das kann ein Stofftier sein, das sich die Mutter aussucht und das von den Eltern viele Male immer wieder mitgenommen und berührt wird. So wird es ein Teil von ihnen und tröstet das Kind, wenn Mama oder Papa einmal nicht in der Nähe sind. Was sonst noch hilft, ist natürlich die Unterstützung des Partners oder anderer Personen.
„Vielleicht ist es möglich, dass der Vater mit dem Kind eine Stunde lang weggeht, damit
die Mutter das machen kann, was sie will“, sagt Expertin Edith Huebmer. Aus langjähriger Erfahrung weiß sie, dass die Bedürfnisse der Frauen unterschiedlich sind: Schlafen, putzen oder in der Badewanne liegen – erlaubt ist alles, was gut tut. Die Perspektive, die Huebmer schreigeplagten Eltern mitgeben kann, ist jedenfalls sehr positiv: „Das werden ganz normale Kinder, die eher aufgeweckt und lustig sind.“
20 Jahre Schreiambulanz
Vor über 20 Jahren ins Leben gerufen, hat sich die Ambulanz für Schrei- und Schlafstörungen der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des Landesklinikums Mödling mittlerweile als zentrale Anlaufstelle für betroffene Familien etabliert. Im Rahmen einer Fachveranstaltung mit Vorträgen und Praxisberichten von Prim. Univ.-Doz. Dr. Erwin Hauser, Vorstand der Kinder- und Jugendabteilung, sowie der Leiterin der Schreiambulanz Edith Huebmer wurde das runde Jubiläum ein wenig gefeiert, Erfahrungen ausgetauscht sowie ein Ausblick in die Zukunft gemacht.
Prim. Dr. Burghard Plainer (Stv. Ärztlicher Direktor), Edith Huebmer (Leiterin der Schreiambulanz), Prim. Univ.-Doz. Dr. Erwin Hauser (Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde)





