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Sanfte Klänge für die Kleinsten

Harfe, Gitarre & Laute: Musiktherapie kann Babys und Frühchen in ihrer Entwicklung unterstützen.


Mit entspannenden Klängen unterstützt Musiktherapeutin Barbara Koppensteiner Schwangere und Frühchen.

Landesklinikum Zwettl Propstei 5
3910 Zwettl
Tel.: 02822/9004-0
www.zwettl.lknoe.at

Musiktherapeutin Barbara Koppensteiner unterstützt auf den Stationen Kinder- und Jugendheilkunde, Neonatologie und Gynäkologie im Landesklinikum Zwettl Schwangere und Frühchen mit entspannenden Klängen. Sie hat ein ganz besonderes Gespür für die allerjüngsten Erdenbürger und ihre Mütter: Seit mehr als zwei Jahren arbeitet sie mit Frühgeborenen, aber auch mit Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen oder psychosomatischen Symptomen und deren Eltern. Denn Musik als nichtsprachliches Ausdrucksmittel hilft, Gefühle, Bedürfnisse, Stimmungen, innere Konflikte und Spannungen mitzuteilen und zu bearbeiten, erklärt Koppensteiner: „Die Musik ermöglicht dem jungen Menschen, in Beziehung zu treten, diese Beziehung zu gestalten und sinnlich zu erleben. Musiktherapie kann dort unterstützen, wo verbaler Kontakt erschwert, verarmt oder nicht möglich ist oder wenn jemand nicht über innere Befindlichkeiten und Spannungen reden kann.“
Mit Musiktherapie als unterstützende, zusätzliche Therapie für Frühgeborene und deren Eltern hat sie sich schwerpunktmäßig in ihrer Ausbildung befasst und Bachelor- und Masterarbeit darüber geschrieben. Wenn sie mit Frühchen arbeitet, spielt sie auch für Mutter und Vater und das Pflegepersonal: „Musik kann die Atmosphäre in einem intensivmedizinischen Bereich etwas entspannen und einen Raum schaffen, in dem Eltern und Kind ein bedingungsloses und entspanntes Miteinander genießen können. Dabei werden Begegnungen und Interaktionen leichter möglich.“

Gute Mutter-Kind-Beziehung

Koppensteiner geht es vor allem um die Mutter-Kind-Beziehung. Sie spielt auf der keltischen Harfe, der Gitarre oder der Oud, einer orientalischen Laute, und singt für Kind und Eltern, etwa beim Känguruhen, wenn Frühgeborene den Müttern Haut an Haut auf den Oberkörper zum Kuscheln gelegt werden: „Immer wieder auf die Situation und die Bedürfnisse der Mutter bzw. des Vaters und des Kinds abgestimmt beginne ich die Musiktherapie mit summenden einfachen leisen Tonfolgen, untermalt von einem Instrument. Ich versuche, die Musik dem Atemrhythmus des Babys anzupassen und wechsle dann langsam von der einfachen Improvisation zu einem Wiegenlied.“ Wiegenlieder motivieren die Eltern oft, selbst für ihr Kind mitzusummen.
Für ihre eigene Forschungsarbeit begleitete Koppensteiner sechs Familien im Landesklinikum Zwettl und im Universitätsklinikum St. Pölten und beobachtete die Wirkungen und Veränderungen in der Interaktion zwischen Mutter und Kind durch die Musiktherapie: Einzelne Interventionen (Dauer 15 bis 20 Minuten) mit einer Vorlauf- und Nachlaufzeit von etwa drei Minuten wurden dafür aufgezeichnet und die Videos Bild für Bild im Sekundentakt analysiert. Dabei achtete Koppensteiner auf Blick, Kopfhaltung, Mimik, verbale Äußerungen, Streicheln der Mutter und Bewegungen des Kindes. Die Ergebnisse belegen die unterstützende Wirkung musiktherapeutischer Interventionen bei medizinisch stabilen Frühgeborenen und deren Müttern. In den Videosequenzen nach den Therapien zeigen sich die Kinder meist sehr ruhig und entspannt, viele schlafen während der Intervention ein oder erst danach. Die Mütter zeigen nach einer musiktherapeutischen Einheit mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität ihren Kindern gegenüber, werden dadurch sicherer in ihrem Tun, und das Interagieren und Kommunizieren nimmt somit zu.

Unterstützung für Risikoschwangerschaften

Doch warum nicht schon früher mit der Bindung zum Kind beginnen? Zum Beispiel wenn schwangere Frauen mit vorzeitigen Wehen oder anderen Problemen tage- bis wochenlang stationär liegen müssen. Diese Risikoschwangerschaften führen oft zu Frühgeburten. Koppensteiner bietet auch diesen Frauen musiktherapeutische Unterstützung an: „Sie sorgen sich, machen sich so viele Gedanken um die Gesundheit ihres ungeborenen Kindes. In der Musiktherapie spüren die Frauen ihren eigenen Körper und nehmen die Verbindung zum Kind wahr, während sie der frei improvisierten Musik, die sich am Atemrhythmus orientiert, lauschen.“ Eine Sensibilisierung der Körperwahrnehmung ist auch für die Zeit nach der Geburt wichtig. Denn der Körper der Bezugsperson ist ein wichtiges Kommunikationsmittel, um die Körpersprache des Säuglings zu verstehen.
Der therapeutische Prozess, wie er beispielsweise an der IMC Fachhochschule in Krems gelehrt wird, gestaltet sich aus einem Zusammenspiel von biologischen (biomedizinische Daten), psychologischen (persönliches Erleben, Verhalten, Lebensstil) und sozialen Anteilen (familiäre, berufliche, umweltbezogene Lebensbedingungen). Damit eine therapeutische Begegnung gelingen kann, werden all diese Faktoren beachtet, erklärt Koppensteiner: „Es ist nicht immer nur die Musik, die zu wirken scheint, sondern die therapeutische Beziehung lässt die Musik zwischen Patient und Therapeut entstehen und wirken.“ Beziehungsqualitäten wie „Sehen und Gesehen-Werden“, „gemeinsame Aufmerksamkeit“, „emotionale Resonanz“, „gemeinsames Handeln“ und „wechselseitiges Verstehen von Motiven und Absichten“ werden wirksam. Musik berührt Menschen dort, wo pharmakologische bzw. kognitive Methoden erschwerten Zugang finden. Durch musikalisches oder stimmliches Aufeinander-Einlassen und gemeinsames Genießen und Entspannen entsteht emotionale Resonanz.

Aktivierend & entspannend

Bei der rezeptiven Musiktherapie kann der Therapeut aktivierende und entspannende Musik einsetzen. In einer (inter)aktiven musiktherapeutischen Intervention wird die Musik als Medium zwischen Patient und Therapeut eingesetzt, um das Gegenüber zu entdecken und kennenzulernen. Bei nicht ansprechbaren Patienten nutzt die Musiktherapeutin die vegetativen Parameter wie Atmung, Muskeltonus, Vitalparameter sowie Mimik, Gestik, Laute und Bewegungsstrukturen als Zugang zum Patienten.
Musiktherapie mit Frühgeborenen und Frauen mit Risikoschwangerschaften ist in Österreich noch wenig verbreitet. Beim Weltkongress für Musiktherapie im Juli in Krems präsentierte Koppensteiner ihre Forschungsergebnisse. Dort tauschten sich etwa tausend Musiktherapeuten, Studenten und Mediziner aus 45 Nationen über die neuesten Forschungsergebnisse und die Vielfalt der praktischen Arbeitsfelder der Musiktherapie aus. „Das war eine tolle Erfahrung für mich und zeigt, dass das Feld der Musiktherapie in Österreich einerseits schon sehr gut entwickelt, doch noch vieles möglich ist.“

Musiktherapie

Musiktherapeutinnen und -therapeuten sind in Österreich seit 2009 eine anerkannte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Eingesetzt wird Musiktherapie etwa in der Psychosomatik, Psychiatrie, Heil- und Sonderpädagogik, Intensivmedizin, Neurologie, Onkologie, Palliativmedizin, Neonatologie und Gynäkologie.

Informationen:
IMC Fachhochschule Krems, Studiengang Musiktherapie, www.fh-krems.ac.at