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Rheuma sollten Sie ernst nehmen!

Rheuma ist alles andere als eine harmlose Alterserscheinung. Nehmen Sie Ihre Rheumaerkrankung ernst und suchen Sie frühzeitig den Kontakt zum Facharzt für Rheumatologie.


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Prim. Doz. Dr. Burkhard Leeb, Leiter der Rheumatologie-Ambulanz im Landesklinikum Stockerau

Landesklinikum Stockerau
Landstraße 18
2000 Stockerau
Tel.: 02266/9004
www.stockerau.lknoe.at

Rheuma – von vielen als nicht wirklich ernstzunehmende Alterserkrankung abgetan – ist alles andere als das. „Unbehandelt werden im Rahmen dieser Erkrankung etwa 50 Prozent der Betroffenen arbeitsunfähig, und die Sterblichkeitsrate der Chronischen Polyarthritis liegt in etwa so hoch wie bei Diabetes mellitus Typ 2. Rheuma ist also alles andere als eine ungefährliche Alterserkrankung“, sagt Prim. Doz. Dr. Burkhard Leeb, Leiter der Rheumatologie-Ambulanz im Landesklinikum Stockerau.
Tatsächlich können rheumatische Erkrankungen in jedem Alter auftreten. Der Erkrankungsgipfel liegt etwa bei der Chronischen Polyarthritis um das 45. Lebensjahr, und einige rheumatische Erkrankungen betreffen sogar Kleinkinder: In Österreich gibt es rund tausend sogenannte Rheumakinder, die unter entzündlich-rheumatischen Erkrankungen leiden, in deren Verlauf man sogar erblinden kann, wenn das Auge betroffen ist.

400 verschiedene Erkrankungen

Auch ein anderes falsches Gerücht um den Begriff „Rheuma“ selbst kursiert: „Was man sich nicht erklären kann, sieht man für Rheumatismus an“, schrieb schon Wilhelm Busch. Tatsächlich werden Schmerzen der Knochen und Gelenke landläufig generell unter diesem Begriff subsummiert. Dabei ist Rheuma weder eine Diagnose noch eine bestimmte Krankheit, sondern ein Oberbegriff für mehr als 400 verschiedene rheumatische Erkrankungen.
Die Experten unterscheiden grundsätzlich die große Gruppe der Erkrankungen, die auf chronisch-entzündliche Selbstzerstörungsprozesse im Sinne einer Autoimmunerkrankung zurückzuführen sind, weiters jene, denen ein Verschleißprozess zugrunde liegt, und schließlich weichteilrheumatische Erkrankungen, die den Bereich um die Gelenke – also Muskeln, Sehnen, Bänder, Bindegewebe – betreffen (siehe unten).  
„Nahezu allen Erscheinungsformen der Erkrankung ist das Symptom Schmerz gemeinsam, und dies ist es auch, was den Patienten in der Regel zum Arzt bringt“, weiß Leeb. Er ermutigt Betroffene dazu, bei Schmerzen im Bewegungsapparat den Facharzt für Rheumatologie aufzusuchen und sich nicht mit der oberflächlichen
Analyse eines Blutbildes abspeisen zu lassen: „Rheumatische Erkrankungen kann man nicht anhand eines Blutbildes diagnostizieren. Wichtig ist eine frühzeitige Differenzierung, und diese kann der Rheumatologe liefern.“

Von NSAR bis Morphium

Dieser Facharzt soll und kann dann gemeinsam mit dem Patienten ein Behandlungsziel festlegen, bei dem es in vielen Fällen wohl zunächst um die adäquate Therapie des Symptoms Schmerz geht. Dabei werden verschiedene Medikamente eingesetzt. „Wir verwenden unter anderem die klassischen nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR), weiters Kortison, aber auch Antidepressiva, die ebenfalls schmerzlindernd wirken können, zudem Antiepiletika, die krampflösend wirken, bis hin zu morphiumähnlichen Präparaten und Morphium selbst“, erklärt der Experte. In diesem Zusammenhang weist er aber darauf hin, dass es sich bei all diesen Interventionen eben „nur“ um Symptomtherapie handelt, was noch nicht bedeutet, dass die jeweilige Krankheit selbst behandelt wird.
Eine wichtige Rolle in der Behandlung entzündlich-rheumatischer Gelenkerkrankungen wie etwa der Chronischen Polyarthritis spielen die sogenannten Basistherapeutika, die den Entzündungsprozess in den betroffenen Gelenken zurückdrängen sollen. Diese Medikamente wirken anders als etwa NSAR nicht nur gegen die Symptome der Entzündung, sondern ursächlich – allerdings meist erst nach Wochen bis Monaten kontinuierlicher Behandlung.  

Neuere Medikamente

Neuere, krankheitsbeeinflussende Medikamente, die seit einiger Zeit bereits – etwa bei der Chronischen Polyarthritis oder der Psoriasis-Arthritis – eingesetzt werden, sind sogenannte Biologika. Dabei handelt es sich in der Regel um Eiweißkörper, die sich gegen bestimmte Entzündungsmediatoren richten und so gewisse Reaktionen, die zur Entzündung führen, blockieren. Weitere spezifische Medikamente sind teilweise bereits in Anwendung oder aber in Erprobung, und manche Präparate, die man bisher spritzen musste, liegen heute bereits in Tablettenform vor.
„Die Möglichkeiten der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen wachsen also beständig, doch noch kann man nur ganz wenige dieser Erkrankungen heilen“, betont Leeb, der aber etwa auf das positive Beispiel der Gicht verweist: „Wenn es gelingt, den Harnsäurespiegel mit entsprechenden Medikamenten über zwei Jahre auf die erwünschten Werte zu senken, so wird der Gichtanfall ausbleiben.“ Ebenso kann man die äußerst schmerzhafte Polymyalgia rheumatica laut dem Experten mit einer halbjährlichen bis jährlichen Kortisontherapie ausheilen. Für die meisten anderen rheumatischen Erkrankungen gilt, dass sie im Sinne des völligen Verschwindens der Symptome nicht heilbar sind, aber, so Leeb: „Eine rheumatische Erkrankung zu haben war früher ein schweres Schicksal, heute ist dies eine managbare Erkrankung mit durchaus guten Aussichten auf Besserung.“

Bewegung ist alles!

Ein wichtiges Element ist Bewegung, erklärt Dr. Gabriele Huber-Grünwald, Ärztliche Leiterin des Badener Hofs: „Physiotherapeutische Übungen, physikalische Anwendungen sowie Kuren sind bei diesen Erkrankungen bestens dazu geeignet, den zugrundeliegenden Entzündungsprozess hintanzuhalten, die Beweglichkeit der betroffenen Gelenke zu erhalten bzw. wieder zu erweitern und die Schmerzsymptomatik zu reduzieren. Die Lebensqualität der betroffenen Patienten wird dadurch in vielerlei Hinsicht gebessert.“ In diesem Zusammenhang verweist sie auf Schwefelanwendungen, die entzündungsreduzierende Wirkung entfalten. Leeb empfiehlt vor allem Kraft- und Ausdauertraining, die bei den unterschiedlichen rheumatischen Erkrankungen in Absprache mit den dafür zuständigen Therapeuten unterschiedlich zu gewichten sind: „Prinzipiell sollte der Fokus auf aktivierenden Maßnahmen liegen. Eine Ausnahme bildet hier nur der Gasteiner Heilstollen für Patienten mit entzündlicher Wirbelsäulen­erkrankung. Der Wirkmechanismus ist zwar noch ungeklärt, aber mit dieser passiven Maßnahme wird bei Betroffenen häufig deutliche, langfristige Schmerzreduktion erzielt.“

Mitarbeit des Patienten

Ganz essenziell für das erfolgreiche Management einer rheumatischen Erkrankung ist – und das betonen beide Experten – die gute Mitarbeit des Patienten. „Sie ist das Um und Auf. Ohne das Engagement des Patienten kann nur ein Bruchteil des Erfolges erzielt werden“, sagt Gabriele Huber-Grünwald, „ständig in Bewegung bleiben, die Schmerzen überwinden bzw. einen konstruktiven Umgang mit dem Schmerz und der Erkrankung zu erlernen ist die nicht delegierbare Aufgabe eines jeden Rheumapatienten.“
Leeb ergänzt: „Wichtig ist die aktive Auseinandersetzung des Patienten mit seiner Erkrankung und seine ebenso aktive Beteiligung am Behandlungsprozess. Eine entscheidende Frage, die er oder sie sich stellen sollte, ist auch: Was will ich erreichen, und was bin ich bereit, dafür zu tun?“ Der erfahrene Rheumatologe rät auch dringend dazu, nicht nur dann, wenn das Symptom Schmerz auftritt, sondern regelmäßig zur fachärztlichen Kontrolluntersuchung zu gehen: „Wir alle sind es gewohnt, unser Auto regelmäßig zum Service zu bringen. Ebenso selbstverständlich sollten von rheumatischen Erkrankungen Betroffene ihre individuelle Erkrankung ‚servicieren‘ lassen.“

14. Wiener Rheumatag

„Der Patient als sein eigener Therapeut – was kann ich selber tun?“ Umfassende Informationen über Diagnose und Therapie rheumatischer Erkrankungen: 26. November 2014, 11:00–18:00 Uhr, Rathaus, Lichtenfelsgasse 2, 1010 Wien. Eintritt frei.
Informationen: Österreichische Rheumaliga, Tel.: 0699/15541679, www.rheumaliga.at

Rheuma: Fakten & Folgen  

Das Risiko eines Menschen, irgendwann im Laufe seines Lebens an Rheuma zu erkranken, liegt bei 70 bis 80 Prozent. Alleine in Österreich fallen bei einer Bevölkerungszahl von 8,2 Millionen pro Jahr 8,4 Millionen Krankenstandstage wegen rheumatischer Erkrankungen an. Hochgerechnet auf die EU bedeutet dies, dass 2,5 Millionen Vollzeitbeschäftigte pro Jahr infolge von Rheuma nicht arbeiten können. Das sind fünf Mal mehr Krankenstandstage als durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu jedem menschlichen Schicksal kommen wirtschaftliche Konsequenzen: 50 bis 60 Prozent der Patienten im arbeitsfähigen Alter mit rheumatoider Arthritis werden innerhalb von zehn Jahren nach Krankheitsbeginn arbeitslos, sozial ausgegrenzt und in ihrer Hilflosigkeit allein gelassen.

Die häufigsten rheumatischen Erkrankungen  

  1. Autoimmunerkrankungen

    • Rheumatoide Arthritis (auch Chronische Polyarthritis): entzündliche Systemerkrankung, deren Hauptmerkmal eine Gelenkentzündung ist
      Symptome: schmerzhafte Gelenke mit Schwellungen, spiegelbildlicher Befall von Gelenken, Morgensteifigkeit, die mit Fortbestehen der Krankheit immer länger andauert
    • Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew): entzündlich-rheumatische Erkrankung, die vor allem die Wirbelsäule, aber auch Gelenke betrifft, schreitet langsam fort und kann zu zunehmender Bewegungseinschränkung und Krümmung der Wirbelsäule führen
      Symptome: frühmorgendlicher Kreuzschmerz, der sich auf Bewegung bessert (entzündlicher Rückenschmerz)
    • Psoriasis-Arthritis: chronische Gelenksentzündung, die bei bis zu 20 Prozent der Patienten mit Psoriasis (Schuppenflechte) auftreten kann
      Symptome: Schmerzen, Schwellungen („Wurstfinger, Wurstzehen“) und Morgensteifigkeit
    • Gelenkbeteiligung bei Morbus Crohn: chronische Darmentzündung, die meist den letzten Dünndarmabschnitt und den Dickdarm betrifft, aber auch Gelenke, Wirbelsäule und Augen befallen kann
      Symptome: Bauchschmerzen, gelegentliche Blutungen, Durchfälle, Gewichtsverlust und Abszesse im Bereich des Afters

  2. Verschleißprozesse

    • Arthrose: primär nicht-entzündliche Gelenkserkrankung, die vorwiegend durch einen Abbau des Gelenkknorpels und des darunter liegenden Knochens gekennzeichnet ist. Arthrose ist die häufigste Ursache für Gelenkschmerzen und betrifft bis zu 80 Prozent der über 50-Jährigen.
      Symptome: bewegungsabhängige Gelenkschmerzen, knotige Auftreibungen im Bereich der Gelenkspalten/Fingergelenke, eingeschränktes Bewegungsausmaß der betroffenen Gelenke, ev. „Knirschen“ im Gelenk bei Bewegung

  3. Weichteilrheumatische Erkrankungen
    Unter diesem Begriff fassen Experten eine Reihe von Erkrankungen zusammen. Sie reichen von einer harmlosen Muskelverspannung über einen Tennisellenbogen bis hin zu einer Sehnenscheidenentzündung.
    Symptome: Schmerzen in den sogenannten Weichteilen, also in Muskeln, Sehnen, Sehnenscheiden und Schleimbeuteln. Sie können je nach Art der Erkrankung an verschiedenen Orten und in unterschiedlicher Stärke auftreten. Beim „lokalisierten Weichteilrheuma“ konzentrieren sich die Schmerzen auf eine bestimmte Stelle. Im Gegensatz dazu treten sie beim „generalisierten Weichteilrheuma“ am ganzen Körper auf.

Rückenschmerzen durch Rheuma?   

Bei Rückenschmerzen denkt man meist nicht an eine rheumatische Erkrankung als Ursache. Wer unter Rückenschmerzen leidet, die länger als drei Monate andauern und damit als chronisch gelten, sollte ärztlich sicherstellen lassen, dass die Beschwerden nicht rheumatisch bedingt sind. Einer der häufigsten Rückenschmerz-Auslöser aus der Gruppe der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ist die ankylosierende Spondylitis, Morbus Bechterew. Etwa fünf Prozent der Patienten mit chronischem Rückenschmerz leiden an dieser Erkrankung. Sie wird jedoch oft erst fünf bis zehn Jahre nach Auftreten der ersten Symptome diagnostiziert – unter anderem deshalb, weil die Betroffenen erst spät zu einem Rheumatologen gehen, der die korrekte Diagnose stellt.