Klinisch rein
Strenge Hygieneregeln in den Kliniken helfen dabei, Infektionen zu verhindern – zur größtmöglichen Sicherheit von Patientinnen und Patienten.
Prim. Assoc. Prof. Dr. Christoph Aspöck, Leiter der Universitätsklinik für Hygiene und Mikrobiologie in St. Pölten
Universitätsklinikum St. Pölten
Propst-Führer-Straße 4, 3100 St. Pölten
Tel.: 02742/9004-0
www.stpoelten.lknoe.at
Landesklinikum Scheibbs
Eisenwurzenstraße 26
3270 Scheibbs
Tel.: 07482/9004-0
www.scheibbs.lknoe.at
Bakterien sind überall und nicht in jedem Fall schädlich. Teilweise ist der Mensch sogar auf sie angewiesen: Im Darm helfen sie bei der Verdauung, auf der Haut bilden sie einen Schutz. Viele Lebensmittel wie beispielsweise Joghurt würde es ohne Milchsäurebakterien gar nicht geben. Vor Bakterien muss man sich also nicht fürchten. Im Alltag reichen simple Hygienemaßnahmen (siehe unten) – anders ist es im Krankenhaus: Jedes Jahr infizieren sich in Österreich tausende Menschen dort mit einem Keim. Hat man ein intaktes Immunsystem, ist dies unbedenklich, doch für Menschen mit chronischen Grundkrankheiten, schwachem Immunsystem, aber auch für Neugeborene und gebrechliche Personen kann dies lebensbedrohlich sein.
Gefährliche Bakterien
Nosokomiale, also im Zusammenhang mit dem Krankenhausaufenthalt erworbene, Infektionen gehören zu den bedeutendsten Risikofaktoren der modernen Spitzenmedizin und sind daher auch Thema in den niederösterreichischen Landes- und Universitätskliniken. Besonders gefährlich sind multiresistente Bakterien wie etwa MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), ein Bakterium, das gegen viele Antibiotika resistent und damit schwer zu bekämpfen ist. „Rund 20 bis 30 Prozent der Krankenhaus-Infektionen sind mit gezielten Hygienemaßnahmen vermeidbar“, sagt Prim. Assoc. Prof. Dr. Christoph Aspöck, Leiter der Universitätsklinik für Hygiene und Mikrobiologie in St. Pölten. Er ist zudem Vorsitzender der Arbeitsgruppe Krankenhaus-Hygiene – das verbindende Gremium aller Hygienefachkräfte, hygienebeauftragten Ärzte und Hygienefachärzte aus den niederösterreichischen Kliniken.
Keime bekämpfen
In jedem niederösterreichischen Klinikum gibt es – gesetzlich vorgeschrieben – ein Hygieneteam, das sich genau darum kümmert: Keime bekämpfen, um Infektionen zu vermeiden. Dieses Team besteht in der Regel aus einer Hygienefachkraft aus der Pflege (zuständig für den pflegerischen Bereich) und aus einer Ärztin/einem Arzt (zuständig für den medizinischen Bereich). Beide haben meist je nach Bettenanzahl des Hauses ein gewisses Stundenkontingent dafür zur Verfügung und üben diese Tätigkeit zusätzlich zu ihrer ärztlichen bzw. pflegerischen Funktion aus.
Im Landesklinikum Scheibbs beispielsweise besteht das Hygieneteam aus dem Chirurgen Oberarzt Dr. Johann Schörgenhofer und dem diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger Roland Peter. Ständig halten die beiden Kontakt zu allen Abteilungen, schulen die Mitarbeiter, orten Gefahrenquellen, erarbeiten neue Richtlinien, beantworten Fragen zum richtigen Umgang mit Durchfallerkrankungen, Infektionen usw. Schließlich sollen derartige Erreger nicht auf andere Patienten übertragen werden.
„In einem Krankenhaus gibt es nun einmal eine Vielzahl an Keimen, manche weniger gefährlich als andere. Obwohl man sie nicht sieht, darf man sie keinesfalls unterschätzen“, erklärt Schörgenhofer. Oft muss das Hygieneteam auch Vorurteile aus dem Weg räumen, sagt die akademische Hygienefachkraft Roland Peter: „Bei Krankenhaus-Hygiene geht es nicht nur um Reinigung und Desinfektion, sondern um wissenschaftlich fundierte evidenzbasierte Hygienemaßnahmen. Um als Hygienefachkraft arbeiten zu können, braucht man eine spezielle dreisemestrige berufsbegleitende Sonderausbildung an der Fachhochschule und profundes Wissen.“
Einfach & wirksam
Eine der wichtigsten Maßnahmen im Kampf gegen Keim-Übertragungen ist ebenso simpel wie effizient: die richtige Händedesinfektion. Als Faustregel gilt: Eine Hohlhand voll Desinfektionsmittel gründlich, über mindestens 30 Sekunden in den Händen verreiben. Und das vor und nach jedem Patientenkontakt. In regelmäßigen Schulungen veranschaulicht das Team mit der Hygienebox, welche Stellen an den Händen unzureichend mit Desinfektionsmittel benetzt wurden (siehe Foto Seite 20). Das Gefährliche daran: Führt man die Händedesinfektion nicht korrekt und häufig genug durch, wird man selbst zum potentiellen Keim-Überträger – mit vielleicht schlimmen Konsequenzen für den Patienten. Ist man gesund, ist man gut gewappnet und infiziert sich nicht, aber kann als Transportmedium den Keim an jemanden mit schwachem Immunsystem übertragen.
Daher sollten sich auch Patienten, Angehörige und Besucher im Klinikum die Hände desinfizieren, nur waschen ist zu wenig. In einigen niederösterreichischen Kliniken wie etwa in Scheibbs wurden daher im Eingangsbereich berührungslos funktionierende Händedesinfektionsmittelspender aufgestellt (siehe Foto links).
Schlüssel zum Erfolg
Die richtige Händehygiene ist also einer der Schlüssel zum Erfolg: „Egal welche technischen Neuerungen es gibt: Die richtige Händehygiene ist und bleibt die einfachste, billigste und wirksamste Maßnahme, um Keimübertragungen zu reduzieren“, betont Schörgenhofer. Zudem gibt es im Landesklinikum Scheibbs seit einigen Monaten sogenannte Hygienecenter – mobile Geräte, auf denen die erforderliche Schutzausrüstung für spezielle Hygienemaßnahmen bei Patienten mit Infektionskrankheiten zu finden ist.
Die Hygienecenter sind auf jeder Station zu finden, damit man im Fall des Falles alles schnell griffbereit hat. Denn sobald ein Patient mit bestimmten Keimen oder Darmbakterien infiziert ist, muss er sofort isoliert werden. Die Hygienecenter sind ein wichtiges Hilfsmittel, betont Hygienefachkraft Roland Peter: „Damit können wir die notwendigen Hygienemaßnahmen rasch und adäquat durchführen. Vor dem Betreten des Patientenzimmers muss jeder Mitarbeiter, Besucher usw. die Hände desinfizieren, die erforderliche Schutzkleidung anlegen und diese anschließend entsorgen.“
Infektionsweg unterbrechen
Als oberste Prämisse gilt: Um die Verbreitung einer Infektion durch Viren oder Bakterien zu verhindern, sind alle Anstrengungen und Tätigkeiten zu unternehmen, die den Infektionsweg unterbrechen. Dafür gibt es Hygieneteams, die Regeln formulieren – das Einhalten dieser Hygieneregeln leistet einen wichtigen und effizienten Beitrag. Handschuh, Mundmaske, Ultraschallsonde und Endoskopschlauch, die Ausstattung im Operationssaal und vieles mehr – überall werden strenge Richtlinien befolgt, zur größtmöglichen Sicherheit der Patientinnen und Patienten.
Ignaz Semmelweis (1818–1865)
Ignaz Semmelweis war ein ungarischer Arzt im damaligen Kaisertum Österreich. Er sah die Ursache für Kindbettfieber in der mangelnden Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal und bemühte sich, Hygienevorschriften einzuführen. Seine Studie aus dem Jahr 1847/48 gilt heute als erster praktischer Fall von evidenzbasierter Medizin in Österreich und als Musterbeispiel für eine methodisch korrekte Überprüfung wissenschaftlicher Hypothesen. Zu seinen Lebzeiten wurden seine Erkenntnisse nicht anerkannt und von Kollegen als „spekulativer Unfug“ abgelehnt. Nur wenige Ärzte unterstützten ihn, da Hygiene als Zeitverschwendung und unvereinbar mit den damals geltenden Theorien über Krankheitsursachen angesehen wurde.
Viren & Bakterien
Viren und Bakterien sind mit freiem Auge nicht sichtbar, machen uns auf unterschiedliche Weise krank und müssen auch unterschiedlich behandelt werden: Antibiotika helfen nur bei Bakterien, bei Viren sind sie machtlos.
Bei vielen viralen Infekten wie Erkältungen beschränkt sich die Behandlung darauf, die Symptome zu lindern. Den Rest muss die körpereigene Abwehr allein erledigen. Eine Erkältung oder eine Grippe können nur Viren auslösen, Bakterien nicht – dennoch verschreiben manche Ärzte Antibiotika. Dies macht jedoch nur in einem Fall Sinn: Stellt der Arzt fest, dass auch Bakterien an der Erkrankung beteiligt sind, können Antibiotika gerechtfertigt sein. Expertinnen und Experten warnen vor der leichtfertigen Einnahme dieser Arzneimittel, denn Bakterien können Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln – daher sollte man sie nur einnehmen, wenn es wirklich notwendig ist.





