„Man muss schon selbst aktiv sein“
Seit 14 Jahren engagiert sich Roland Raynoschek für die „Selbsthilfegruppe Schlaganfall“ in Bad Pirawarth. Mit Erfahrung, Empathie und großem Engagement gibt die Gruppe Betroffenen Mut. Roland Raynoschek erlitt selbst einen Schlaganfall und kennt deren Bedürfnisse und Ängste.
Es passierte bei einer Reise in die Steiermark. „Plötzlich war alles vernebelt und ich habe nur mehr Unsinn gestammelt“, erinnert sich Roland Raynoschek. „Ich dachte mir: Na gut, leg dich eine Weile hin, schlaf dich aus, das wird schon wieder.“ Glücklicherweise war seine Gattin Waltraud anderer Meinung. „Mein Mann hatte Lähmungen am Arm, konnte kaum sprechen.“ Kurzentschlossen alarmierte sie die Reiseleiterin, „die brachte uns schnurstracks ins Krankenhaus nach Wagna.“ Die Diagnose: Roland Raynoschek hatte einen Schlaganfall erlitten und musste weiter ins Landeskrankenhaus Graz transportiert werden.
Das war vor 14 Jahren. Heute sitzt der rüstige Pensionist mit seiner Frau beim Kaffee im gemeinsam erbauten schmucken Haus nahe Gänserndorf und sprüht vor Lebensfreude. „Ich wollte die Realität damals gar nicht wahrhaben“, lächelt er, doch schon im Krankenhaus ermutigte ihn die Ärztin beim Kaffeeautomaten: „Das wird wieder gut.“ Da wurde ihm bewusst, dass er unheimliches Glück hatte.
Nach der Akutbehandlung in Graz kam Raynoschek sofort nach Bad Pirawarth zur Rehabilitation. Dort machte er große Fortschritte, lernte Schritt für Schritt wieder „normal“ zu sprechen und – was für ihn sehr wichtig ist – zu rechnen. Als pensioniertem Buchhalter lag ihm das Jonglieren mit Zahlen seit jeher im Blut, „ich war immer gut im Kopfrechnen“, lächelt er verschmitzt und seine Frau bestätigt es: „Als das plötzlich nicht mehr ging, hat Roland das sehr getroffen – doch glücklicherweise kann er heute wieder an der Supermarktkasse den Endbetrag eines kleineren Einkaufs im Kopf mitrechnen“, ist Waltraud erleichtert. Dass Rechnen, Sprechen, Gehen für ihn heute wieder gut möglich sind, verdankt er seinem eisernen Willen und der Oberärztin Dr. Sigrid Schwarz (Universitätsklinikum Tulln), die während seiner Rehabilitation in Bad Pirawarth tätig war. Seit 14 Jahren ist er daher auch mit der „Selbsthilfegruppe Schlaganfall“ am Klinikum fest verbunden.
Gespräche, die Kraft geben
Jeder zweite Montag im Monat ist für Roland Raynoschek ein Fixtermin: Gemeinsam mit seiner Frau macht er sich auf den Weg zum Treffen der Selbsthilfegruppe in der Kurklinik Bad Pirawarth. Hier tauschen sich Betroffene aus, erhalten praktische Tipps von Therapeuten, Psychologen und Ärzten und haben vor allem eines: die Möglichkeit, die eigene Erkrankung zu bewältigen. Raynoschek ist ein unverzichtbares Mitglied der Selbsthilfegruppe. „Ich bin gewissermaßen der Profi, weil mein Schlaganfall schon 14 Jahre zurückliegt – das sind 14 Jahre Erfahrung, die ich Menschen weitergeben kann. Gespräche sind wichtig, der Austausch Gleichgesinnter gibt Mut und Kraft, das Leben neu zu ordnen – für mich ist es heute wieder lebenswert.“ In den letzten Monaten hat die Selbsthilfegruppe einen enormen Aufschwung erlebt – 20 bis 25 Betroffene kommen einmal monatlich zum Erfahrungsaustausch zusammen.
In der Gruppe ist Roland Raynoschek nicht nur der Erfahrene, sondern auch ein Mitglied, das sich aktiv um die Gruppentreffen kümmert. „Ich bin eben ein Kümmerling“, scherzt er, wohl um bescheiden von seinen Aktivitäten abzulenken, denn er macht Werbung für die Treffen, kontaktiert die Medien, organisiert und ermutigt Betroffene. Natürlich alles ehrenamtlich, unbezahlt, und „weil es Spaß macht. Viele Betroffene haben eine Hemmschwelle, möchten erst gar nicht reden – doch wenn man ihnen die Möglichkeit offen lässt, sie nicht zwingt, erkennen sie bald, dass der Austausch ein wichtiges Element ist, um besser mit den Folgen eines Schlaganfalls und mit all den Ängsten umgehen zu können.“ Raynoschek hat vor 14 Jahren die Selbsthilfegruppe als kleine Familie erlebt, die an einem Strang zieht. Schon ein Jahr nach seiner gesundheitlichen Zäsur war er so fit, dass er Ballon fahren konnte. „Meine ehemaligen Arbeitskollegen haben mir das zum Abschied geschenkt – das einzige Problem dabei: Ich durfte damals nicht über tausend Höhenmeter fahren – auch nicht fliegen, wegen des Druckausgleichs.“ Heute ist das alles wieder möglich.
Zurück ins Leben
„Nach meiner Rehabilitation musste ich mich an Veränderungen gewöhnen: Das Stiegensteigen war beschwerlich, auch die Angst, hinzufallen, war immer da.“ Heute kann Roland Raynoschek ein weitgehend normales Leben führen. Das Paar kocht gemeinsam, hält Haus und Garten akribisch in Schuss. Für Waltraud Raynoschek war die plötzliche Erkrankung ihres Mannes ein Schock, lange hatte sie Angst um ihn, hat im Laufe der Jahre magische Sensoren entwickelt: Nach seiner Schulterverletzung bei einem Ausflug hat Waltraud sofort gespürt, dass da etwas nicht stimmte. Mittlerweile ist auch die Schulter wieder beweglich, dafür hat Roland selbst gesorgt und sich mit entsprechender Bewegung und Motivation wieder hingetrimmt. Aktivitäten gibt’s genug im Hause Raynoschek. Theater, Musik, Freundschaften pflegen, Roland Raynoschek ist gerne unterwegs, „ich brauche den sozialen Kontakt“, lächelt er und wirft seiner Frau einen Seitenblick zu. Sie erwidert diesen schmunzelnd: „Jaja, am liebsten wäre er tagtäglich unterwegs, mit Menschen reden, lachen.“ Die Lebensbilanz und -philosophie zieht er mit einem vielsagenden Lächeln: „Nur auf Wunder zu warten bringt nichts, man muss schon selbst aktiv sein.“





