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Lesen – schreiben – teilhaben

Kommunikation ist die Basis unseres Zusammenlebens. Wer nicht (gut) lesen und schreiben kann, hat es im Leben schwerer. Wieso Leseschwäche immer mehr zum Thema wird und wie Menschen jeden Alters etwas dagegen unternehmen können, hat GESUND&LEBEN für Sie recherchiert.


Foto: fotolia

Preisschilder, Wegweiser, SMS, Anleitungen, Kreuzworträtsel oder das TV-Programm: Ständig begegnen uns im Alltag Zeichen und Buchstaben, aus denen wir ganz selbstverständlich sinnvolle Botschaften entschlüsseln. Ohne bewusst darüber nachzudenken, finden wir uns zurecht, weil wir eine ganz grundlegende Fähigkeit bereits automatisiert haben: das Lesen. Kaum vorstellbar, sich ohne diese Kulturtechnik durchs Leben zu schlagen.

Lesen als Alltagsbegleiter

Doch für eine gar nicht so kleine Zahl an Menschen ist das Realität: In Österreich leben derzeit geschätzt 300.000 „funktionale Analphabeten“ – Menschen, die zwar im Prinzip lesen und schreiben können, mit längeren und komplizierten Texten wie Packungsbeilagen oder Bedienungsanleitungen aber völlig überfordert sind. Das wirkt sich in vielen Lebensbereichen aus, erklärt Christine Spindler, Leiterin des Bereichs Basisbildung des Bildungs- und Heimatwerks (siehe Kasten Seite 44): „Von Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche und einem schlechten Zugang zu Bildung bis hin zu gesundheitlichen Problemen, sozialer Isolation und Armut reichen die möglichen Folgen von mangelnder Basisbildung.“

Immer mehr Leseschwäche?

Studien – von PISA bis PIRLS – bescheinigen immer wieder einen Anstieg der Zahl der leseschwachen Schülerinnen und Schüler. Aber können die Kids von heute tatsächlich schlechter lesen als die Generationen davor? „Ich würde meinen, nicht besser, aber auch nicht schlechter“, beurteilt Lehrer und Erfolgsautor Niki Glattauer die Praxis fernab der Statistiken: „Wenn wir in alten Briefen aus der Großelterngeneration blättern, dann finden wir kaum einen Satz ohne Rechtschreibfehler. Oder als es darum ging, umzuschulende Postler für den Polizeidienst tauglich zu machen: 41 (!) Prozent der Bewerber scheiterten an Grammatik, Rechtschreibung und, am häufigsten, am sinnerfassenden Lesen.“
Die auf den ersten Blick schlechteren Daten zur Lesefähigkeit müssen nämlich in Kontext mit den steigenden Anforderungen gesetzt werden: Der Grad an Bildung, der beispielsweise vor 30 Jahren ausgereicht hat, um am Arbeitsplatz zu bestehen, ist heute durch technologische und strukturelle Veränderungen zu wenig. Auch bei einfachen Tätigkeiten werden gefestigte Basiskenntnisse vorausgesetzt. Das lässt sich auch an den Arbeitslosenzahlen nachvollziehen: Während die Arbeitslosenquote von Akademikern und Menschen mit Lehr- oder AHS-Abschluss nur leicht anstieg, hat sich jene von Pflichtschul-Absolventen seit 1990 fast verdoppelt.

Basis des Erlebens & Gestaltens

Aber nicht nur in der Arbeitswelt ist es immer entscheidender, lesefit zu sein, erklärt Spindler: „Wer liest und schreibt, weiß und erlebt mehr. Einerseits ist Lesen als Freizeitvergnügen bereichernd. Andererseits bedeutet es Lernen und Bildung, was wiederum zu mehr Handlungsspielraum in Beruf und Alltag führt.“ Denn Lesen ist die Grundlage dafür, sich Wissen anzueignen, und das wiederum ermöglicht uns erst, uns in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu orientieren und die Welt um uns herum aktiv mitzugestalten. Diesen Zusammenhang kann Christine Spindler bestätigen, die im BHW Basisbildungsangebote betreut: „Wir konnten beobachten, dass sich unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer kaum am politischen Geschehen beteiligen, da sie sich selbst als unbedeutende Mitglieder unserer Gesellschaft sehen.“ Das Gefühl, nicht „mitreden“ zu können, ist besonders bei Menschen mit niedriger Bildung weit verbreitet. Umso wichtiger, dass möglichst viele von klein auf nicht nur sinnerfassendes Lesen, sondern auch kommunikative Kompetenzen erlernen und üben und damit die Fähigkeit, sich Wissen anzueignen und ihre Meinung zu vertreten.

Was die Schule leisten kann

„Natürlich beginnt alles in der Familie, auch der Spracherwerb“, meint Niki Glattauer. „Aber die Schule hat die Aufgabe, dort fortzusetzen und fachkundlich zu ergänzen, wo und was die Familie begonnen hat. Was das Sprechen und Lesen betrifft, hat die Schule einerseits eine begleitende und vertiefende Aufgabe, andererseits oft eine kompensatorische. Leider erfüllt sie den zweiten Teil, also die Kompensation, nur unzureichend – was weniger an der Qualität der Lehrer liegt als an den systemischen Rahmenbedingungen.“ In dasselbe Horn stößt auch Spindler: „Das Schulsystem verfehlt bei einer großen Anzahl der Kinder und Jugendlichen ein grundsätzliches Lernziel: die ausreichende Beherrschung des sinnerfassenden Lesens. Es gibt zu wenig individuelle Fördermöglichkeiten, zu wenig Spielraum für Wiederholen und Festigen von Kulturtechniken in der Sekundarstufe 1 und 2“, identifiziert die Expertin die Gründe, warum – neben einem bildungsfernen Elternhaus und mangelnder Unterstützung der Familie – viele ohne ausreichende Basisbildung aus der Pflichtschule kommen.

Was Hänschen nicht lernt ...?

„Der rundum gebildete Mensch muss unser Ziel sein“, betont Glattauer. „Und wenn ich rundum gebildet sage, dann meine ich: rund um sein Herz. Die Empathiefähigkeit, die Stärkung des Selbstbewusstseins, das Erkennen von eigenen Neigungen, von Talenten, von Haltungen müssen im Zentrum jeder Ausbildung stehen“, benennt Glattauer die Aufgaben des Bildungssystems. Auf einer guten Herzensbildung ließen sich dann Allgemein­bildung inklusive der Kulturtechniken und auch die Berufsausbildung aufbauen.
Was das Lesenlernen angeht, ist es übrigens nie zu spät, weiß Christine Spindler: „Die vielen Geschichten der Menschen, die jahrelang Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatten und es erst spät gelernt haben, zeigen: Man kann es lernen. Egal wann und wie alt man ist! Es ist nie zu spät. Man braucht nur den Mut, um die Chance zu nutzen.“ Besonders wichtig ist es, das Thema zu enttabuisieren, Betroffenen die Scheu zu nehmen, im Erwachsenenalter Basisbildung nachzuholen und auch die (Versagens-)Angst, die sie vielleicht von früheren Schulerfahrungen mit sich tragen, anzusprechen und ihnen zu nehmen.

Hemmschwellen überwinden

Lesen und Schreiben zu lernen eröffnet auch im fortgeschrittenen Alter neue Perspektiven – beruflich wie privat. Um Menschen zu motivieren, ihrer Leseschwäche entgegenzuwirken, muss man zunächst einen guten Zeitpunkt finden: „Menschen, die sich in Übergängen in ihren Biografien befinden, sind bildungs- und lernwilliger, daher also einfacher ansprechbar“, weiß Spindler. Solche Übergänge sind etwa eine berufliche Neuorientierung, der Wechsel des Wohnsitzes, Migration, der Schuleintritt der Kinder, Trennungen und damit der Wegfall von Helfersystemen oder das Flüggewerden der eigenen Kinder. Die Argumente müssen gut gewählt sein, will man leseschwache Betroffene von einer Weiterbildung überzeugen. Es hilft, auf die individuellen Fördermöglichkeiten und die Ziele hinzuweisen: „Sagen Sie Betroffenen in Ihrer Umgebung, dass man das Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen ganz einfach nachholen kann, dass Trainerinnen und Trainer genau dafür ausgebildet sind und auf die Bedürfnisse eingehen – ganz ohne Leistungsdruck. Für viele ist es auch eine Motivation, dass sie endlich Amtswege selbstbewusst erledigen, in die Arbeit mit dem Computer einsteigen oder den Führerschein machen
können.“

Tipps für mehr Lesekompetenz 

Grundsätzlich ist es mit „mehr Lesen“ allein leider nicht getan und ohne ausgebildete Trainer gelingt das Lesenlernen nur schwer. Doch diese Tipps helfen beim Trainieren der Lesefähigkeit: Die Basis des Lesen und Zusammenlautens  ist das bewusste Hören und Aussprechen der einzelnen Laute (nicht Buchstaben). Also bei den Mitlauten beispielsweise nur „B“ und nicht „Be“. Darauf folgen die graphischen Kenntnisse der Buchstaben und danach das Zusammenlautieren. Daher:

  • mit einer Anlauttabelle arbeiten
  • in Silben lesen, die Wörter durchgliedern
  • Wortschatz erweitern
  • Bücher und Zeitschriften lesen mit kurzen, einfachen, erwachsenengerechten Artikeln, die auch interessieren
  • mit Spielen lernen: Leselotto, Lesebingo, Lesepuzzle, Frage-Antwort-Kärtchen, Wörtermemory usw.

Eine gute Methode ist das Üben mit der kostenlosen Lernsoftware Beluga (http://abc-projekt.de/beluga) oder Segmenti (http://segmenti.softonic.de). Voraussetzung sind allerdings Grundkenntnisse am Computer.