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Lesen & lesen lassen

Wird es draußen kalt und dunkel, macht das Lesen und Vorlesen in der warmen Stube besonders viel Freude. Zudem ist gemeinsames Lesen Grundpfeiler für das oft so schwierige Lesenlernen unserer Kleinen. Doch worauf soll man dabei achten?


Fiebern die Taferlklassler in ihren ersten Schul­wochen darauf hin, in die Geheimnisse des Lesens eingeweiht zu werden, stehen sie eigentlich schon mittendrin. Denn wie viele Studien belegen, werden die Grundsteine für die „Literacy“, den kompetenten Umgang mit Sprache und Schrift, schon in den ersten Lebensjahren gelegt. Das soziale Umfeld, die Familie, hat also wesentlichen Anteil daran. Alleine schon der Austausch innerhalb der Familie hilft den Kleinen dabei, Sprache bewusst zu erleben. Noch konkreter lernen sie beim gemeinsamen Betrachten und Erklären von Bildern und Bilderbüchern, beim Erzählen und beim Vorlesen. „Ein Kind, das mit Bilderbüchern aufwächst, drückt sich schon im Kindergarten und auch später in der Schule gewandter und vielschichtiger aus als ein ‚bilderbuchloses‘ Kind“, weiß  Kinderbuchautorin Susa Hämmerle. Durch die Beschäftigung mit Bilderbüchern erwerben Kinder einen reichen Wortschatz und lernen zugleich, Bilder und Begriffe miteinander zu verknüpfen. Damit ist die Basis für das Sprechen und Lesenlernen gelegt. Sobald Kinder selbst lesen können, ist das gemeinsame Lesen ein gutes Training und ergänzt den Schulunterricht. Auch mit dem Vorlesen sollte man nicht aufhören: Es entspannt nach dem Schulalltag und trägt dazu bei, die Lesefreude zu erhalten.

Eltern als Lesevorbilder

Lernen durch Nachahmen: Greifen Eltern und Geschwister gerne zum Buch, werden auch die Kleinen damit etwas Positives und Freudvolles verbinden. Für Buben ist vor allem die Vorbildfunktion der Väter wichtig, da ihnen ohnehin außerhalb der Familie in Kindergarten und Volksschule weitaus häufiger weibliche Lesevorbilder begegnen.
Vorlesen bereitet die Kinder gut auf das Selberlesen vor. Kinderbuchautorin Susa Hämmerle weiß: „Kinder sind sehr wissbegierig und begreifen schnell, dass Vorgelesenes seine Entsprechung in den schwarzen Zeichen auf der Bilderbuchseite hat. Und irgendwann beginnen sie zu fragen: Was ist das für ein Buchstabe? Meine Töchter haben sich mit Bilderbüchern quasi selbst das Lesen beigebracht.“ Ein paar einfache Tricks machen das Vorlesen zum Erlebnis für die ganze Familie: Zunächst ist es hilfreich, wenn man das Buch, das man vorliest, bereits kennt und freudvoll und sicher daraus vorlesen kann. Nichts überträgt sich besser und unmittelbarer auf die Zuhörer als die eigene Freude am Lesen: Gesicht und Stimme spiegeln das Miterleben des Textes wider. Mit kurzen Pausen, Blickkontakt und durch das Einbeziehen der kleinen Zuhörer in die Geschichte wird die Lesestunde für alle Beteiligten zum Höhepunkt des Tages – besonders dann, wenn das tägliche Leseritual in einem guten Umfeld eingebettet ist: „In gemütlicher Atmosphäre liest es sich am besten. Ein wunderschönes und sehr wertvolles Ritual ist auch das Bilderbuch am Abend vor dem Einschlafen, die Gute-Nacht-Geschichte. So rundet sich der Tag mit intensiver Geborgenheit ab, und der Lieblingsheld, die Lieblingsfigur aus dem Bilderbuch schlüpft nicht selten mit hinein in einen schönen Traum“, erzählt die Kinderbuchautorin.

Kinder brauchen Lesepartner

Sobald ein Kind ganze Sätze und Texte selbst lesen kann, sollte man vom reinen Vorlesen zum gemeinsamen Lesen wechseln. Abwechselndes Vorlesen kurzer Absätze und überschaubare Einheiten von zehn bis fünfzehn Minuten halten die Konzentration aufrecht. Geduld ist entscheidend, denn gerade am Anfang tun sich Kinder bei komplizierten Worten und Sätzen noch sehr schwer. Wichtig ist, Fehler immer gleich zu korrigieren (ohne sie zu kritisieren) und den Leseanfänger zur Genauigkeit anzuhalten.  Damit es trotzdem nicht anstrengend und langweilig wird, helfen Zwischenfragen oder eine kurze Besprechung des Gelesenen.

Das „richtige“ Kinderbuch

Von Pippi Langstrumpf bis Harry Potter ist die Welt der Kinderbücher bunt und vielseitig. Da ist es gar nicht einfach, das passende Buch auszuwählen. „Wichtig ist, auf die Interessen des Kindes zu achten. Mag Ihr Sohn Technik oder Fußball, ist ein Buch zu einem dieser Themen ein guter Einstieg“, meint Susa Hämmerle.
Kinderbuchverlage achten heute sehr genau darauf, dass nur didaktisch und pädagogisch wertvolle Bücher in die Buchhandlungen wandern, und auch auf die Altersangaben auf den Büchern kann man sich verlassen. Ist man dennoch unschlüssig, helfen Buchhändler und Bibliothekare gerne weiter. „Am besten hört man aber auf sein Bauchgefühl“, rät die Autorin. „Und sollte man sich doch einmal geirrt haben und das Buch macht keine Freude, darf man es getrost beiseite legen und es mit einem anderen versuchen.“ Denn auch vielfach ausgezeichnete Kinderliteratur hat keine Garantie, jedem Kind zu gefallen.

Begleiter fürs Leben

Kinderbücher begleiten uns ein (Lese-)Leben lang. Wer erinnert sich nicht zumindest an eines der Bücher aus seiner Kindheit? Vor allem Bilder, Reime und auch die Geborgenheit und Gemütlichkeit des Vorlesens oder die heimlichen nächtlichen Lesestunden unter der Bettdecke bleiben uns in Erinnerung. Die niederösterreichische Aktion „Zeit Punkt Lesen“ kürt nun schon zum zweiten Mal das „LieblingsKINDERbuch der Niederösterreicher“. Im Vorjahr sicherte sich der aktuelle
Kinderbuch-Bestseller „Gregs Tagebuch“ diesen Titel. Doch nicht nur die Kinder von heute sind eingeladen, mitzumachen. Auch alle Erwachsenen können für ihr Lieblingsbuch aus vergangenen Tagen abstimmen und tolle Preise gewinnen. Susa Hämmerle verrät ihr Lieblingskinderbuch: „,Das kleine Ich-Bin-Ich‘ von Mira Lobe steht bei mir ganz oben. Zweifellos ein Klassiker, der heute noch Kinder begeistert.“
Erinnern Sie sich noch an Ihr liebstes Buch
aus Kindheitstagen? Dann stimmen Sie auf www.zeitpunktlesen.at dafür ab. Die Aktion läuft noch bis 15. Dezember.

Foto: Bildagentur Waldhäusl

Susa Hämmerle

Geboren in der Schweiz, aufgewachsen in Vorarlberg. Als gelernte Volksschullehrerin kam sie 1981 nach Wien und jobbte u. a. als Schauspielerin, Lektorin, Redakteurin und Montessori-Lehrerin. Seit 1990 widmet sie sich ganz dem Schreiben. Für ihre mittlerweile 70 (Sach-)Bilder- und Kinderbücher wurde sie mehrfach ausgezeichnet, z. B. mit dem Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich und dem Mira-Lobe-Stipendium.
Susa Hämmerle ist Mutter dreier Kinder und lebt in Tulbing/NÖ. Ihre Bücher wurden bisher in 13
Sprachen übersetzt.

TIPPS ZUM LESEN MIT KINDERN 

  • Suchen Sie einen ruhigen Ort zum Kuscheln.
  • Lesen Sie regelmäßig vor, auch wenn Ihr Kind schon lesen kann.
  • Wählen Sie eine ruhige Zeit, am besten als tägliches Ritual.
  • Lassen Sie Ihr Kind umblättern und das Tempo bestimmen.
  • Lassen Sie Ihr Kind das Buch auswählen, auch wenn es zum 99. Mal dasselbe ist.
  • Nehmen Sie Zwischenfragen nicht als Störung, sondern als Anregung.
  • Haben Sie keine Scheu vor Reimen, Blödeln oder Singen.
  • Nehmen Sie sich Zeit, über das Gelesene zu reden.
  • Lesen kann man überall: im Auto, im Zug, im Wartezimmer, im Urlaub.
  • Lassen Sie Ihr Kind in Büchern stöbern: in der Buchhandlung und der Bücherei.
  • Seien Sie Lesepartner, nicht Ersatzlehrer.
  • Lassen Sie sich selbst beim Lesen „erwischen“.
  • Lesen Sie im Alltag: Fernsehprogramm, Lexikon, Kochrezept, Teletext usw.

Quelle: Österreichischer Buchklub der Jugend