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„Leben, lachen, lernen, leisten“

„Gesunde Schulen“ in Niederösterreich machen Gesundheit zum durchgehenden Thema – wie die Mittelschule in St. Valentin. Dafür wurde sie mit 53 anderen Schulen nun mit der „Gesunde Schule“-Plakette ausgezeichnet.


Schüler, die in der Früh schon vor der Schule auf das Aufsperren warten und die am Nachmittag gar nicht nach Hause gehen wollen? In der Sportmittelschule und Interessen- & Begabungsorientierten Mittelschule in St. Valentin gehört dieses Bild zum Alltag. „Leben, lachen, lernen, leisten“ ist hier das Motto. So viel Engagement gehört gewürdigt: 54 „Gesunde Schulen“ in Niederösterreich wurden am 20. Oktober in der Römerhalle in Mautern für ihr Engagement ausgezeichnet und bekamen die „Gesunde Schule“-Plakette verliehen. Zwei Schulen durften diesen Festnachmittag mitgestalten: Die Musikhauptschule Korneuburg steuerte eine musikalische Aufführung bei, Jugendliche der Hauptschule St. Valentin lieferten eine akrobatische Aufführung. Und alle 88 „Gesunden Schulen“ hatten Gelegenheit, sich intensiv mit dem Thema Bewegung und Lernen auseinanderzusetzen, denn dazu gab es jede Menge an Möglich­keiten – theoretisch und in der Praxis.

Bewegung und Lernen gehören zusammen

Doch was ist so besonders an der Hauptschule in St. Valentin? GESUND+LEBEN hat die Schule besucht, um sich ein Bild zu machen – und kann verstehen, dass sich die Jugendlichen hier wohl fühlen: Bereits um 6:30 Uhr öffnen sich die Türen und die ersten Schüler treffen ein. Gleich beim Eingang locken ein Korb Äpfel und Apfelsaft – wer Appetit hat, bedient sich und zahlt eigenverantwortlich in eine Kasse ein. Tisch­tennistische und Wuzler wecken in der farbenfrohen, hellen Eingangshalle Lust auf Bewegung und Spiel, überall ist viel Platz. Eine Slackline lockt balancierfreudige Kinder.
Jetzt, vor Unterrichtsbeginn, kommen die Burschen und Mädchen erst einmal in Ruhe hier an, können sich austauschen und auf den Unterricht einstellen oder aber sich mit Bewegung munter machen.

Los geht es dann um acht Uhr. Mathematik steht in der 3A auf dem Stundenplan. Heute sind die Schüler in der ganzen Klasse und am Gang unterwegs, üben Addition und Subtraktion mit einem Laufdiktat. Dabei geht es schnell von Station zu Station, dazwischen wird gerechnet. Dieses Mehr an Aktivität ist es, das Tim Lechner begeistert: „Eigentlich wollte ich zuerst an eine andere Schule gehen, aber hier ist so viel Bewegung dabei, alles macht viel mehr Spaß. Das war die richtige Wahl.“

Selber spüren statt Frontalunterricht

Im Schulgarten erarbeitet die 2B in Biologie die Unterschiede zwischen Stadt und Wald im Sommer. Zuerst bilden Sessel eine enge Straße, in der die Kinder als Straßenbahnen, Autos, Passanten oder Radfahrer unterwegs sind. Eng wird es, heiß und laut. Auch Unfälle passieren. Danach der Wald – die Sessel stellen nun die Bäume dar, einen schönen Mischwald wünscht sich Dipl.-Päd. Gerhard Neubauer. Und viele Tiere. Das lassen sich die Schüler nicht zweimal sagen und ihre Fantasie kennt keine Grenzen, vom kleinen Käfer bis hin zum majestätischen Adler ist alles dabei, und trotzdem bleibt es ruhig. Ein Wald ist eben anders als eine Stadt. Mittlerweile ist es später Vormittag geworden. Die große Pause beginnt, wie alle anderen Einheiten in dieser Schule ohne störende Glocken. In dieser Zeit stehen den Schülern viele Möglichkeiten offen: Aula, Turnsäle, Bibliothek und bei Schönwetter der große Garten geben Freiräume. Diese Wahlmöglichkeiten sind es, die auch das Besondere der Schule ausmachen. Kein strenges, lineares Vorgehen ohne Chance, individuelle Bedürfnisse zu erfüllen. Gerade bei schwierigen Themen oder nach anstrengenden Aufgaben sind viele Schüler erschöpft, mühen sich ab, dem Unterricht zu folgen.
Solche Anzeichen werden in St. Valentin ernst genommen. Entspannungsübungen oder Wirbelsäulengymnastik helfen, diese Durchhänger zu überbrücken. Aber auch eine kleine Jonglier­einheit kann so manchen mathematischen
Knoten lösen, weiß Dipl.-Päd. Gerald Gastecker: „Immer wieder kurze Bewegungseinheiten in die Stunden zu integrieren, hilft den Schülern beim Konzentrieren und entlastet die Wirbelsäule. Das ist kein Zeitverlust, sondern ein Gewinn, weil es nachher wieder besser weitergeht.“ Die Schüler in St. Valentin sind mit Eifer und unübersehbarer Freude bei der Sache – begeistert, motiviert und einfach mit Spaß.

Zeit für das eigene Lerntempo

„Innovativ und engagiert ist unser Lehrerteam“, ist Direktor Dipl.-Päd. Werner Schmidt stolz. „Wir versuchen, Bewegung, Gesundheit und Lebensfreude in den Schulalltag zu integrieren.“ Schon jetzt, am Anfang des Schuljahres, kommen Anfragen für das kommende Jahr, viele Kinder wählen St. Valentin, obwohl es nähere Schulen geben würde. Das Abholen der Stärken der Kinder stellt Schmidt in den Mittelpunkt, die Stärkung der Eigenverantwortung und mit dem Wahlpflichtfach die Möglichkeit, Interessen und Begabungen zu fördern, sind ihm wichtig. Eigenverantwortung zeigen die Kinder auch Tag für Tag im sogenannten „Selbstlernzentrum“: In dieser halben Stunde nach der großen Pause arbeiten sie selbstständig, machen Hausauf­gaben oder bereiten Referate vor. Ein Pädagoge ist anwesend, arbeitet aber auch für sich.
In der 2D ist es in dieser Einheit so still, als wäre Unterrichtsstunde. Alle Schüler beschäftigen sich selbst, machen Hausübung. Wenn es dann nach der Schule nach Hause geht, haben sie fast schon frei, das Meiste ist erledigt. Das und die vielen anderen Angebote sprechen sich unter den Kindern herum, machen quasi Werbung für sich selbst.
„Ich habe von einem Freund von dieser Schule gehört. Nach dem Besichtigen war klar, da möchte ich hin“, erzählt Jonas Reichhardt aus Mauthausen. Eigentlich schon nach den ersten Minuten, aber spätestens nach einem Vormittag hier weiß der Besucher, warum die Kinder schon in der Früh in die Schule stürmen und am Nachmittag gerne noch ein wenig bleiben: Es macht einfach Spaß und Freude, hier zu lernen.

Bewegt lernen – eine eigene DVD

Dass Bewegung der Schlüssel zum Lernen ist, zeigen immer mehr Ergebnisse der jüngsten Hirn­forschung (siehe auch GESUND+LEBEN 09/2011). Mehr darüber erfuhren die Vertreter der 88 Schulen bei der festlichen Verleihung der „Gesunden Schule“-Plakette in Mautern, Referent war der Sportwissenschafter und Schuldirektor des Gymnasiums Zehnergasse in Wiener Neustadt, Mag. Dr. Werner Schwarz. Er hat in seiner Schule gerade eine wissenschaftliche Untersuchung laufen, wie Bewegung das Lernen unterstützt. Auch in der Musikhauptschule Korneuburg – sie lieferte beim Festakt einen musikalischen Beitrag – entsteht gerade eine eigene DVD mit Bewegungsübungen für besseres Lernen.
Dafür sammelt das Projektteam Übungen und Programme, die ohne viel Aufwand in der Klasse gemacht werden können: zum Aktivieren, Dehnen, Mobilisieren, Koordinieren, Kräftigen und Entspannen. Das Besondere: Die Jugendlichen selbst sind die Darsteller auf der DVD und zeigen und erklären, wie man es richtig macht. Auch das kann Schule sein – „Gesunde Schule“, die einen wichtigen Platz im Leben der Kinder und Jugendlichen einnimmt.

Fotos: Gerald Lechner

Ausgezeichnete „Gesunde Schulen“

Bereits die dritte Auszeichnung erhielten:

  • BG/BRG Purkersdorf-Tullnerbach
  • BG Wiener Neustadt   
  • BRG Waidhofen/Ybbs
  • Sportmittelschule St. Pölten – Dr. Theodor Körner HS 1
  • Dr. Theodor Körner HS 4
  • HS Amstetten, Hausmening
  • HS Bad Großpertholz
  • HS Laa/Thaya
  • HS Ottenschlag
  • HS Pottenbrunn
  • HS Retz
  • HS Wilhelmsburg   
  • MHS und HS I Korneuburg
  • MIB-Brunn   
  • HS Leobersdorf
  • SHS-Zwettl
  • VS Oberndorf-Melk   
  • WHS 1 Berndorf
  • HS Scheiblingkirchen   

Das zweite Mal ausgezeichnet wurden:

  • HS Drosendorf-Zissersdorf
  • IBMS Perchtoldsdorf
  • Musik-HS Dürnkrut   
  • PGYM Korneuburg   
  • HS Loosdorf   
  • Musikalisch-kreative HS Teesdorf   
  • HS mit angeschl. Polyt. Schule Wiesmath
  • HS 1 St. Valentin
  • LHS Gresten   
  • HS St. Peter/Au
  • Aktiv-HS Hohenruppersdorf
  • HS Irnfritz
  • ÖKO-HS Ernstbrunn
  • HS Sieghartskirchen
  • HS II Tulln
  • BG/BRG Purkersdorf
  • Mittelschule & Sportmittelschule Harland – Dr. Theodor Körner HS 1
  • SKMS, HS II Korneuburg

Erstmals die „Gesunde Schule“-Plakette erhielten:

  • HS Arbesbach   
  • ECDL-HS Mistelbach   
  • HS Poysdorf II
  • HS Pernitz   
  • HS Persenbeug
  • HS Stift Zwettl
  • HS Krummnussbaum
  • HS Oberndorf-Melk   
  • NSMS/SHS Matzen   
  • THS Raabs/Thaya   
  • Wirtschafts-HS Wiener Neustadt   
  • HS Ebreichsdorf
  • HS Haag
  • HS II St. Valentin, Langenhart
  • HS Ybbsitz   
  • HS Allhartsberg   
  • EU HS II Mistelbach   

Ausgezeichnete Schulen vor den Vorhang

Das Programm „Gesunde Schule“ in Niederösterreich ist ein Programm zur körperlichen, psychischen und sozialen Gesundheit. In erster Linie bezieht sich die „Gesunde Schule“ auf die Stärkung gesundheitsfördernder Faktoren für das System Schule mit deren Schülern, Leitungs- und Lehrpersonen – um in weiterer Folge auch die Eltern miteinzubeziehen. Spezielles Augenmerk liegt dabei auf der Implementierung bzw. Stärkung einer schulinternen Organisationsstruktur zur Gesundheitsförderung.
Das Programm „Gesunde Schule“ in Niederösterreich unterstützt die einzelnen Schulen vor Ort dabei, eine Steuerungsgruppe zu installieren, die spezifisch für den Schulstandort Aktivitäten zur Gesundheitsförderung und -vorsorge plant, steuert und koordiniert. Diese Aktivitäten werden durch einen schulexternen Experten von der Initiative „Gesundes Niederösterreich: Tut gut!“ begleitend moderiert. Inhaltlich unterstützt das Programm die Schulen zusätzlich mit praktischen Modulen zur Entwicklung und Umsetzung von Gesundheitsförderung, die in die Bereiche Ernährung, Bewegung, Psychosoziales, Gesundheitsvorsorge, schulische Umwelt und Ökologie gegliedert sind.

Zertifizierungskriterien „Gesunde Schule“ in NÖ

Kriterien, um die Plakette „Gesunde Schule“ verliehen zu bekommen, sind unter anderem:

  • Die „Gesunde Schule“ in NÖ ist als Profilmerkmal im Leitbild und im Schulprogramm ausgewiesen.
  • Die Schule hat einen „Gesunde Schule“-Beauftragten.
  • Die Steuerungsgruppe tagt mindestens zweimal pro Schuljahr, der externe Moderator ist einmal pro Semester vor Ort.
  • Mindestens eine gesundheitsfördernde Maßnahme wird pro Schuljahr umgesetzt.
  • Beschluss des Schulforums zum Programm „Gesunde Schule“ in NÖ als Schulentwicklungsziel
  • Informationen: www.gesundesnoe.at

Mag. (FH) Melanie Wageneder

 leitet das Programm „Gesunde Schule“ in NÖ. Um neben der theoretischen Programmplanung die Praxis nicht aus den Augen zu verlieren, betreut sie vier „Gesunde Schulen“ als Moderatorin. Diese Erfahrungen helfen ihr wiederum bei der Programmplanung und -entwicklung. Ihre Botschaft: „Gesunde Schule gelingt dann, wenn die Schätze gesucht und gefunden werden, um gesund lernen und arbeiten zu können. Wenn Vernetzung und Kooperation gelebt wird, wenn die Betroffenen zu Beteiligten werden und dadurch die Schule zu einem lebenswerten, gesundheitsförderlichen Lebensraum wird.“