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Kraftspender Selbsthilfe

Elfriede Schnabl leitet seit 27 Jahren ehrenamtlich eine Selbsthilfegruppe für Frauen nach Brustkrebs, seit dem Vorjahr steht sie dem Dachverband der NÖ Selbsthilfegruppen vor – und das, obwohl sie selbst chronisch krank ist.


Über 300 Selbsthilfegruppen gibt es in Niederösterreich, für jede steckt ein Fähnchen in der Karte – bewundert von (v.l.) LH-Stv. Mag. Wolfgang Sobotka, LR Mag. Barbara Schwarz, Dachverband-Präsidentin Elfriede Schnabl und Büroleiterin Mag. Renate Gamsjäger. FOTO: Franz Xaver Lahmer

Sie ist eine Resolute, eine, die anpacken kann – und es auch tut: Die 68-jährige Elfriede Schnabl weiß, was es heißt, Krebs zu haben. Und hilft damit Betroffenen, mit ihrer Krankheit besser zurechtzukommen.

38 war sie, als es sie erwischt hat: Brustkrebs. Die rechte Brust musste weg – damals wurde noch radikal operiert. Der rechte Arm war auf einmal bewegungsunfähig, weil ein Muskel durchtrennt wurde. Und das bei einer quirligen Frau, die als Kanzleileiterin bei einem Rechtsanwalt gewohnt war, die Zügel fest in der Hand zu halten. Die Chemotherapie machte aus ihr einen um 40 Kilo schwereren Menschen, der sich völlig neu orientieren musste. Aber sie gab ihr auch die Chance auf viele weitere Lebensjahre.

Mitgefühl, nicht Mitleid

Schnabl hält nichts von Mitleid und geht auch nicht gerade zimperlich mit sich selbst um. So bot sie nach der Brustamputation ihrem Mann an, sich zu trennen. Doch der blieb an ihrer Seite, nach dem Motto: „Ich hab ja dich und nicht deinen Busen geheiratet.“ Seit 46 Jahren sind die beiden ein Paar, er war es auch, der ihr die Information über eine  Selbsthilfegruppe für Frauen nach Brustkrebs in Wien brachte. Sie nahm Kontakt auf, fuhr hin – und war überzeugt, denn: „Viele Bekannte und auch Freunde hatten sich zurückgezogen, weil sie nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollten. Ich war ja nicht ansteckend oder todgeweiht. Dabei tut es so gut, mit Menschen zu sprechen – besonders, wenn sie wissen, worum es geht.“

Blumenzwiebeln als Zeichen der Hoffnung

Das Verhalten der anderen, meist aus Unsicherheit und Unwissen, tat Schnabl damals ganz schön weh. Anders in der Selbsthilfegruppe: Das persönliche Gespräch ist durch nichts zu ersetzen. Selbst im Internet-Zeitalter bleibt es unschlagbar, weiß Schnabl aus mittlerweile vielhundertfachen Gesprächen, die sie in den 27 Jahren mit Betroffenen geführt hat: Da sind Menschen, die wissen, was es bedeutet, Krebs zu haben. Sie kennen die überwältigenden Ängste, wenn man auf eine Diagnose, einen Befund wartet, die zahllosen Sorgen, wie es denn mit der Krankheit und dem ganz alltäglichen Leben und der Familie weitergehen soll, sie kennen die Todesangst. Sie wissen, wie einen die Chemotherapie aus der Bahn werfen kann, wie verloren man ist mit seinem kranken, vielfach belasteten Körper, wie man sich selber fremd ist dabei, nicht weiß, wie es weitergehen soll. Und wie es ist, wenn der Lebenswille sich wieder meldet, wie unanständig wild die Lust am Leben sein kann, die gierige Sehnsucht nach dem Weiterleben, das Hoffen und Warten auf erlösende Befunde und die Freude, wenn man gewinnt. Elfriede Schnabl beschreibt ihren zähen Lebenswillen so: „Jeden Herbst setze ich Blumenzwiebeln in meinem Garten. Und jeden Frühling freue ich mich, dass ich die Pflanzen wachsen und blühen sehen darf, dass ich wieder ein Jahr überlebt habe.“

Gruppengründung in St. Pölten

1982 wurde sie in St. Pölten operiert. 1984 luden Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Salem, damals Leiter der Abteilung für Allgemein-, Gefäß- und Thoraxchirurgie im Landesklinikum St. Pölten, und die Gründerin der Frauenselbsthilfe nach Krebs Österreich, Regierungsrat Martha Frühwirt, zum Treffen nach St. Pölten: Frühwirt, selbst Betroffene, hatte die Idee der Selbsthilfegruppen aus Deutschland importiert und ein Netzwerk über Österreich ausgespannt.
18 Frauen fanden einander beim Treffen im Landesklinikum St. Pölten und treffen sich seither jeden
1. Mittwoch im Monat im 9. Stock des Hauses. Denn weil sie nach dem ersten Treffen mehr wollte, wurde Schnabl gleich als Leiterin der St. Pöltener Gruppe eingeteilt – und ist nun Obfrau seit 27 Jahren. Dafür bekam sie vor zwei Jahren das Silberne Ehren­zeichen des Landes NÖ verliehen. Dass die lang­jährige stellvertretende Vorsitzende des Dach­verbandes der NÖ Selbsthilfegruppen im Vorjahr den Vorsitz übernahm, war ein logischer Schritt.

Leben mit der Krankheit

Ins Arbeitsleben wollte Schnabl unbedingt und rasch zurück, Frühpension kam für sie nicht in Frage. Ihr Chef in der Anwaltskanzlei unterstützte die 38-Jährige nach Kräften und stand „zu 100 Prozent hinter mir. Er hat gesagt, du musst nicht selber arbeiten, es genügt, wenn du am Dirigentenpult stehst.“ Und dort stand sie, anfangs ein wenig unbeholfen, und arbeitete bald intensiv weiter. Elfriede Schnabl, das Energiebündel. Nach einem dreiviertel Jahr war der rechte Arm trotz des durchtrennten Muskels wieder aktiviert. Sie blieb in der Kanzlei, 40 Wochenstunden, bis zur Pensionierung mit 55.

Hoffnung geben

Schnabl ist Mitglied der NÖ Ethikkommission und der Patientenentschädigungskommission bei der NÖ Patientenanwaltschaft. Doch ihr Herz gehörte der Arbeit für die Frauenselbsthilfe nach Brustkrebs. Nach wie vor arbeitet die 68-Jährige einen Tag pro Woche für die Selbsthilfe. Sie ist „stolz, dass wir sehr vielen Frauen in großer Not helfen konnten.“ Schnabl, die kinderlos blieb, sagt: „Wenn wir durch unsere Arbeit auch nur einer Familie die Mutter als positiv gestimmten Menschen erhalten konnten, sind wir die Gewinner. Mut und Zuversicht statt Verzagtheit, Hoffnung geben, das ist sehr viel wert. Das ist mir auch im Dachverband ein Anliegen. Denn das Pflänzchen Hoffnung, das stirbt zuletzt.“

Krankheit als Chance

Jede Krankheit sei eine Chance, davon ist Schnabl überzeugt. „Man darf hinfallen, aber man darf nicht vergessen, wieder aufzustehen.“ Wer in der Selbsthilfe arbeiten will, muss die eigene Krankheit aufgearbeitet haben, muss gefestigt sein, um anderen Kraft geben zu können. „Man muss lernen, gut für sich zu sorgen. In schlechten Phasen kann ich niemandem helfen. Ich muss Bescheid geben, wenn es mir nicht gut geht. Ich darf auch nein sagen – ich bin ja keine Maschine.“
Und noch so ein Satz, der allen Menschen gut tut, klingt bei ihr wie ein Credo: „Ich lebe nicht im Gestern, ich lebe nur im Heute – zwar aus der Erfahrung des Gestern, aber ich kann keine Sekunde des Lebens wiederholen. Das Gestern muss man loslassen!“ Klingt einfach, ist es aber nicht, wenn sich die Gedanken im Kreis drehen, wenn man sich fragt, warum man erkrankt ist, was man hätte anders machen können. Was dagegen hilft? Reden, sagt Schnabl. Wer über seine Krankheit spricht, hat eine bessere Lebensqualität und ein längeres Leben, weil es ihm besser geht.
Und ganz persönlich, woher schöpft die Unermüdliche, die tapfere Kämpferin Kraft? Beim Gartln, sagt sie, und beim Beobachten der Natur. „Ich kann stundenlang einem Bacherl zuhören.“ Und freut sicher, dass ihr die Blaumeisen im Garten durch gezielte Flugmanöver Jahr für Jahr zeigen, wo die Jungen sind. Handarbeiten kann sie seit der OP nicht mehr, „das hat weh getan“. Aber die Katzen rundherum, die gehen ihr besonders zu. Und die Menschen wohl auch.

Gütesiegel „Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“

Die NÖ Landeskliniken-Holding, der NÖ Gesundheits- und Sozialfonds NÖGUS und der Dach­verband der NÖ Selbsthilfegruppen arbeiten gemeinsam am Projekt „Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“. Ziel ist, dass in allen NÖ Landeskliniken ein Selbsthilfepartner für die Belange der Selbsthilfegruppen zuständig ist und die Gruppen zunehmend als Partner der Landeskliniken anerkannt und eingebunden werden. Derzeit sind 15 NÖ Landesklinken an 17 Standorten „Selbsthilfefreund­liche Krankenhäuser“. Im Oktober 2008 wurden die ersten 7 Landeskliniken mit dem Gütesiegel „Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“ ausgezeichnet, im April 2010 erhielten weitere 8 Kliniken diese Auszeichnung.  Ein „Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“ zeichnet sich dadurch aus, dass es:

  • sein ärztliches und pflegerisches Handeln durch das Erfahrungswissen der Selbsthilfegruppen erweitert
  • den Kontakt zwischen Patienten und Selbsthilfegruppen fördert
  • kooperationsbereite Selbsthilfegruppen aktiv unterstützt 

Dachverband der NÖ Selbsthilfegruppen

Über 300 Selbsthilfegruppen sind im Dachverband organisiert, über 30.000 Menschen gehören ihnen an. Das Angebot umfasst 69 verschiedene Themen bzw. Krankheitsbilder – von Alkoholerkrankungen (samt Gruppen für Angehörige) bis Zöliakie. Der Dachverband stellt Kontakte zu regionalen Gruppen, Landesorganisationen oder zu Anlauf- und Infostellen auf Bundesebene her.

Kontakt: Dachverband der NÖ Selbsthilfegruppen
Wiener Straße 54, Stiege A/2. Stock, Postfach 26, 3109 St. Pölten
Tel.: 2742/22644
info(at)selbsthilfenoe.at
www.selbsthilfenoe.at

Öffnungszeiten:
Mo, Di, Do 09:00–16:00 Uhr, Mi, Fr 09:00–12:00 Uhr

Selbsthilfegruppen geben Patienten und Angehörigen das Ruder in die Hand

Warum das Land Niederösterreich und der NÖ Gesundheits- und Sozialfonds die Selbsthilfegruppen über den Dachverband
unterstützen.

Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka:
Die Selbsthilfegruppen sind in vielen Landeskliniken schon seit Jahren etabliert. Das ist uns sehr wichtig, weil Krankenhäuser zu Genesungsstätten werden sollen und man sich nicht scheuen soll, sie aufzusuchen. Wir sehen Selbsthilfegruppen als wichtigen Partner im Gesundheitssystem, die auch für die Kliniken wichtiges Wissen bieten können. Denn auch die bestausgebildeten Ärzte können nicht immer wissen, wie es einem Patienten tatsächlich geht, wie er sich fühlt, was ihn bewegt und vor allem, was ihn im Alltag belastet. Selbsthilfegruppen wissen das – und können die nötigen Informationen für ihre Mitglieder von den Ärzten einfordern und andererseits den Ärzten die richtigen Fragen stellen. In den Kliniken haben Selbsthilfegruppen auch das gesammelte Wissen der Ärzte in Reichweite und können es sich bei den Treffen in die Selbsthilfegruppen holen.

Mag. Barbara Schwarz, Landes­rätin für Soziales, Arbeit und Familie:
Selbstverantwortung und Selbstbestimmtheit sind wichtige Faktoren unseres Menschseins, und das endet nicht, wenn wir krank sind. Patienten brauchen den Mut zu hinterfragen, sich zu informieren und aufklären zu lassen. Nur dann sind sie mündige Patienten. Selbsthilfegruppen sind wahre Wissenssammler: Sie wissen, was dem Einzelnen persönlich geholfen hat und was anderen helfen könnte. Selbsthilfegruppen bieten ein riesiges Potenzial an Freiwilligen, die zuhören und mit ihren Erfahrungen unterstützen können. Und für Betroffene ist oft einfacher, sich gegenüber Gleichgesinnten zu öffnen. Diese wertvolle Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch ist nicht selbstverständlich. Deshalb gebührt den Selbsthilfegruppen und all ihren Mitgliedern ein großes Danke!