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Kleine Bälle, große Träume

Seit einem Arbeitsunfall vor zwölf Jahren ist Josef Riegler quer-schnittgelähmt. Rollstuhltennis ist seither seine große Leidenschaft. Die Paralympics 2016 in Rio sind sein größtes sportliches Ziel.


Am Tennisplatz lebt Josef Riegler so richtig auf. Die Lust auf Bewegung und der Spaß am Spiel sind ihm deutlich anzusehen. FOTO: Ingrid Vogl

Tennis ist ein Laufsport! Eine Aussage, mit der jeder Tennisspieler irgendwann einmal konfrontiert wird. Wer jedoch Josef Riegler beim Tennisspielen beobachtet, der merkt, dass diese Aussage nicht immer stimmen muss. Laufen kann der 38-jährige Texinger nämlich nicht. Tennisspielen aber schon. Mit Begeisterung – und erfolgreich noch dazu. Josef Riegler ist querschnittgelähmt und die Nummer vier der österreichischen Rollstuhltennis-Rangliste. Und der zweifache Familienvater hat einen großen Traum: die Teilnahme an den Paralympics 2016 in Rio.

Ein Traum, dessen Erfüllung man dem sympathischen Mostviertler gönnen würde, denn vom Glück verfolgt war er in seinem bisherigen Leben nicht. Als 19-Jähriger fabrizierte er seinen ersten schweren Unfall. „Ich habe ein Motorrad nur ausprobiert und bin in einer Linkskurve von der Straße abgekommen. Ich bin über einen Rundholzhaufen gekracht und bewusstlos liegengeblieben“, erinnert sich Riegler. Ein Trümmerbruch des rechten Ellbogens und ein mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma waren die Folge. Eine Woche lang lag der junge Mann im künstlichen Tiefschlaf. Nach fünf Monaten war der Kfz-Mechaniker aber wieder voll arbeits­fähig.

Unfall Nummer zwei

Die Schutzengel, die ihn bei seinem Motorradunfall noch vor bleibenden Schäden bewahrt hatten, dürften sieben Jahre später nicht mehr so aufmerksam gewesen sein – ein Arbeitsunfall in der Landwirtschaft endete für Riegler mit schweren Verletzungen und im Rollstuhl: Beim Abreißen einer alten Hütte fiel das Grundgerüst vorzeitig um, ein Holzbalken traf Riegler am Rücken. „Ich hatte den Kopf zwischen meinen Beinen liegen“, schildert er die verhängnisvollen Geschehnisse. An der Diagnose Querschnittlähmung hatte der sportliche Niederösterreicher anfangs heftig zu knabbern. „Zu Beginn fällt man in ein Loch, aber relativ schnell denkt man wieder positiv, das Leben muss ja weitergehen“, fand Riegler seinen Lebenswillen bereits nach einer Woche wieder. Erleichtert wurde ihm diese Einstellung, weil er in seinen Beinen sehr schnell wieder etwas spüren konnte. Riegler war mit einer inkompletten Querschnittlähmung davongekommen, die ihm ermöglichte, sich mit Krücken für kurze Strecken auch wieder auf zwei Beinen fortzubewegen.
So richtig aufwärts ging es mit Josef Riegler dann während der Reha im Weißen Hof in Klosterneuburg. Warum? „Da sieht man noch viel schlimmere Fälle.“ Dort kam er erstmals mit Rollstuhltennis in Kontakt und fand so richtig Gefallen an dem Spiel mit der kleinen Filzkugel, das ihn vor seinem Unfall noch nicht begeistern konnte. Er fuhr zu einem Turnier, um sich den Wettkampfsport einmal live anzusehen. „Ich glaube, das könnte ich auch“, dachte er und begann zu trainieren. Anfangs noch mit einem normalen Rollstuhl, 2006 bekam er dann einen richtigen Tennisrolli. „Wenn du mit einem normalen Rolli herumfährst, kannst du dich nicht drehen. Die Tennisrollis drehen sich hingegen kinderleicht und sind auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen genau angepasst. Sie sind eine Maßanfertigung, was die Höhe, die Räder und deren Schrägstellung sowie die Länge der unteren Abstützungen betrifft“, erklärt Riegler die Besonderheiten der mindestens 3.000 Euro teuren Spezialgefährte.

Zwei große Ziele

Ein Leben ohne Tennis kann sich der Mostviertler mittlerweile nicht mehr vorstellen. „Ich brauche die körperliche Herausforderung. Beim Tennis ist Kraft und Athletik gefordert. Man muss körperlich fit sein, sonst hat man wenig Chancen.“ Zweimal pro Woche steht Tennistraining am Programm, zu Hause arbeitet er an seiner Fitness. Fahrtraining mit dem Rolli, Hantel­training und Gehen stehen am Trainingsplan. „Ich gehe daheim viel mit Krücken, das ist für mich Konditionstraining“, betont Riegler.
Zudem tingelt der beste niederösterreichische Rollstuhltennisspieler 15 Wochen pro Jahr in der Weltgeschichte herum: Zwölf internationale Turniere, Staatsmeisterschaften und das Masters der besten acht Österreicher umfasst sein jährlicher Turnierkalender. Und die Erfolge blieben nicht aus. Beim Masters war er drei Jahre hintereinander Dritter, zwei Vizestaatsmeistertitel hat er auch bereits eingeheimst und in der Weltrangliste scheint Riegler auf Platz 80 auf. Im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten – in Holland, Frankreich und England gibt es viele Vollprofis – ist Tennis für den Niederösterreicher aber nicht Beruf, sondern noch immer Hobby. Wenn auch ein sehr wichtiges, wie er zugibt.
Und es wird in den nächsten Jahren vermutlich noch wichtiger werden, will er seine großen Ziele in die Tat umsetzen. Riegler möchte Staatsmeister werden und den Mister Rollstuhltennis in Österreich, den Tiroler Martin Legner, endlich einmal besiegen. Ein erster Teilerfolg ist ihm im letzten Jahr bereits gelungen: „Ich habe ihm als erster Österreicher seit zwölf Jahren einen Satz abgenommen. Ich habe gesehen, dass er zu schlagen ist, und das weiß er auch“, formuliert Riegler eine Kampfansage.

Der große Traum von Rio

Der Staatsmeistertitel ist aber nur ein Ziel, das noch viel größere lautet Rio 2016. Um sich für die Paralympics in Brasilien zu qualifizieren, muss sich der Texinger aber unter die besten 50 der Welt nach vorne arbeiten. „Wenn ich ab nächstem Jahr das Training steigere, ist das, glaube ich, schon drinnen“, gibt sich Josef Riegler optimistisch. An Talent fehlt es ihm sicher nicht, an Kampfgeist und an Spaß an der Bewegung schon gar nicht. Vielleicht aber an Sponsoren, die trotz der Erfolge noch Mangelware sind. „Da tut sich gar nichts. Ich bin aber auch nicht der Typ, der jemandem extrem nachrennt.“ Sollte er aber vielleicht. Weil: Tennis ist ja ein Laufsport. In dem Fall auch für einen Rollstuhlfahrer wie Josef Riegler.

GESUND&LEBEN-Redakteurin Mag. Ingrid Vogl ist selbst leidenschaftliche Tennisspielerin und machte einen Selbst­versuch im „Rolli“. Ihr Kommentar danach: „Diese Spielerinnen und Spieler sind echt bewundernswert. Ich hätte noch mindestens einen zusätzlichen Arm gebraucht, um den Rolli fortzubewegen und den Ball dann auch noch zu schlagen!“

Rollstuhltennis – Zahlen & Fakten 

Rollstuhltennis ist eine der beliebtesten Sportarten für Behinderte und kommt aus den USA. Es wird seit den 1970er Jahren gespielt und fand 1992 erstmals Aufnahme ins Programm der Paralympischen Spiele. Die Anfänge des Sports waren jedoch schwierig – vor allem in Europa, wo vorwiegend auf Sandplätzen gespielt wird und man Angst hatte, die Plätze durch die Reifen der Sportrollstühle zu beschädigen.
Die Regeln beim Rollstuhltennis entsprechen bis auf eine Ausnahme jenen der „Fußgänger“: Im Rollstuhltennis darf der Ball zweimal aufspringen. Der erste Aufsprung muss innerhalb des Feldes sein, der zweite darf auch außerhalb erfolgen. Je höher das spielerische Niveau, umso seltener lassen die Spieler den Ball zweimal aufspringen. Spitzenspieler retournieren mehr als 70 Prozent aller Bälle nach dem ersten Aufsprung.
Im Jahr 1998 wurde der Rollstuhltennissport in die Organisationsstrukturen des internationalen Tennisverbandes (ITF) eingegliedert. Weltweit werden bereits mehr als 170 Rollstuhltennisturniere veranstaltet, wo die Spieler – so wie im normalen Tenniszirkus – um Weltranglistenpunkte und Preisgeld kämpfen. In Österreich finden jährlich vier ITF-Turniere statt – nämlich in Groß-Siegharts, Salzburg, Steyr und Spittal an der Drau. Einzigartig im Behindertensport ist auch, dass es beim Rollstuhltennis – abgesehen vom Quad-Bewerb – keine Klassifizierung nach Behinderungsarten gibt. Im Quad-Bewerb starten jene Spieler, die zusätzlich zu den Beinen auch noch an den Armen behindert sind.

Austrian Open in Groß-Siegharts 

Das Austrian Open, ein internationales Rollstuhltennisturnier in Groß-Siegharts, geht heuer bereits in seine 26. Auflage: Von 7. bis 11. August kämpfen im Waldviertel wieder an die 90 Behindertensportler aus bis zu 20 Nationen um Weltranglistenpunkte und Preisgeld (insgesamt 19.000 Dollar). Das Turnier in Groß-Siegharts war vor 26 Jahren eines der ersten Turniere in Europa und ist seither ständig gewachsen. Vor zwei Jahren fanden erstmals Spieler aller Kontinente den Weg nach Niederösterreich. Besonders geschätzt wird das Austrian Open von den Spielern aus der ganzen Welt wegen seiner freundlichen Stimmung und dem ungewohnt familiären Umfeld. Das Turnier wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern organisiert, in der Turnierwoche helfen jedes Jahr ca. 80 Menschen gratis mit. Das Jahresbudget der Veranstaltung beträgt 70.000 bis 80.000 Euro. „Für uns sind die fünf Tage Turnier ein Jahresprojekt“, sagt Turnierleiter Dr. Andreas Hauer, Assistenzarzt in der
Abteilung für Chirurgie im Landesklinikum Horn. Der Groß-Sieghartser begann vor 17 Jahren als Ballkind, übernahm im Jahr 2004 die Turnierleitung und vor zwei Jahren auch die Obmann-Funktion des Vereins Rollstuhltennis Austria, der Veranstalter des Turniers ist.
Informationen: www.austrian-open.net
Einen Beitrag zum Jubiläumsturnier im Vorjahr sehen Sie unter
www.youtube.com/watch?v=SQ9dVv7870k&feature=g-all-u