Juckreiz, lass nach!
Wegen ihrer Zunahme in westlichen Industrieländern gilt Neurodermitis bereits als Zivilisationskrankheit.
Neurodermitis – auch als atopisches Ekzem oder atopische Dermatitis bezeichnet – ist eine in Schüben verlaufende chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Die normalen Hautfunktionen sind gestört und als Folge wird Feuchtigkeit von der Haut schlechter gespeichert. Die Haut wird damit trocken und sehr empfindlich, was die Anfälligkeit für allergische Reaktionen verstärkt. Keime und andere Reizstoffe können leichter in die Haut eindringen und Entzündungen verursachen. Neurodermitis-Patienten leiden unter Hautausschlägen, die mit starkem Juckreiz verbunden sind. Am häufigsten zeigen sich die roten Ekzeme im Gesicht, in Armbeugen und Kniekehlen sowie auf dem Hals und den Händen.
Auslösende Faktoren
Die unangenehmen Hautreaktionen treten in Schüben auf, die durch verschiedene Reize hervorgerufen werden. „Die geringere Luftfeuchtigkeit im Winter führt bei Patienten oft zu einer Verschlechterung ihres Zustands.
Gräserpollen-Allergiker können wiederum im Sommer Schübe erfahren“, erklärt Oberarzt Dr. Martin Zikeli von der Abteilung für Dermatologie am Landesklinikum Wiener Neustadt. Weitere mögliche Auslöser: Hausstaubmilben, Tierhaare, Infektionen, die Unverträglichkeit von Textilien, Nahrungsmittelallergien, trockenes Klima und Stress.
Vor allem seelische Faktoren haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. „Neurodermitis zeigt besonders deutlich, dass die Haut der Spiegel unserer Seele ist“, erklärt Martin Zikeli. „Auslöser eines Neurodermitis-Schubes können Probleme im sozialen Umfeld oder im Beruf, Prüfungsstress oder Trennungen sein. Bei einer meiner Patientinnen traten die Symptome im Zuge ihrer Scheidung auf.“
Behandlungsmöglichkeiten
Um die Intervalle zwischen den Schüben auszudehnen, sollten Betroffene ihre Auslösefaktoren erkunden und gezielt vermeiden. Zikeli rät Neurodermitis-Patienten, seifenfreie Waschsubstanzen und rückfettende Hautpflegeprodukte zu verwenden sowie zu Kleidung aus Baumwolle oder Seide.
Bei einem akuten Schub werden Cortisonsalben und spezielle, das Immunsystem beeinflussende (immunmodulierende) Cremen verschrieben. Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die Phototherapie, bei der die Haut mit UVB-Licht bestrahlt wird.
Besonders quälend ist der typische Juckreiz. Ausgiebiges Kratzen beschleunigt den Entzündungsprozess, was den Juckreiz verstärkt. Zikeli: „Am besten wird Juckreiz durch Eincremen gemildert. Häufig sind kühlende oder rückfettende Pflegesalben ausreichend.“
Steigende Erkrankungsrate
In den letzten Jahrzehnten stieg die Zahl der Erkrankungsfälle stark, vor allem in westlichen Industrieländern – in Entwicklungsländern kommt Neurodermitis seltener vor. Die zunehmende Hygiene und übermäßige Verwendung von Antibiotika mache das Immunsystem anfälliger, glauben Experten. Als Ursachen gelten neben äußeren Einflüssen die Erbanlagen. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Erkrankungsrate laut Gesundheitsministerium seit den 1950er und 1960er Jahren drastisch gestiegen: Von zwei bis drei Prozent der unter Sechsjährigen auf heute zehn bis 15 Prozent. Im Vergleich dazu leiden nur zwei bis fünf Prozent der Erwachsenen an Neurodermitis.
Innere Balance finden
Die typischen Symptome können schon im Babyalter auftreten. Bei Karin Hafner wurde die Erkrankung im Alter von fünf Monaten sichtbar: „Ich war von der Kopfhaut bis zu den Füßen mit roten entzündlichen Flecken übersät. Dazu kam ein quälender Juckreiz. Meine Eltern waren verzweifelt, weil ich mich täglich blutig gekratzt habe. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr habe ich viele Monate im Spital verbracht.“
Bei einem Großteil der Kinder verschwinden die Symptome wieder. „Bei drei von vier Patienten kommt es nach der Pubertät zu keinen Ekzemschüben mehr“, berichtet Dermatologe Martin Zikeli. „Allerdings bleibt die genetische Veranlagung für empfindliche und trockene Haut ein Leben lang bestehen.“ Mit der als unheilbar geltenden Erkrankung leben muss auch Karin Hafner. Nach einem jahrzehntelangen Leidensweg fand die 39-Jährige durch konsequente Hautpflege, Yoga und eine Ernährungsumstellung ihre innere Balance. Heute sagt sie: „Mittlerweile habe ich meine Haut gut im Griff.“
Tipps für Neurodermitiker
- Duschen oder baden mit rückfettenden Präparaten, denn der Säureschutzmantel der Haut wird durch lange Vollbäder angegriffen.
- Nicht zu heiß (unter 32°C), zu lange (5–10 min) und zu häufig duschen bzw. baden. Tupfen Sie sich mit dem Handtuch ab und vermeiden Sie das Reiben.
- Machen Sie Urlaub in den Bergen oder am Meer. Ein Klimawechsel tut oft gut.
- Intensive Sonnenbäder, Schwitzen und chlorhaltiges Wasser meiden.
- Kurze Fingernägel verhindern zu starkes Aufkratzen.
- Lüften Sie regelmäßig. Die Raumluft ist speziell im Winter oft viel zu trocken.
Quelle: Bundesministerium für Gesundheit
Landesklinikum Wiener Neustadt
Corvinusring 3–5
2700 Wiener Neustadt
Tel.: 02622/9004-0
www.wienerneustadt.lknoe.at
Leben mit Neurodermitis
Karin Hafner,
Gründerin
www.hautinfo.at
GESUND&LEBEN sprach mit Karin Hafner,
seit frühester Kindheit Neurodermitis-
Betroffene und Gründerin des Online-Portals www.hautinfo.at
Warum haben Sie das Portal www.hautinfo.at ins Leben gerufen?
Ich will Menschen mit Hautkrankheiten zusammenbringen, damit sie sich austauschen und gegenseitig helfen können. Deshalb habe ich vor drei Jahren die erste österreichische Plattform zum Thema Haut mit den Schwerpunkten Neurodermitis, Psoriasis, Akne und Allergien gegründet. Hautinfo.at bietet in mehr als 600 Fachbeiträgen kostenlose Informationen, hilfreiche Ratschläge sowie die Möglichkeit für persönlichen Austausch im Hautforum und Veranstaltungstipps.
Wie leben Sie heute mit der Erkrankung?
Die tägliche Hautpflege ist für mich am wichtigsten. Dadurch bessert sich das Hautbild, die schubfreien Intervalle dauern länger an, schwere Medikamente brauche ich nur in Akutfällen. Ich habe in meinen fast vierzig Jahren mit Neurodermitis viele Erfahrungen gesammelt. Pflegeprodukte sollten frei von Parfum, Farbstoffen und zu vielen Konservierungsstoffen sein. Ich nutze seit Jahren vorwiegend Produkte aus der Apotheke, die etwas teurer, aber hochwertiger sind. Mein Tipp: vor dem Kauf eine Gratisprobe testen.
Wie gehen Sie mit dem Juckreiz um?
Der ist für mich das Schlimmste: Ich könnte mir dann „die Haut abziehen“ und kann mich nicht mehr auf die normale Arbeit konzentrieren. Mein Akutplan: Ich nehme sofort ein Antihistaminikum, wasche die Haut mit Salzseife, tupfe sie vorsichtig trocken und creme sie mit Cortisonsalbe ein. Dann gönne ich mir mindestens eine halbe Stunde Ruhe.
Welchen Stellenwert haben Cortisonsalben?
Cortison gehört zu den wirksamsten Medikamenten gegen die Symptome der Neurodermitis. Die aktuellen Cortison-Präparate haben viel weniger Nebenwirkungen als noch vor zwanzig Jahren. Unseriöse Geschäftemacher nützen aber genau diese Angst aus. Es kommen immer wieder cortisonhaltige Salben ans Tageslicht, die als Pflanzencreme ohne Cortison gehandelt werden.
Welche Rolle spielt die Ernährung?
Eine bewusste Ernährung ist ein entscheidender Faktor. Deshalb habe ich bereits vor Jahren Fastfood und Fertiggerichte sowie Schweinefleisch von meinem Speiseplan gestrichen. Ich meide weißen Zucker und halte mich bei Süßigkeiten, Schokolade oder zuckerhaltigen Getränken zurück. Jeden Tag koche ich frisch, esse viel Gemüse und mehr Eiweiß als Kohlenhydrate. Dazu trinke ich täglich zwei bis drei Liter Tee. Im Winter bevorzuge ich Ingwertee, im Sommer Kräutertee.
Wo holen Sie sich Kraft?
Stresssituationen – wie zum Beispiel sich über einen Kollegen oder den Partner zu ärgern – lassen meine Neurodermitis „aufblühen“. Auch wenn es im Leben drunter und drüber geht, versuche ich mein Gleichgewicht zu finden. Der Zustand der Haut kann sich durch regelmäßiges Entspannen mit autogenem Training, Yoga oder Qigong wesentlich bessern. Jeder Neurodermitiker
sollte für sich herausfinden, wo er sich Kraft
holen kann.
Was empfehlen Sie Betroffenen?
An Neurodermitis zu leiden bringt einige Einschränkungen mit sich. Neben der kontinuierlichen Hautpflege und einer ausgewogenen Ernährung sollte man auf die richtige Kleidung achten. So verstärkt etwa Wolle den Juckreiz. Auf Weichspüler sollte man verzichten. Bei einem akuten Schub ist der Einsatz von Medikamenten meist unausweichlich. Welche Medikamente zu empfehlen sind, kann nur ein Hautarzt entscheiden. Da es kein Generalrezept gibt, muss jeder Betroffene seinen eigenen Therapie-Weg finden.





