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„Jeder bekommt seinen Weg geschenkt“

Vor zwölf Jahren verstarb seine Frau, dann seine Schwester, weitere Schicksalsschläge folgten. Geholfen hat Alfred Ofner (65) immer sein Glaube. Heute ist er Diakon, folgte einer inneren Stimme, die ihm prophezeite: „Dein Weg wird ein anderer sein“.


FOTO: Sandra Sagmeister-Pensch

Die Geschichte ist unglaublich, obwohl sie sehr viel mit Glauben zu tun hat, auch weil Alfred Ofner sie so nüchtern erzählt, ohne Schnörkel und Aufgeregtheit. Begonnen hat alles 2001 mit einem Arbeitsunfall: Ofner verletzte sich an einem Dienstag schwer am Knie und musste im Landesklinikum Baden stationär aufgenommen werden. Zu Hause lag seine Frau mit Grippe im Bett; am Wochenende hatte die Familie die Hochzeit des älteren Sohnes gefeiert. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag verstarb seine Frau an den Folgen der Grippe, mit erst 50 Jahren. „Du bekommst innerhalb einer Woche das ganze Leben mit all seinen positiven und negativen Seiten serviert“, resümiert Ofner, der damals noch Landwirt und Bezirksfeuerwehrkommandant war. Er versuchte trotz dieses schweren Verlustes nicht in ein Loch zu fallen: „Ich dachte mir, dass man so eine Situation annehmen und ertragen muss und fühlte mich immer irgendwie behütet und beschützt, das hat für mich sehr viel mit Glauben zu tun.“
Ein Schlüsselerlebnis half
Ofner hatte ein Schlüsselerlebnis, das ihm half, den Schmerz irgendwie zu ertragen: „Als ich in der Aufbahrungshalle von meiner toten Frau Abschied nahm, dachte ich, dass sie einfach nur schläft, und da kam in mir die Frage hoch, dass das doch nicht alles gewesen sein kann“, es müsse nach dem Leben noch was sein ... Für Ofner war seine Frau ab diesem Zeitpunkt irgendwie immer noch da: „Unsere Verbundenheit bleibt in alle Ewigkeit bestehen und aus dieser Ewigkeit heraus wird sie mich beschützen.“ Auch die Frage nach dem Warum hat er sich nie gestellt. Also versuchte er mit ihrer Hilfe sein Leben alleine zu meistern, mit all seinen Alltäglichkeiten wie putzen, bügeln, kochen und die Familie versorgen.

Schmerzen rund um die Uhr
Aber auf Ofner warteten weitere Schicksalsschläge: 2004 stürzte er von einem Gerüst, als er an der
Fassade seines Haues arbeitete, dass er mit eigenen Händen baute und „in dem meine ganze Seele liegt“. Er brach sich die linke Hand, gleich dreifach. Nach drei Wochen stellte sich heraus, dass zwar der Bruch gut verheilt ist, aber er an Morbus Sudeck erkrankt war – ein Schmerzsyndrom, das etwa durch Operationen oder äußere Verletzungen auftreten kann; in Ofners Fall war der Bruch der Auslöser für seine Schmerzen in der Hand, die durch keine Schmerzmittel oder Therapien zu lindern waren. Im Krankheitsverlauf zersetzten sich langsam die Knochen, die Gelenke wurden angegriffen und regelrecht aufgefressen, die Weichteile der Hand schwollen extrem an, jede kleinste Berührung schmerzte höllisch, „meine linke Hand war praktisch nicht mehr zu gebrauchen, ich konnte nicht einmal ein Blatt Papier heben.“ Es drohte die Amputation. „Ich nahm täglich elf Tabletten, geholfen hat nichts, ich bin mit Schmerzen aufgestanden und mit Schmerzen schlafen gegangen, die Krankheit ist unheilbar.“ Fast unerträglich war für Ofner, dass er von einem Tag auf den anderen arbeitsunfähig war und mit seinen Händen nichts mehr schaffen konnte. Aber er versuchte, auch diese Situation zu akzeptieren, mit der Krankheit auszukommen.

Wallfahrts-Wunder?
2006 kam dann der nächste Rückschlag: „Meine jüngste Schwester Irmgard hatte Brustkrebs im Endstadium, das hat mich wirklich erschüttert.“ In seiner mentalen Gelähmtheit beschloss Ofner, eine Wallfahrt nach Medjugorje zu unternehmen. An einem Palmsonntag saß er in der Wallfahrtskirche in Bosnien-Herzegowina und bat um Genesung für seine Schwester. Da passierte etwas Unerklärliches, das den Skeptiker und Realisten Ofner verblüffte: „Ich saß auf meinem Stuhl und konnte mich einfach nicht mehr bewegen, mir war zum Sterben, ich bekam Schmerzen im Kopf, dachte, ich bekomme einen Herzinfarkt, und sah, wie sich mein Brustkorb öffnet. Dann kam in mir die Frage hoch ‚Bist du bereit zu sterben?‘ – und ich führte mit mir einen inneren Dialog, dachte, dass ich mir keinen schöneren Platz vorstellen konnte, als hier in der Kirche zu sterben.“ Dann flossen die Tränen wie Bäche der Erlösung, die Schmerzen waren plötzlich weg und auch die Geschwulst der Hand ging zurück; seit diesem Tag braucht Ofner keine Medikamente mehr, obwohl auf jedem Röntgenbild, bis heute, die Degeneration der Knochen und Gelenke zu sehen ist, aber die Symptome sind weg, einfach weg: „Die Mediziner stehen vor einem Rätsel und sagen, dass das medizinisch nicht erklärbar und möglich ist.“

Anderen Weg eingeschlagen
Ein Wunder? Naja, Ofner nimmt auch diese Entwicklung gelassen an, denn bei einer zweiten Wallfahrt nach Medjugorje kam in ihm wieder ein wichtiger Satz hoch: „Dein Weg wird ein anderer werden.“ Ofner begann in Wien Theologie zu studieren, nach fünf Jahren wurde er 2012 von Kardinal Christoph Schönborn im Stephansdom zum Diakon geweiht. Seither arbeitet er in der Pfarrgemeinde Pottendorf – tauft und verheiratet die Menschen und begleitet auch ihren letzten Weg: „Oft sagen die Menschen verwundert, wenn sie mich als Diakon statt als Feuerwehrkommandant sehen, ‚Ofner, was machst denn du da?‘“ Er besucht heute regelmäßig ein Pflegeheim und stellt seine Kraft stets in den Dienst anderer Menschen: „Der Kontakt zu den Menschen ist mir wichtig. Die Menschen sehen oft nur sich und merken nicht, dass jeder Weg ein Geschenk ist.“
Seinen Weg beschreibt er als ein Geschenk: „Ich bin durch die vielen offenen Türen gegangen ohne Widerstand, aber immer mit einem offenen Auge, Ohr und Herzen, und ich habe nicht ständig alles hinterfragt.“ Wie man leben soll? Nicht so viel nach hinten schauen, die Dinge annehmen und im Moment leben: „Alles, was man macht, sollte man bewusst tun, am besten mit einem Lächeln – das
kostet nichts, bewirkt aber viel, denn jeder Tag könnte der letzte sein.“ Leben im Jetzt nennt er „Schätze für den Himmel sammeln“. Getröstet habe ihn auch, dass man in schwierigen Situationen mit vielen interessanten Leuten zusammenkommt, „und man erkennt, dass alle Menschen ein mehr oder weniger schweres Schicksal zu tragen haben.“