Ihr Schmerz – ein wichtiges Anliegen
Die moderne Medizin kennt viele Wege, individuellen Schmerzzuständen beizukommen. Voraussetzung dafür sind eine professionelle Erfassung und ein ebensolches Management des Schmerzes.
Schmerz ist eine zutiefst menschliche Erfahrung, schon in der Antike machte man sich darüber Gedanken: Aristoteles lokalisierte das Zentrum der Schmerzempfindung im Herzen, Hippokrates sah dessen Ursache im Ungleichgewicht von Körpersäften, und innerhalb der christlichen Tradition wird der Schmerz in Zusammenhang mit Schuld und Sühne gestellt. Vielleicht mit ein Grund, warum man in unserem Kulturkreis noch häufig der Meinung ist, dass man Schmerz einfach aushalten muss. Modernen Erkenntnissen zufolge stellt Schmerz ein komplexes Zusammen- und Wechselspiel zwischen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren dar, wobei der Schmerzempfindung auch eine stark subjektive Komponente zugeschrieben wird.
Den Schmerz messen
„Schmerz ist auch das, was der Patient als solchen empfindet, und deshalb kommt der professionellen Schmerzerfassung in der Schmerztherapie große Bedeutung zu“, erklärt Oberärztin Dr. Jonna Feyertag-Leidl, Fachärztin für Anästhesiologie und Intensivmedizin im Landesklinikum Waidhofen/Ybbs. Dort läuft seit dem Jahr 2010 ein Projekt zur professionellen Schmerztherapie, das kürzlich in die diesbezügliche Zertifizierung „Qualifizierte Schmerztherapie“ durch die Firma PainCert gemündet hat. Waidhofen/Ybbs ist somit nach der Uniklinik Graz das zweite Haus in ganz Österreich, das offiziell die hierfür geforderten Kriterien erfüllt.
Patienten werden dort routinemäßig mindestens zweimal täglich danach gefragt, ob sie Schmerzen haben, und wenn ja, wird sofort interveniert. Das geschulte Fachpersonal verwendet dafür eigene Schmerzerfassungs-Skalen. Zum Einsatz kommt dabei die Visuelle-Analog-Skala (VAS), anhand der der Patient seinen individuellen Schmerz auf einer „Rangliste“ von 0 für „gar kein Schmerz“ bis 10 für „der größte vorstellbare Schmerz“ einordnen kann. „Ein Wert ab drei gilt dabei nach internationalen Richtlinien als interventionsbedürftig“, erklärt die Qualitätsmanagerin des Hauses und organisatorische Projektleiterin, DGKS Angelika Obermüller: „Unser Schmerzmanagement sieht vor, dass zwischen dem Auftreten des Schmerzereignisses und der Intervention nicht mehr als 15 Minuten vergehen dürfen.“ Selbst für Patienten, die sich – etwa wegen einer dementiellen Erkrankung – nicht subjektiv äußern können, sorgen die Schmerz-Profis: Die BESD-Skala dient der Beurteilung von Schmerzen bei Demenz, das Pflegepersonal achtet dafür etwa auf eine veränderte Atmung, negative Lautäußerungen, Körperhaltung oder Mimik des Betroffenen, um seinen Schmerz erfassen und einordnen zu können. Für die Zertifizierung mussten sämtliche Dokumentationsunterlagen und Standards erarbeitet bzw. angepasst werden – ein großer organisatorischer Aufwand für alle Abteilungen. Zudem waren intensive Vorarbeiten für die interdisziplinäre Arbeitsgruppe sowie umfangreiche Schulungen für das gesamte medizinische und pflegerische Personal erforderlich.
Effiziente Behandlung
Die ärztliche Projektleiterin Feyertag-Leidl erklärt: „Das alles ist deshalb so wichtig, weil wir so eine Kurve erhalten, auf der sich deutlich abzeichnet, wie sich der Schmerz entwickelt, wann er Spitzen hat und wann er sich verflacht. So können wir auch erkennen, ob und wie die verabreichten Medikamente wirken und effiziente Schmerzbehandlungsstrategien entwickeln.“ Sie betont auch, dass die Interventionsgrenzen sowie die Handlungsoptionen für die Pflege eindeutig festgelegt sind, und dass die medikamentöse Schmerztherapie nach dem international gültigen WHO-Stufenschema erfolgt.
Es gibt unzählige effiziente Schmerzmedikamente und zahlreiche nicht-medikamentöse Methoden, um dem Schmerz zu Leibe zu rücken. Grundsätzlich unterscheiden die Experten bei den Medikamenten nicht-opioide (nicht Opium-ähnliche), vorwiegend am Ort der Schmerzentstehung wirksame Präparate, die zu Beginn einer Schmerztherapie eingesetzt werden sollen, und Opioide (im Gehirn/Rückenmark wirksame Opium-ähnliche Präparate), die erst dann Verwendung finden sollen, wenn mit ersterer Option keine zufriedenstellende Schmerzlinderung erzielt werden kann. Weiters werden mitunter auch Medikamente, die ursprünglich nicht aus der Schmerztherapie kommen, eingesetzt. Dazu zählen zum Beispiel Antidepressiva, die manchmal bei chronischen Schmerzen verwendet werden, oder Antiepileptika. Bringt all das nicht den entsprechenden Erfolg, kommen zusätzlich interventionelle Verfahren zum Einsatz, wobei der Schwerpunkt vor allem auf regionalanästhetischen Verfahren liegt.
Bei Schmerzen, die nicht auf medikamentöse Intervention ansprechen, gibt es Methoden wie etwa Physiotherapie, spezielle Bewegungstherapie, Wärme- und Kältetherapie, Strombehandlungen oder Ultraschall. Ein wichtiger Punkt im Sinne der mulitmodalen Schmerztherapie ist auch die psychologische Betreuung durch die klinischen Psychologen.
Schmerz muss man nicht aushalten!
Sehr wichtig im professionellen Schmerzmanagement ist, dass die Therapie nach einheitlichen Standards verläuft, die für alle an der Behandlung von Schmerzpatienten beteiligten Berufsgruppen klar ersichtlich sind. Feyertag-Leidl betont: „Schmerz muss rechtzeitig, das heißt umgehend behandelt werden. Es ist keine Lösung, Schmerz auszuhalten, denn je länger das geschieht, umso stärker wird er. Und je stärker der Schmerz ist, umso schwieriger ist es, ihm beizukommen.“ Darum werden die Patienten im Landesklinikum Waidhofen/Ybbs auch umfassend und immer wieder über das Thema Schmerz informiert und aufgeklärt. Und die Experten des Klinikums behalten auch die möglichen Nebenwirkungen der Schmerzmittel im Auge
und beugen ihnen vor, erklärt die Fachärztin: „Die Opioid-Gabe führt manchmal zu Übelkeit, andere Schmerzmedikamente können mitunter sedierend wirken – wir bekämpfen etwaige Nebenwirkungen so rasch wie möglich.“
Im Schmerz-Projekt in Waidhofen/Ybbs wird für jeden einzelnen Patienten eine individuelle medikamentöse Verordnung festgelegt, berichtet Obermüller: „Das hat den großen Vorteil, dass die Pflegekräfte, an die sich die Patienten ja zuallererst bei Schmerz wenden, reagieren können und der betroffene Patient sofort gut versorgt ist.“ Die beiden Projektleiterinnen betonen, dass man die Menschen zum Großteil überhaupt erst für das Thema sensibilisieren muss, denn rund um den Schmerz ranken sich noch immer zahlreiche Vorurteile, von denen eines eben das ist, dass man Schmerz einfach „durchdrücken“ muss. „Dem ist keinesfalls so, und dieses Wissen zu verbreiten ist eines der wichtigsten Ziele unseres Projekts“, betont Feyertag-Leidl: „Nicht jeden Schmerz kann man vollständig beseitigen, aber bei rechtzeitiger Intervention können wir fast alle Schmerzzustände deutlich lindern.“
Und sie macht allen Menschen Mut, Schmerzen nicht einfach hinzunehmen und stattdessen zum Beispiel den Hausarzt des Vertrauens zu kontaktieren: „Melden Sie sich unbedingt, wenn Sie Schmerzen haben. Das gilt für jeden Schmerzzustand, den Sie wann auch immer empfinden.“
Schmerz-Fakten
- Akute Schmerzen: Wenn Schmerzen plötzlich einsetzen, werden sie als akut bezeichnet. Akute Schmerzen bedeuten in erster Linie eine Warnung für plötzliche Gewebeschädigung. Weitere Beispiele sind Wundschmerz, Zahnschmerz, Hexenschuss oder Schmerzen beim Herzinfarkt.
- Chronische Schmerzen: Schmerzen werden chronisch, wenn eine schmerzhafte Erkrankung anhält oder die Schmerzursache nicht beseitigt werden kann. Diese Schmerzen bestehen dann über einen längeren Zeitraum. Beispiele für chronische Schmerzen sind Abnützungserscheinungen der Gelenke, Durchblutungsstörungen der Beine oder Schmerzen im Rahmen von Krebserkrankungen. Normalerweise sind dann bereits Gewebeschäden eingetreten und der Schmerz hat keine Warnfunktion mehr. In diesem Fall wird der Schmerz häufig zur größeren Belastung als die Erkrankung an sich.
- Das Schmerzgedächtnis: Aus zahlreichen Erfahrungen und klinischen Untersuchungen ist bekannt, dass akuter Schmerz sich dann zu einem chronischen Leiden entwickelt, wenn er nicht rechtzeitig und adäquat gelindert wird. Im Zentrum der Chronifizierung steht das sogenannte Schmerzgedächtnis: Wenn die sensiblen Nervenzellen immer wieder Schmerzimpulsen ausgesetzt sind, verändern sie ihre Aktivität, sodass oft schon ein leichter, sensibler Reiz wie eine Berührung, Wärme oder Dehnung ausreicht, um als Schmerzimpuls und somit unangenehm empfunden zu werden. Aus dem akuten Schmerz ist ein chronischer Schmerz geworden. Das bedeutet: Der eigentliche Auslöser fehlt, aber der Schmerz bleibt. Lang anhaltende oder besonders starke Schmerzen verändern die Nervenzellen. Es entstehen Ionenkanäle und Rezeptoren, die bereits bei sehr schwachen Reizen oder auch ohne Reiz ein Schmerzsignal ans Gehirn weiterleiten.
Ausgezeichnete Schmerztherapie
Das Landesklinikum Waidhofen/Ybbs erhielt als zweites Haus in ganz Österreich das Zertifikat „Qualifizierte Schmerztherapie“.
Vor fünf Jahren, im Jänner 2010, startete das Landesklinikum Waidhofen/Ybbs das Projekt Schmerzmanagement – nun wurde das Klinikum dafür zertifiziert. Seit dem Projektstart haben alle Beteiligten viel gelernt und die Teams in den Abteilungen und Stationen engagieren sich intensiv in der Schmerzbekämpfung. Dafür ist regelmäßiger Wissenstransfer nötig: Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe tagt mindestens viermal jährlich. Zwei Schmerz-Fortbildungsveranstaltungen pro Jahr für alle Mitarbeitenden des Hauses werden gern und intensiv genutzt. Für die Zertifizierung musste eine Reihe von Struktur- und Prozesskriterien umgesetzt werden. Nun können die Mitarbeitenden stolz sein auf die österreichweit erst zweite Auszeichnung eines Klinikums für „Qualifizierte Schmerztherapie“.
Landesklinikum Waidhofen/Ybbs
Ybbsitzerstraße 112
3340 Waidhofen/Ybbs
Tel.: 07442/9004-0
www.waidhofen-ybbs.lknoe.at





