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Hoffnungslos verzettelt

Hunderterlei wäre zu tun. Doch man weiß nicht, wo anfangen, will oder kann einfach nicht. Verzettelei und Aufschieberitis sind weit verbreitete Phänomene. Doch woher kommen sie? Und wie kann man sich ihnen erfolgreich entgegenstellen?


Psychologin Mag. Natalia Ölsböck

Aktenberge, ein randvoller Terminkalender, außertourliche Jobs, und zu Hause warten Wäsche, Geschirr und die Kinder darauf, versorgt zu werden. Die Zeit rinnt dahin, und Sie? Sie probieren mal da, mal dort herum, fangen alles an, können nichts beenden und sehen schlussendlich wie gelähmt dabei zu, wie Stunde um Stunde, Tag um Tag oder gar Woche um Woche vergeht, ohne dass sich etwas (von selbst) erledigt. Leiden auch Sie an Verzettelei oder Aufschieberitis?

Chaoten & Perfektionisten

Das Phänomen ist weit verbreitet, die individuellen Gründe dafür sind vielfältig und sehr unterschiedlich. Und es gibt verschiedene Menschentypen, die mit der Sache nach ihrer Fasson umgehen: Chaoten haben meist kein echtes Problem mit unerledigten Aufgaben. Sie machen sich kaum Gedanken darüber, ob und wie sie sich besser organisieren könnten. Ganz anders die Perfektionisten, die ihre Arbeit besonders gut machen wollen und sich verzetteln, weil sie meinen, es wäre noch nicht gut genug. „Wir kennen zudem die sogenannten ‚Anstrengungsvermeider‘, die die Dinge gern aufschieben und erst am letzten Drücker in die Gänge kommen. Dann gibt es noch jene Menschen, die sich schwer damit tun, Nein zu sagen und daher besonders viel aufgebrummt bekommen. Und manchmal verschätzen sich die Leute auch bezüglich ihres Zeit- und Energiebudgets – dann wird eine Herausforderung schnell zur Überforderung“, erklärt die niederösterreichische Psychologin Mag. Natalia Ölsböck.

Eine falsche Rechnung

Schon der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck wusste, dass „man die meiste Zeit damit verliert, dass man Zeit gewinnen will“. Heute gibt es zudem genug gesellschaftliche Gründe, warum immer mehr Menschen sich verzetteln. „Die häufigste Ursache liegt wohl in der Arbeitsdichte. Immer weniger Menschen sollen immer mehr Arbeit erledigen, und das Zeitfenster, das dabei zur Verfügung steht, ist meist zu knapp bemessen“, sagt Natalia Ölsböck. Leistung habe einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Viele junge Arbeitnehmer strengen sich gerne an, um auf der Karriereleiter nach oben zu kommen. Aber, warnt die Psychologin: „So mancher ist bereits mit dreißig zu ausgebrannt, um die ersehnte Karriere dann auch anzutreten. Doch wen wundert, dass die Rechnung schwer aufgeht? Heute erreicht ein junger Mensch in einem Jahrzehnt einen Aufstieg, zu dem eine Generation davor mindestens zwanzig Jahre benötigte.“

Geheimnisvolle Zeit

So viel zu gewissen Gegebenheiten unserer Welt, die uns zunehmend in Zeitnot geraten lassen. Da fragt sich doch, was Zeit eigentlich ist. Eine Frage, die schon die Philosophen Platon, Aristoteles, Augustinus und später vor allem Newton, Leibniz, Kant oder Heidegger beschäftigte. So schrieb etwa Augustinus in den „Confessiones“: „Was also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Und der deutsche Phliosoph Gottfried Wilhelm Leibniz meinte, dass Zeit und Raum nur gedankliche Konstruktionen sind, um die Beziehungen zwischen Ereignissen zu beschreiben.
In der Tat ist die Zeit, wie wir sie heute kennen, eine Erfindung der Neuzeit. Doch wie auch immer, wir haben uns mit dem heutigen Zeitbegriff zu arrangieren, uns also anzustrengen, all unsere Aufgaben rechtzeitig zu erledigen. Tatsache ist allerdings auch, dass dabei etwas oft missverstanden wird. „Sich sehr anstrengen heißt nicht gleichzeitig sehr viel zu leisten“, erklärt Natalia Ölsböck. „Wer sich verzettelt, strengt sich auch an, aber es schaut eben nichts dabei heraus.“
Was in der Psyche des Einzelnen passiert, wenn sich die Arbeit stapelt und die Zeit davonläuft, ist nichts Schönes: Statt Freude und Spaß an der jeweiligen Tätigkeit empfinden zu können, schwindet die Motivation, weil man sich ständig überfordert fühlt. Auf Dauer ist man diesem Druck nicht gewachsen. „Es entsteht ein Gefühl von Fremdbestimmtheit, und das engt auch die Seele enorm ein“, sagt die Psychologin. „Um sich zu schützen, schaltet der Organismus auf Verteidigungshaltung im Unlustmodus. Das führt zu gesteigerter Aufmerksamkeit auf das Negative. Was wiederum viel Energie kostet und den psychischen Apparat überlastet.“ Manche reagieren darauf mit psychosomatischen Symptomen wie Kopf- und Magenschmerzen, Schlafstörungen bis hin zur Erschöpfungsdepression.

Frage des Zeitmanagements?

Fragt sich also, wie man dem Teufelskreis von Verzettelei, Aufschieberitis und den manchmal schlimmen Folgen entkommt, seine Angelegenheiten also erfolgreich erledigen kann. Diverse Zeitmanagementtechniken geben dazu eine gewisse Anleitung, doch man sollte sich dessen bewusst sein, dass sie letztlich dazu dienen, mehr Zeit für die „wichtigen“ Dinge in Beruf und Freizeit zu haben. Die erste Frage, die man sich daher stellen muss, ist die, ob man überhaupt wirklich mehr Zeit haben will. Das klingt vielleicht paradox, aber heutzutage ist es für viele nicht mehr „in“, über Muße für sich selbst und seine Gedanken zu verfügen. Ihnen gilt vielmehr das Gebot, ständig viel zu tun zu haben. Ihnen werden, wie ehrhafte Zeitmanager bestätigen, alle Techniken nicht helfen.

Verzettelei „verlernen“

Die anderen hingegen sind zunächst gut beraten, sich klarzumachen, dass Erfolg immer durch zielgerichtete Leistung zustande kommt. „Das heißt, wer etwas erreichen will, braucht passende Ziele – diese sollten vor allem selbstbestimmt sein. Denn dann läuft unser Organismus im Flow und im Lustmodus – was uns wesentlich leistungsfähiger und stressresistenter macht“, erklärt Ölsböck. Und: Die Neigung zum Sich-Verzetteln lässt sich, wenn man es selbst möchte, auch wieder „verlernen“. Die Psychologin empfiehlt für den Anfang, sich eine simple Aufgabenliste oder noch besser einzelne Notizzettel mit den jeweiligen Aufgaben anzufertigen. Diese kann man dann nach Priorität sortieren und mit einer Klammer zusammenfassen. So hat man immer nur die eine Sache, die gerade als Nächstes ansteht, vor Augen, und die sollte man dann auch zu Ende führen, bevor man mit der nächsten Aufgabe beginnt.
Außerdem rät die Expertin zu Reflexionsübungen, die man aber nur ein einziges Mal durchführen muss, um schon einen Aha-Effekt zu erzielen: Schreiben Sie alles auf, was Sie glauben, tun zu müssen. Auch dafür eignen sich einzelne kleine Notizzettel. Überlegen Sie anschließend, ob Sie das wirklich alles tun müssen. Probieren Sie dann, die einzelnen Zettel in „will“, „kann“, „soll“ und „muss“ einzuteilen. Schon das allein nimmt laut der Psychologin enorm viel Druck, man selektiert ganz automatisch. Vielleicht schafft man es sogar, zumindest für einige Zeit das Wort „muss“ aus dem Wortschatz zu verbannen.

Glücklich ist, wer ...

Wem es daraufhin gelingt, seine Verzettelei-Strategie abzulegen, der kann sich übrigens im wahrsten Sinn des Wortes glücklich schätzen. Denn zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass Menschen, die ein gewisses Maß an Selbstorganisation haben, glücklicher und gesünder sind als jene, die chaotisch in den Tag hineinleben. Ölsböck weiß: „Menschen, die das Leben und Leisten mit mehr Leichtigkeit nehmen, sind generell geschützter.“
Wem es hingegen trotz aller Anstrengung nicht gelingen will, sich selbst besser zu organisieren, dem sei gesagt, dass Verzettelei und Aufschieberitis durchaus menschliche Angelegenheiten sind. Denn schließlich sind wir zutiefst emotionale Wesen, neugierig, immer auf der Suche nach dem nächsten „Kick“. Wir brauchen die Abwechslung und lassen uns immer wieder gerne ablenken – ganz besonders dann, wenn wir unliebsame Tätigkeiten ausführen.

Buchtipp

Natalia Ölsböck: Mit Leichtigkeit – sorgenfrei, fröhlich und unbeschwert leben

Das Leben ist nicht immer leicht, doch man kann es sich leichter machen! Täglich erleben wir Schwere, Belastung, Druck; die Sehnsucht nach Unbeschwertheit steigt. Lassen Sie die Leichtigkeit in Ihrem Leistungs- und Beziehungsalltag einkehren. Das Buch zeigt Ihnen, wie Sie zu einem verblüffenden Perspektivenwechsel gelangen können, denn Leichtigkeit ist ein Lebensgefühl. Die Autorin stützt sich bei diesem Lebenskonzept auf neueste wissenschaftliche Erkenntnisse der Resilienzforschung und der Positiven Psychologie. Sie präsentiert verständliche Anregungen, Beispiele und unterhaltsame Anekdoten, die dieses Lese- und Mitmachbuch zum leichten Vergnügen machen.

ISBN: 978-3-90290350-1, 19,95 Euro