< vorhergehender Beitrag

Hören ist Leben

Wer nicht gut hört, kann an der Welt nicht wirklich teilhaben. Das Ohr ist ein faszinierendes Sinnesorgan mit vielfältigsten Funktionen. Man sollte es hegen und pflegen.


FOTO: istockphoto

Das Gehör ist das empfindlichste und dynamischste Sinnesorgan des Menschen: Schon im Mutterleib können wir hören, und im Laufe des Lebens hören wir über eine Spannbreite von über zehn Oktaven. Unser Hörsinn alarmiert und warnt uns, unterstützt die Orientierung im Raum, ermöglicht die Verständigung durch Sprache und transportiert Stimmungen und Gefühle derjenigen, die zu uns sprechen, lässt uns also etwa Ironie, Erstaunen oder Aggression hinter den Worten erkennen.

Hochsensibles Ohr

So ist unser Ohr auch eines unserer kleinsten und zugleich empfindlichsten Sinnesorgane. Das Hör­organ hat eine Längsausdehnung von nur knapp vier Zentimetern und enthält etwa 25.000 Härchenzellen im Cortischen Organ. Zum Vergleich: In der Netzhaut des Auges befinden sich rund 125 Millionen Sinneszellen. Und trotzdem weist das Ohr von allen Sinnesorganen die höchste Empfindlichkeit auf und ist zum Beispiel um ein bis zwei Zehnerpotenzen sensibler als die Fotorezeptoren des Auges. So kann es etwa einen Schalldruckbereich bis sechs Zehnerpotenzen (120 Dezibel) messen. Eine entsprechend empfindliche Waage müsste im Vergleich so konstruiert sein, dass damit sowohl das Gewicht einer Briefmarke als auch das eines Lastwagens gewogen werden kann.
Die Hörschnecke wiederum ist ein fantastischer Frequenzanalysator. In bestimmten Frequenzbereichen weist sie ein Unterscheidungsvermögen für Tonhöhen von 0,3 Prozent auf. So können wir also etwa einen Ton mit 1.000 Hertz von einem Ton mit 1.003 Hertz unterscheiden.
Zudem besitzt unser Gehörsinn das höchste zeitliche Auflösungsvermögen. Es übertrifft jenes des Auges bei weitem: Wir können Schallereignisse mit einer Dauer von nur 30 Millisekunden deutlich erkennen, und der Mensch ist in der Lage, selbst kleinste Änderungen der vier Haupteigenschaften des Schalls – nämlich Toneinheit, Lautstärke, Klangfarbe und Tondauer – wahrzunehmen. Diese Fähigkeit ist auch die Voraussetzung dafür, Sprache zu verstehen – und Musik in all ihren Ausprägungen und feinsten Differenzierungen zu genießen.

Laut wie nie

Man sieht also: Der Hörsinn ist für den Menschen und sein Leben in der Gesellschaft unabdingbar, aber unsere kostbaren Ohren sind in unserer heutigen Welt oft einem wahren Trommelfeuer von Dauerlärm ausgesetzt. Auf der Straße dröhnen Motoren und Maschinen, in Lokalen herrscht eine mitunter unerträglich laute Musikkulisse, und nicht zuletzt stoppeln sich nicht nur Youngsters die Ohren bei jeder Gelegenheit mit Musik aus der Konsole zu.
Wir leben in einer Welt, die vielleicht noch nie so laut war wie jetzt, aber: „Ab etwa 80 bis 85 Dezibel kommt es zu einer Schädigung der Sinneszellen im Innenohr, wobei dies abhängig von der Dauer der Einwirkung des Lärms ist: Gibt man dem Ohr immer wieder die Chance, sich zu erholen, so kommt es nur zu einer vorübergehenden Hörstörung, aber Dauerschall von mehr als 85 Dezibel führt zu einer anhaltenden Hörschädigung“, sagt der Leiter der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung des Landesklinikums St. Pölten, Prim. Univ.-Prof. DDr. Klaus Böheim dazu. Diese Hörschädigungen betreffen heute zunehmend auch junge und jüngste Menschen. Einmal zerstörte Hörsinneszellen können sich nicht wieder regenerieren. Bei Verlust des Gehörs vor dem Schulalter geht der bis dahin bereits vorhandene Sprachschatz wieder verloren, warnen Experten.

15 Prozent Hörgeschädigte

So erstaunen auch die Zahlen zu den Hörschädigungen der Menschen nicht wirklich: „Zehn bis 15 Prozent der Österreicher sind hörgeschädigt, wobei man auch sagen muss, dass rund die Hälfte der über 65-Jährigen an mehr oder weniger stark ausgeprägter Altersschwerhörigkeit leidet“, erklärt Prof. Klaus Böheim.
Generell konstatieren die Experten auch, dass die meisten Menschen ihren Hörsinn erst dann beachten, wenn bereits Schädigungen eingetreten sind.

Erfolgreiche Behandlungen

Sucht man allerdings rechtzeitig einen HNO-Facharzt auf, so kann die moderne Medizin Hörstörungen in vielen Fällen sehr erfolgreich behandeln. Das gilt sogar für als unerträglich empfundene Formen der „Volkskrankheit“ Tinnitus: „Bei Patienten, die unter quälendem Tinnitus und gleichzeitiger Taubheit auf dem betreffenden Ohr leiden, erzielen wir beispielsweise mit Elektrostimulation durch ein Cochlea-Implantat sehr gute Erfolge“, berichtet Klaus Böheim, und – was für alle Hörstörungen gilt: „Wichtig ist zunächst die exakte Diagnose: Handelt es sich um eine Mittelohrschwerhörigkeit, kann man durch eine Operation Heilung oder jedenfalls eine Verbesserung erzielen. Liegt hingegen eine Alters- oder Innenohrschwerhörigkeit vor, so können Hörgeräte entscheidend helfen.“  

Hörgeräte sorgfältig anpassen

Apropos Hörgeräte: Obwohl unbestritten ist, dass wer nicht gut hört, unsicher wird und das Gefühl hat, die Dinge nicht mehr zu verstehen und an Gesprächen nicht mehr teilnehmen zu können, entwickeln Betroffene oft ein Vermeidungsverhalten, ziehen sich zurück und lehnen das Tragen eines Hörgeräts aus unterschiedlichsten Gründen ab.
Nicht selten sind dabei ästhetische Bedenken und die Angst, als Behinderter stigmatisiert zu werden, entscheidend. Dabei sind die modernen Hörgeräte meist winzigklein und kaum zu sehen, aber – und das gestehen auch die Fachleute zu – oft passt die Ersteinstellung nicht exakt, und Betroffene haben dann nicht selten das Gefühl, mit dem neuen Hör­gerät noch schlechter zu hören als zuvor. Deshalb sollte man sich seinen Hörgeräteakustiker sehr genau aussuchen. Böheim dazu: „Ein Hörgerät
muss sehr sorgfältig und mit Einfühlungsvermögen angepasst werden, und man sollte sich mit einer
suboptimalen Erstanpassung nicht zufrieden geben, denn es gibt in der Tat sehr viele Möglichkeiten,
die Einstellung so zu adaptieren, dass man mit dem Hörgerät dann auch wirklich gut hört.“

Heilende Stille

Und was kann man selbst tun, um einer Hörstörung vorzubeugen? HNO-Facharzt Böheim empfiehlt, schon im jugendlichen Alter auf Lärmbegrenzung zu achten, ansonsten gesund und ausgewogen zu leben und dem Ohr immer wieder Pausen vom Lärm zu gönnen – speziell nach größeren Belastungen. Das alles hilft unseren Ohren, sich wieder zu regenerieren, denn wir brauchen den Gehörsinn mehr, als wir vielleicht glauben.

Acht wichtige Fragen zum Hören

Was sind die größten Gesundheitsrisiken für das Gehör?
Die meisten Hörstörungen im Jugend- und Erwachsenenalter sind auf äußere Einflussfaktoren zurückzuführen, und hier ist an allererster Stelle der Lärm zu nennen. Dauerlärm ab 85 Dezibel kann bereits zu einer Hörstörung führen, und bei höheren Lärmintensitäten können Schädigungen auch schon nach einem relativ kurzen Zeitraum auftreten. Andere, wesentlich seltenere mögliche äußere Ursachen für Hörstörungen sind etwa Entzündungen wie die Meningitis, virale Erkrankungen wie Mumps, und auch in Bezug auf Herpesviren und Hörsturz diskutiert man in letzter Zeit Zusammenhänge.
Weiters kennen wir Hörstörungen wie die Otosklerose (Verknöcherung der Gehörknöchelchen), bei der es zu einer zunehmenden Verfestigung des Steigbügels kommt. Dann können die Schallwellen nicht mehr über die Gehörknöchelchenkette in die Hörschnecke übertragen werden. Dies kann aber durch eine Operation erfolgreich behandelt werden.

Was ist zur Dauerbelastung des Gehörs durch MP3-Player zu sagen? Unter welchen Umständen ist dies gesundheitsgefährdend?

Die EU hat für MP3-Player eine Begrenzung von 100 Dezibel festgelegt. Trotzdem sollte man damit nicht auf der maximalen Lautstärke, sondern nur auf 60 bis 70 Prozent davon hören. Damit wäre man auf der sicheren Seite und kann ohne zeitliche Einschränkung Musik hören. Überschreitet man diese Empfehlung, so muss man dem Ohr zwischendurch zumindest immer wieder die Chance geben, sich zu regenerieren – das heißt längere Pausen der Stille einlegen, denn wenn das nicht gegeben ist, so kann es zum bleibenden Absinken der Hörschwelle und damit zu einer Hörstörung kommen.

Viele Menschen tragen am Arbeitsplatz oder in der Freizeit ein Headset. Schadet das dem Hörvermögen?
Wenn man die Empfehlung von 85 Dezibel als maximale Dauerlautstärke berücksichtigt, so ist dies unbedenklich. Wichtig ist aber, das Headset beidseitig zu tragen, denn damit ist auch das Sprachverstehen eindeutig besser gegeben, als wenn man nur mit einem Hörer hört.

Wenn man längere Zeit ein Mobiltelefon benutzt, kann das Ohr heiß werden – ist das ein Risiko für das Gehör?
Mobiltelefone funktionieren nach dem Prinzip der Mikrowellen, die wir im Alltag zum Erhitzen von Wasser verwenden, und nachdem das menschliche Gewebe zu mehr als 95 Prozent aus Wasser besteht, könnte es theoretisch zu einer diesbezüglichen Erwärmung kommen. Doch die internationale Strahlenschutzkommission hat die spezifische Rate der Mikrowellenabsorption so niedrig festgelegt, dass das nicht der Fall sein kann. Wenn das Ohr beim Telefonieren also warm wird, so ist das nicht auf die Mikrowellenbelastung zurückzuführen, sondern auf die Erwärmung des Telefonakkus bei Gebrauch. Das ist in der Regel nicht bedenklich. Wer dem entgehen will, sollte bei längeren Telefonaten die Freisprechanlage oder den Lautsprecher einschalten.

Menschen, die viel Lärm ausgesetzt sind, tragen mitunter Gehörschutz im Ohr. Ist das auf Dauer nicht riskant?

Nein, aber viele Betroffene verwenden dafür Ohrstöpsel, von denen abzuraten ist, weil sie nur geringen Gehörschutz für bestimmte Frequenzen bieten. Stattdessen empfehlen sich Gehörschutzkaspeln.

Woran erkennt der Laie, dass er einen Hörschaden hat?
Zum einen, wenn er in „schwierigen“ Hörsituationen – also zum Beispiel bei Hintergrundlärm – oft nachfragen muss, weil er zwar hört, aber nicht versteht – man spricht in diesem Fall auch von der sogenannten Cocktailparty-Schwerhörigkeit.
Ein anderes typisches Anzeichen ist, wenn Angehörige Fernseher oder Radio immer wieder leiser stellen. Und auch bei hochfrequentem Ohrensausen sollte man unbedingt das Gehör prüfen lassen; dies kann, muss aber nicht Anzeichen für eine beginnende Schwerhörigkeit sein.

Wie kann man selbst für die richtige Ohrhygiene sorgen?

Wichtig ist hier zunächst die Empfehlung, nach Möglichkeit keine Wattestäbchen zu verwenden und vor allem keinesfalls damit in das Ohr hineinzufahren. Tut man das doch, so riskiert man, Ohrenschmalz weiter in das Ohr hineinzuschieben, was die Bildung eines Pfropfen zur Folge haben kann, und dieser muss dann vom Arzt mittels Absaugung unter dem Mikroskop oder eventuell durch Spülung entfernt werden.
Zweite wichtige Empfehlung: Nach dem Schwimmen, Duschen und Haarewaschen die Ohren immer vorsichtig (auf Stufe 1) trocken föhnen. Denn wenn Wasser in den Ohren verbleibt, kann Ohrenschmalz aufquellen und als Pfropfen den Gehörgang verlegen. Und: Wer besonders enge Gehörgänge hat, durch die das Ohrenschmalz schlecht abtransportiert werden kann, sollte sich vor einem Badeurlaub vom HNO-Arzt die Ohren prophylaktisch säubern lassen.

Wie kann man optimale Vorsorge für ein gesundes Gehör treffen?

Ganz wichtig ist, sich den überall existierenden Lärmquellen möglichst nicht, oder wenn doch, so vorsichtig wie möglich auszusetzen. Das heißt zum Beispiel in der Disco, wo oft Lautstärken von über 100 Dezibel herrschen, nicht direkt beim Lautsprecher zu stehen und Gehörschutz tragen. Auch Lärmarbeiter müssen unbedingt Gehörschutz tragen, und das gilt auch für „Hobbylärmarbeiter“, die etwa Hecken schneiden, Rasen mähen, mit der Flex arbeiten, etwas abschleifen oder sägen. Besonders die hochfrequenten Geräusche von Kreissägen sind absolutes Gift für die Sinneszellen im Ohr! Ansonsten gilt – wie für den gesamten Organismus – die Empfehlung, mäßig zu leben und dem Ohr zwischendurch immer wieder echte Stille zu gönnen.

Prim. Univ.-Prof. DDr. Klaus Böheim: Häufigste Störungen unseres Hörvermögens:
13.05.2013 im Landesklinikum St. Pölten,
16.09.2013 im Landesklinikum Lilienfeld