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Hilfe beim Gesundwerden

Mensch und Musik – eine heilsame und positive Verbindung nicht nur in Zeiten der Gesundheit. Musiktherapie hilft in den NÖ Landeskliniken, die Patienten zu heilen.


Sanfte, indisch anmutende Töne dringen aus einem Krankenzimmer auf der Abteilung für Neurologie am Landesklinikum St. Pölten. Ins Harfenspiel versunken gestalten Musiktherapeut Dr. Patrick Simon und Patientin Marianne Haindl gemeinsam eine einfache, harmonische Klangfolge. „Ich kann ja nichts spielen“, meinte die 82-jährige Patientin, als der Musiktherapeut zu ihr ins Zimmer kam und schaute etwas wehmütig zum Instrument. „Sie müssen nichts können, wir fangen einfach gemeinsam irgendwo an und spielen immer ein Stück weiter“, motivierte sie Musiktherapeut Simon und begann, dem Instrument die ersten Töne zu entlocken. Zuerst versuchte es die Patientin mit der „guten“ Hand, dann folgte aber die schlechtere, die Hand, die sich mit dem Greifen doch noch ein wenig schwer tut. Und zur Freude beider schaffte es auch diese, die Antworten auf die Töne des Therapeuten zu spielen. Die rüstige Seniorin ist mit Feuereifer bei der Sache, spielt sie doch Klavier und ist auch generell ein musikalischer Mensch.

Aktivieren und entspannen

Nun nach der aktiven Phase des Musizierens und auch der Anstrengung folgt als Ausklang der Therapieeinheit eine Entspannung. Musiktherapeut Simon wählt dafür die Oud, ein Holzinstrument ähnlich einer Mandoline, und spielt Weisen aus Tadschikistan. Für Haindl, die einige Jahre in Indien lebte, ein Genuss, wie sie sagt und eine wirkliche Entspannung. Zum Schluss schließt sich der Bogen der Einheit symbolisch – die letzten Töne für heute sind diejenigen, die beide zu Beginn der Therapie gemeinsam auf der Harfe spielten. Die Zeit ist der Patientin wie im Flug vergangen und das Musizieren ließ sie Krankheit und Spitalsalltag für eine Zeit komplett vergessen.

Musik als Werkzeug

Jeder Mensch hat eine „musikalische Biographie“, wie Mag. Dr. Gerhard Tucek, Studiengangsleiter Musiktherapie an der IMC Fachhochschule Krems, es ausdrückt. Klänge, Musik und Rhythmen sind eng mit dem Menschen verbunden. Schon im Mutterleib sammeln wir Erfahrungen mit Musik, spüren den Rhythmus des Herzschlages der Mutter und hören ihre Lieblingsmusik. Danach sind es die Einschlaflieder, die uns ins Reich der Träume führen. Musik begleitet den Menschen durchs Leben, aktiv beim Musizieren, passiv beim Zuhören. „Musik hat einen starken emotionalen Effekt auf uns. Die Musiktherapie hat ihren Einsatz dort, wo Menschen krank werden und oft auch ihre Sprache verlieren, um ihr Empfinden auszudrücken“, erklärt Tucek.
So vielfältig wie die Musik an sich sind auch die Einsatzgebiete der Musiktherapie. Sie reichen von Kinderheilkunde, Psychiatrie, Neurologie bis hin zu Onkologie und internistischen Krankheitsbildern. „Wenn die Worte fehlen, um sich mit der Umwelt auszutauschen und seine Gefühle und Wünsche auszudrücken, dann ist die Musiktherapie eine große Chance“, erzählt Tucek vom Einsatz bei schweren Erkrankungen wie etwa einer massiven Hirnschädigung. Und OA Dr. Erich Rohringer, interimistischer Leiter der Abteilung für Neurologie am Landesklinikum St. Pölten, betont: „Gerade wenn man mit verbaler Kommunikation keinen Zugang findet,  ist die Musiktherapie eine große Hilfe beim Herstellen eines Kontaktes und der Förderung des Wohlbefindens.“

Kleine Wunder möglich

Musiktherapie kann anregend, aber genauso entspannend sein. Das gemeinsame Musizieren kann ebenso im Zentrum der Therapie stehen wie das aufnehmende Zuhören. Welches Instrument zum Einsatz kommt und wie die Einheit abläuft,  entscheidet der Therapeut immer individuell auf den Patienten abgestimmt, erklärt Tucek: „Als Therapeut lernt man, genau zu beobachten. Auch komatöse Patienten kommunizieren. Wenn etwas unangenehm ist, dann sieht man das an Mimik, Schwitzen oder etwa an der Muskelspannung.“ Musik schafft einen Zugang zu Freude in schwierigen Zeiten. Oft sind es vertraute Klänge, die Erinnerungen wecken und auch Lebenskraft zurückbringen. Und manchmal schaffen sie auch kleine Wunder. „Bei einem Komapatienten erzählte die Gattin von seiner Vorliebe für Schubert. Zuerst spielten wir das Lied mit der Harfe, dann sangen wir es, und plötzlich machte der Mann die Augen auf und sang mit“, erzählt Tucek von einem sehr berührenden Erlebnis. Um aber im selben Moment einzuräumen, dass solche außergewöhnlichen Erfolge natürlich auch bei der Musiktherapie selten sind und man die Erwartungen nicht zu hoch stecken darf.
Eines ist aber sicher: Die Musiktherapie legt den Blickpunkt auf die Potenziale des Menschen, sie schaut, was er kann und sucht nicht krampfhaft das, worin er schlecht ist. Die verbliebenen Kompetenzen stehen im Mittelpunkt und werden schrittweise ausgebaut. „Wir möchten den Menschen wieder in die Balance bringen, und die ist bei jedem Patienten anders, ebenso unterschiedlich ist auch unser gemeinsamer Weg dorthin“, bringt es Tucek auf den Punkt. Auf der Neurologie freut sich Marianne Haindl bereits auf die nächste Therapieeinheit. Das gemeinsame Musizieren brachte ihr viel Spaß, eine angenehme Herausforderung und die Gewissheit, dass auch die beeinträchtigte Hand bereits wieder in der Lage ist, aktiv am Geschehen und damit am Leben teilzunehmen. „Meine beiden Hände haben richtig voneinander gelernt, das hätte ich nicht für möglich gehalten“, formuliert sie zuversichtlich.

Sonja Lechner
FOTOS: Gerald Lechner