Hilfe am Lebensende
Wenn Medizin nicht mehr heilen kann, kann sie trotzdem noch lang Linderung bringen.
In NÖ gibt es Palliativstationen in den Kliniken Krems, Lilienfeld, Mistelbach-Gänserndorf, Scheibbs und Waidhofen/Thaya; Hochegg eröffnete im Herbst 2015.
Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf
Liechtensteinstraße 67 2130 Mistelbach
Tel.: +43 2572/9004-0
www.mistelbach.lknoe.at
Prim. Dr. Bernhard Jaritz, Leiter 2. Medizinische Abteilung im Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf
Leopoldine H. sitzt am Balkon und genießt die wärmenden Sonnenstrahlen am ersten Septembertag. Eine zierliche Frau von 71 Jahren, mit vollem grauem Haar. Die Rentnerin leidet an einer schweren Krebserkrankung. Sie hatte starke Schmerzen, als sie vor einigen Tagen an die Palliativstation im Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf kam.
Die diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester (DGKS) Irene Gruther kniet neben Leopoldine H., lächelt sie an: „Wollen Sie noch heraußen bleiben oder wieder ins Zimmer gehen?“ Die betagte Dame will wieder ins Bett, der Krebs hat sie sehr schwach werden lassen. Sie lässt den Blick noch einmal über die Dächer der benachbarten Häuser schweifen, bevor die Krankenpflegerin sie im Rollstuhl wieder zurück ins Zimmer schiebt.
Keine „Sterbestation“
Palliativstation: Da denkt man an eine schwere und gedrückte Atmosphäre. Doch wo die unheilbar Kranken betreut werden, gilt alle Aufmerksamkeit einer lichten und wärmenden Gegenwart. Helle Räume, Holzmöbel, Naturfotos an pastellfarbenen Wänden. Fernab des Klischees einer „Sterbestation“, sagt Prim. Dr. Bernhard Jaritz: „Natürlich sterben hier auch Menschen. Aber in erster Linie geht es uns darum, die verschiedenen Beschwerden zu lindern und die Patientinnen und Patienten wieder in ihr gewohntes Umfeld zu entlassen.“
Jaritz ist Leiter der 2. Medizinischen Abteilung im Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf, der die Palliativstation angegliedert ist. Alles ist neu hier, Anfang Juli war die Eröffnung. Sechs Betten bietet die neue Palliativstation, es gibt nur Einzelzimmer. Geleitet wird die Station von Oberarzt Dr. Adolf Ofenschüssl (medizinischer Bereich) und DGKS Gudrun Strobl (pflegerischer Bereich). Hier werden nun Patientinnen und Patienten versorgt, deren Lebenserwartung wegen einer unheilbaren, fortgeschrittenen Erkrankung begrenzt ist. Im Schnitt bleiben sie zwei Wochen und können danach wieder zuhause oder in einer anderen Einrichtung betreut werden.
Lindern & helfen
„Wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist, ist es wichtig, auf die Symptome einzugehen“, erklärt Palliativarzt Ofenschüssl. „Die Medizin hat dann andere Aufgaben, wenn die Ursache der Beschwerden nicht zu beheben ist. Mit verschiedenen Therapien lassen sich körperliche Beschwerden wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schmerzen oder Atemnot in den meisten Fällen deutlich bessern.“ All das soll beitragen, die letzte Zeit so beschwerdefrei wie möglich zu machen. Um „nicht dem Leben mehr Zeit, sondern der verbleibenden Zeit mehr Leben zu geben“, wie es in einem Lehrbuch heißt. Das Betreuungskonzept wird individuell auf die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmt. Das Mistelbacher Palliativteam besteht aus 15 diplomierten Pflegekräften und drei Ärzten mit spezieller Zusatzausbildung. Eng zusammengearbeitet wird mit Klinischen Psychologen, Seelsorge, Physiotherapie, Diätologie, Musiktherapie, mobilem Caritas-Hospizteam und Hauskrankenpflege. Neben der Behandlung der körperlichen Leiden spielt auch die psychische und soziale Betreuung eine große Rolle, sagt Gudrun Strobl: „Es ist wichtig zu hören, was die Menschen jetzt brauchen – das Hinhören und Zeithaben für die Bedürfnisse des Patienten.“ Jeder bekomme das Maß an Fürsorge, das er benötigt: „Wir nehmen uns viel Zeit für die Ängste und Sorgen der Betroffenen.“
Angehörige mitbetreuen
Auch die Vertrauten müssen sich mit dem Ende des nahestehenden Menschen auseinandersetzen, deshalb werden sie intensiv miteinbezogen. „Wir gehen auch auf das soziale Umfeld ein, denn die Angehörigen sind vom Abschied in gleicher Weise betroffen“, erklärt Ofenschüssl und ergänzt, dass viele Angehörige dankbar sind für eine Anregung, wie sie mit der schwierigen Situation umgehen sollen.
Auf die Bedürfnisse der Familie wird nicht nur vor, sondern auch nach dem Tod des Angehörigen durch nachsorgende Trauerbegleitungsangebote eingegangen. Das Palliativteam organsiert etwa jährlich eine Gedenkfeier für Angehörige von Verstorbenen, „dieses Angebot wird gern angenommen, jedes Jahr kommen etwa hundert Personen“, sagt Gudrun Strobl, „das gemeinsame Gedenken und Reden empfinden viele als tröstend.“
Verschiedene Arten der Betreuung
Der Palliativstation angeschlossen ist ein palliativmedizinischer Konsiliardienst, der Ärzte, Pflegekräfte und Patienten auf den anderen Stationen des Hauses unterstützt, und als mobiler Dienst Patienten auch zuhause Hilfe anbietet. Der bereits 2008 implementierte Palliativkonsiliardienst betreut Patienten stationär und ambulant, sagt die Koordinatorin DGKS Renate Gröger-Spitzer: „Pro Jahr begleiten wir rund 300 Patienten und führen circa 400 Hausbesuche durch. Wir wollen eine Brücke schaffen zwischen dem Klinikum und dem Zuhause. Der Palliativkonsiliardienst steht den Patienten und ihren Angehörigen beratend und anleitend zur Seite. Telefonisches Nachfragen gibt Sicherheit und schafft Vertrauen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem mobilen Hospizteam der Caritas, der Hauskrankenpflege, den Hausärzten etc. ist ein wichtiges Standbein unserer Arbeit.“
Denn Palliativarbeit funktioniert am besten gemeinsam mit mobilen und stationären Teams. Je nach Erkrankungsstadium und Situation des Betroffenen können unterschiedliche Formen der Betreuung in Frage kommen. Daher gibt es regelmäßigen Austausch, die Dienste sind gut vernetzt, um Betroffenen die bestmögliche Hilfe zu bieten. „Das Ziel ist, dass betroffene Menschen so lange wie möglich zuhause in ihrer vertrauten Umgebung sterben können“, sagt Gröger-Spitzer.
Möglichst früh
Palliativarzt Adolf Ofenschüssl appelliert, das Palliativteam möglichst früh beizuziehen und nennt die Temel-Studie, erschienen im New England Journal of Medicine im Jahr 2010: „Diese Studie belegt, dass eine frühzeitige palliativmedizinische Versorgung von Patienten mit weit fortgeschrittenem Lungenkrebs nicht nur die Lebensqualität bessert, sondern auch die Lebenserwartung.“ Daher sei die Zusammenarbeit mit der Onkologie besonders wichtig, da beide einen unterschiedlichen Blickwinkel auf die Erkrankung haben. „Wir schauen weniger auf die Ursachen, dafür mehr auf die Symptome“, erklärt er.
Herz & Einfühlungsvermögen
„Jetzt ist es erträglich“, sagt Patientin Leopoldine H. Sie ist wieder zurück in ihrem Bett, hat starke Medikamente gegen die Schmerzen bekommen. Sie hoffe, sagt Leopoldine H., bald wieder nach Hause zu können. Der Palliativkonsiliardienst der Klinik wird sie dort weiterbetreuen. Im Zimmer gegenüber liegt Patientin Anna S. (66). Sie ist abgemagert, ihre Augen sind umschattet. Die Chemotherapie hat an ihren Kräften gezehrt, doch der Krebs breitet sich weiter aus.
Wie bewältigt man diesen ständigen Umgang mit Schwerkranken und Sterbenden? „Es ist schön, hier zu arbeiten, weil von den Patienten sehr viel Dank zurückkommt“, sagt Gudrun Strobl, „daraus schöpfe ich wieder Kraft.“ Ihre Kollegin Renate Gröger-Spitzer schätzt es, „dass wir uns für jeden Patienten die Zeit nehmen
können, die er braucht.“
Zur Psychohygiene gibt es Supervision und man habe sich eine gute Gesprächskultur angewöhnt, sagt Strobl: „Manche Situationen und Lebensgeschichten berühren mich sehr. Es ist entlastend, wenn man mit Kolleginnen reflektieren kann.“ Im Team besteht ein großer Zusammenhalt und eine tolle Harmonie, das spürt man deutlich. Menschen mit Herz und Einfühlungsvermögen arbeiten hier. Und das spüren wohl auch die Patienten, dass besondere Menschen gemeinsam mit ihnen das letzte Stück des Weges gehen.
Palliative Care
Palliative Care steht für „pallium“, lateinisch „der Mantel“, meint ein spezialisiertes Team, das Patientinnen und Patienten mit einer unheilbaren Erkrankung schützt und unterstützt. „Care“ heißt sich bemühen, sich sorgen, ist mehr als Palliativmedizin. Es bedeutet für das Team, die Bedürfnisse des Patienten und seiner Angehörigen in Gesprächen zu erkennen, gemeinsame Ziele zu finden und so weitere (Therapie-)Schritte zu planen.
Aufgabenbereiche:
- ganzheitliche Betreuung durch Medizin und Pflege, die sich an den Bedürfnissen der Patienten orientiert
- Schmerztherapie
- Symptomkontrolle (Linderung von z. B. Übelkeit, Verstopfung, Atemnot, Erschöpfung, innere Unruhe usw.)
- Rehabilitation (z. B. nach einer palliativen Operation)
- Mobilisierung (z. B. nach längerer Bettlägerigkeit)
- Physiotherapie (Atemtherapie, Bewegungstherapie, Lymphdrainage, Massage, Mobilisierung etc.)
- Ernährungsberatung (Kostaufbau bei Mangelernährung)
- psychologische Unterstützung (Entspannungsübungen, Imaginationsübungen, Angebote zur Krankheitsbewältigung, Krisenintervention, eigene Ressourcen kennenlernen und Perspektiven für die Zukunft finden)
- Entlassungsvorbereitung, Organisation von Hilfestellungen für zu Hause
- Das Team ist um eine individuelle Betreuung unter Berücksichtigung der Autonomie (Selbstbestimmung) des Patienten bemüht.
- enge Zusammenarbeit mit onkologischer Ambulanz, Hausärzten, Fachärzten und sozialen Einrichtungen
Palliativ-Versorgung in NÖ
Als vor über 20 Jahren die Hospiz-Bewegung von England auch in Österreich ankam, wurde sie zu Beginn erst langsam, teilweise mit großer Skepsis und oft auch verbunden mit Vorurteilen und Ängsten wahrgenommen. Damals entwickelte sich auch in Niederösterreich eine Palliativ- und Hospizbewegung mit zu Beginn vor allem vielen Ehrenamtlichen, und ihr Motor war die damalige Sozial-Landesrätin und Landeshauptmann-Stellvertreterin Liese Prokop. Das erste Team entstand vor 20 Jahren in Baden. 1998 gab es das erste stationäre Hospiz in Niederösterreich im Landespflegeheim Melk, 2012 entstand bereits das siebente im Pflegeheim Mödling. Einen besonderen Schub bekam die Hospiz- und Palliativbewegung in den Jahren 2005/06, als die flächendeckende Versorgung Ziel eines Reformpoolprojektes des NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) wurde. Mittlerweile kann Niederösterreich mit 31 mobilen Hospizteams, 24 mobilen Palliativteams bzw. Palliativkonsiliardiensten, den Palliativstationen in den NÖ Kliniken (Hochegg, Krems, Lilienfeld, Mistelbach-Gänserndorf, Scheibbs, Waidhofen/Thaya) und sieben stationären Hospizen in den niederösterreichischen Pflegeheimen eine nahezu flächendeckende Versorgung anbieten.
Buchtipp
Palliative Care
Das Buch gewährt Einblick in die ganzheitliche Pflege und unterstützt dabei, die Bedürfnisse von Menschen mit einer unheilbaren Krankheit wahrzunehmen und damit umzugehen. Das Palliativteam des Universitätsklinikums Krems schrieb praxisnahe Empfehlungen nieder, die auch für Angehörige von Schwerstkranken anwendbar sind.
ISBN: 978-3850285322





