Herzensangelegenheit Vorsorge
Unser Körper besteht aus einer unvorstellbaren Komposition von mehr als 100 Billionen Zellen. Würde man sie zu einer Kette aneinander reihen, würde diese etwa 50 Mal den Äquator umschlingen. Damit diese gigantische Zahl an Zellen am Leben bleibt, muss sie mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden. Diese wichtige Aufgabe übernimmt das Herz, der Motor unseres Lebens.

Vorsorge ist die beste Medizin: Ein gesunder Lebensstil schützt das Herz – die Gesundenuntersuchung zeigt, ob ihre Vital-daten im Normalbereich liegen. FOTO: bildagentur waldhäusl
Es ist zwar nur etwa so groß wie eine Faust und wiegt nicht mehr als ein halbes Kilo, bewegt aber Energien, die man mit einer riesigen Umwälzpumpe nur schwer bewegen kann. Unermüdlich pumpt es ein Leben lang pro Minute etwa fünf Liter Blut durch unsere Arterien. In Summe sind das mehr als 50.000 Liter pro Woche – ein ganzer Lastwagentank mit Anhänger – und mehr als 2,5 Millionen Liter pro Jahr. Etwa 70 Mal schlägt unser Herz pro Minute, um alle Zellen unseres Körpers mit Nährstoffen, die im Blut angereichert sind, zu versorgen. Andererseits müssen Abbauprodukte und Kohlendioxid aus den Zellen wieder abtransportiert werden.
Man muss sich das Herz optisch wie eine hohle Faust vorstellen – es ist ein Hohlmuskel, unterteilt in vier Hohlräume. Man unterscheidet dabei die linke und die rechte Herzkammer und die jeweiligen Vorhöfe. Die muskulösen Herzwände können sich zusammenziehen, sodass das Blut über das Herz gepumpt wird. Damit das Blut immer in die richtige Richtung fließt, steuern die Herzklappen wie „Schleusenwärter“ den Fluss.
Der Blutkreislauf – ein vernetztes System
Die Reise des Blutes führt über verschlungene Gefäßpfade: Das sauerstoffarme Blut gelangt zunächst in den rechten Vorhof, dann in die rechte Herzkammer, von dort führt der Weg in die Lunge. Hier wird Kohlendioxid abgegeben und stattdessen eingeatmeter Sauerstoff aufgenommen. Danach fließt das Blut wieder zurück in den linken Vorhof zur linken Kammer. Von dort wird es über die Aorta in die Arterien gepumpt. Das Blut liefert Sauerstoff und Nährstoffe ab, nimmt Kohlendioxid und andere „Abfälle“ auf und fließt über den sogenannten venösen Kreislauf, also über die Venolen, Venen und die Hohlvene zurück ins Herz – in der Folge beginnt der Kreislauf von neuem.
Warum schlägt das Herz? Physiker kennen das Gesetz von Druck und Gegendruck. So funktioniert auch unser Herzschlag: Die Arterien transportieren das Blut unter hohem Druck, sie haben wesentlich elastischere Wände als die Venen. In den Arterien pulsiert das Blut. Dort nimmt der Druck ständig zu und wieder ab, weil das Herz regelmäßig neues Blut in die Arterien pumpt, etwa 70 Mal pro Minute. Fühlen kann man dieses Pumpen am Puls – am besten am Handgelenk oder an der Halsschlagader.
Das Zusammenziehen des Herzmuskels bezeichnet man als Systole, die Erschlaffung nennt man Diastole. In der Systole zieht sich der Herzmuskel zusammen und pumpt das Blut in die Lunge und in den Körper. Anschließend in der Diastole erschlafft der Muskel und die Herzkammern füllen sich wieder mit Blut. Verursacht wird diese Anspannung durch einen elektrischen Impuls im sogenannten Sinusknoten.
Auch Ihr Motor braucht Pflege
Damit unsere Zellen gut versorgt werden können, muss der Motor einwandfrei laufen. Wie der Automotor braucht auch unser Herz spezielle Pflege. Der Motor braucht Öl, um zu laufen, das Herz braucht Nährstoffe, um gut durchblutet zu sein. Das funktioniert aber nur, wenn die Leitungen nicht unterbrochen sind, also wenn Arterien oder Herzkranzgefäße durch arteriosklerotische Veränderungen verengt oder sogar verschlossen sind. „Verstopfte“ Gefäße sind das größte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ablagerungen, Plaques und Verengungen können jedoch aus vielerlei Gründen entstehen.
„Die größten Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Rauchen, Bluthochdruck, ein erhöhter Cholesterinspiegel und Diabetes“, beschreibt Primar Univ.-Doz. Dr. Sebastian
Globits, Ärztlicher Leiter des Herz-Kreislauf-Zentrums Großgerungs, das Gefahrenmoment. Der Mediziner weiß, wovon er spricht. Etwa 85 Prozent der Gäste kommen zur Rehabilitation, meist nach einem Herzinfarkt, nach Bypass- oder Herzklappenoperationen oder wenn eine andere Herzerkrankung dokumentiert ist. Etwa 15 Prozent der Gäste im Herz-Kreislauf-Zentrum verbringen einen Aufenthalt, um gesund zu bleiben.
Doch gerade die Vorsorge ist im Bereich von Herz-Kreislauf-Erkrankungen die beste Medizin. „Wir wissen, dass nur etwa zehn bis 15 Prozent der Österreicher mindestens zweimal pro Woche Bewegung machen, jeder Zweite übergewichtig ist, die Diabetikerrate vor allem bei Jugendlichen rasant angestigen ist, die Rauchgewohnheiten besonders bei jungen Frauen mehr als
riskant sind, dazu die Schulsportstunden gekürzt werden: Wir Österreicherinnen und Österreicher leben also nicht besonders gesund“, fasst
Globits zusammen.
Versorgung: sehr gut – Vorsorge: genügend
Prävention ist gefragt. Das bestätigt auch Prim. Dr. Harald Mayr, Leiter der 3. Medizinischen Abteilung des Landesklinikums St. Pölten. Der Kardiologe weiß: „Dass unsere Lebenserwartung im Falle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, verdanken wir in erster Linie den Entwicklungen der Spitzenmedizin. Gerade im Bereich der Infarktversorgung hat sich in den letzten Jahren viel getan, die Notfallversorgung funktioniert
flächendeckend.“ So ist es gelungen, die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt von etwa zehn Prozent auf unter zwei Prozent zu senken. Auch bei Erkrankungen wie Herzmuskelschwäche oder -rhythmusstörungen sind Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten in NÖ ausgezeichnet. Großen Nachholbedarf hingegen verzeichnet der Bereich Prävention und Bewusstseinsbildung der Niederösterreicher, weiß Mayr: „Wir beobachten seit langer Zeit, dass in erster Linie das Rauchen riskant für die Herzgesundheit ist.“ Wenn Menschen schon im Teenie-Alter mit dem Laster beginnen, manifestieren sich erste Defekte in den Gefäßwänden bereits in jungen Jahren. Mayr: „Wenn andere Risikofaktoren wie Übergewicht oder
Diabetes hinzukommen, ist das Risiko, mit 30 den ersten Herzinfarkt zu erleiden, eklatant hoch.“
Hinzu kommen sogenannte nicht oder nur teilweise beeinflussbare Risikofaktoren, wie Alter, genetische Faktoren oder psychosozialer Stress. Experte Globits erklärt: „Mit zunehmendem Alter verändern sich auch unsere Blutgefäße – je mehr vermeidbare Riskofaktoren dazukommen, desto früher kann es zu einem Herzinfarkt kommen.“ Die Risiken sind für Frauen und Männer etwa gleich, allerdings ist die statistische Verteilung bei den Geschlechtern unterschiedlich: Bei Männern kommt es am häufigsten zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr zu einem Infarkt, bei Frauen liegt diese Altersspanne zwischen 60 und 70 Jahren. Grund dafür ist die schützende Wirkung durch das weibliche Hormone Östrogen. Nach den Wechseljahren verringert sich die Östrogen-Produktion und das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist auch für Frauen so hoch wie für Männer.
Gene, Stress und Lebensstil
Auch genetische Faktoren können die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und in der Folge Herzinfarkt begünstigen, weiß Globits: „So etwa kann ein angeborener Gen-Defekt dafür verantwortlich sein, dass Cholesterin nicht ausreichend in der Leber abgebaut werden kann. Cholesterin, vor allem das ‚schlechte‘ LDL-Cholesterin, kann zu massiven Ablagerungen an den Gefäßwänden führen.“ Daher sollte der Gesamt-Cholesterinwert unter 200 liegen; wenn bereits eine Erkrankung vorliegt, sollte der LDL-Wert unbedingt weniger als 100 betragen, bzw. weniger als 70, wenn mehrere Risikofaktoren vorliegen. Auch Stress ist eine Gefahr fürs Herz. Während „positiver Stress“ für unsere Aktivität wichtig ist, stellt „negativer Stress“ ein hohes Gesundheitsrisiko dar. Durch zu viel Stress erhöht sich in der Folge der Blutdruck, es liegen mehr Hormone wie Adrenalin und Cortisol im Blut vor. Diese abweichende biochemische Zusammensetzung verändert auch die Körperfunktionen und kann im schlimmsten Fall zum Herzinfarkt führen. In Österreich sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Erkrankung (mehr als 50 Prozent) mit Todesfolge, gefolgt von onkologischen Erkrankungen und Unfällen.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Bluthochdruck – die schleichende Gefahr: Bluthochdruck spürt man nicht und er verursacht auch keine Schmerzen oder Beschwerden. Meist sind die Ursachen dafür auch nicht bekannt. Rauchen, Alter, Ernährung, Bewegungsmangel oder ein Zuviel an Stress können Bluthochdruck verursachen.
- Arteriosklerose – verstopfte Gefäße: Arteriosklerose hat viele Ursachen, so kann erbliche Veranlagung oder Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, Übergewicht und das Rauchen zu Gefäßverkalkungen führen. Auch ein hoher Cholesterinspiegel führt dazu, dass sich Ablagerungen (Plaques) an den Gefäßwänden bilden. Verkalkungen der Herzkranzgefäße kann man neuerdings mithilfe einer Computertomographie nachweisen, auch mittels Magnetrosonanz kann der Arzt feststellen, ob Ablagerungen vorliegen.
- Zu einem Herzinfarkt kommt es, wenn ein Herzkranzgefäß verschlossen ist. Dadurch wird die Sauerstoffzufuhr unterbrochen, das Herzmuskelgewebe, das nun nicht mehr versorgt werden kann, stirbt ab und vernarbt. Ist mehr als die Hälfte des Herzens davon betroffen, kann dies zum plötzlichen Herztod führen.
- Von einer Herzinsuffizienz spricht man, wenn der Herzmuskel nicht mehr in der Lage ist, ausreichend Blut durch den Körper zu pumpen. Der Körper wird somit nicht entsprechend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Die Folge ist, dass die Betroffenen zunächst bei körperlicher Anstrengung rasch müde werden und außer Atem geraten. Häufig tritt ein Gefühl der Atemlosigkeit auch nachts beim Liegen auf. Durch den Sauerstoffmangel in den Muskeln kommt es zu Abgeschlagenheit und ständiger Müdigkeit. Der Körper reagiert auf den „Ausnahmezustand“ der verringerten Pumpleistung und versucht, sich an diese anzupassen. Er setzt Gegenmaßnahmen (medizinisch: Kompensationsmechanismen) in Gang: Das Herz vergrößert sich, um ein erhöhtes Fassungsvolumen zu erlangen. Dann wird auch die Zahl der Herzschläge erhöht – Experten nennen dies Tachykardie –, um mehr Blut durch den Körper zu pumpen.
- Arrhythmie: Eine Veränderung der Herzschlagfolge wird als Arrhythmie oder als Herzrhythmusstörung bezeichnet. Zu unterscheiden sind die drei Qualitäten:
- zu langsam (bradykard)
- zu schnell (tachykard)
- und unregelmäßig (arrhythmisch)
Wenn das Herz aus dem Takt gerät
Herzschrittmacher oder Defibrillator? Da die durchschnittliche Lebenserwartung steigt und daher kardiovaskuläre Erkrankungen zunehmen, benötigen immer mehr Patienten einen Schrittmacher oder implantierbaren Defibrillator. Die Zahl der Schrittmacherimplantationen ist in den letzten zehn Jahren um 55 Prozent angestiegen. Ob Herzschrittmacher oder Defibrillator die Indikation erster Wahl ist, obliegt also der Entscheidung der Mediziner. Herzschrittmacher sind erforderlich, wenn der Betroffene einen zu langsamen Pulsschlag hat, an Schwindel leidet. Das Gerät verhindert, dass der Pulsschlag zu langsam wird. Ein Defibrillator hingegen wird empfohlen, wenn der Patient eine grundlegend schlechte Herzfunktion hat oder wenn bei ihm bereits ein plötzlicher Herztod durch erfolgreiche Reanimation vermieden werden konnte, es sich also um einen Risikopatienten handelt.




