< vorhergehender Beitrag

Herausforderung Demenz

Was brauchen Menschen mit Demenz? Und was brauchen ihre Angehörigen? Derzeit entsteht eine Strategie für die Versorgung in Niederösterreich. Bewusstseinsbildung ist wichtig – und Wissen, denn jede und jeder Einzelne kann vorbeugen.


Das Demenz-Symposium im Juni war der Startschuss für die Entwicklung einer Demenz-Strategie für Niederösterreich, in der alle Angebote, Hilfsmöglichkeiten und alles Expertenwissen gebündelt werden sollen: (v. l.) Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Franz Kolland, Univ.-Prof. Dr. Stefanie Auer, Landesrat Mag. Karl Wilfing, Landes­rätin Mag. Barbara Schwarz, Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka, Dr.iur. Christian Bürger, MSc, Leiter des NÖ Landesvereins für Sachwalterschaft, Prim. Univ.-Prof. Dr. Josef Marksteiner. foto: nlk filzwieser

In Niederösterreich leiden heute rund 22.000 Menschen an einer demenziellen Erkrankung, im Jahr 2050 werden es mit rund 44.000 doppelt so viele sein. Hinter diesen Zahlen verbergen sich berührende Schicksale: Alt gewordene Eltern, die Betreuung und Zuwendung brauchen wie ein Kleinkind. Und ihre Kinder, die Beruf und Familienleben unter einen Hut bringen müssen und ihre Eltern entsprechend betreuen.
Das Thema Demenz beschäftigt unsere Gesellschaft, das zeigen nicht zuletzt zahlreiche Publikationen und Filme, wie etwa das Buch des Schriftstellers Arno Geiger „Der alte König in seinem Exil“ oder der Film „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“. Im Dezember 2014 kam der Film „Honig im Kopf“ von und mit Til Schweiger in die Kinos, der trotz aller Zugeständnisse an das Unterhaltungsmedium Film eindrücklich darüber informiert, was Demenz im familiären Alltag bedeutet.

Wissen bündeln

Was ist nötig, damit unsere Gesellschaft der Herausforderung gewachsen ist, Menschen mit Demenz entsprechend ihrer Bedürfnisse zu betreuen und zu pflegen? Die mobilen Dienste wie Caritas, NÖ Hilfswerk und Volkshilfe haben bereits mit Spezialausbildungen und Demenz-Beauftragten reagiert. In den NÖ Landes- und Universitätskliniken rüsten sich die Mitarbeitenden für die zunehmende Zahl an Demenzbetroffenen. In den NÖ Pflegeheimen sind bereits zahlreiche Maßnahmen umgesetzt (siehe Kasten links unten). Trotzdem fehlt noch viel, vor allem Information – das zeigte das Demenz-Symposium des Landes NÖ an der IMC-Fachhochschule in Krems im Juni, zu dem 200 Expertinnen und Experten verschiedener Berufsgruppen, Politik und Wissenschaft diskutierten und sich austauschten. Eines der Ergebnisse: Der NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) erarbeitet eine umfassende Demenz-Strategie für Niederösterreich, um Angebote und Experten­wissen zu bündeln und daraus zu entwickeln, was noch nötig ist. Eine Kernaufgabe: Eine Informations-Drehscheibe zu schaffen, damit Privatpersonen und professionelle Helfende eine qualitäts­gesicherte Anlaufstelle zum Informieren haben. GESUND&LEBEN lud drei Monate nach dem Symposium zu einem Round Table, um mehr zu erfahren.

Demenz – die Krankheit

Erste Symptome treten meist lange vor der Diagnose auf, weiß der Neurologe und Psychiater Prim. Univ.-Doz. Dr. Christian Bancher, Leiter der Neurologie am Landesklinikum Horn: „Der Abbauprozess im Gehirn läuft oft schon Jahre und Jahrzehnte, bevor eine demenzielle Erkrankung diagnostiziert wird.“ Die Diagnostik werde immer besser, aber in der Therapie gibt es kaum Fortschritte, sagt der Facharzt. Medikamente können das Fortschreiten der Krankheit verzögern – wenn man sie konsequent einnimmt. „Damit schafft man eine Verzögerung von im Durchschnitt einem bis eineinhalb Jahren, und das kann ein großer Gewinn an Lebensqualität sein.“ Bancher sieht noch großen Bedarf an Aufklärung und Information. Am Land, berichtet er, seien Betroffene oft so gut in den Familien eingebunden, dass sich die Demenz oft erst sehr spät störend bemerkbar mache.

Die Diagnose

Woran merkt man, dass man betroffen sein könnte? „Wenn man Störungen im Kurzzeit-Gedächtnis hat, die im Alltag eine Rolle spielen. Wenn man zum Beispiel Gegenstände verlegt und nicht mehr findet oder wenn man Inhalte von Gesprächen komplett vergisst, obwohl sie einem wichtig waren. Oder wenn man sein Auto nicht mehr findet. Wenn derartige Dinge zum Problem werden, ist das ein Alarmzeichen“, sagt Neurologe Bancher.
Univ.-Prof. Stefanie Auer, PhD, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Demenz und ist nach Forschungsaufenthalten in Deutschland und den USA nun an der Donau-Universität in Krems tätig. Sie sagt, nur etwa 30 Prozent der Betroffenen würden auch diagnostiziert – und vielfach werde fälschlicherweise Alter mit Demenz gleichgesetzt. Besonders das Thema Früherkennung liegt Auer am Herzen. Sie hat bereits für Oberösterreich ein System dafür entwickelt und etabliert, in dem Psychologen, Sozialarbeiter und Ärzte eng zusammenarbeiten. Auer betont: „Wer sich Sorgen macht, an Demenz zu erkranken, trägt auch ein Risiko, das hat sich immer wieder bestätigt. Wichtig ist, dass diese Menschen wissen: Es gibt etwas, man kann etwas tun.“ Oft würden besorgte Menschen nicht ernst genommen, viele Hausärzte seien nicht entsprechend ausgebildet, und auf einen Facharzt-Termin warte man mindestens zwei Monate, weiß die Forscherin.

Was brauchen Angehörige?

Wissen fehle aber auch nach der Diagnose. Denn für Betroffene und Angehörige sei es enorm wichtig zu wissen, was auf sie zukomme und was die nächsten Schritte sind. Auer betont, dass Angehörige von Demenzkranken unterstützt werden müssen: „Sie brauchen von Anfang an Hilfe, sonst sind sie irgendwann überfordert und werden selbst zu Patienten!“
Das kann die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Lea Hofer-Wecer nur bestätigen. Hofer-Wecer ist Demenz-Expertin der Caritas St. Pölten und arbeitet bei „Pflege daheim“: „Oft betonen die Betroffenen, dass es ihnen sehr gut geht – aber die Angehörigen sind fix und fertig, weil die Betroffenen ständig weglaufen, nichts essen und nicht zur Körperpflege zu bewegen sind. Wenn die Demenz fortschreitet, wird es für die Angehörigen aber leichter.“ Hofer-Wecer ist es ein großes Anliegen, dass sowohl Betroffene als auch Angehörige gut und gründlich über Demenz aufgeklärt werden. „Man muss ihre Sorgen und Bedenken ernst nehmen – auch bei Hausärzten gibt es Nachholbedarf.“ Und sie betont, wie wichtig die Betreuung der Familien vor Ort ist: „Sie brauchen realistische Entlastungsangebote – auch das gehört in eine Strategie. Denn uns fehlen noch Angebote für die Tages­betreuung.“

Wie kann man vorbeugen?

Wenig verbreitet ist das Wissen, dass man vorbeugen kann. Neurologe Bancher erklärt, dass das Gehirn wie ein Muskel arbeitet: Wird es gefordert, wird es stärker. „Anhaltende geistige Aktivitäten wie Literatur oder Zeitung lesen und starke Sozialkontakte sind gut, tanzen (siehe Seite 44), Klavier spielen, eine Fremdsprache lernen – all das stärkt die kognitiven Reserven“, ermuntert Bancher zu geistiger Regsamkeit. Als Prävention sei jede geistige Tätigkeit gut. In der Therapie müsse sie aber sehr vorsichtig eingesetzt werden. „Denn wenn der Betroffene seine Defizite spürt, kann ihn das in eine Depression hineintreiben.“
Wichtig ist ein gesunder Lebensstil, berichtet Demenzforscherin Auer: „Den Blutdruck und das Gewicht stabil halten, sich bewegen, sich gesund ernähren – das sind ganz wesentliche Faktoren zur Prävention.“ Mag. Petra Braun, Leiterin der Initiative »Tut gut!«, sieht die Prävention als wichtige Aufgabe: „In den Programmen haben wir viele Bausteine, die helfen, den Lebensstil zu modifizieren. So sind bereits über 7.000 Menschen durch das Programm VorsorgeAktiv gegangen, das nachweislich hilft, die Risikofaktoren zu reduzieren.“ Auch Projekte wie eine gesunde Gemeinschaftsverpflegung werden immer wichtiger; dazu zählt auch die Vitalküche in den NÖ Kliniken. Und Programme wie »Gesunder Kindergarten« und »Gesunde Schule« setzen schon bei den Jüngsten an.
Was die »Gesunden Gemeinden« ganz konkret zur Prävention und Unterstützung bieten können, sind etwa Stammtische für pflegende Angehörige und verschiedene Informationsveranstaltungen, um das Wissen zu den Menschen zu bringen. Über diese Schiene wurden in den letzten Jahren tausende Menschen in den »Gesunden Gemeinden« erreicht (Informationen über die verschiedenen Angebote auf www.noetutgut.at).

Die Strategie

Dr. Andreas Schneider ist im NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) zuständig für die Demenz-Strategie für NÖ. Er betont, wie wichtig die Prävention ist – und damit die Leistungen der »Gesunden Gemeinden« für die Strategie und Sensibilisierung der Bevölkerung. Schneider ist selbst Arzt und weiß, wie schwierig es ist, dass alle Demenzkranken auch umfassend medizinisch versorgt werden. In der Projektgruppe werde massiv an diesem Thema gearbeitet. „Wir müssen auch Hausärzte und Jungärzte sensibilisieren. Hausärzte sind Vertrauenspersonen, und das sollen sie auch bleiben. Sie müssen auf die Sorgen und Ängste der Betroffenen und Angehörigen eingehen können.“ In der Strategie gehe es darum, ein tragfähiges Netzwerk zu knüpfen, in dem auch auf lange Sicht für alle Betroffenen und ihre Angehörigen das Richtige zur Verfügung gestellt werde: „Wir brauchen eine gute Mischung aus Laienhelfern und Professionisten. Und alle müssen wissen, was für die Betroffenen zum jeweiligen Zeitpunkt wichtig ist, wann man was tun kann und wie man es richtig tut.“ Eines der Ziele: Eine „Servicestelle Demenz“, bei der man sich jederzeit informieren kann.

Demenz und Pflegeheime

In den NÖ Landespflegeheimen begegnet man dieser Entwicklung mit eigens entwickelten (Wohn-)Konzepten und besonderen Initiativen. Sowohl in baulicher, räumlicher als auch pflegerischer Sicht geht man gezielt auf die Bedürfnisse demenzkranker Menschen ein. Denn bereits die Hälfte der Bewohner ist leicht bis schwer an Demenz erkrankt. So sind beispielsweise die Betreuung in eigenen Demenzgruppen, kleinere gemütliche Wohnbereiche, Erinnerungsräume, spezielle Farbkonzepte sowie eigens gestaltete Demenzgärten bereits „state of the art“ in den 48 Pflegeheimen des Landes Niederösterreich und haben österreichweit Modellcharakter. Das Personal wird entsprechend ausgebildet (Validation), mehr als die Hälfte der Häuser hat eigene Demenzkonzepte oder spezielle Pflegeangebote.

Demenz – Hilfe in der Apotheke

„Cogito ergo sum.“ - „Ich denke, also bin ich.“ Diesen Grundsatz des Philosophen René Descartes nehmen sich die österreichischen Apotheken im November besonders zu Herzen, denn dann dreht sich bei ihnen alles um die geistige Fitness. Da in Österreich derzeit 130.000 Menschen an Demenz leiden und die Zahl ständig zunimmt, legen die Apotheken ihren Beratungsschwerpunkt in diesem Monat auf Denk- und Konzentrationshilfen. Vorbeugung und Behandlung von Demenzerkrankungen sowie die Teilnahme an Selbsthilfegruppen werden thematisiert. Und natürlich werden Präparate zur Stärkung der Konzentration in Form von Arzneipflanzen, Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln angeboten. Ein weiteres Projekt ist die „Demenzfreundliche Apotheke“ in jeweils neun Apotheken in Niederösterreich und Wien.
Informationen: www.apodirekt.at