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Gefährlicher Feinstaub

Feinstaub macht krank. Die winzigen Partikel können bestehende Lungenerkrankungen verschlimmern und den ganzen Körper schädigen – bis hin zum Herzinfarkt. Am schlimmsten ist die Belastung in geschlossenen Räumen, in denen geraucht wird.


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Prim. Dr. Peter Errhalt, Leiter der Abteilung Pneumologie im Landesklinikum Krems

Landesklinikum Krems
Mitterweg 10
3500 Krems
Tel.: 02732/9004-0
www.krems.lknoe.at

Feinstaub, auch „Particulate Matter“ (PM), ist der Staub, den man nicht sieht. Seine Teilchen sind im Durchschnitt zehn Mikrometer groß, das ist ein tausendstel Millimeter. Größere Partikel werden von den Schleimhäuten in Mund, Nase und Rachen abgefangen, aber ab einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrometer sind die Teilchen „lungengängig“.
„Gegen diese feinsten Partikel haben die Filterfunktionen der oberen Atemwege keine Chance“, weiß Prim. Dr. Peter Errhalt, Leiter der Abteilung Pneumologie im Landesklinikum Krems. „Die Mini-Teilchen gelangen bis in die Lungenbläschen, setzen sich dort ab und verschlechtern – vermutlich über einen Ent­zündungsmechanismus – schon bestehenden Lungenerkrankungen und können den gesamten Organismus schädigen.“

Vor allem Lunge ist betroffen

Vor allem die Lunge ist von der negativen Wirkung des Feinstaubs betroffen: „Nachgewiesen ist, dass Feinstaub bei Personen mit Lungen­erkrankungen wie Asthma oder COPD einen Anstieg der Symptome und eine Verminderung der Lungenfunktion verursacht. Bei Kindern nimmt man an, dass durch eine hohe Feinstaubbelastung das Entstehen von Asthma begünstigt werden kann“, erklärt Errhalt. Wenn die Feinstaubkörnchen in die Lungenbläschen eindringen, so reagiert der Körper darauf mit einer Abwehrreaktion; dadurch wird das Lungengewebe selbst geschädigt, es ent­stehen Erkrankungen wie COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) und Emphysem, und auch das Risiko für Lungenkrebs steigt bei langdauernder Feinstaubbelastung.

Herzinfarkt & Schlaganfall

Doch das ist noch nicht alles: „Man nimmt an, dass diese Entzündungsreaktion eine systemische ist und daher über den Blutstrom in den gesamten Körper übertragen wird. Dies würde auch erklären, warum es durch hohe Feinstaubbelastung auch zu einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall kommt“, erklärt der Experte, dessen Aussage nicht zuletzt eine große epidemiologische Metaanalyse von der University of Edinburgh stützt. Dabei zeigte sich „ein starker und beständiger Zusammenhang zwischen Krankenhauseinweisungen aufgrund von Herzversagen und der Belastung mit sämtlichen Luftschadstoffen mit der Ausnahme von Ozon“.  

Höheres Diabetesrisiko?

Noch keine befriedigende wissenschaftliche Erklärung gibt es hingegen für den Zusammenhang zwischen Feinstaub und anderen Erkrankungen wie etwa Diabetes. Hier sprechen Tier­experimente zwar dafür, und manche Studien an Menschen haben gezeigt, dass gerade bei Frauen das Risiko für Diabetes höher zu sein scheint, wenn sie mit Feinstaub belastet sind. Doch die diesbezügliche Forschung steht noch am Anfang.

Beeinträchtigte Gehirnleistungen?

Dies gilt auch für den Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung und einer Verminderung von Gehirnleistungen. Aber auch hier zeigen aktuelle Versuche, dass Entzündungsmechanismen auch im Gehirn nachweisbar sind und bei Labormäusen dazu führten, dass sie vergesslich, depressiv und im Lernen beeinträchtigt waren. Die Forscher fanden entzündungsfördernde Zytokine im Hippocampus der Mäuse und meinten – wohl nicht zu Unrecht: „Je mehr wir über über den negativen Effekt von verunreinigter Luft erfahren, desto mehr haben wir Grund, besorgt zu sein.“

Besorgnis & Hoffnung

Tatsächlich haben Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ergeben, dass sich durch die Feinstaubbelastung der Luft die durchschnittliche Lebenserwartung eines EU-Bürgers um 8,6 Monate verkürzt. Und das Risiko, die bereits erwähnten Erkrankungen zu erwerben, steigt nachweislich in Gebieten mit höherer Feinstaubbelastung.
Zu solchen Ergebnissen kamen auch die Forscher der oben zitierten Studie: Im Einzelnen berechneten die Autoren, dass das Herzinfarkt­risiko bereits bei einer relativ moderaten Belastungszunahme steigt. Und umgekehrt zeigt bereits eine geringfügige Reduktion der Schadstoffbelastung starke positive Effekte. Die Studienautoren ermittelten, dass es bei einem Rückgang der Feinstaubbelastung von nur 3,9 Mikrogramm pro Kubikmeter allein in den USA jährlich um 8.000 Krankenhauseinweisungen wegen Herzversagen weniger gäbe und das Gesundheitssystem 300 Millionen Dollar sparen würde.

Was Verkehr & Co anrichten

Die Hauptursachen für Feinstaub sind Emissionen, wobei das Wetter auch eine Rolle spielen kann. Zu den schwerwiegendsten Feinstaubquellen zählen Verkehr, Kraft- und Heizwerke, Abfallverbrennungsanlagen und bestimmte Industrieprozesse. Im Jahr 2009 etwa wurde für Österreich ermittelt, dass ein Drittel dieser Emissionen durch die Industrie, ein Fünftel durch den Verkehr und ein Viertel durch den sogenannten Kleinverbrauch – das sind händisch betriebene Öfen, die mit Holz und Kohle beheizt werden – ausgeschüttet wurden.
Das Wetter wiederum kann die Feinstaub­konzentrationen beeinflussen. Vor allem im Winter kann es zu sogenannten austauscharmen Inversionswetterlagen kommen: Normalerweise ist die Luft am Boden warm und wird nach oben hin kälter. Bei einer Inversionswetterlage ist das Verhältnis umgekehrt. Weil die kalte Luftschicht am Boden aber schwerer ist als die warme darüber, durchmischen sich die beiden nicht, und die obere Luftschicht sperrt dann wie eine riesige Käseglocke Feinstaub und andere Schadstoffe ein. Erst mit Wind und Regen wird die staubige Luft wieder durcheinandergewirbelt.

Belastungen im Haus

Auch wenn die Feinstaubbelastung in der Außenluft heftig diskutiert wird, betonen die Experten, dass es auch gefährliche Quellen dieser Belastung in geschlossenen Räumen gibt: Laserdrucker und Kopierer sowie Tabakrauch. „Wenn in geschlossenen Räumen geraucht wird, so ist man durch eine 15 Mal höhere Feinstaubkonzentration belastet, als wenn man am Wiener Gürtel spazieren ginge“, sagt Errhalt. Besonders dramatisch ist die Situation übrigens in Autos, in denen geraucht wird, doch blenden wir zunächst einmal darauf, was der Tabakrauch alles konkret in unserer Lunge anrichten kann. „Neben dem Nikotin, das innerhalb von drei bis sieben Sekunden an die Suchtrezeptoren im Gehirn bindet und den erwünschten Belohnungseffekt verursacht, enthält eine Zigarette Dutzende weitere Inhaltsstoffe, die eine chemische Giftwirkung haben und auf unterschiedlichste Zellsysteme wirken. Weiters enthalten sie Substanzen, die das Erbgut schädigen können und daher bei ausreichend langer Dauer des Rauchens Krebs auslösen können“, erklärt Lungenfacharzt Errhalt.

Gepeinigte Lunge

Nicht nur Lungenkrebs kann durch den kontinuierlichen Konsum von Tabak ausgelöst werden; alle Organe, durch die der Rauch passieren muss, leiden, die gesamte Mundhöhle und der Kehlkopf sind besonders gefährdet. In der Lunge selbst kann durch das Rauchen, bei dem man eben auch Feinstaubpartikelchen einatmet, die weiter oben beschriebene Entzündungsreaktion ausgelöst werden, wodurch auch die Entstehung der Lungenerkrankung COPD („Raucherlunge“) begünstigt werden kann. „COPD ist eine chronische, nicht heilbare Erkrankung. Ihr Fortschreiten kann jedoch durch eine frühe Therapie und eine Änderung des Lebensstils – insbesondere durch das Aufgeben des Rauchens – verhindert werden“, erklärt Errhalt. Und bei etwa 20 bis 25 Prozent der Raucher kann es auch zur Entwicklung eines sogenannten Emphysems kommen, „zu einer krankhaften Überblähung der Lunge, wobei die Trennwände der Lungenbläschen zerstört werden. Luftnot ist das wichtigste Symptom dieser Erkrankung“, so der Experte, dessen Abteilung im Landesklinikum Krems auch kostenlose Raucherberatungs- und Entwöhnungsprogramme anbietet: „Wir wissen heute, dass es sich praktisch in jedem Lebensalter auszahlt, das Rauchen aufzugeben, doch man sollte sich unbedingt Hilfe dafür holen. Es auf eigene Faust und ohne jedwede Hilfsmittel zu probieren, führt nach einem Jahr zu einer Rückfallsquote von knapp 95 Prozent. Mit einem entsprechenden Programm hingegen lassen sich nach
diesem Zeitraum Abstinenzraten von 25 bis 30 Prozent erzielen, wobei wir an unserem Zentrum mit 28 Prozent wirklich ausgezeichnet zu nennende Erfolge verzeichnen.“

Was gegen Feinstaub nützt

Zum Schluss noch zur Frage, wie man sich im Alltag vor Feinstaub schützen kann. Hier empfehlen die Experten vor allem empfindlichen Personen, verkehrsintensive Gebiete zu meiden und bei entsprechender Wetterlage keinesfalls im Freien Sport zu betreiben sowie sich von geschlossenen Räumen, in denen geraucht wird, fernzuhalten. Ob spezielle Atemmasken helfen, ist umstritten, und daher halten jene, die es am besten wissen müssen, feste Grenzwerte sowie etwa auch Umweltzonen für sehr sinnvoll. Und noch etwas: In jenen europäischen Staaten, in denen für Lokale, öffentliche Gebäude etc. ein absolutes Rauchverbot verhängt wurde, ist die Herzinfarktsterblichkeit innerhalb eines Jahres um acht bis 20 Prozent gesunken. So manches gibt es also doch, mit dem wir der Feinstaub­belastung gegensteuern können.