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Für lange Sicht

Was haben Filmstars wie Ben Stiller, Demi Moore und Kate Blanchett gemeinsam? Sie tragen eine Brille und zeigen sich damit stolz in der Öffentlichkeit. Denn Fehlsichtigkeit sollte man mit Hilfe eines Augenarztes ausgleichen, um Spätfolgen zu vermeiden.


Dr. Martin Marady

Dr. Martin Marady, Facharzt für Augenheilkunde in Wiener Neustadt, www.dr-marady.at

Brillen haben viele Funktionen: Sie sind modisches Accessoire, Ausdruck der Individualität und nicht zuletzt ein Behelf, um die bestmögliche Qualität des Sehens zu erreichen. Der Mensch ist schließlich ein Augentier, etwa 80 Prozent aller Sinneseindrücke bezieht er über das Auge. Lässt die Sehkraft nach, schafft eine Brille Abhilfe. Dr. Martin Marady, Facharzt für Augenheilkunde in Wiener Neustadt, weiß: „Unter 40 Jahren treten Schwierigkeiten beim Lesen seltener auf als später. Das ist normal, denn auch unsere Augenlinse altert, sie verliert an Elastizität und kann sich nicht mehr so an die Nähe anpassen wie in jungen Jahren.“
Kleingedrucktes auf Bedienungsanleitungen oder Beipacktexten nicht mehr gut lesen zu können ist also ein ganz normaler Prozess, der mit dem Älterwerden Hand in Hand geht. Medizinisch betrachtet sollte eine solche Leseschwäche jedoch mit einer Brille versorgt werden. Den Grad der Fehlsichtigkeit kann der Augenarzt oder Augenoptiker feststellen.

Die Mär vom „verwöhnten Auge“

Eine Billig-Lesehilfe, wie sie in Supermärkten, Buchhandlungen oder Kosmetikketten angeboten wird, kann eine provisorische, vorübergehende Hilfe sein, doch, so Marady: „Nur wenn beide Augen die gleiche Fehlsichtigkeit aufweisen, ist die Billigbrille eine mögliche Variante. Das ist jedoch bei nur etwa 20 Prozent der Menschen der Fall. Auch bei Hornhautverkrümmungen sind diese Brillen nicht geeignet.“ Denn nur ein standardisierter Sehtest liefert richtige Ergebnisse und damit eine Brille, mit der man scharf und entspannt lesen kann.
(Lese-)Brillenträger wurden in der Vergangenheit oft verunsichert, als „Brillenschlangen“ bezeichnet oder als „alt“ abgestempelt. Darin sieht Augenarzt Marady auch den Grund für die Mär, dass eine Lesebrille das Auge „faul“ mache: „Das Argument wird gerne von Menschen verwendet, die Brillen generell ablehnen oder dem Thema Altern pessimistisch begegnen.“ Einer alters­bedingten Sehschwäche kann man jedoch weder vorbeugen noch gibt sie sich im Laufe der Jahre.
Gesunde Kinderaugen
Von Geburt an ist praktisch jedes Kind weitsichtig. „Kinder haben kleine Augen. Wächst das Auge mit dem Kind, verringert sich der Grad der Weitsichtigkeit“, erklärt der Facharzt. Im Mutter-Kind-Pass stehen Augenuntersuchungen auf dem Programm, die Fehlsichtigkeiten und Fehlstellungen erkennen lassen. Kurzsichtige Kinder gibt es kaum; weitsichtige Kinder mit über drei Dioptrien müssen mit Brille versorgt werden, alle darunter liegenden Grade von Sehschwäche bedürfen keiner Behandlung. Bis zum 6. Lebensjahr sollten Kinder jährlich augenärztlich untersucht werden, um Fehlsichtigkeit und Fehlstellungen wie Schielen auszuschließen.
Bis zu diesem Alter  kann eine Brillentherapie und Schielbehandlung eine gesunde Entwicklung beider Augen bewirken. Nach dem 6. Lebensjahr kann nicht behandeltes Schielen zu erheblichen Einbußen der Sehschärfe führen, die nicht mehr korrigiert werden können.
Kinder mit einem Astigmatismus (Stabsichtigkeit, Hornhautverkrümmung) können zwar eckige Formen gut erkennen, bei runden Buchstaben und Zahlen verschwimmt das Bild. Sie verwechseln etwa die Zahlen 6, 8 und 9, ermüden beim Lesen früh oder klagen über Kopfweh. Facharzt Marady erklärt: „Kinder können dieses unscharfe Sehen nicht selbst den Eltern mitteilen, sie kennen es ja nicht anders. Eine Untersuchung mit erweiterter Pupille (durch Eintropfen) macht den Grad des Sehfehlers objektiv messbar. Erst dadurch kann die richtige Brille angepasst werden.“

Die Qual der Brillenwahl

Wie viele verschiedene Brillen man zum Autofahren, Lesen, Arbeiten am Bildschirm oder Fernsehen braucht, ist eine individuelle Entscheidung; oft bieten Gleitsichtgläser die Sehlösung für Menschen über 45 Jahren. Bei dieser Brillenart hat der untere Teil des Brillenglases eine andere Stärke als der obere. Meist dauert es drei bis vier Wochen, bis man sich daran gewöhnt. Marady: „Man muss umlernen, wie man den Kopf bewegen muss, um die
Sehschärfe zwischen Nähe und Ferne umzustellen. Aber üblicherweise ist das machbar.“

Brillen oder Kontaktlinsen?

Auch Kontaktlinsen sind bereits in einer „Gleitsichtversion“ am Markt, allerdings muss man darauf achten, sie richtig einzusetzen. Kontaktlinsen empfiehlt Augenmediziner Marady allen, die den ästhetischen Wunsch haben, ohne Brille durchs Leben zu gehen. Fast allen, die es wollen und üben, gelingt es, sich morgendlich selbst eine Linse ins Auge zu setzen und sie am Abend wieder herauszunehmen. Auf Sauberkeit muss man aber penibel achten. Linsen empfiehlt Martin Marady nur, wenn das Auge gesund ist, das heißt, wenn keine schweren Allergien oder kein „trockenes Auge“ vorliegt (zu wenig Tränenfilm). „Auch als Outdoor- oder Sportvariante sind Kontaktlinsen eine gute Alternative zur Brille“, weiß Marady.

Vorsorgen für lange Sicht

Bei hoher Kurzsichtigkeit sollte man sich einmal pro Jahr vom Augenfacharzt untersuchen lassen. Hoher Augendruck und Lochbildung in der Netzhaut mit Gefahr einer Netzhautabhebung treten hier häufiger auf als sonst. Bei der Vorsorgeuntersuchung prüft der Augenarzt den Augendruck, die Fehlsichtigkeit und wenn nötig das Gesichtsfeld des Sehnervs. Er untersucht die Netzhaut und sieht dabei nicht nur das Innere des Auges, sondern möglicherweise auch andere Erkrankungen wie Bluthochdruck, Zuckerkrankheit oder auch Erkrankungen des Gehirns. Marady: „An den Gefäßen der Netzhaut oder am Sehnerv können sich derartige Veränderungen abzeichnen.“ Neu ist die „Optische Kohärenztomographie“ (OCT), die dreidimensionale Aufnahmen der Netzhaut und des Sehnervs liefert. Damit kann man etwa eine Makuladegeneration und Grünen Star deutlich früher erkennen. „Bei unbehandeltem Grünen Star wird der Sehnerv so geschädigt, dass es zu Erblindung kommen kann. Der Patient merkt das selbst sehr spät. Durch rechtzeitige Behandlung kann dies vermieden werden.“

Intensive Kooperation

Wichtig ist Martin Marady auch die Zusammen­arbeit mit der Augenabteilung am Landesklinikum Wiener Neustadt: „Jährlich werden dort etwa 2.500 Grauer-Star-Operationen durchgeführt, Vorsorge und Nachsorge übernimmt meist der niedergelassene Augenarzt. In den letzten Jahren sind Tausende intravitreale Injektionen zur Behandlung der Makuladegeneration dazugekommen. Eine intensive Kooperation ist daher enorm wichtig.“

Versorgung durch den Optiker

Augenärzte kooperieren zum Wohl der Patienten mit Augenoptikern, eine Zusammenarbeit, die für Facharzt Marady unverzichtbar ist: „Der Optiker ist der Fachmann mit fundierter Ausbildung, ein Spezialist, der für die perfekte technische  Anpassung und Ausführung von Brillen und Kontaktlinsen sorgt.“ Bei jeder plötzlich auftretenden Sehverschlechterung sollte man akut und primär den Augenarzt aufsuchen, besondere Augenprobleme erfordern hingegen oft langjährige, planmäßige Begleitung und Therapie von Optiker und Augenarzt in Gemeinschaft.