Fehlalarm im Immunsystem
Heuschnupfen, Lebensmittel- oder Tierhaarallergie – sie alle machen uns das Leben schwer. Was Sie selbst dagegen tun und wie Sie trotz Allergie den Frühling genießen können, zeigt Ihnen GESUND&LEBEN.
Die Sonne hat sich endlich durch die dicke Wolkendecke gekämpft, die Vögel zwitschern und der Anblick erster Frühlingsblumen lässt die langen Wintermonate vergessen. Was für die einen die lang ersehnte schönste Jahreszeit ist, lässt die anderen automatisch zur Vorratspackung Taschentücher greifen – denn mit dem Frühling beginnt wieder die Pollensaison. Etwa ein Viertel der österreichischen Bevölkerung leidet an einer Allergie, in Europa sind sie auf Platz eins der chronischen Krankheiten. Bereits 500 Millionen Menschen leiden weltweit an allergischem Schnupfen – Tendenz steigend.
Eine „überschießende“ Reaktion
Das Wort Allergie bedeutet so viel wie „Fremdreaktion“: Im Griechischen bedeutet „allos“ anders, fremd, eigenartig, und „ergon“ bezeichnet Werk, Arbeit, Reaktion. Dr. Herbert Baumer, Lungenfacharzt aus Horn, erklärt: „Eine Allergie ist eine überschießende Abwehrreaktion des Immunsystems auf bestimmte Allergene wie harmlose Umweltstoffe, die der Körper eigentlich akzeptieren müsste. Diese können über die Atmung inhaliert oder über die Nahrung aufgenommen werden sowie durch Berührung mit der Haut oder einen Insektenstich eine allergische Reaktion auslösen.“ Dabei wird die komplette Immunabwehr mobilisiert und eine Vielzahl an Stoffen, zum Beispiel Histamin, freigesetzt. Diese Reaktionskette kann von einer Entzündung der Nasenschleimhäute (Heuschnupfen), der Augenschleimhäute, der Bronchialschleimhäute bzw. starkem Juckreiz bis hin zu einem allergischen Schock führen. Es gibt eine Vielzahl an Substanzen, die eine Allergie auslösen können – die häufigsten sind Pollen, Gräser, Getreide, Tierhaare (Katze, Pferd), Hausstaub, Schimmelpilz, Nahrungsmittel, Medikamente, Insektenstiche sowie Metalle.
Ursachen und Symptome
Eine Erklärung, warum und wodurch Allergien entstehen, gibt es in der Wissenschaft bis dato nicht. „Eindeutig belegt ist ein erhöhtes Allergierisiko bei Kindern, deren Eltern eine Allergie haben. Alle anderen Theorien wurden nicht belegt. Fakt ist allerdings, dass es einen ernormen Anstieg an Allergiepatienten in den westlichen Ländern gibt –
das hängt wohl mit Faktoren wie übertriebener Hygiene oder weniger Infekten im Kleinkindalter zusammen“, meint Baumer.
Eine Allergie erkennen
Die Symptome einer Allergie reichen von geröteten Augen, einer verstopften oder laufenden Nase über Juckreiz an Nase und Gaumen, häufiges Niesen, Husten bis zur Atemnot. Treten diese Symptome zu bestimmten Zeiten oder an bestimmten Orten häufiger bzw. heftiger auf, so empfiehlt sich der Gang zum Arzt.
Baumer rät: „Bei Verdacht auf eine Allergie ist man im niedergelassenen Bereich sehr gut aufgehoben. Je nachdem, welche Beschwerden auftreten, sollte man zu einem HNO-Arzt, Dermatologen oder Lungenfacharzt gehen.“ Bei einem Allergietest werden die fraglichen allergenen Substanzen auf den Unterarm getropft und die Haut an
dieser Stelle leicht eingestochen. Reagiert die Haut mit Juckreiz oder Pustelbildung, liegt eine Allergie vor. Mit einem Bluttest kann man beispielsweise eine Insektengiftallergie nachweisen.
Vorsicht: Kreuzallergien!
Bei einer Allergie können auch Kreuzreaktionen entstehen – allergieartige Beschwerden auf Eiweißstoffe, die von ihrer Struktur her den ursprünglichen Allergenen sehr ähnlich sind. „Das Immunsystem verwechselt diese beiden Eiweißstoffe und reagiert darauf“, erklärt Baumer. Klassische Kombinationen sind Beifuß mit Sellerie, Birke mit Äpfeln und Nüssen oder Esche mit Oliven. Kreuzallergien können, müssen aber nicht auftreten. Ein kombiniertes Pollen-, Ernährungs- und Beschwerdetagebuch zu führen lohnt sich, um mögliche Kreuzallergien ausfindig zu machen. Oft reicht es, ein Nahrungsmittel anders zuzubereiten (Äpfel als Kompott statt roh verzehren), auf andere Sorten umzusteigen oder in der Pollenflugsaison ganz darauf zu verzichten.
Nahrungsmittelallergie und -unverträglichkeiten werden häufig vertauscht. Es handelt sich jedoch um verschiedene Erkrankungen, erklärt Dr. Susanne Vonstadl, Fachärztin für Innere Medizin, Psychotherapeutische Medizin und Nahrungsmittelunverträglichkeit in Horn: „Eine Allergie ist eine zum Teil heftige Immunreaktion des Körpers auf bestimmte Eiweiße. Bei einer Unverträglichkeit bzw. Intoleranz fehlen dem Körper Enzyme, die zum Beispiel bei Lactose-Intoleranz den Milchzucker im Magen aufspalten. Dadurch landet die Milch unverdaut im Darm und es kommt dort zu Gärungsprozessen. Die Folge sind Durchfall, Bauchschmerzen, Verstopfung oder Übelkeit.“
Was man selbst tun kann
Zeigen sich Symptome, die auf eine Allergie oder Unverträglichkeit hindeuten, sollte der erste Schritt der Gang zum Arzt sein. Denn ein Heuschnupfen, der nicht entsprechend behandelt wird, kann in allergisches Asthma übergehen. Bei einer Allergie sollte man den allergieauslösenden Stoff meiden. Über weitere Therapiemöglichkeiten informiert Sie Ihr Arzt und behandelt Sie individuell (siehe Kasten Seite 24). Das Wichtigste ist, den besten Weg für sich zu finden, mit der Allergie umzugehen: Ob man dafür in der heimischen Pollensaison auf Urlaub fliegt oder einfach neue Lebensmittel ausprobiert – ganz egal, denn die Lebensqualität wird mit der Umstellung wieder steigen.
Pollenkalender:
aktuelle Belastung
April 2013: Erle, Hasel, Hainbuche, Kiefer, Pappel, Ulme, Birke, Esche, Weide
Informationen:
www.pollenwarndienst.at
Drei Säulen der Allergiebekämpfung
- Allergenvermeidung: Die einfachste Methode ist das Meiden des Allergieauslösers. Bei einer Nahrungsmittelallergie sollten Sie das entsprechende Nahrungsmittel nicht essen bzw. trinken oder anders zubereiten. Bei der Pollen- oder Hausstaubmilbenallergie sollten Sie allergieauslösende Situationen möglichst verringern.
- Antihistamine, Kortison, Antiallergika: Zur örtlichen Behandlung von Allergien gibt es spezielle Augentropfen, Nasensprays oder Cremes, die in der Regel Antihistamine oder Kortison enthalten und Entzündungen entgegenwirken. Zusätzlich gibt es Tabletten, die Antiallergika enthalten und in der Zeit der Allergen-Belastung eingenommen werden.
- „Spritzenkur“ oder Spezifische Immuntherapie: Bei der im Volksmund bekannten „Spritzenkur“ führt man dem Körper kleine, steigende Mengen des allergieauslösenden Stoffes zu. Dadurch soll das Immunsystem eine Toleranz gegen den Allergieauslöser entwickeln. Ungefähr die Hälfte der Patienten profitiert deutlich von dieser Methode. Die Wirksamkeit ist bei folgenden Allergien belegt: allergischem Schnupfen durch Pollen- und Hausstaubmilben, Katzenhaar, Schimmelpilz, Insektengift und allergischem Asthma.
Linderung bei Heuschnupfen
Wer an Heuschnupfen leidet, kann sich auch mit pflanzlichen Medikamenten zu helfen versuchen – etwa mit einer traditionellen chinesischen Heilpflanze, Astragalus membranaceus. Der Extrakt wird in Kapselform angeboten und soll die Empfindlichkeit gegenüber Pollen senken sowie die allergische Reaktion unterbinden. Pharmazeuten raten, mit der Einnahme etwa vier Wochen vor den erwarteten Beschwerden zu beginnen; aber auch bei akuten Symptomen kann man das Präparat einsetzen.
10 Tipps bei Allergien
- Pollenflug: Informieren Sie sich über die aktuellen Pollenwerte in Ihrem Wohngebiet sowie über das Land, in das Sie auf Urlaub fahren. Für Österreich gibt es die Homepage www.pollenwarndienst.at. Dort kann man auch die neue kostenlose Pollen-App downloaden.
- Richtig lüften: Leiden Sie an einer Hausstaubmilben- oder Schimmelpilzallergie leiden, dann lüften Sie regelmäßig. In Stadtgebieten am besten zwischen 6 und 8 Uhr morgens und in ländlicheren Gebieten zwischen 20 und 24 Uhr abends.
- Gesundes Schlafzimmer: Pollen- und Hausstaubmilbenallergiker sollten vor dem Schlafengehen die Haare waschen und Kleidung nicht im Schlafzimmer ausziehen bzw. aufhängen. Außerdem spezielle Allergiker-Bezüge für Bettwäsche, Polster und Matratze verwenden.
- Staubsaugen und -wischen: Achten Sie beim Kauf eines Staubsaugers auf einen speziellen Feinstofffilter. Bei Laminatboden oder Fliesen sollten Sie jeden zweiten Tag feucht wischen. Bei Hausstaubmilbenallergikern eignen sich Teppichböden prinzipiell besser.
- Auf den Körper hören: Der Körper sendet uns genügend Informationen, ob er ein Lebensmittel oder einen bestimmten Stoff verträgt oder nicht. Was im Pollenflugkalender steht, sollte nur als Richtlinie gelten: Schauen Sie sich um, was bei Ihnen zu welcher Zeit blüht, denn es gibt regionale Unterschiede.
- Urlaubsplanung: Planen Sie Ihren Urlaub in der Zeit, in der zu Hause die höchste Pollenbelastung ist. Wer unter Heuschnupfen leidet, sollte in pollenarme Gegenden wie zum Beispiel ans Meer oder ins Hochgebirge reisen.
- Lebensmittel zubereiten: Leiden Sie an einer Lebensmittelallergie, probieren Sie, dieses Nahrungsmittel einmal anders zuzubereiten: Einige Allergene werden beim Zerkleinern oder Erhitzen zerstört.
- Notfallset immer dabei: Bei Insektenstichallergie sollten Sie immer ein Notfallset mitführen.
- Den Regen ausnutzen: Ab 15 Minuten Dauerregen sind die meisten Pollen aus der Luft „gewaschen“ – einem ausgiebigen Spaziergang steht nichts im Wege.
- Richtig trainieren: Vermeiden Sie während der Pollensaison das Training im Freien. Gerade bei körperlicher Anstrengung atmen Sie noch mehr Allergene ein und riskieren damit umso heftigere allergische Reaktionen.





