Fatale Geheimnisse
Kinder psychisch kranker Eltern fühlen sich oft als Träger eines fatalen Geheimnisses und sie stehen damit unter ganz besonderem Druck. Ein niederösterreichisches Hilfsprojekt nimmt sich dieser oft vergessenen jungen Menschen in ihrer schwierigen Situation an.
OÄ Dr. Sabine Röckel, Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Psychotherapeutin an der Sozialpsychiatrischen Abteilung des Landesklinikums Hollabrunn.
Sie sind Kinder wie alle anderen Kinder auch, und ihre Gefühlsantennen reagieren hochsensibel, wenn zu Hause etwas nicht stimmt, doch zu Hause stimmt so manches Mal etwas nicht: Jans Mama liegt oft traurig und fast bewegungslos in ihrem Bett und kümmert sich um gar nichts, Sylvies Papa redet manchmal unverständliches, wirres Zeug, und einmal hat ihn sogar die Polizei abgeholt und weggebracht, wohin wusste Sylvie lange nicht.
Kinder psychisch kranker Eltern stehen unter einem besonderen Druck und sind besonderen Herausforderungen ausgesetzt – denen sie manchmal nicht gewachsen sind, und das, worunter sie am meisten leiden, ist das beredte Schweigen der betroffenen und nicht-betroffenen Erwachsenen über das eigentliche Problem. „Psychische Krankheit wird generell oft tabuisiert, und wenn Kinder mitbetroffen sind und dieses große Thema in der Familie gar nicht angesprochen wird, so ist das für sie ein gravierendes Problem, denn sie nehmen das veränderte Verhalten von Mutter oder Vater wahr, haben aber keine Erklärung dafür und sind mit ihren diesbezüglichen Ängsten und Fantasien allein gelassen“, erklärt OÄ Dr. Sabine Röckel, Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Psychotherapeutin an der Sozialpsychiatrischen Abteilung des Landesklinikums Hollabrunn.
Erklärungen des Unerklärlichen
Fatal ist, dass diese allein gelassenen Kinder dann für sich versuchen, Erklärungen für das Unerklärliche zu finden und es oft in eigenem schuldhaftem Verhalten finden. Da ist dann die schlechte Note im Schulheft verantwortlich für die Traurigkeit der Mutter, und das nicht Zu-Bett-gehen-Wollen erklärt das eigenartige Verhalten des Vaters. „Die meisten Erwachsenen gehen davon aus, dass Kinder etwas, das nicht angesprochen wird, auch nicht wahrnehmen. Wahr ist vielmehr – und das zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen – dass Kinder bereits im Kleinkindalter ein verändertes Verhaltens- und Gefühlserleben ihnen nahe stehender Personen registrieren, und die Fantasien, die sie sich darüber machen, sind vielfach weitaus schlimmer, als die Realität auch nur annähernd sein könnte“, weiß die Expertin.
Fatales Geheimnis
Das Schweigen der Erwachsenen wird von denKleinen und Kleinsten akzeptiert, sie spüren, dass da etwas ist, worüber niemand sprechen will, und sie fühlen auch, dass sie auch mit den Freunden, den Lehrern, Tanten oder Onkeln nicht über das Unaussprechliche reden sollen. Wozu das führt, ist klar: Soziale Isolation ist die Folge, denn wie soll man eine Freundin zum Spielen nach Hause einladen, wenn dort die Mama traurig im Bett liegt, und wie soll man gemeinsam mit dem Schulfreund Hausaufgaben machen, wenn der Vater permanent vor sich hinredend oder schreiend durch die Wohnung läuft und es dafür eben keine Erklärungen gibt?
Doch auch dafür, dass das eigene Zuhause nicht „freundeskompatibel“ ist, finden Kinder – vor den anderen, den Nichtwissern – Begründungen: Da ist dann nicht genug Platz zum Spielen, oder der Nachbarshund ist so böse, dass man kein anderes Kind zum Hausaufgaben-Machen einladen kann. Sabine Röckel erklärt: „So sind diese Kinder in der Gruppe der Gleichaltrigen oft isoliert, und hinzu kommt, dass ihre kranken Eltern in der Regel ohnehin oft auch sozial isoliert sind. Was dann bitter fehlt, ist der Kontakt mit gesunden anderen Menschen, an deren Beispiel die Kinder auch ein anderes als ein – psychisch krankes – Verhalten erleben könnten.“
Allein im Chaos
Besonders traumatisierend können sich für Kinder psychisch kranker Eltern deren Krankenhausaufenthalte – manchmal verbunden mit einer Einweisung durch die Rettung oder gar die Polizei – auswirken, und ganz besonders schlimm sind für die Kleinen naturgemäß Suizidversuche oder gar gelungene Suizide, denn nicht selten sind sie die Ersten, die Mutter oder Vater (wie) leblos auffinden. Natürlich, es erklärt sich wie selbstverständlich: Ist so etwas geschehen und kommt dann die Rettung, sind alle beschäftigt und aufgeregt, und das Letzte, woran gedacht wird, ist das Kind, das in all dem Chaos sich selbst überlassen bleibt.
Bin ich schuld?
Kinder aber haben die Tendenz, alles, was rund um sie herum passiert, auf sich selbst zu beziehen. Vor allem die Kleinen und Kleinsten unterliegen immer wieder dem Eindruck, dass das, was sie und andere tun, mit ihnen und ihrem Handeln in Beziehung steht. „Die Kleinkindforschung hat gezeigt, dass Kinder jedenfalls bis zum sechsten Lebensjahr, solche Omnipotenzgefühle und eine ganz starke Selbstbezogenheit haben. Deshalb glauben sie auch, dass es etwas mit ihnen zu tun hat, wenn die Eltern sich anders als normal oder erwünscht verhalten“, so die Psychiaterin Röckel. „Anders liegt der Fall bei älteren, etwa pubertierenden Kindern: Sie schämen sich oft für das auffällige Verhalten ihrer psychisch kranken Eltern, empfinden zugleich aber auch deren Hilfsbedürftigkeit, und aus diesem Konflikt heraus entstehen bei ihnen oft quälende Schuldgefühle.“
Was nicht sein darf ...
Doch wie alt auch immer – die psychische Krankheit eines Elternteils ist für jedes Kind eine enorme Belastung, denn – so Sabine Röckel: „Schon Dreijährige können das Gesicht eines Erwachsenen decodieren und erkennen, ob derjenige traurig ist oder nicht, und ein Siebenjähriger ist bereits in der Lage zu sagen, ob seine kranke Mutter oder sein kranker Vater gerade in einer stabilen oder einer Krankheitsphase ist.“ Zahlreiche Studien zeigen ebenso wie die Erfahrung, dass Kinder psychisch kranker Eltern ein erhöhtes Risiko tragen, selbst einmal eine psychische Krankheit zu entwickeln. Genau das und die damit verbundenen Ängste der Erwachsenen, ihre Krankheit einmal „weiterzugeben“, lässt viele von ihnen in das fatale Schweigen fallen – ganz nach dem Motto: Was nicht sein darf, darüber soll auch nicht geredet werden, dann kann auch nichts passieren.
Innovatives Projekt
Genau das Gegenteil ist freilich der Fall, weiß die Psychiaterin und Mitinitiatorin des niederösterreichischen Projekts KIPKE (Kinder psychisch kranker Eltern), mit dem man all diesen falschen Glaubenstendenzen entgegenwirken will. „Das allgemeine Risiko, etwa eine Schizophrenie zu entwickeln, beträgt ein Prozent. Ist ein Elternteil schizophren, steigt dieses Risiko für das Kind auf zehn Prozent. Aber – und auch das muss man betonen: 90 Prozent der betroffenen Kinder bleiben gesund, und sie bleiben es vor allem dann, wenn sie wahrgenommen werden, wenn in der Familie über die Krankheit gesprochen wird und diese und der Kranke von anderen Familienmitgliedern auch als solche akzeptiert und nicht abgewertet wird.“
Weitere Schutzfaktoren vor psychischer Krankheit der Kinder sind die Bereitschaft der Eltern, sich behandeln zu lassen, eine finanzielle Absicherung trotz Krankheit und – ganz wichtig – soziale Kontakte nach außen.
All das versucht man, mit dem Projekt KIPKE, das seit September 2010 läuft und vom Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) finanziert wird, und in dem psychologisch und psychotherapeutisch geschulte Beraterinnen engagiert tätig sind, zu fördern.
Entlastung für Kinder
Im Zentrum der Bemühungen steht die Unterstützung der Kinder. „Nach einem Informationsgespräch mit den Eltern werden sie zunächst kindgerecht über die Erkrankung des Elternteils informiert und von Angst-, Schuldgefühlen und übergroßer Verantwortung entlastet“, erklärt Sabine Röckel. „Essenziell in diesem Programm ist auch die Erarbeitung eines Krisenplans für den Fall, dass ein kranker Elternteil einen stationären Krankenhausaufenthalt benötigt. Geklärt wird dabei unter anderem, wer aller davon verständigt werden muss, wohin das Kind für diese Zeit kommt, und was es dort braucht. Das alles dient dazu, für den Krisenfall gut vorbereitet zu sein, damit es zu keiner Traumatisierung kommt.“
Die KIPKE-Beraterinnen, die mit den sozialpsychiatrischen Abteilungen der niederösterreichischen Landeskliniken kooperieren, leiten die Eltern auch dabei an, ein entsprechendes Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Kinder zu entwickeln, sie helfen beim Aufbau von sozialen Kontakten, versuchen, mit den Familien gemeinsam auch andere, kompetente Vertrauenspersonen zu finden und zu etablieren, und sie klären ab, ob und welches therapeutische Angebot die von ihnen betreuten Personen eventuell brauchen.
Überforderte kleine Helfer
Letzteres ist mitunter keine leichte Aufgabe, denn oft sind die Belastungen, unter denen diese Kinder stehen, von außen kaum erkennbar. Zwar gibt es junge Betroffene, die Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatische Symptome wie Kopfweh, Bauchweh oder Schlafstörungen, Schwierigkeiten in der Schule oder emotionale Stimmungsschwankungen entwickeln, aber viele dieser Kinder scheinen auch ganz unauffällig zu sein. Sabine Röckel: „Wir beobachten in diesem Zusammenhang nicht selten das Phänomen der sogenannten Parentifizierung, also der Rollenumkehr zwischen Eltern und Kind, zu der es kommen kann, wenn die Eltern ihre Elternfunktion nicht entsprechend erfüllen können und dem Kind eine nicht kindgerechte, überfordernde Elternrolle zukommt.“ Gerade erstgeborene Kinder übernehmen diese Rolle oft unwidersprochen, führen dann den Haushalt und sorgen für kleinere Geschwister, so dass die Umwelt nur so staunt über dieses „brave Kind“, doch „in Wirklichkeit sind diese Kinder mit ihrer Rolle völlig überfordert und können Entwicklungsstörungen erleiden, die ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen: Oft achten sie dann auch als Erwachsene wenig auf ihre eigenen Bedürfnisse und übernehmen immer wieder eine überfordernde Helferrolle“, so die Psychiaterin Röckel. Sie betont, wie wichtig es ist, gerade diese überangepassten Kinder nicht zu vernachlässigen – und auch dafür wird bei KIPKE gesorgt.
Reden hilft
Die Erfahrungen, die man bisher mit diesem Projekt gemacht hat, sind übrigens sehr positiv. „KIPKE ist sehr gut angelaufen, wir haben bisher über 140 Kinder mit ihren Familien betreut, und das Angebot wird von den Betroffenen sehr gut angenommen und als entlastend wahrgenommen“, sagt Röckel, die eines zum Schluss noch betont: „Sehr wichtig in diesem Projekt ist der Ansatz, zuerst mit den Eltern zu sprechen und sie über unser Angebot aufzuklären, und dass wir das tun, kommunizieren wir von Anfang an auch den Kindern: Nur so ist es möglich, dass sie nicht in ein altes Muster verfallen, das sie nur allzu gut kennen, und das ist das fatale Schweigen aus falsch verstandener Loyalität in einer schwierigen Situation, aus der in Wirklichkeit nur das Reden heraushilft.“
Foto: bildagentur waldhäusl
Kontaktdaten
Region Industrieviertel, Weinviertel und Wien-Umgebung:
Mag. Doris Rath
Tel.: 0664/2355590
www.psz.at
Region Mostviertel, Waldviertel und Zentralraum:
Psychosoziale Einrichtungen der Caritas der Diözese St. Pölten oder DSA Anna Entenfellner,
Tel.: 0676/83844518,
psd.entenfellner
st.poelten.caritas.at
Projekt KIPKE
(Kinder psychisch kranker Eltern)
Kostenlose Beratung für betroffene Familien. Im Zentrum des Projekts steht die Unterstützung der Kinder durch:
- kindgerechte Information über die Erkrankung des Elternteils
- Entlastung von Angst- und Schuldgefühlen sowie übergroßer Verantwortung
- Erarbeitung von Krisenmanagement
- Etablierung bzw. Aktivierung einer Vertrauensperson
- Bewusstmachen der Wichtigkeit sozialer Außenkontakte und Förderung von sozialen Kontakten
- Entlastung und Beratung der Eltern
Die Beratung erfolgt über Familiengespräche, Elterngespräche oder Einzelsitzungen. Das Projekt ist an den Standorten der Psychosozialen Dienste der PSZ-GmbH und der Caritas St. Pölten angesiedelt.





