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Faszination Darmflora

Im menschlichen Darm finden sich Billionen von Bakterien, die vielfältige Funktionen erfüllen, uns gesund erhalten oder krank machen können. Ein Blick in ein komplexes und faszinierendes Ökosystem.


Proteus-Bakterien sind Teil der normalen Darmflora des Menschen, einige Vertreter können allerdings auch verschiedene Erkrankungen auslösen, darunter Zystitis, Durchfall, Nierenbeckenentzündung und Prostatitis. FOTO: fotolia

Wussten Sie, dass unser Darm von zehn bis hundert Billionen verschiedenster Bakterien besiedelt ist, die insgesamt ein Gewicht von ein bis zwei Kilogramm ausmachen? Ist Ihnen bewusst, dass jeder von uns seine ganz individuelle Zusammensetzung von Bakterien in der Darmflora hat? Oder haben Sie schon einmal davon gehört, dass diese Zusammensetzung etwa bei adipösen Menschen eine ganz andere ist als bei normalgewichtigen und schlanken? Spannende neue Erkenntnisse, denen die Wissenschaft noch gar nicht so lange auf der Spur ist.

Gefährliche Eingeweidebewohner?

Tatsächlich hielt man, als die Medizin im 19. Jahrhundert erstmals Mikroorganismen im Darm entdeckte, dies für eine Erkrankung, der man den Namen „intestinale Toxämie“ gab. Manche Ärzte empfahlen ihren Patienten mitunter sogar, sich wegen der „gefährlichen Eingeweidebewohner“ den Dickdarm entfernen zu lassen, und Darmreinigungen kamen sehr in Mode. Die Forschung allerdings vernachlässigte das Thema weitgehend – auch deshalb, weil diese anaeroben Mikroorganismen im Labor und später auch mit den klassischen Kulturverfahren nicht untersucht werden konnten. Erst seit der Einführung molekularer Techniken kam die Darmflora wieder auf das Tapet der Forschung, und heute ist das Thema ein ganz heißes, das bisher schon zahlreiche neue Einsichten gebracht hat.

Individuelle Angelegenheit

„Heute weiß man etwa, dass der menschliche Magen-Darm-Trakt im Mutterleib noch vollkommen steril ist“, erklärt Prim. Dr. Franz Pfeffel, Leiter der Abteilung für Innere Medizin im Landesklinikum Lilienfeld. „Doch schon mit der Geburt beginnt die Besiedelung des Darms mit Bakterien, wobei das ‚Ergebnis‘ daraus bei natürlichen Geburten anders aussieht als etwa bei einer Kaiserschnittgeburt. Durch Kaiserschnitt geborene Kinder erhalten zunächst eine ‚unnatürliche‘ Darmflora, die der mütterlichen Hautflora entspricht.“
Weiter geht die Individualisierung des Darmtraktes durch den besonderen Einfluss der Nahrung auf die Besiedelung. Denn der Darm gestillter Kinder wird nach den ersten Wochen hauptsächlich von milchsäureproduzierenden Bakterien bevölkert, und die von diesen Bakterien produzierte Milchsäure führt zu einer Ansäuerung des Darmmilieus, die es pathogenen Bakterien erschwert, sich dort anzusiedeln. Im Gegensatz dazu kann man bei Flaschen­kindern eine erwachsenenähnliche Mikroflora nachweisen.
Und: Welche Bakterien sich auf welche Weise weiterentwickeln, hängt in weiterer Folge einerseits von der familiären Umgebung ab, andererseits aber in sehr hohem Ausmaß von der Art der Ernährung. „So ist die individuelle Zusammensetzung der Bakterien in der Darmflora letzten Endes so etwas wie ein genetischer Fingerprint, und dieses komplexe Ökosystem ist beim gesunden Menschen relativ stabil“, erklärt Internist Pfeffel.  

Gesundheitsfördernde Funktionen

Die Darmflora hat viele gesundheitsfördernde Aufgaben und Funktionen: Sie sorgt dafür, dass bestimmte Nährstoffe gut verdaut und verwertet werden können. Sie unterstützt bei der Aufnahme von Vitaminen. Sie schützt die Darmwand vor dem Eindringen von gefährlichen Organismen und verhindert, dass krankheitserregende Viren, Bakterien oder Pilze sich in der Darmschleimhaut einnisten und Infektionen auslösen, und sehr wahrscheinlich hat sie auch Einfluss auf das Immunsystem. Umgekehrt kann es bei einer Abwehrschwäche zu Störungen im Magen-Darm-Trakt kommen.

Vorsicht bei Antibiotikatherapie!

Nur zu logisch erscheint nun auch die Tatsache, dass es Faktoren gibt, die die „gesunde“ Zusammensetzung dieses Systems beeinflussen können. Von Bedeutung ist hier vor allem die Behandlung mit Antibiotika – Medikamente, die Bakterien entweder in ihrem Wachstum hemmen oder ganz zerstören. „Die Antibiotikatherapie führt zu einer dramatischen Verringerung der Keimzahl, dies wiederum kann eine ungünstige Veränderung der Darmflora bewirken, was sich auch in den bekannten Symptomen wie etwa Durchfall niederschlägt“, erklärt der Experte. Er betont aber auch, dass die Antibiotikatherapie bei der Bekämpfung von bakteriellen Infektionen meist wichtig und erforderlich ist. De facto erholt sich die Darmflora nach Abschluss der medikamentösen Behandlung auch meist innerhalb weniger Wochen wieder, doch ist dies nicht immer der Fall, weshalb Antibiotika immer mit Bedacht eingesetzt werden müssen.

Warum Adipöse dick sind

Aber auch durch falsche Ernährungsgewohn­heiten können sich einige Mikroorganismen in der Darmflora etwa bei adipösen Menschen explosionsartig vermehren, diskutiert wird unter Wissenschaftern auch der Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes und dem metabolischen Syndrom. Pfeffel erklärt: „Manche dieser Mikroben sind bekannt dafür, selbst schwer verdauliche Nahrung zerlegen zu können. Sie sind etwa in der Lage, sogar Pflanzenfasern, die der Körper normalerweise als Ballaststoffe wieder ausscheidet, in energiereichen Zucker umzuwandeln.“ Die Mikroben verwerten Nahrung also so effizient, dass man selbst von energiearmen Lebensmitteln dicker wird. Das ist die schlechte Nachricht, doch Pfeffel betont, dass eine konsequente und langfristige Änderung der Ernährungsgewohnheiten langsam auch zu einer Veränderung der Darmflora führt, was auf lange Sicht gesehen bedeutet, dass adipöse Menschen doch wieder abnehmen können.

Stichwort Stuhltransplantation

Andere Krankheiten, die vom Darm ausgehen, sind beispielsweise das Reizdarmsyndrom und chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, und auch hier gibt es aus jüngster Zeit spannende neue Erkenntnisse: Stichwort Stuhltransplantation. „Wir wissen, dass Morbus-Crohn-Patienten eine ungünstige, krankmachende Zusammensetzung von Darmbakterien aufweisen. Transplantiert man aber den Stuhl gesunder Menschen über eine Magensonde oder im Rahmen einer Darmspiegelung an den Erkrankten, so kann man die Krankheit dadurch positiv beeinflussen und zum Beispiel einen belastenden Schub beenden“, erklärt der Experte eine innovative und erfolgreiche neue Behandlungsform, die allerdings noch ganz am Anfang steht und derzeit nur im Rahmen klinischer Studien eingesetzt wird. Für die Therapie der Colitis ulcerosa ist bereits ein Medikament zugelassen, das bestimmte Darmbakterien enthält. Nach Ansicht von Pfeffel eröffnet sich mit diesen Ansätzen ein neues Forschungsgebiet, das noch viele weitere wichtige Erkenntnisse bringen und zur Entwicklung einer Fülle von innovativen Medikamenten führen wird.

Aktiv für eine gesunde Darmflora

Es geht also immer um eine ausgewogene Balance der verschiedenen Bakterien der Darmflora, und daher stellt sich die Frage, was man selbst tun kann, um diese gesund zu erhalten. „Eine vernünftige, ausgewogene Ernährung ist auch in dieser Hinsicht durch nichts zu ersetzen“, sagt Pfeffel, der dazu freilich auch das Stichwort Überernährung ins Spiel bringt – eine „Unsitte“, die sich in westlich industrialisierten Ländern immer weiter zu verbreiten scheint. Was wir stattdessen aber bräuchten, um unsere Darmflora „fit“ zu erhalten, wäre vor allem ein Mehr an ballaststoffreicher Nahrung und ein Weniger an rasch verfügbaren Kohlenhydraten, wie wir sie etwa über Weißmehlprodukte oder gezuckerte Limonaden, Schokolade etc. aufnehmen.
Was sonst in dieser Hinsicht Berechtigung haben dürfte, sind nach Ansicht der Experten probiotische Lebensmittel. Meist sind dies Milchprodukte wie Joghurt oder Joghurt-Drinks, die günstige Mikroorganismen enthalten. Bei diesen Bakterien und Hefen handelt es sich vorwiegend um Bifidobakterien und Laktobazillen, die zu den Milchsäurebakterien gehören, die auch natürlicher Bestandteil der Darmflora sind.
So kann es etwa nach einer Antibiotikatherapie sinnvoll sein, solche Produkte zu sich zu nehmen, um das durch die Behandlung gestörte Gleichgewicht der Mikroorganismen wieder ins Lot zu bringen. Experte Pfeffel hat dazu noch einen Hinweis: „Nicht jedes dieser Produkte ist für alles gleich gut geeignet. Es ist deshalb ratsam, die Einnahme mit dem Arzt des Vertrauens zu besprechen.“

Landesklinikum
Lilienfeld
Im Tal 2, 3180 Lilienfeld Tel.: 02762/9004-0
www.lilienfeld.lknoe.at

Die Darmflora: Hintergrundwissen 

Als Darmflora wird die Gesamtheit der Mikroorganismen bezeichnet, die den Darm des Menschen wie auch den vieler Tiere besiedeln und für den Wirts-organismus von entscheidender Bedeutung sind.
Die an sich inkorrekte Bezeichnung Flora rührt aus der früher vertretenen Auffassung, Bakterien und viele andere Mikroorganismen gehörten zum Pflanzenreich. Da Bakterien heute eine eigene Domäne bilden, müsste man richtigerweise von einer „Darmmikroorganismengemeinschaft“ bzw. von einer Darmmikrobiota sprechen – Bezeichnungen, die sich aber erst langsam durchsetzen.
Der Darm des Menschen wird von Bakterien, Archaeen und Eukaryoten besiedelt. Er stellt ein komplexes und dynamisches bakterielles Ökosystem dar, das sich innerhalb der ersten Lebensjahre etabliert. Die Besiedelungsdichte des Darms ist anfangs gering und steigt mit zunehmendem Alter stetig an. Die ersten Mikroorganismen, die nachgewiesen werden können, sind Escherichia coli, Enterobakterien und Streptokokken.

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