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Eine Handvoll Leben

Wenn ein Baby viel zu früh geboren wird, begleiten und versorgen es Neonatologen in speziellen Abteilungen in NÖ Landeskliniken – zum Beispiel im Landesklinikum Mistelbach.


FOTO: felicitas matern/feel image

Friedlich atmend liegen sie in ihrem gemeinsamen Bettchen im Frühgeborenen-Zimmer der Kinderabteilung, quer, das geht sich locker aus, zwei süße rosa Menschlein, fast ident – aber nur fast. Denn Laura wirkt beinahe doppelt so groß wie ihre Zwillingsschwester Anna. Kaum zu glauben, dass die beiden am selben Tag geboren wurden, mit rund 1.000 Gramm Gewichtsunterschied. „Das ist keine Seltenheit“, sagt Primaria Dr. Jutta Falger, Leiterin der Kinder- und Jugendabteilung im Landesklinikum Mistelbach und Fachvorstand im Kinderschutzzentrum „Die Möwe“.
Es ist auch keine Seltenheit, dass Zwillinge einige Wochen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kommen, die Hälfte davon sogar vor der 37. Schwangerschafts­woche, „weil die Gebärmuttermuskulatur der Mutter stärker beansprucht wird“, weiß Jutta Falger. Anna und Laura haben hier vor dem Ende der 37. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt erblickt. Das Landesklinikum Mistelbach ist spezialisiert auf Neonatologie und Neonatologisch-Pädiatrische Intensivpflege.
„Das gibt den Müttern Sicherheit“, weiß die Kinderärztin. Denn rund um die Uhr ist hier ein Pädiater, also ein Kinderarzt, mit neonatologischer Erfahrung im Dienst. Diesen Service und diese Sicherheit gibt es nun seit 20 Jahren im Weinviertel, derzeit gewährleistet von 16 Ärztinnen und Ärzten und 22 Kinderkrankenschwestern mit spezieller Ausbildung in Neonatologie und Neonatologisch-Pädiatrischer Intensivpflege.

Sanfte Pflege für die Winzlinge

Der Großteil der zu früh geborenen Babys kommt zwar gesund zur Welt, ist aber noch nicht reif für ein „selbständiges“ Leben außerhalb des Mutterleibs, die Frühchen müssen also intensiv gepflegt und gefördert werden. Zufrieden nuckelt Anna, dieses Handvoll Leben, am Flascherl, das ihr die diplomierte Kinderkrankenschwester (DKKS) Karina Rameis reicht, bis zu zwölf Mal am Tag. „Bei der entwicklungsfördernden Pflege hat sich viel verändert in den vergangenen Jahren“, weiß die Bereichsleiterin Eltern/Kind im Landesklinikum Mistelbach. Hier werden die Babys nach den neuesten Methoden in der Neonatologie betreut, nach NIDCAP („Neonatal Individualized Developmental Care and Assessment Program“), dem Konzept der sanften Pflege.
Diese kindgerechte, entwicklungsfördernde Pflege ist abgestimmt auf den Rhythmus des Babys, eine medizinische Intervention wie Beatmung oder Sondenernährung findet nur statt, wenn es dringend notwendig ist. Und das NIDCAP-Programm ist familienzentriert, die Eltern werden in die Pflege mit einbezogen, erklären Jutta Falger und Karina Rameis, während die eine die kleine Anna sanft untersucht und die andere nach dem kleinen Leon im abgedunkelten Inkubator sieht, in dem 50 Prozent Luftfeuchtigkeit herrscht und die Temperatur dem Kind angepasst wird: „Eine Initialberührung ist wichtig, als Begrüßung und Verabschiedung, das vermittelt dem Kind Sicherheit.“
Auf der Geburtenabteilung in Mistelbach wird auch Cranio-Sacrale Therapie für alle Neugeborenen angeboten: „Durch diese sanften Berührungen haben wir gute Erfolge unter anderem bei Saug- und Schluckschwierigkeiten, bei den Frühgeborenen und auch Schreikindern“, erklärt Karina Rameis.

Mitarbeit der Eltern ist wichtig

Ruhig ist es hier im Frühgeborenen-Zimmer, ein lärmempfindliches „Ohr“ an der Wand sendet Signale, wenn die Lautstärke für die Babys nicht mehr angenehm ist. Davor sitzt die junge Mutter Sonja Hummelbrunner, auf ihr liegt entspannt der kleine Patrick, 14 Tage alt, geboren in der
32. Schwangerschaftswoche mit 1.470 Gramm, 42 Zentimeter groß. „Dem Patrick geht es sehr gut“, erzählt sie. Ihr zweitgeborenes Frühchen musste zwar 48 Stunden beatmet und über eine Vene ernährt werden, jetzt trinkt er aber schon selber und blickt zur Freude der Besucher sogar einmal ins Objektiv der Kamera.
Sonja Hummelbrunner hat bereits Routine mit Mini-Babys: Ihr dreijähriger Sohn Daniel war ebenfalls ein Frühchen, war nur 850 Gramm schwer, als er in der 27. Schwangerschafts­woche zur Welt kam. Jetzt muss er tagsüber auf die Mama verzichten, denn die verbringt viel Zeit mit ihrem Patrick. Das ist wichtig, denn positive Reize wie Stimme und Geruch der Eltern fördern die Entwicklung des Babys.
Aber nicht jedes frühgeborene Kind hat das Glück, von den Eltern intensiv umsorgt zu werden. In Mistelbach wird derzeit ein „Findelkind“ liebevoll von den Schwestern und Ärzten betreut: Emilias Mutter war auf der Durchreise von
Spanien nach Rumänien, als die Wehen viel zu früh einsetzten und das kleine Mädchen in der 31. Schwangerschaftswoche zur Welt kam,
1.400 Gramm schwer. Ihre Eltern konnten nicht in Österreich bleiben, können aber die Entwicklung ihres Kindes mitverfolgen – per Internet mittels Webcam. Über die beiden Kameras im Neonatologie-Intensivzimmer in Mistelbach können alle Eltern ihre Kinder virtuell besuchen. Und dieses Angebot wird gern genutzt, berichten die Kinderkrankenschwestern.

Emotionale Belastung und Schicksale

Für viele Eltern ist es am Anfang nicht so einfach, sich an das Leben mit dem frühgeborenen Baby zu gewöhnen, Angst und Sorge sind ihre ständigen Begleiter. Häufig werden die Eltern von der frühzeitigen Geburt überrascht, ihr Traum von einer unkomplizierten Geburt ist zerstört, das winzig kleine Baby liegt im Brutkasten und ist über Schläuche und Kabel an medizinische Geräte angeschlossen: „Das ist eine Belastung, die man nicht unterschätzen sollte“, betont die Kinderkrankenschwester. „Manche Mütter haben auch Versagensängste.“ In Mistelbach gibt es psychologische Betreuung für Eltern, die Unterstützung brauchen. Am schnellsten überwinden Eltern  ihr Gefühl der Hilflosigkeit, wenn sie in die Betreuung und Pflege ihres Babys einbezogen sind und aktiv etwas für ihr Kind tun können.

Überlebensrate steigt

Dass immer mehr Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, hängt mit dem steigenden Alter der Mütter und damit zusammen, dass es immer mehr Mehrlingsschwangerschaften gibt: Frauen entscheiden sich immer später für ein Kind, Erstgebärende sind heutzutage durchschnittlich 29,5 Jahre alt, vor 20 Jahren waren sie noch rund fünf Jahre jünger. Und natürlich trägt die assistierte Reproduktions­medizin seit Mitte der 1980er-Jahre dazu bei, dass die Zahl der Mehrlingsgeburten rapide ansteigt. Weltweit wurden bereits vier Millionen Kinder dank unterstützender Reproduktions­medizin gezeugt, in Europa kommen ein bis drei Prozent der lebendgeborenen Kinder mit Hilfe von Hormonstimulationen oder dank In-vitro-Fertilisation zur Welt – mit einer Zwillingsrate von 30 Prozent; 80 bis 90 Prozent der Drillinge und Vierlinge wurden nicht natürlich gezeugt.
Im Landesklinikum Mistelbach gibt es durchschnittlich 740 Geburten pro Jahr, davon sind
1,1 Prozent Zwillingsgeburten, vor 20 Jahren waren es 0,8 Prozent. 2011 kamen bis Anfang Dezember 50 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt, fünf davon zwischen der 27. und 31. Schwangerschaftswoche. Die Methoden in der Neonatologie haben sich in den letzten Jahren extrem verbessert, sogar Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm und Kinder, die in der 23. bis 27. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, haben eine Über­lebenschance von 80 Prozent. Unterstützend ist dabei eine neue Methode, bei der die lebensnotwendige Substanz Surfactant dem Kind verabreicht wird. Damit werden die Lungenbläschen erweitert und der Winzling kann selbstständig atmen.
Natürlich können bei extremen Frühchen auch Spätfolgen auftreten, es kann sein, dass sie ihre Defizite nicht mehr aufholen, körperlich oder geistig beeinträchtigt bleiben. Aber die Chancen von Frühgeborenen, einmal ein ganz normales Leben führen zu können, haben sich enorm verbessert, waren noch nie so groß
wie heutzutage. „Bei Kindern, die nach der
29. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, sind selten Probleme zu erwarten“, bestätigt Jutta Falger, und: „Bis zum Vorschulalter haben sie alles aufgeholt.“

Fünflinge aus Wien „importiert“

In der Mistelbacher Neonatologie werden nicht nur Kinder betreut, die im Landesklinikum geboren wurden. Dank der guten Zusammenarbeit mit den anderen NÖ Landeskliniken und dem AKH Wien übernimmt das Team von Primaria Falger auch Kinder zur Betreuung. Wie etwa die im März in Wien geborenen Fünflinge, deren Geschichte durch alle Medien ging. Die fünf
Mädchen waren in der 29. Schwangerschafts­woche durch Kaiserschnitt mit jeweils rund 1.000 Gramm Geburtsgewicht zur Welt gekommen. Übrigens kommen 30 Prozent aller Frühgeburten durch Kaiserschnitt zur Welt. „Die einzigen Fünflinge Österreichs haben sich hier bei uns prächtig entwickelt“, berichtet DKKS Karina Rameis. Wie auch die rumänischen Drillinge, die ebenfalls im AKH Wien entbunden und in Mistelbach betreut wurden: „Sie fliegen jetzt regel­mäßig zur Nachbetreuung ein.“ Dreimal hat das Landesklinikum heuer schon Drillinge transferiert bekommen.
Viele dramatische Schicksale haben die Schwestern in der Kinderabteilung schon erlebt. Etwa das einer Mutter, die ihr Wunschkind nach In-vitro-Fertilisation bekam. Bei der Entbindung fiel den Ärzten das schlechte Blutbild der Frau auf – sie starb bald darauf an Leukämie. Oder das Schicksal der Zwillinge, ebenfalls gezeugt durch künstliche Befruchtung, deren Mutter während der Schwangerschaft einen tödlichen Hirnschlag erlitt. Beide Kinder wurden entbunden, sind schwer behindert.
Oder aber die erfreuliche Geschichte eines Ehepaares, das lange Jahre versuchte, ein Kind zu bekommen, aufgab, ein Kind adoptierte – und dann doch noch ein gesundes Frühchen bekam ...

Nachbetreuung und erweitertes Angebot

Wie lange Patrick und Emilia, Anna und Laura noch im Spital bleiben müssen, hängt davon ab, wie schnell sie zunehmen. „Wir entlassen sie, wenn sie zwei Kilo haben – und gesund sind“, sagt Falger. Anschließend wird die Entwicklung aller Frühgeborenen bis zum zweiten Lebensjahr weiterverfolgt.
Und dann gibt es die Neo-Treffen einmal im Jahr, zu denen alle Frühgeborenen mit ihren Eltern eingeladen sind. Dokumentiert sind diese Treffen mit bunten Bildern in der Kinderabteilung des Klinikums.
Diese wird schon bald erweitert, das Familienzentrum mit vorwiegend Einbett- und Zweibettzimmern für Eltern, die mit ihren Kindern im
Spital aufgenommen werden, ist in Bau, wird Anfang 2015 fertiggestellt.
Seit November unterstützt ein Musiktherapeut das Team der Kinderabteilung und sorgt für noch bessere Qualität der Betreuung, denn Musiktherapie stimuliert die kindliche Entwicklung und verbessert letztlich das Outcome bei Frühgeborenen.

Zusammenarbeit der Neonatologien

Frühchen haben auch ihren eigenen Tag im Kalender – am 17. November ist „Tag der Frühgeborenen“. An diesem Tag wird auf die besonderen Bedürfnisse der Kleinsten der Kleinen aufmerksam gemacht. Die Mitglieder des österreichischen Arbeitskreises der neonatologischen Kinder­kranken­schwestern/-pfleger (ÖANKK) haben gemeinsam ein Puzzle zum Weltfrühchentag gestaltet.
Beim 1. Symposium anlässlich des internationalen Frühchentages an der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz präsentierte der ÖANKK seinen neuen Folder und machte auf die Bedeutung der Pflege und Betreuung bei Frühgeborenen und ihren Eltern aufmerksam. Das Puzzle – mitgestaltet auch von Pflegekräften der NÖ Neonatologien – diente dabei als dekorativer und inhaltsreicher Hintergrund. Der ÖANKK  kommt einmal jährlich zu einem Arbeitstreffen zusammen, um sich aktuellen Themen zu widmen, Erfahrungen auszutauschen und auch gemeinsame Projekte umzusetzen. Das erste Ergebnis dieser Workshops ist eine einheitliche Elterninformationsmappe. Diese Mappe soll den  Eltern helfen, die vielen Informationen zu sammeln und auch selbst Erinnerungen darin festzuhalten. Damit ist ein kontinuierlicher nachvollziehbarer Aufbau von Information und Beratung möglich.

Neonatologie in den NÖ Kliniken

In Niederösterreich gibt es neben dem Landesklinikum Mistelbach neo­natologische Betreuung in den Landeskliniken Amstetten, Tulln, St. Pölten, Wiener Neustadt und Zwettl.

  • Landesklinikum Amstetten: In der Neonatologischen Abteilung kümmert sich bestens geschultes Personal um Frühgeburten ab der 32. Schwangerschaftswoche und um alle Babys, die die Neugeborenenmedizin benötigen.
  • Landesklinikum Tulln: Der Schwerpunkt der Neonatologie liegt in der Betreuung von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen. Neben den „Normalbetten“ gibt es auch eine intensivtherapeutische Einheit. In Tulln können die Mütter einige Tage vor der geplanten Entlassung des Frühchens im Mutter-Kind-Zimmer die Pflege ihres Kindes vollständig übernehmen.  
  • Landesklinikum St. Pölten: An der größten niederösterreichischen Kinderabteilung betreut die neonatologische Intensivstation Frühgeborene und schwer kranke Neugeborene aus den geburtshilflichen Abteilungen vorwiegend des Klinikums St. Pölten und des Großraums St. Pölten (Amstetten, Krems, Lilienfeld, Melk und Scheibbs).
  • Landesklinikum Wiener Neustadt: Das Hauptgewicht der Abteilung Kinder- und Jugendheilkunde liegt auf der neonatologischen Ver­sorgung. Die Kinderabteilung bietet neben neonatologischer auch pädiatrische Intensivmedizin an.
  • Landesklinikum Zwettl: Die Kinder- und Jugendabteilung mit Neonatologie bietet Intensivmedizin für Frühgeborene und Neugeborene: Die Frühgeborenen und kranken Neugeborenen aus den Bezirken Zwettl, Horn, Waidhofen/Thaya und Gmünd werden entweder noch im Bauch der Mutter oder nach der Geburt ins LK Zwettl transferiert.