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Die „Zwettler Hüfte“

Der Ärztliche Direktor des Landesklinikums Zwettl hat eine Hüftprothese entwickelt, die lange hält, die Knochen schont und ausgesprochen patientenfreundlich ist.


Oft sind es Schmerzen in der Hüfte und der Leistengegend, seltener im Knie oder in der Gesäßregion in Kombination mit immer geringerer Beweglichkeit, die Menschen dazu bewegen, einen Arzt aufzusuchen: „Ich kann nicht mehr so richtig gehen, brauche einen Stock als Hilfe, und das Einsteigen ins Auto macht mir auch Probleme“ sind typische Aussagen. Hinter diesen Beschwerden steckt meist eine schwere Abnützung des Hüftgelenks. Eine Hüftprothese ist die Therapie der Wahl, um dem Patienten einerseits seine Beweglichkeit und Mobilität, andererseits aber auch seine Schmerzfreiheit zurückzu­geben. Ein Bruch des Oberschenkelknochens ist eine gerade im Alter häufige Verletzung, die ebenfalls den Einsatz einer Hüft­prothese erfordern kann. Weltweit gibt es rund 500 verschiedene solche Prothesen, eine davon ist die „Zwettler Hüfte“, die Prim. Univ.-Doz. Dr. Manfred Weissinger, Ärzt­licher Direktor und Leiter der Abteilung für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie am Landes­klinikum Zwettl, als individuell anpassbares Baukastensystem entwickelt hat.
Das Hüftgelenk besteht aus zwei Teilen: aus der Pfanne, die vom Beckenknochen gebildet wird, und dem Gelenkskopf, dem Ende des Oberschenkelknochens. Bei der Zwettler Hüfte werden beide Teile ersetzt. Im Bereich der Pfanne wird eine zementfreie Schraubpfanne eingesetzt, am Ende des Oberschenkels ersetzt ein Schaftsystem den eigenen Gelenkskopf. „Im Gegensatz zu den alten starren Prothesen, die aus einem Teil bestanden, kann unsere Prothese, wie bei anderen mehrteiligen Systemen, dank eines Modularsystems wesentlich exakter an die Hüfte des jeweiligen Patienten angepasst werden“, erklärt Weissinger. Die selbstschneidende Schraubpfanne kann knochensparend eingedreht werden, und auch der Hautschnitt und damit die durchtrennten Gewebeschichten werden so gering wie möglich gehalten. Kommt es dennoch zu einem Verschleiß eines Prothesenteiles, so kann dieser separat erneuert werden, ohne dass gleich die ganze Prothese ersetzt werden muss. „Mit der Kombination aus Titanium­legierung und Keramik haben wir hervorragende Erfahrungen gemacht. Das Kunstgelenk wird bestens durch den körpereigenen Knochen aufgenommen und ist sehr lange haltbar“, kann Weissinger auf hervorragende Langzeitergebnisse hinweisen. Selbst bei einer schwierigen Ausgangssituation wie etwa bei Patienten mit Osteoporose (Knochenschwund) hält die Prothese bestens.

Keine Schonzeit nötig

Pro Jahr erhalten in Zwettl rund 450 Patienten ein neues Hüftgelenk. Die Altersgruppe der
60- bis 80-Jährigen ist am häufigsten betroffen, jedoch gibt es keine wirkliche Altersgrenze – vom vitalen 90-Jährigen bis zum 21-jährigen Studenten, der wegen einer schweren rheumatischen Erkrankung eine künstliche Hüfte benötigt. Am Tag nach der Operation beginnen die Therapeuten mit Übungen im Krankenbett, schon am zweiten oder dritten Tag darf der Patient aufstehen und das operierte Bein wieder voll belasten. Nach rund einer Woche Klinikaufenthalt wird man schon entlassen. Nun gilt es fleißig weiter zu trainieren, um bald auch wieder ohne Gehhilfe mobil zu sein.
Sogar einem Sportprogramm steht nichts im Weg, weiß Weissinger: „Man sollte jedoch seine Sportfähigkeit nicht erzwingen und eine verletzungsarme Sportart wählen. Golf, Schwimmen, Radfahren, Wandern oder Nordic Walking sind sehr gut geeignet.“ Bedingt geeignet sind Eis­laufen, Tennis, Aerobic, Schifahren, Langlaufen und Bergwandern.
Wichtig ist immer, die körperliche Betätigung als Gesundheitssport und nicht leistungsorientiert zu sehen. Die Technik sollte gut beherrscht und das Verletzungsrisiko immer im Auge behalten werden. Beim Radfahren ist es wichtig, eine aufrechte Sitzposition zu wählen, Breitreifen zu verwenden und – auch für die Männer – ein Damenfahrrad zu benützen. Das Aufsteigen fällt damit einfach wesentlich leichter.
Gerade das Gehen ist zum Wiedererlangen der Mobilität wichtig. Das weiß auch Dr. Günther Termath, der bereits das zweite künstliche Hüftgelenk eingesetzt bekam. Vor drei Jahren wurde das rechte Hüftgelenk erneuert, im Vorjahr folgte das linke. „Es gilt einfach, zuerst einmal die Zähne zusammenzubeißen und aufzustehen. Sind die ersten Schritte gemacht, geht es dann schnell bergauf“, erzählt der Geologe, für den Marschieren und die Umwelt erkunden „einfach dazu gehören“, von seinen bisherigen Erfahrungen. Als die Schmerzen in der linken Hüfte deutlich zunahmen, wusste er, dass eine Operation unumgänglich sein würde.
Eines war für ihn klar: „Natürlich komme ich wieder nach Zwettl – dort hat einfach alles gestimmt.“ Wenige Tage nach der erfolgreichen zweiten Operation konnte er bereits sicher stehen und trainierte eifrig mit dem Therapeuten an der Verbesserung des Gangbildes. Er hat noch viel Forschungsarbeit vor sich – schließlich ist das Waldviertel reich an geologisch interessanten Formationen, und die kann man bekanntlich nur zu Fuß erreichen.

FOTO: Gerald Lechner

Die Fakten

Was früher eine sogenannte „starre Prothese“ (Monobloc-Komponente) war, hat Prim. Univ.-Doz. Dr. Weissinger durch jahrelange Operationserfahrung und Forschungstätigkeit individuell an die Patienten angepasst. Bei diesem Kunstgelenk aus dem Waldviertel handelt es sich um einen Vertreter der jetzt neuen, sprich modularen Baukastensysteme. Der große Fortschritt dieser neuen Kunstgelenke kommt vor allem bei der Operation selbst zum Tragen: Durch das sogenannte Modularsystem (Baukastensystem) können die Ärzte durch verschiedene Längen- und Winkeleinstellungen wesentlich besser auf die Hüfte des jeweiligen Patienten eingehen. Ein wesent­licher Faktor ist die Stabilität der Hüfte und des Beines. Diese neue Konstruktion bietet nahezu perfekte Möglichkeiten, die notwendige Beweglichkeit, Stabilität und exakte Beinlänge zu erreichen.
Auch die Materialeigenschaften wurden optimiert: Das künstliche Hüftgelenk wird dem Patienten ohne Zement eingesetzt. Bei der sogenannten Hüftschale handelt es sich um eine Schraubpfanne aus Titanium und beim Oberschenkelteil um einen zementfreien Schaft aus einer Titanlegierung. Waren früher noch der Pfanneneinsatz aus Kunststoff und die Kugel aus Metall, verwenden die Ärzte heute fast nur mehr eine sogenannte Keramik-Keramik-Paarung. Die Verwendung von Keramikeinsatz und Keramikkugel ist hochmodern und zeigt die geringsten Verschleißerscheinungen, da sich die beiden Ober­flächen gegenseitig polieren. Mittlerweile sind künstliche Hüftgelenke gut 15 Jahre haltbar.